Kindergeschichte – Tiergeschichte – Tiere – Fred – Frosch – Reiher – Libellen – Seerosen – Wassergeist – Himmel – Mond – Vollmond – Teich – Fische – See
Fred, der Frosch
© Martina Decker
„Wo bin ich?“, murmelte Fred und blinzelte verwirrt in das helle Licht. Alles tat ihm weh und er traute sich nicht, seine Froschbeine auch nur ein bisschen zu bewegen.
Das Letzte, an das sich erinnern konnte, war der Schnabel eines Reihers und wie er darin verschwunden war. Fred hatte auf einem Seerosenblatt in der Sonne gedöst und völlig vergessen, achtsam zu sein.
„Bin ich jetzt im Himmel?“, überlegte er. Wenn der Reiher ihn gefressen hatte, war das nur wahrscheinlich. Er war immer ein guter und braver Frosch gewesen und gute Frösche kommen in den Himmel, hatte seine Mama gesagt.
„Quatsch!“, gab er sich selbst die Antwort. „dann würde mir nicht alles wehtun. Ein toter Frosch im Himmel hat keine Schmerzen.“
Umständlich richtete Fred sich auf und versuchte einen kleinen Sprung. „Autsch!“, entfuhr es ihm und er entdeckte die große Schürfwunde an seinem rechten Froschschenkel. „Besser als gebrochen!“, stellte er erleichtert fest und sah sich vorsichtig um. Es roch nach Wasser und tatsächlich: nicht weit vor ihm lag ein kleiner See. Glücklich hopste Fred ans Ufer und kühlte sich erst einmal ordentlich ab. Übermütig tauchte er durch die Fluten und vergaß dabei seine Schmerzen.
„Ich bin dem Reiher entkommen!“, freute er sich. Wenn das seine Freunde hörten – er wäre ein Held und die Froschmädchen würden ihn bewundern.
Erst beim Sonnen am Ufer wurde Fred bewusst, dass er gar nicht wusste, wo er war. Und dass es keine anderen Frösche gab, denen er von seinem Heldenmut berichten konnte. Außer ihm und ein paar schillernden Libellen war niemand da. Arglos schwirrten sie in seiner Nähe herum und schienen ihn überhaupt nicht zu fürchten. Fred sah ihnen eine Weile zu. Schwupp… schoss seine lange, klebrige Zunge hervor. Genüsslich verspeiste er sein Mahl und bemerkte erst jetzt, wie hungrig er war. Schwupp… noch einmal und schwupp… daneben! Schnell hatten die Libellen die Gefahr erkannt und flogen an einen sicheren Platz.
Es wurde Abend und mit der einbrechenden Dunkelheit spürte Fred erst richtig, wie alleine er sich fühlte. Traurig setzte er sich auf einen großen Stein und begann zu quaken. Vielleicht würden ihn ja andere Frösche hören und ihm antworten.
So ging das viele Nächte lang. Schließlich stand der Mond dick und rund am Nachthimmel und schaute mitleidig auf den kleinen Frosch hernieder. Und Fred schaute traurig zum Vollmond hinauf.
„Hallo lieber Vollmond! Sag, hast du nicht vielleicht irgendwo ein paar Frösche gesehen? Ich bin so einsam!“
„Tut mir leid, mein lieber Frosch! Ich sah Rehe auf einer Lichtung und einen Uhu bei der Jagd, aber keine Frösche. Aber es ist Nacht und da kann ich nicht jedes Tier sehen!“
„Aber dein Licht strahlt doch so hell. Wenn du ein wenig genauer suchst, so wirst du doch bestimmt …“
„Was soll denn jetzt auch noch dieses nächtliche Geschwätz?“, ertönte da plötzlich eine zornige Stimme. „Erst muss ich mir jede Nacht dieses schreckliche Gequake anhören und nun auch noch das! Ich will schlafen! Was muss ich tun, damit du endlich verschwindest?“
Die Oberfläche des Sees kam in Bewegung und mit einem Mal schlugen hohe Wellen ans Ufer.
Erschrocken starrte Fred aufs Wasser. „Wer spricht denn da?“, stammelte er überrascht.
„Ich bin Juri, der Wassergeist! Mir gehört der See und alle Fische darin.“
So schnell die Wellen gekommen waren, so schnell lag der See wieder wie ein großer schwarzer Spiegel. Aus ihm heraus schaute ein grimmiges Gesicht den kleinen Frosch an. Dicke Augenbrauen verdeckten halb die böse blitzenden Augen und unter der Knollennase wucherte ein dichter Bart. „Warum musste dieser blöde Vogel dich ausgerechnet hier fallen lassen? Konnte er dich nicht sonst wo verlieren oder besser noch: fressen?“
Bevor Fred etwas erwidern konnte, tauchte ein großer Fisch an der Wasseroberfläche auf. Sicherlich wollte er nach den Mücken schnappen, die über dem Wasser im Mondlicht tanzten. Doch stattdessen riss der Wassergeist seinen Mund gierig auf und verschlang den ganzen Fisch mit einem Happs. Fred wurde es Angst und Bange.
„Hmmm, das war lecker!“, meinte der Wassergeist schmatzend. Gähnend wandte er sich wieder an den Frosch. „Du raubst mir seit Tagen den Schlaf! Das ist nicht gut – nein, gar nicht gut!“, murmelte er und in Freds Ohren klang das, als hätte Juri gesagt: „Und jetzt fresse ich dich …“
„Guck mich nicht so an!“, raunzte der Wassergeist. „Ich werde dich nicht fressen. Du bist mir viel zu klein. Außerdem liegst du mir mit deinem andauernden Gequake schon schwer genug im Magen.“
Fred seufzte erleichtert.
Der Wassergeist betrachtete ihn einen Moment lang amüsiert. „Also gut! Wo kommst du her, Frosch? Wie heißt der Teich, wo alle deine Freunde und Verwandten leben?“
„Der Oberbergweiher!“, antwortete Fred leise.
„Kenn ich …“ Jetzt grinste der Wassergeist sogar und Fred war gänzlich verwirrt. „Morgen früh bist du wieder da … versprochen. Und so lange versprichst du mir, nicht mehr zu quaken, klar?“
Fred nickte und Juri verschwand ohne ein weiteres Wort gluckernd im See.
Sprachlos schaute der Frosch ihm hinterher. Nach einigen Minuten blickte er fragend nach oben. „Mond, hast du …?“
Aber der Mond war verschwunden. Am Horizont funkelte es hell und die ersten Sonnenstrahlen berührten die Erde.
Als es vollends Tag geworden war, saß Fred wieder auf seiner Lieblingsseerosenblüte mitten auf dem Oberbergweiher. Um ihn herum war ein fröhliches Quaken. Alle Frösche wollten wissen, wie er dem Reiher entkommen war und wo er sich herumgetrieben habe. Und Fred erzählte, wie er sich verzweifelt gewehrt hatte, zappelte und heftig mit den Hinterbeinen strampelte, bis der Vogel endlich den Schnabel wieder aufsperrte. Es wurde eine lange Geschichte, denn Fred schmückte sie hier und da ein wenig aus. Aber schließlich war alles erzählt und erschöpft machte Fred es sich auf dem Seerosenblatt bequem. Er schloss die Augen und döste in der warmen Sonne ein. Ein verräterisches Plätschern ließ ihn jedoch kurz darauf wieder aufschrecken. Im gleichen Moment legte sich ein großer Schatten über ihn. Mit einem Satz sprang Fred auf und tauchte ins Wasser ein. Er versteckte sich tief im Schlamm und sein Herz pochte heftig. Fast wäre es dem Reiher doch schon wieder gelungen, ihn zu schnappen.
Und da schwor Fred sich: Niemals wieder würde er auf einem Seerosenblatt in der Sonne dösen.

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Beide Fotos entstanden an dem kleinen Teich im Wiesengrund in Dudweiler, das obere am am 08. Juni 2010, das untere am 11. Juni 2010.
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