Starius, der Sternenjunge
© Martina Decker
Benjamin saß zusammen mit seinem Großvater oben auf dem Traktor und sah gebannt zu, wie der Pflug tiefe Furchen in den Ackerboden zog.
Wenn er einmal groß sein würde, wollte er auch Bauer werden!
„Machen wir da nachher auch noch die Kartoffeln rein?“, fragte er und sah den Alten mit großen Augen an. Der Großvater schüttelte den Kopf. „Ne ne min Jung’. Is schon spät!“
„Och, schaaade!“ Benjamin war enttäuscht. Morgen früh würde ihn Mama doch schon wieder abholen und bis zum nächsten Wochenende war es noch so lange hin.
„Jede Arbeit hat ihre Zeit.“ brummte der Großvater. „Du darfst nicht so ungeduldig sein! Schau…“ Er deutete mit dem Zeigefinger auf einen blass leuchtenden Punkt am Himmel. „Da steht schon der Abendstern! Dort wohnt Starius. Wenn der so ungeduldig wäre….“
Da war etwas in Großvaters Stimme, was Benjamin augenblicklich die Kartoffeln vergessen ließ. Er folgte dem Fingerzeig und betrachtete den Glitzerpunkt mit zusammengekniffenen Augen. „Es ist doch noch Tag! Sterne sind nachts am Himmel. Und wer ist Starius?“
„Hat dir deine Mutter denn nie vom kleinen Sternenjungen erzählt?“ Der Bauer schüttelte den Kopf. Benjamin sah ihn erwartungsvoll an, doch der Großvater schwieg, zog die letzten Furchen und lenkte den Traktor schließlich zurück auf den Feldweg.
„Opa! Erzählst du mir die Geschichte?“
Der Alte nickte. „Es gibt sehr viele Sternenkinder dort oben – große und kleine, helle und dunklere. Tags über schlafen sie und nachts spielen sie am Himmelszelt. Sie leuchten um die Wette und malen miteinander Sternenbilder. Damit ihnen nichts passiert, hält Vater Mond immer Wacht und ruft sie auch schon mal zur Ordnung, wenn sie gar zu übermütig werden…“
„Wie mein Papa! Der schimpft auch manchmal, wenn ich mit Sebastian in der Wohnung nachlaufen spiele.“ Benjamin überlegte kurz. „ Ist der Mond also der Papa von allen Sternen?“
„Du bist ein schlaues Kerlchen!“ lächelte der Großvater. „Genauso ist es!“
„Und wer ist dann die Mama?“
„Kommst du da nicht selbst drauf?“ fragte der Alte beinahe vorwurfsvoll.
„Die Sonne?“ meinte Benjamin zögernd.
„Richtig! Frau Sonne ist die Mutter aller Sternenkinder.“
„Aber dann sieht sie ihre Kinder ja nie!“ überlegte Benjamin.
„Ja, und der kleine Starius war darüber sehr traurig“, erzählte der Großvater weiter. „Oft fragte er die anderen Sternenkinder nach ihr. Aber die lachten ihn aus. „Starius, du bist ein Dummkopf!“ meinten sie. „Wir sind Sternenkinder und Vater Mond passt auf uns auf. Er erzählt uns die wundervollsten Geschichten von Mutter Sonne. Auch, wenn wir sie niemals sehen werden, so wissen wir, wie sie aussieht und wie sehr sie uns lieb hat.“
Aber dem kleinen Starius genügte das nicht. Wenigstens einmal wollte er sie sehen. Viele Monate vergingen und er wurde immer nachdenklicher. Viel zu oft saß er alleine auf einer Wolke und grübelte, statt sich mit den anderen Sternenkindern zu vergnügen.
Dies blieb natürlich auch Vater Mond nicht verborgen. Eines Tages rief er Starius zu sich. „Sag, mein Sohn, stimmt das, was die anderen Kinder mir über dich erzählen? Du sehnst dich so sehr nach Mutter Sonne, dass du schon gar nicht mehr spielen und leuchten magst?“
Starius nickte stumm und ein paar Tränen kullerten über seine Wangen…“
Der Großvater machte eine kleine Pause und sah Benjamin liebevoll an. „Weißt du eigentlich, dass Sternenkindertränen als Sternschnuppen zur Erde fallen?“
Benjamin schüttelte verhalten den Kopf. „Nur, dass man sich dann was wünschen darf, wenn man eine Sternschnuppe sieht.“ Benjamins Blick ging suchend zum Himmel, der mittlerweile ganz dunkel war. Immer mehr Sterne blitzten auf. Fast erleichtert entdeckte Benjamin keine Sternschnuppe. „Ich glaube, heute ist kein Sternenkind traurig!“ meinte er leise. Dann wandte er sich wieder dem Großvater zu. „Erzähl’ weiter. Hat der Mond dem Sternenjungen helfen können?“
„Väter können immer helfen!“ meinte der Großvater. „Nachdem Vater Mond einige Tage überlegt und sich zwischen Tag und Dunkel mit Mutter Sonne besprochen hatte, ernannte er Starius zum „Sternenkind für Morgen- und Abendstern“. Damit war er ab sofort der erste Stern am Abend und der letzte am Morgen.
„Danke, Vater Mond!“ Mehr konnte Starius damals nicht sagen, so aufgeregt war er. Ab jetzt würde er Mutter Sonne jeden Tag sehen. Er würde ihr von seinen Abenteuern erzählen können und ihre warmen Strahlen würden ihn streicheln.
Vor lauter Glück begann der kleine Sternenjunge noch viel heller zu strahlen.“
„Waren die anderen Sternenkinder da denn nicht neidisch?“
„Ich glaube nicht!“ antwortete der Großvater mit ganzer Überzeugung. “Sie waren ja auch vorher schon zufrieden und bestimmt erzählt Starius ihnen oft von Mutter Sonne!“
Benjamin nickte. „Oh, wir sind ja schon fast da!“ rief er überrascht. Vor ihnen tauchte der Hof seiner Großeltern auf. Oma stand wartend .in der Tür Als Opa den Motor abgestellt hatte, sprang Benjamin von seinem Sitz und rannte auf seine Großmutter zu.
„Oma! Es war toll – wir haben ganz viele Furchen gezogen. Aber der Opa hat noch nicht die Kartoffeln reingelegt. Aber er hat mir die Geschichte vom Sternenjungen erzählt. Oma, was gibt es denn zu Essen? Ich habe einen Bärenhunger?“ Er stürmte an ihr vorbei ins Haus. Die Großmutter sah ihm lachend nach, dann schaute sie ihren Mann an. „Die Geschichte vom Sternenjungen?“
„Erzähl ich dir später! Jetzt hab ich auch Hunger!“ antwortete er und gab ihr einen Kuss. „Pflügen macht hungrig und Geschichten erzählen erst recht!“
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