Barbara Naziri: Das Amulett der Tiere

19. September 2010

Stockente

Stockente


Das Amulett der Tiere
© Barbara Naziri

Wir Menschen haben Festtage, die wir fröhlich oder feierlich begehen. Nicht so die Tiere. Für sie ist jeder Tag gleich: fressen, ruhen oder gefressen werden. Manche Tiere müssen sogar für uns arbeiten, andere werden verfolgt und gejagt. Nie zuvor kam einem Menschen der Gedanke, das Tier durch einen Feiertag zu würdigen.
Das verdross die Tiere und so hielten sie Rat. Sie beschlossen, den lieben Gott zu bitten, auch ihnen einen besonderen Tag zu schenken, an dem Friede zwischen allen Tieren herrschen würde und an dem keines dem anderen ein Leid antun dürfte. Dieser Tag sollte festlich und in fröhlicher Runde begangen werden. Nach ihrem Beschluss entsandten sie die Ente Schnatter an die Himmelspforte, die redegewandt und klug war, um dort ihre Bitte vorzutragen. Gesagt – getan. Schnatter trug artig das Anliegen vor, und Gott schenkte den Tieren ihren besonderen Tag. Daraufhin besiegelten sie das freudige Ereignis, indem sie ein gemeinsames Amulett herstellten. Jedes von ihnen gab eine Eigenschaft und einen Teil von sich selbst hinzu. Dieses Amulett sollte ihnen Kraft geben und sie an ihrem Festtag auch voreinander schützen.
Als erstes gab das Schwein eine Borste und seine Klugheit. Das Wiesel folgte auf dem Fuß und gab ein Schnurrhaar und seine Flinkheit, das Schaf etwas Wolle und seine Gutmütigkeit, der Bär gab seine Kraft und eine Kralle, der Fuchs die List und ein Schwanzhaar, die Eule ihre Weisheit und eine Feder, das Bienchen seinen Fleiß und einen Tropfen Honig – und so setzte sich die Reihe fort bis zum letzten Tier. Das Amulett wurde in Ehren gehalten und jedes Mal am Tag der Tiere hervorgeholt. Dort lag es in ihrer Mitte und Dank seiner Kraft herrschte Harmonie unter ihnen.

Wieder einmal rückte der große Tag heran. Von einem vergissmeinnichtblauen Himmel lockte Mutter Sonne selbst die Trägsten aus ihrem Bau hervor. Nur hin und wieder ließ sich ein Wolkenschaf gemütlich vom Sommerwind treiben. Die Vögel übten bereits ihre Lieder für das große Feiertagskonzert. Auf der grünen Waldwiese tuschelten die Gänseblümchen und reckten dem milden Sonnenlicht vergnügt ihre Köpfchen entgegen. Nach und nach fanden sich die Tiere ein, um wie jedes Jahr das Harmoniefest zu feiern.
Nur Schnatter, die sonst so fröhliche und buntgefiederte Ente, deren Schnabel nie stillstand, saß schweigend im Schatten einer alten Eiche. Tatz, der Bär, gesellte sich zu ihr. Tatz war der Älteste unter den Tieren des Waldes und hatte viele Sommer und Winter kommen und gehen sehen. Hier war er der Letzte seiner Art, denn seine Verwandten hatten sich in die Berge des Ostens zurückgezogen. Tatz weigerte sich, seinen heimatlichen Wald zu verlassen. Hier war ihm alles lieb und vertraut. Jeder Baum, jeder Strauch. Er wusste, wo die schmackhaftesten Beeren wuchsen und mit viel Glück erwischte er ab und zu auch mal eine Wabe Honig von den Bienen, ohne sich dabei eine dicke Nase zu holen.
Nun beugte er sich fragend zu Schnatter hinab, wobei er sich mit der Pranke über die schon ergraute Nase fuhr. „Heute ist so ein schöner Spätsommertag“, brummte er. „Selbst die Mücken stechen nicht. Nur Du schaust drein, als wenn es gewittert. Was bedrückt Dich, liebe Schnatter?“
Noch bevor Schnatter den Schnabel aufmachte, näherte sich Schleicher, dem ebenfalls die Einsilbigkeit der Ente aufgefallen war. Geschmeidig ließ er sich neben ihr nieder, während er sie belustigt musterte. Schleicher war ein eleganter Rotfuchs mit einem atemberaubenden Schwanz und der Schwarm aller Fuchsdamen. Im alltäglichen Leben war er allerdings der Feind der Ente, galt er doch als listiger Jäger und berüchtigter Hühnerdieb. In der Tat wäre Schnatter ein Leckerbissen für ihn gewesen, darum war sie stets vor ihm auf der Hut. Seltsamerweise hielt Schleicher eine geheime Macht zurück, sich gerade an ihr zu vergreifen. Heute waren diese Gedanken verbannt, denn sie standen alle unter dem Schutz des Amuletts.
„Was gibt es, meine Freunde? Warum sitzt ihr hier abseits und starrt so trübselig vor euch hin?“ fragte Schleicher mit seidenweicher Stimme.
Da brach es aus Schnatter heraus. Aufgeregt wackelte sie hin und her, flatterte mit den Flügeln und rief mit überschlagender Stimme: „Liebe Freunde, wir sind hier alle vergnügt beieinander. Aber habt ihr schon einmal daran gedacht, dass unser Tag namenlos ist?“
„Namenlos?“, empörten sich einige und nun entstand Unruhe. Stimmen erhoben sich, etwas lauter als gewöhnlich, wie „Recht hat sie!“ „Wieso hat vorher niemand daran gedacht?“ „Natürlich braucht dieser besondere Tag auch einen Namen!“
Waldohr, die Eule, blickte nachdenklich drein. „Schuhu, schuhu“, übertönte sie die aufgeregten Tiere. Sofort senkten sie ihre Stimmen und betrachteten sie mit Ehrfurcht. „Liebe Freunde, überlegt es euch gut. Wenn man etwas benennt, dann ist es für immer! Ein Name ist ein Geschenk. Es sollte von uns allen an alle sein“, sagte sie weise und schüttelte ihr weiches Gefieder, das wie reine Seide schimmerte. Waldohr kam selten an den Rand des Auenwaldes. Sie war ein Geschöpf der Nacht und lebte mit ihren Schwestern und Brüdern tief im Wald, dort, wo kaum ein Mensch den Fuß hinsetzt und das Tageslicht nur mühsam durch das Geäst der Bäume dringt. Dort führen die verwunschenen Wege ins Märchenreich und nur Waldohr kannte die alten Pfade dorthin und den Zauber, der sich dort verbarg.
Sonnentau, die Bienenkönigin, schwirrte heran, aufmerksam umgeben von ihren Wächtern, die sie mit ihrem Leibe schützten, um ihr kostbares Leben zu verteidigen. Seit jeher lebte sie mit ihrem Volk in der hohlen alten Eiche, unter der sich Schnatter, Tatz und Schleicher niedergelassen hatten.
„Schnatter“, summte sie, „gräme Dich nicht. Ich verspreche Dir, wir werden eine Lösung finden, die alle befriedigt.“ Und schon schwirrte sie zu den anderen Tieren, um sich mit ihnen zu beraten.

Doch so lange sie sich auch berieten, eine Einigung wollte nicht aufkommen. Mittlerweile wurde das Wortgefecht heftiger und nur das Amulett verhinderte, dass sie einander ins Fell oder in die Federn gerieten. Da richtete sich das Wiesel Flinkfuß auf und rief erschrocken:
„Mir sträuben sich die Nackenhaare bei diesem Menschentheater. Benehmt euch endlich wie die Tiere! Wenn wir schon wegen des Namens so aneinander geraten, wie sollen wir dann künftig gemeinsam diesen Tag feiern? Denkt daran, nur das Amulett schützt uns noch voreinander.“
„Recht hast du“, antwortete Blöker, das Schaf. „Wir haben unseren Ehrentag bisher in trauter Runde genossen, und so soll es bleiben. Wir müssen recht schnell einen Namen finden, mit dem alle zufrieden sind, um die Harmonie wieder herzustellen.“
„Aber ist nicht gerade das allzu menschlich?“ meldete sich zaghaft die Schweinedame Rosinante. „Die Menschen müssen alles benennen, um es zu verzeichnen. Und dann streiten sie darüber, wem es gehört. Wir sind doch Tiere und wissen, worum es geht!“
Wieder begann ein hitziges Palaver. „Jedes Ding muss seinen Namen haben, damit man sich erinnert und es nicht vergisst“, begründeten sie endlich ihren Beschluss.
Nun stellte sich die Frage, wie die Namensgebung stattfinden sollte, ohne dass sie einander wieder ins Fell oder in die Borsten gerieten.
„Lasst uns einen Wettbewerb veranstalten!“ schlug Flinkfuß vor.
„Einen Wettbewerb?“ fragten die anderen verdutzt.
„Ja, lasst uns singen, tanzen, spielen. Dann stimmen wir gemeinsam ab, wessen Beitrag uns am besten gefallen hat, und nach diesem Tier wird der Tag benannt.
Rosinante spitzte den Rüssel kokett: „Ich werde tanzen.“ Und sie bewegte sich graziös im Kreise und wackelte ordentlich mit dem Hinterteil.
Blöker blickte in die Runde: „Ich spiele Blockflöte. Ich beherrsche allerdings nur das Schafzähllied.“
Wagner richtete sich hoch auf seine Stampfer. „Ich werde singen!“ Der stattliche Eber mit den scharfen Hauern war bei den Säuen sehr beliebt. Besonders Rosinante verehrte ihn heimlich, obwohl er kein Sattelschwein war. Die Hingabe der Schweinedamen schmeichelte Wagners Eitelkeit. Singen konnte er und wenn er erst einmal in Form war, schmolz manches Schweineherz dahin.
So traten die Tiere eins nach dem anderen vor und meldeten ihre Beiträge bei dem Wiesel an, das fleißig alles notierte. Flinkfuß war nun Wettleiter und durfte am Wettbewerb nicht teilnehmen, was ihn keineswegs verdross.

Nun begannen die Darbietungen. Blöker spielte so sanft auf seiner Blockflöte, dass die Vögel beim Schafzähllied einschliefen und reihenweise von den Ästen kippten und erst als Tatz der Bär laut aufschnarchte, wurden alle wieder munter. „Du bist ein Magier auf der Flöte“, rief Tatz überschwänglich, „und hast mich von meiner Schlaflosigkeit geheilt. Ich werde Dich nun häufiger mal aufsuchen.“ Komischerweise war Blöker darüber nicht besonders erfreut.
Waldohr zauberte wunderschöne Bilder hervor, denn sie war der Magie kundig. Als sie ihre Flügel öffnete, zeigten sich darunter ferne Länder und weite Meere. Der König der Tiere hob sein ehrwürdiges Haupt und ließ seinen gewaltigen Ruf erschallen, sodass der Waldboden vibrierte. Antilopen sprangen in hohen Sätzen durch die Savanne und auf dem weiten Meer ließ der Wal seinen lieblichen Gesang ertönen. Darauf senkte sich langsam ein Schleier nieder und der Zauber erlosch.
Tatz versuchte sich im Schattenboxen und brachte durch seine komischen Einlagen alle Tiere zum Lachen. Sonnentau vollführte akrobatische Lufttänze und versetzte alle in Staunen und Schleicher – ja, Schleicher rezitierte tatsächlich mit samtweicher Stimme ein Gedicht. Niemand hatte ihm das zugetraut, und die Tiere waren zutiefst beeindruckt. Rosinante legte trotz leichtem Übergewicht einen graziösen Tanz auf den Moosboden, dass die Sporen flogen. Wagner aber sang zum Steinerweichen. Kein Auge blieb trocken. Ja, selbst der Himmel weinte.
Eine einzige Regenwolke hatte sich vor die Sonne geschoben. Dicke Tropfen fielen auf den weichen Moosboden, während gleichzeitig vom Himmel die Sonne lachte. „Sonnenregen!“, jubelten die Tiere. Wenn das kein glücklicher Tag war! Sonnenregen bringt Segen. Der warme Regenschauer war eine willkommene Erfrischung, denn der Wettkampf hatte die Gemüter doch erhitzt und sollte noch lange fortdauern.
Pfiffikus, das Murmeltier, machte seinem Namen alle Ehre und pfiff die fröhliche Melodie: ‚Liebe Mutter Sonne trage die Erde bei Nacht und auch bei Tage,
halte sie fest und strahle sie an,
damit Mensch und Tier auf dir wachsen kann’.
Das gefiel ihr. Die Regenwolke verdampfte und Mutter Sonne liebkoste dankbar die Tiere mit ihren Strahlen.
Löffler, der Hase, und Lupo, der Wolf, wurden zum Wettrennen aufgerufen. Sie sollten die große Lichtung einmal ganz umrunden. Das Ziel war die alte Eiche. Löffler, der durch seine Furcht mitunter von den Tieren verspottet wurde, betrachtete Lupo ängstlich aus seinen Augenwinkeln. Lupo, der dies bemerkte, trat auf ihn zu und klopfte ihm freundschaftlich mit der Tatze auf den Nacken. „Fürchte Dich nicht, Löffler, es ist unser Tag, und niemand wird dem anderen ein Leid zufügen. Heute sind wir Freunde!“ Beide rannten mit dem Wind und trafen gleichzeitig wieder unter tosendem Applaus am Ziel ein. Da blickten sie einander in die Augen und verstanden, sie hatten einen Sieg über sich davon getragen.
Die Mäuse hatten sich ein besonderes Ballett einfallen lassen. Zierlich aneinandergereiht tänzelten sie auf die Waldbühne. Mausezahn, das jüngste Mitglied, durfte die Ansage machen. Mit piepsiger Stimme kündigte sie stolz Primabella Samtfell an. Ein erstauntes Raunen ging durch das Publikum, denn Samtfell war immerhin eine Katze, die sich nun artig im Tutu vor dem Publikum verneigte. Das Ballett bezauberte alle Tiere. Beifall brauste auf, und Samtfell strahlte bis ins letzte Barthaar, als sie von den Mäusen umringt die Bühne verließ.
So ging es in einem fort. Einen Tag und eine Nacht dauerte der Wettbewerb der Tiere. Den Schluss bildete der Singvögelchor. Aufgeregt zwitschernd warteten die Vögel schon lange auf ihren Einsatz. Sie hatten ein Überraschungslied einstudiert und unter der Leitung von Nathan, dem weisen Uhu. Als es aus hunderten von Vogelkehlen ertönte, saßen die Zuhörer ergriffen da.

Wir halten zusammen, wir Tiere der Welt,
ob gefiedert, ob Schuppe, ob Pelz oder Borste
Unser Tag eint uns alle, weil’s uns gefällt
ob Fisch oder Bär oder Adler im Horste.

Wir halten zusammen, wir Tiere der Welt,
wir lassen uns nicht mehr das Leben verdrießen
ob der Rothirsch im Wald, das Mäuschen im Feld,
kommt herbei, lasst uns die Freude genießen

Wir halten zusammen, wir Tiere der Welt,
weil der Zauber des Amuletts uns lenkt
der Wolf ist lammfromm und der Hase ein Held,
den Tag hat uns heute der Himmel geschenkt

Die Zuschauer sprangen auf. Nichts hielt sie mehr auf den Plätzen. Sie hielten sich an Pranken oder Pfoten und wiegten sich schunkelnd im Takt. Ein Wunder war geschehen. Alle Vögel hatten es verstanden eine gemeinsame Melodie zu trällern, und damit krönten sie ihre eigene Hymne. Die Hymne zum Tag der Tiere.
Ein unbeschreiblicher Jubel brach aus. Als sich die Gemüter etwas beruhigt hatten, erhob sich Flinkfuß, um die Moderation wieder zu übernehmen. „Liebe Freunde! Bei all der Freude dürfen wir nicht vergessen, unseren Sieger zu wählen!“, rief er die Gemeinschaft zur Ordnung. Alle Tiere haben ihr Bestes gegeben. Keine Darbietung ist mit einer anderen vergleichbar. So unterschiedlich wie wir, sind auch unsere gezeigten Fähigkeiten. Darum wird es uns kaum gelingen, einen Sieger aus unserer Runde zu küren, denn wir sind alle gleich gut.“
Schweigen senkte sich auf die eben noch frohe Runde, so still, dass man hätte hören können, wie eine Tannennadel auf den Waldboden fällt. Zögernd erhob sich Rosinante und blickte alle nacheinander an: „Wie wäre es“, schlug sie vor, „wenn wir jedes Jahr den Tag nach einem anderen Tier benennen, und zwar in der Reihenfolge, in der wir unsere Gaben dem Amulett zufügten?“
Blöker vollführte lustige Bocksprünge: „Eine gute Idee! So kommen alle zu ihrem Recht und der Frieden unter uns Tieren bleibt gesichert!“
Freudig stimmten die übrigen Tiere dem Vorschlag zu. Der junge Tag erwachte und am Horizont zeigte sich ein erster zarter Silberstreif, als die Tiere friedlich auseinander gingen.
„Bis nächstes Jahr am ’Schweinetag’“, raunten sie einander fröhlich zu.


***
Ein Buchtipp für kleine und große Leser:
Max und Mäxchen
Antonia Stahn
Max und Mäxchen
Kindergeschichten für große und kleine Leser

***


Claudia Duhonj-Gabersek: Der Libellensee

10. Juni 2010

Große Pechlibelle - Ischnura elegans - Paarungsherz

Große Pechlibelle - Ischnura elegans - Paarungsherz


Kindergeschichte – Tiergeschichte – Tiere – Fred – Frosch – Libellen – Seerosen – Wassergeist – Himmel – Mond – Vollmond – Teich – Fische – See – Zwergenland – Zwerge – Steinkarpfen – Froschschenkel


Der Libellensee
© Claudia Duhonj-Gabersek

Längst war die Dämmerung hereingebrochen über das Zwergenland Grom.
Die kleinen Zwergenbuben Plim und Plom hätten schon zu Hause sein müssen. Ihre Mutter Tram lugte besorgt aus der Höhle, doch nur der Gesang der Nachtvögel durchbrach die Stille des Waldes. Sie hatte nur die beiden Kinder auf dieser Welt, denn ihr Mann, der starke Hauer Klamm, war vor ein paar Jahren verunglückt. Er war tief im Berge von einem rollenden Felsbrocken erschlagen worden.
Zehn Steinwürfe entfernt von der mütterlichen Behausung spielten Plim und Plom am Ufer des Libellensees. Warum der See so hieß? Ihr könnt es euch denken. Hunderte der schönen Geschöpfe schwirrten um den See oder tummelten sich auf den großen Seerosenblättern, die gemächlich im Wasser trieben.
Vom Himmel her schaute Herr Mond dem Treiben der beiden Jungen zu. Voll und rund war er, wie ein Kürbis, der gleich zu platzen drohte.
Fred Glubsch, der Frosch und sein stummer Freund, der alte Steinkarpfen Gründlich beäugten die Zwergenkinder misstrauisch. Schon so mancher Froschschenkel und der eine oder andere fette Karpfen waren in den großen Eisenpfannen der Zwerge gelandet. Frosch und Fisch gruben sich tief in den Schlamm ein und glotzten nur ab und zu vorsichtig heraus.
Plötzlich geschah es. Mit einem lauten Schmatzen tauchte er auf, der böse Wassergeist Mrz. Er war über und über mit Schlamm bedeckt und Algen wuchsen aus seinen riesigen Ohren. Mit seinen mächtigen Greifzangen packte er die Kinder und verschwand mit ihnen in der Tiefe des Sees.
Fred Glubsch und Karpfen Gründlich schauten sich an. Nein, man mochte Zwerge nicht. Sie waren laut und plump und gefährlich dazu. Aber das hier waren Kinder. Ihre jämmerlichen Schreie waren ihnen durch Schall- und Schwimmblase gedrungen.
Der Herr Mond da oben hatte alles mit angesehen. Eine Träne lief über sein Kratergesicht und als sie verdunstete, legte sich ein dichter Nebel über das Land Grom.
Zwei Tage waren vergangen. Immer wieder kamen Gruppen von Zwergen an den See und riefen laut nach den Kindern. Frosch und Fisch aber dachten an die große Eisenpfanne und gruben sich noch tiefer ein.
Als die Zwerge verschwunden waren, schwammen die beiden ein wenig im See. Nachdenklich glotzte Fred seinem Freund in die Augen. Plötzlich hatte er eine Idee:
“Quak, quak. Quaaak, quaaaakk?”, fragte er seinen Freund und der blubberte zustimmend ein paar Blasen aus dem Maul. Gemeinsam tauchten sie in den See hinab, immer tiefer und tiefer.
Lange Zeit fanden sie nichts, Doch dann trafen sie auf eine Krebsfamilie, die ihnen, eifrig mit den Scheren klappernd, den Weg zeigte. Sie tauchten hinter den Krebsen durch einen engen Gang und fanden sich in einer riesigen Höhle wieder.
Die ächzende Stimme des Wassergeistes Mrz hallte von den Wänden:
“Esst nur, ihr Kinder, esst den Tang, denn was anderes werdet ihr die nächsten hundert Jahre nicht kriegen”.
Plim und Plom weinten bitterlich.
Frosch und Fisch hatten genug gehört. Ohne ein verräterisches Plätschern machten sie sich auf den Rückweg.
Als sie aufgetaucht waren und sich ein wenig erholt hatten, rief Fred nach den Libellen. Die Jungfern kamen eine nach der anderen angeflogen. Mit gebührendem Abstand, denn man fürchtete die lange Froschzunge, scharten sie sich um Fred.
Mit aufgeregtem Quaaaak Quaaaak erzählte er den Schönen die ganze Geschichte.
Da machte sich der riesige Libellenschwarm auf den Weg zur Höhle der Zwergenmutter. Sie hatte kein Auge zugetan, seit die Buben fort waren und unaufhörlich flossen ihre Tränen. In ihrer Behausung hatten sich schon Pfützen gebildet, so sehr weinte sie.
Zuerst wollte sie mit ein paar Nachbarn zusammen die Libellen verjagen, aber dann begriff Tram: “Sie wollen uns etwas zeigen, schlagt nicht nach ihnen”.
Die Libellen führten die Zwergenschar zum See, wo sie schon von Fred Glubsch und Herrn Gründlich erwartet wurden.
Die vier kräftigsten Zwerge tauchten mit Frosch und Karpfen in die Tiefe. Mir nix dir nix packten zwei von ihnen den bösen Wassergeist, während die anderen beiden Plim und Plom auf ihre Schultern setzten.
Endlich tauchten sie am Ufer auf und stiegen aus dem Wasser. Was war das ein Herzen und Küssen, als die Mutter ihre beiden Söhne in die Arme nahm. Plim und Plom war das schon fast peinlich, denn die Zwerge lachten. Auch Fred Glubsch konnte sich ein fröhliches Quaaaaak nicht verkneifen und Herr Gründlich blubberte munter mit.
Die starken Zwerge sperrten den Wassergeist Mrz in eine ihrer tiefen Höhlen und verschlossen sie mit einem schweren Felsbrocken. So konnte der Böse nie mehr Unheil anrichten.
Zum nächsten Vollmond feierten die Zwerge ein großes Fest am Seeufer. Manch guten Happen warfen sie Fred und Gründlich zu und den Libellen schenkten sie feinsten Honig.
Herr Mond war’s auch zufrieden und strahlte rund und fett vom Himmel, als hätte er nie etwas anderes getan.
In dieser Nacht noch schworen die Zwerge am See einen heiligen Schwur. Selbst in der größten Wintersnot wollten sie doch eines niemals mehr tun: Froschschenkel und Karpfen essen. Höchstens ein Forellchen ab und zu … denn Zwerge sind ja auch nur – halbe – Menschen.

***
Das Foto entstand am 10. Juni 2010 an dem kleinen Teich im Wiesengrund in Dudweiler.
Noch mehr Libellen-Fotos gibt es auf dem Libellen-Blog
***

***


Martina Decker: Fred der Frosch

10. Juni 2010

Fred, der Frosch

Fred, der Frosch


Kindergeschichte – Tiergeschichte – Tiere – Fred – Frosch – Reiher – Libellen – Seerosen – Wassergeist – Himmel – Mond – Vollmond – Teich – Fische – See


Fred, der Frosch
© Martina Decker

„Wo bin ich?“, murmelte Fred und blinzelte verwirrt in das helle Licht. Alles tat ihm weh und er traute sich nicht, seine Froschbeine auch nur ein bisschen zu bewegen.
Das Letzte, an das sich erinnern konnte, war der Schnabel eines Reihers und wie er darin verschwunden war. Fred hatte auf einem Seerosenblatt in der Sonne gedöst und völlig vergessen, achtsam zu sein.
„Bin ich jetzt im Himmel?“, überlegte er. Wenn der Reiher ihn gefressen hatte, war das nur wahrscheinlich. Er war immer ein guter und braver Frosch gewesen und gute Frösche kommen in den Himmel, hatte seine Mama gesagt.
„Quatsch!“, gab er sich selbst die Antwort. „dann würde mir nicht alles wehtun. Ein toter Frosch im Himmel hat keine Schmerzen.“
Umständlich richtete Fred sich auf und versuchte einen kleinen Sprung. „Autsch!“, entfuhr es ihm und er entdeckte die große Schürfwunde an seinem rechten Froschschenkel. „Besser als gebrochen!“, stellte er erleichtert fest und sah sich vorsichtig um. Es roch nach Wasser und tatsächlich: nicht weit vor ihm lag ein kleiner See. Glücklich hopste Fred ans Ufer und kühlte sich erst einmal ordentlich ab. Übermütig tauchte er durch die Fluten und vergaß dabei seine Schmerzen.
„Ich bin dem Reiher entkommen!“, freute er sich. Wenn das seine Freunde hörten – er wäre ein Held und die Froschmädchen würden ihn bewundern.
Erst beim Sonnen am Ufer wurde Fred bewusst, dass er gar nicht wusste, wo er war. Und dass es keine anderen Frösche gab, denen er von seinem Heldenmut berichten konnte. Außer ihm und ein paar schillernden Libellen war niemand da. Arglos schwirrten sie in seiner Nähe herum und schienen ihn überhaupt nicht zu fürchten. Fred sah ihnen eine Weile zu. Schwupp… schoss seine lange, klebrige Zunge hervor. Genüsslich verspeiste er sein Mahl und bemerkte erst jetzt, wie hungrig er war. Schwupp… noch einmal und schwupp… daneben! Schnell hatten die Libellen die Gefahr erkannt und flogen an einen sicheren Platz.

Es wurde Abend und mit der einbrechenden Dunkelheit spürte Fred erst richtig, wie alleine er sich fühlte. Traurig setzte er sich auf einen großen Stein und begann zu quaken. Vielleicht würden ihn ja andere Frösche hören und ihm antworten.

So ging das viele Nächte lang. Schließlich stand der Mond dick und rund am Nachthimmel und schaute mitleidig auf den kleinen Frosch hernieder. Und Fred schaute traurig zum Vollmond hinauf.
„Hallo lieber Vollmond! Sag, hast du nicht vielleicht irgendwo ein paar Frösche gesehen? Ich bin so einsam!“
„Tut mir leid, mein lieber Frosch! Ich sah Rehe auf einer Lichtung und einen Uhu bei der Jagd, aber keine Frösche. Aber es ist Nacht und da kann ich nicht jedes Tier sehen!“
„Aber dein Licht strahlt doch so hell. Wenn du ein wenig genauer suchst, so wirst du doch bestimmt …“
„Was soll denn jetzt auch noch dieses nächtliche Geschwätz?“, ertönte da plötzlich eine zornige Stimme. „Erst muss ich mir jede Nacht dieses schreckliche Gequake anhören und nun auch noch das! Ich will schlafen! Was muss ich tun, damit du endlich verschwindest?“
Die Oberfläche des Sees kam in Bewegung und mit einem Mal schlugen hohe Wellen ans Ufer.
Erschrocken starrte Fred aufs Wasser. „Wer spricht denn da?“, stammelte er überrascht.
„Ich bin Juri, der Wassergeist! Mir gehört der See und alle Fische darin.“
So schnell die Wellen gekommen waren, so schnell lag der See wieder wie ein großer schwarzer Spiegel. Aus ihm heraus schaute ein grimmiges Gesicht den kleinen Frosch an. Dicke Augenbrauen verdeckten halb die böse blitzenden Augen und unter der Knollennase wucherte ein dichter Bart. „Warum musste dieser blöde Vogel dich ausgerechnet hier fallen lassen? Konnte er dich nicht sonst wo verlieren oder besser noch: fressen?“

Bevor Fred etwas erwidern konnte, tauchte ein großer Fisch an der Wasseroberfläche auf. Sicherlich wollte er nach den Mücken schnappen, die über dem Wasser im Mondlicht tanzten. Doch stattdessen riss der Wassergeist seinen Mund gierig auf und verschlang den ganzen Fisch mit einem Happs. Fred wurde es Angst und Bange.
„Hmmm, das war lecker!“, meinte der Wassergeist schmatzend. Gähnend wandte er sich wieder an den Frosch. „Du raubst mir seit Tagen den Schlaf! Das ist nicht gut – nein, gar nicht gut!“, murmelte er und in Freds Ohren klang das, als hätte Juri gesagt: „Und jetzt fresse ich dich …“
„Guck mich nicht so an!“, raunzte der Wassergeist. „Ich werde dich nicht fressen. Du bist mir viel zu klein. Außerdem liegst du mir mit deinem andauernden Gequake schon schwer genug im Magen.“
Fred seufzte erleichtert.
Der Wassergeist betrachtete ihn einen Moment lang amüsiert. „Also gut! Wo kommst du her, Frosch? Wie heißt der Teich, wo alle deine Freunde und Verwandten leben?“
„Der Oberbergweiher!“, antwortete Fred leise.
„Kenn ich …“ Jetzt grinste der Wassergeist sogar und Fred war gänzlich verwirrt. „Morgen früh bist du wieder da … versprochen. Und so lange versprichst du mir, nicht mehr zu quaken, klar?“
Fred nickte und Juri verschwand ohne ein weiteres Wort gluckernd im See.
Sprachlos schaute der Frosch ihm hinterher. Nach einigen Minuten blickte er fragend nach oben. „Mond, hast du …?“
Aber der Mond war verschwunden. Am Horizont funkelte es hell und die ersten Sonnenstrahlen berührten die Erde.

Als es vollends Tag geworden war, saß Fred wieder auf seiner Lieblingsseerosenblüte mitten auf dem Oberbergweiher. Um ihn herum war ein fröhliches Quaken. Alle Frösche wollten wissen, wie er dem Reiher entkommen war und wo er sich herumgetrieben habe. Und Fred erzählte, wie er sich verzweifelt gewehrt hatte, zappelte und heftig mit den Hinterbeinen strampelte, bis der Vogel endlich den Schnabel wieder aufsperrte. Es wurde eine lange Geschichte, denn Fred schmückte sie hier und da ein wenig aus. Aber schließlich war alles erzählt und erschöpft machte Fred es sich auf dem Seerosenblatt bequem. Er schloss die Augen und döste in der warmen Sonne ein. Ein verräterisches Plätschern ließ ihn jedoch kurz darauf wieder aufschrecken. Im gleichen Moment legte sich ein großer Schatten über ihn. Mit einem Satz sprang Fred auf und tauchte ins Wasser ein. Er versteckte sich tief im Schlamm und sein Herz pochte heftig. Fast wäre es dem Reiher doch schon wieder gelungen, ihn zu schnappen.
Und da schwor Fred sich: Niemals wieder würde er auf einem Seerosenblatt in der Sonne dösen.


Seerose und Frosch

***
Beide Fotos entstanden an dem kleinen Teich im Wiesengrund in Dudweiler, das obere am am 08. Juni 2010, das untere am 11. Juni 2010.

***

***


Petra R. Müller: Pünktchens Wunsch

24. März 2010

Pünktchens Wunsch
© Petra R. Müller

Langeweile herrschte für die Tiere auf dem großen Bauernhof nie. Immer gab es etwas Neues und Interessantes zu entdecken. Zusammen bildeten sie eine enge Gemeinschaft die sich gegenseitig half. Es war nicht immer leicht, friedlich zusammen zu leben, zu unterschiedlich waren ihre Interessen.
Eines Tages erheiterte Pünktchen die ganze Gruppe, als es erklärte: “Ich wünsche mir Osterhase zu werden.“
Für einen kurzen Augenblick lang war es mucksmäuschenstill. Dann, als ob ein tosender Orkan losbrechen würde, setze von allen Seiten her lautes Gelächter ein.
„Pünktchen, der Witz war gut, hast du noch mehr solcher Sachen auf Lager?“, grunzte ein Schwein.
„Um Himmels willen, siehst du denn nicht, wie sich meine Hennen vor Lachen kaum noch auf der Stange festhalten können“, krähte Oskar der Hahn.
Federchen legte sogar ein Ei. Sie hatte sich beim Lachen verschluckt und als sie daraufhin husten musste, um wieder frei atmen zu können, rutschte das Ei einfach heraus.
„Siehst du, was du da angerichtet hast?“, schnatterte Federchen vorwurfsvoll. „Wegen dir habe ich jetzt mitten auf den Weg ein Ei gelegt. Hier kann jeder darauf rumtrampeln. Ich muss schleunigst zusehen, wie ich es in Sicherheit bringe“.
„Reg‘ dich nicht so auf“, bellte Ben, der Hofhund. „Ich helfe dir. Mit meiner Schnauze rolle ich dein Ei, wohin du es haben willst“
„Wenn das mal gut geht“, meinte Federchen. Doch sie nahm Bens Hilfe gerne an.
Stolz watschelte die Gans vor den Hofhund her, um ihm zu zeigen, an welchen Platz er das Ei rollen sollte. Ben folgte ihr, doch als Federchen sich umdrehte, schrie sie empört auf.
„Du blöder Köter hast ja mein Ei ganz vergessen! So etwas leicht Zerbrechliches kann man doch nicht alleine auf der Straße liegen lassen! Marsch, setz dich in Bewegung und rolle mein Ei hier herüber. Genau an dieser Stelle will ich es liegen sehen.“
„Blöde Gans“, knurrte Ben verärgert. „Da will man nun helfen und wird zum Dank auch noch angeschnauzt. Soll sie doch das nächste Mal zusehen, wie sie ihr Ei aus der Gefahrenzone bekommt! Ich habe ihr schließlich nicht gesagt, dass sie es mitten auf den Weg legen soll.“

Nachdem Pünktchen seinen Wunsch bekannt gegeben hatte, herrschte auf dem Bauernhof große Aufregung. Nur langsam beruhigten sich die Tiere.
Pünktchen verstand nicht, warum es überall ausgelacht wurde. Seiner Meinung nach sollte jedes Kaninchen den Wunsch hegen, Osterhase zu werden. Eine ehrenvollere Aufgabe konnte es sich nicht vorstellen.
Wenn eines der Ferkel Glücksschwein werden wollte, dann lachte ja auch niemand. Selbst Küken, die zum Ziel hatten Wetterhahn zu werden, genossen Anerkennung und Respekt. Warum nur wurde sein Wunsch nicht akzeptiert?

Unter den Tieren galt die Eule als besonders klug. Aber man konnte sie nur nachts im Wald antreffen. Noch dazu war es sehr gefährlich, der Eule einen Besuch abzustatten. Solche, die es wagten die Eule grundlos zu belästigen, mussten dies mit ihrem Leben bezahlen.
Trotzdem nahm das Kaninchen sich vor, in der kommenden Nacht bei der Eule nachzufragen, was an seinem Wunsch so komisch war. Die Demütigungen des vergangenen Tages lagen so schwer auf seinem Herzen, dass es die Angst, gefressen zu werden, leichter ertrug. Aber dann, als die Sonne tiefer sank und die Schatten länger wurden, sehnte sich das kleine Kaninchen in seinen schützenden Stall zurück.
Die Tiere der Nacht waren erwacht und machten Geräusche, die Pünktchen vor Furcht zittern ließen. Er war gerade dabei die Flucht zu ergreifen und auf dem schnellsten Weg nach Hause zurück zu hoppeln, als es über sich die kräftigen Flügelschläge der Eule vernahm.
Pünktchen duckte sich und hörte ein schadenfreudiges: „Zu spät.“
Als das Kaninchen sich aufrichtete, erblickte es die Eule direkt vor sich auf einen niedrig hängenden Ast sitzend. Sie war ein beeindruckend großer Vogel mit grau glänzenden Federn und einem dicken, spitz gebogenen Schnabel, der stark genug war, um gefangene Beute mühelos zu zerreißen.
„Glaubst du denn wirklich, du könntest vor mir fliehen indem du dich duckst? Im gleichen Augenblick, als ich dich erspähte, war es um dich geschehen. Du kannst mir nicht entkommen“, belehrte die Eule das kleine Kaninchen.
„Wer will dir entkommen? Ich habe dich extra aufgesucht um dir eine Frage zu stellen“.
Pünktchen wusste, jetzt kam es darauf an, das Interesse der Eule zu wecken. Wenn ihm dies gelang, war sein Leben gerettet.
„Ja, wenn du mich gesucht hast, darf ich dich dann zum Essen einladen?“, fragte die Eule
„Was hast du denn anzubieten?“, Pünktchen wurde keck, obwohl ihm die Angst tief in den Knochen saß und es überhaupt keinen Hunger verspürte.
„Blöde Frage“, erwiderte die Eule. „Wenn ich dich zum Essen einlade, dann gibt es selbstverständlich Kaninchenragout, was hast du denn gedacht?“
„Kopfsalat wären mir aber lieber“. Pünktchen unterdrückte aufkommende Panik.
Die Eule bog sich vor Lachen. Sie wollte sich mit einem ihrer Flügel den Bauch halten, verlor dabei das Gleichgewicht und landete unsanft auf den Boden. Auf dem Rücken liegend, die Beine in die Luft gestreckt, lachte sie immer noch, nur etwas leiser.
„Dabei hast du bestimmt an Eulenkopfsalat gedacht. Du bist ein urkomischer Typ, weißt du das? So jemand wie dich werde ich nicht verspeisen. Es gibt viel zu wenig Tiere deines Schlags“. Dann richtete sich die Eule auf und fragte das Kaninchen warum es sich der großen Gefahr aussetzte, um ihren Rat einzuholen.
Pünktchen erzähle von seinem Wunsch, Osterhase zu werden und dass es deswegen überall ausgelacht wurde. Von der Eule wollte es wissen, was an seinem Wunsch so lächerlich ist.
„Mal ganz davon abgesehen, dass du ein Kaninchen bist und kein Hase, gibt es noch mehr Dinge, die deinen Wunsch unmöglich machen. Als Osterhase musst du nämlich lernen wie man Eier legt“, antwortete die Eule amüsiert. „Mir ist noch kein Kaninchen begegnet, das dies kann. Vielleicht lachen dich deine Freunde deshalb aus. Doch selbst wenn du Eier legen könntest, oder sie dir irgendwoher besorgst, ist dein Problem damit noch nicht gelöst. Die Eier müssen auch gekocht und bunt angemalt werden. Ich weiß nicht, wie du das hinkriegen willst. Aber wenn du es schaffen solltest, dann sage mir bitte Bescheid. Ich lerne gerne noch etwas dazu“.

Mit hängenden Ohren verabschiedete sich Pünktchen von der weisen Eule. Was es soeben erfahren musste, bedeutete das Ende seines Traums. Sicher, Eier könnte es sich leicht besorgen. Wozu gab es Hühner und Gänse auf dem Hof? Aber die Eier bunt anmalen konnte es nicht. Zudem wusste Pünktchen nicht was Kochen bedeutete und wozu es gut sein sollte.
Zum ersten Mal in seinem Leben rollten Tränen über sein Gesicht. Schweren Herzens nahm es Abschied von seinem Lebenswunsch.
Zu Hause angekommen, verkroch sich das Kaninchen in die hinterste Ecke seines Stalles und versuchte zu schlafen.

Am nächsten Morgen fühlte sich Pünktchen ganz krank. Er blieb in der Ecke hocken und hatte keine Lust den Stall zu verlassen.
„Das kommt nur davon, weil Pünktchen die Eule besucht hat“, vermuteten seine Freunde. Sorgenvoll fügten sie hinzu, „nun liegt es krank im Stall und muss bestimmt bald sterben. Jeder weiß doch, dass es gefährlich ist zur Eule zu gehen, aber dieser Dickkopf kann ja nicht hören“.
Eine Mäusemutter wollte sich nicht damit zufrieden geben, dass Pünktchen im Sterben lag. Für sie war das Kaninchen ein Held. Helden lässt man aber nicht alleine, wenn es ihnen schlecht geht. Man hilft ihnen, damit sie schell wieder auf die Beine kommen. Das war jedenfalls ihre Meinung.
Vorsichtig schlich sie sich in den Kaninchenstall und fand Pünktchen, wie es todtraurig am Boden kauerte. Es war kaum ansprechbar, wollte weder essen noch trinken und hatte auch keine Lust sein Fell zu pflegen. Ganz sanft knabberte die Mäusemutter an Pünktchens Ohr.
„Was ist mit dir los?“, wolle sie wissen. „Gestern warst du noch so lustig, voller Tatendrang und durch nichts zu erschüttern und heute sitzt du da, als hättest du einen Eimer voll Gift gefressen.“
„Ich fühle mich auch so, als hätte ich Gift gefressen“, antwortete Pünktchen.
„Gestern Nacht besuchte ich doch die Eule, weil ich von ihr wissen wollte, was an meinem Wunsch Osterhase zu werden, so lächerlich ist und ihre Antwort zog mir den Boden unter den Füßen weg. Niemals wird aus mir ein Osterhase, dieser Wunsch ist unerfüllbar. Das macht mich so traurig“.
„Na, na“, sagte die Mäusemuter“. „Wer wird denn gleich die Flinte ins Korn werfen? Wenn du Osterhase werden willst, dann kann ich dir vielleicht dabei helfen“.
„Du?“ Pünktchens Ohren streckten sich steif in die Höhe. „Was weißt du denn vom Osterhasen?“
„Mehr jedenfalls als die Eule“, antwortete das Mäuschen leicht beleidigt. „Hast du vergessen, dass ich Nacht für Nacht im Haus der Menschen herumschleiche?“
„Konntest du dabei auch den Osterhasen sehen?“, fragte das Kaninchen hoffnungsvoll.
„Den nicht gerade, aber ich weiß, wann und wo er seine Eier versteckt. Wenn du willst helfe ich dir, dass dein Traum noch dieses Jahr in Erfüllung geht“.
Pünktchen zweifelte an den Möglichkeiten des hilfsbereiten Tierchens.
“Wie willst du aus mir einen Hasen machen der Eier kochen und färben kann? So etwas machen nämlich die echten Osterhasen“.
„Du irrst dich, wenn du glaubst der Osterhase mache all diese Dinge selbst“, erwiderte die Mäusemutter.
„Dieser Schwindler bringt fertige bemalte Eier unter die Leute und tut so, als hätte er sie selbst hergestellt. Woher er die bunten Eier bekommt, weiß ich auch nicht. Es ist mir auch egal. Aber ich kann dir helfen, dass du dieses Jahr die Aufgabe des Osterhasen übernehmen kannst. Welche Rolle spielt es da, dass du gar kein richtiges Häschen bist? Tu einfach so, als ob du der Osterhase wärst. Keiner wird dir das übel nehmen.“
Pünktchen wäre der Maus am liebsten um den Hals gefallen.
„Das ist ja wunderbar, jubelte es. Dann könnte ich all denen, die mich ausgelacht haben, beweisen wozu ein Kaninchen fähig ist“.
Pünktchen besprach mit der Mäusemutter was zu tun sei, um in die Rolle des Osterhasen zu schlüpfen. Ihr Vorschlag begeisterte es. Pünktchen war sich sicher, dass der Plan funktionieren wird. Hoch erhobenen Hauptes verließ es den Stall und suchte nach etwas Essbarem, denn mit seiner Vorfreude, kam auch der Hunger wieder zurück.
Kaum gesellte sich Pünktchen zu den anderen, wurde es von allen anwesenden Tieren umringt. Hühner, Schweine und natürlich auch die geschwätzigen Gänse wollten wissen, was es bei der Eule erlebt hatte.
Pünktchen dachte jedoch nicht im Traum daran, die Neugier derer zu befriedigen, die es am Tag zuvor ausgelacht hatten.
Rache muss sein, dachte es und verkündete stolz:
„Am Sonntag könnt ihr sehen, wie ich zu einem richtigen Osterhase werde, mehr sage ich nicht“.
„Habt ihr das gehört? Pünktchen wird zum Osterhasen. Wer’s glaubt wird selig und wer’s nicht glaubt, der kommt auch in den Himmel“, schnatterte Federchen.
„Du blöde Gans“, brummelte Ben. „Immer musst du über andere herziehen! Pass auf, dass aus dir kein Feiertagsbraten wird. Ich hätte Lust auf ein paar leckere Gänseknochen“.
„Das hast du zum Glück nicht zu bestimmen“, erwiderte Federchen entsetzt und watschelte von dannen.
Pünktchens Bekanntgabe sorgte für noch größere Aufregung, als zuvor die Äußerung seines Wunsches Osterhase zu werden. Einige trauten es ihm zu, andere wiederum nicht. Sie wetteten sogar darauf, ob Pünktchen es schaffen würde. Es gab die unterschiedlichsten Wetteinsätze. Gänse verwetteten ihre Daunen, mit denen sich der Schlafplatz komfortabler ausstatteten ließ, Hühner verzichteten freiwillig auf einen Teil ihres Futters und Oskar, der Hahn, rupfte sich sogar seine schönsten Schwanzfedern aus, nur um an der Wette teilnehmen zu können. Jedes Tier fand etwas anderes, das es einsetzen konnte.

Am darauffolgenden Sonntag war es dann soweit. Es gab noch nie einen Ostersonntag, der so ungeduldig von den Tieren des Bauernhofes erwartet wurde. Trotz strengster Bebachtung Pünktchens, gelang es ihm dennoch, sich unbemerkt aus dem Stall zu schleichen.
Die Mäusemutter hatte von ihrer ganzen Verwandtschaft einen Tunnel graben lassen, der vom Kaninchenstall aus direkt zu jenem Gebüsch führte, unter dem der Osterhase eines seiner Nester zu verstecken pflegte. Kaum hatte das Mäuschen ein Nest entdeckt, eilte sie durch den Geheimgang zu Pünktchen, um ihm Bescheid zu geben. Was nun folgte lag nicht mehr in ihrer Hand.
Zielstrebig zwängte sich Pünktchen durch den Tunnel. Nachdem es unter der Erde hervorgekrochen war, befreite es sein Fell sorgfältig von anhaftenden Erdklumpen. Dann hielt es Ausschau nach dem Osternest und legte sich vorsichtig hinein. Es achtete gewissenhaft darauf keines der buntbemalten Eier zu beschädigen, sondern legte diese behutsam um seinen Körper herum. So wurde aus Pünktchen ein (fast) echter Osterhase.

Dies dachte auch die Tochter des Bauern, als sie das Nest fand.
„Oh Pappi schau doch mal. Ein richtiger Osterhase! Darf ich ihn behalten?“
Während das Mädchen erfreut nach ihrem Vater rief, nahm sie das Kaninchen auf den Arm und streichelte es zärtlich.
Der Bauer erkannte Pünktchen sofort, als er das Kaninchen sah.
„So ein Schlingel, wie konnte es sich nur ins Osternest hinein schmuggeln?“, dachte er verwundert. Doch zu seiner Tochter sagte er schmunzelnd:
„Nur sehr wenige Menschen haben bisher den Osterhasen gesehen. Er ist nämlich sehr scheu. Dir hat er sogar sein Kind anvertraut. Das ist eine große Ehre. Wir werden dem kleinen Kerl ein schönes Zuhause geben.“

***


Antonia Stahn: Max und Mäxchen

19. Februar 2010

Max und Mäxchen und Canor – der einsame Kuckuck
© Antonia Stahn

„So, Mäxchen, du darfst dir noch ein wenig Benjamin Blümchen anhören – bis Papa kommt.“ Sorgfältig deckt Mama ihren kleinen Jungen zu.
„Bitte die Füße extra einmollen, Mama, sie sind heute sooo kalt.“ Einmollen ist Mäxchens Spezialausdruck für Gemütlichkeit.
Mama lächelt und stopft die Decke fest um den kleinen Körper des Jungen. „Gute Nacht, mein Schatz, träum was Schönes.“
„Nacht, Mama, bis morgen.“
Mäxchen kuschelt sich in die Kissen. Ein wenig hört er Benjamin Blümchen zu. Aber eigentlich wartet er nur auf Papa. Er muss ihn etwas Wichtiges fragen.
Eine Weile später klopft es an der Tür. „Wohnt hier der kleine Max?“, fragt eine tiefe Stimme. „Darf man eintreten?“
Mäxchen klettert aus seiner Gemütlichkeit. Er reißt die Tür auf und springt mit einem Satz auf Papas Arm. „Da bist du ja endlich, Papa! Wo warst du heute nur so lange – und erzählst du mir eine Geschichte?“
„Immer mit der Ruhe“, unterbricht Papa. „Zuerst einmal brauche ich unbedingt einen dicken Begrüßungskuss. Der Lkw war kaputt. Die Reparatur hat sehr lange gedauert, mein Junge. Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig. Ich bin froh, wieder hier bei dir und Mama zu sein.“
Schnell klettert der Vierjährige wieder in sein Bett und richtet sich nochmals gemütlich ein.
„Du, Papa, ich muss dich etwas Wichtiges fragen. Oma hat gesagt, dass der Kuckuck in diesem Jahr noch nicht gerufen hat. Sie sagt, das ist kein gutes Zeichen. Gutes Zeichen für was? Und warum ruft der Kuckuck eigentlich?“
„Oh, das ist aber ein Zufall! Ausgerechnet heute habe ich in meinem Merkbuch eine Geschichte über einen Kuckuck gefunden. Vielleicht steht die Antwort auf deine Frage in diesem Buch. Möchtest du die Geschichte hören, Mäxchen?“
Mäxchen nickt und kuschelt sich tiefer in seine Kissen.
Das Merkbuch ist gerade mal so groß wie ein Taschenkalender. Trotzdem liest Papa immer wieder neue Geschichten daraus vor. Der kleine Max hat längst aufgehört, sich darüber zu wundern.
Papa setzt die Brille auf und erzählt.

Die Geschichte beginnt irgendwo in einem fernen, fernen Land. Dort lebte einmal ein wunderschöner, schlanker Kuckuck. Lange schon war er auf der Suche nach einer Frau. Er wollte gern eine Familie haben. Aber er war sehr schüchtern. Es gelang ihm einfach nicht, eine Kuckucksfrau anzusprechen – oder besser gesagt, sie mit seinen Rufen anzulocken.
Irgendwann hat der schüchterne Vogel gemerkt, dass er seinen Ruf verloren hatte. Da wurde er sehr, sehr traurig; und er suchte einen Vogelarzt nach dem anderen auf. Doch keiner konnte ihm helfen.
Eines Tages traf er die alte Elster Federleicht im Wald.
„Na, alter Freund, warum so traurig?“, krächzte sie.

wie die Geschichte weitergeht, erfährst du in der nächsten Folge

***

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art nur mit Zustimmung des Verlags.

Die Geschichte findet sich in dem Buch
Antonia Stahn: Max und Mäxchen
Antonia Stahn
Max und Mäxchen
Kindergeschichten für große und kleine Leser

Mit Illustrationen von Sibylle Rencker
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-7-4

***


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.