Martina Decker: Starius, der Sternenjunge

8. Februar 2011

Starius, der Sternenjunge
© Martina Decker

Benjamin saß zusammen mit seinem Großvater oben auf dem Traktor und sah gebannt zu, wie der Pflug tiefe Furchen in den Ackerboden zog.
Wenn er einmal groß sein würde, wollte er auch Bauer werden!
„Machen wir da nachher auch noch die Kartoffeln rein?“, fragte er und sah den Alten mit großen Augen an. Der Großvater schüttelte den Kopf. „Ne ne min Jung’. Is schon spät!“
„Och, schaaade!“ Benjamin war enttäuscht. Morgen früh würde ihn Mama doch schon wieder abholen und bis zum nächsten Wochenende war es noch so lange hin.
„Jede Arbeit hat ihre Zeit.“ brummte der Großvater. „Du darfst nicht so ungeduldig sein! Schau…“ Er deutete mit dem Zeigefinger auf einen blass leuchtenden Punkt am Himmel. „Da steht schon der Abendstern! Dort wohnt Starius. Wenn der so ungeduldig wäre….“
Da war etwas in Großvaters Stimme, was Benjamin augenblicklich die Kartoffeln vergessen ließ. Er folgte dem Fingerzeig und betrachtete den Glitzerpunkt mit zusammengekniffenen Augen. „Es ist doch noch Tag! Sterne sind nachts am Himmel. Und wer ist Starius?“
„Hat dir deine Mutter denn nie vom kleinen Sternenjungen erzählt?“ Der Bauer schüttelte den Kopf. Benjamin sah ihn erwartungsvoll an, doch der Großvater schwieg, zog die letzten Furchen und lenkte den Traktor schließlich zurück auf den Feldweg.
„Opa! Erzählst du mir die Geschichte?“
Der Alte nickte. „Es gibt sehr viele Sternenkinder dort oben – große und kleine, helle und dunklere. Tags über schlafen sie und nachts spielen sie am Himmelszelt. Sie leuchten um die Wette und malen miteinander Sternenbilder. Damit ihnen nichts passiert, hält Vater Mond immer Wacht und ruft sie auch schon mal zur Ordnung, wenn sie gar zu übermütig werden…“
„Wie mein Papa! Der schimpft auch manchmal, wenn ich mit Sebastian in der Wohnung nachlaufen spiele.“ Benjamin überlegte kurz. „ Ist der Mond also der Papa von allen Sternen?“
„Du bist ein schlaues Kerlchen!“ lächelte der Großvater. „Genauso ist es!“
„Und wer ist dann die Mama?“
„Kommst du da nicht selbst drauf?“ fragte der Alte beinahe vorwurfsvoll.
„Die Sonne?“ meinte Benjamin zögernd.
„Richtig! Frau Sonne ist die Mutter aller Sternenkinder.“
„Aber dann sieht sie ihre Kinder ja nie!“ überlegte Benjamin.
„Ja, und der kleine Starius war darüber sehr traurig“, erzählte der Großvater weiter. „Oft fragte er die anderen Sternenkinder nach ihr. Aber die lachten ihn aus. „Starius, du bist ein Dummkopf!“ meinten sie. „Wir sind Sternenkinder und Vater Mond passt auf uns auf. Er erzählt uns die wundervollsten Geschichten von Mutter Sonne. Auch, wenn wir sie niemals sehen werden, so wissen wir, wie sie aussieht und wie sehr sie uns lieb hat.“
Aber dem kleinen Starius genügte das nicht. Wenigstens einmal wollte er sie sehen. Viele Monate vergingen und er wurde immer nachdenklicher. Viel zu oft saß er alleine auf einer Wolke und grübelte, statt sich mit den anderen Sternenkindern zu vergnügen.
Dies blieb natürlich auch Vater Mond nicht verborgen. Eines Tages rief er Starius zu sich. „Sag, mein Sohn, stimmt das, was die anderen Kinder mir über dich erzählen? Du sehnst dich so sehr nach Mutter Sonne, dass du schon gar nicht mehr spielen und leuchten magst?“
Starius nickte stumm und ein paar Tränen kullerten über seine Wangen…“

Der Großvater machte eine kleine Pause und sah Benjamin liebevoll an. „Weißt du eigentlich, dass Sternenkindertränen als Sternschnuppen zur Erde fallen?“
Benjamin schüttelte verhalten den Kopf. „Nur, dass man sich dann was wünschen darf, wenn man eine Sternschnuppe sieht.“ Benjamins Blick ging suchend zum Himmel, der mittlerweile ganz dunkel war. Immer mehr Sterne blitzten auf. Fast erleichtert entdeckte Benjamin keine Sternschnuppe. „Ich glaube, heute ist kein Sternenkind traurig!“ meinte er leise. Dann wandte er sich wieder dem Großvater zu. „Erzähl’ weiter. Hat der Mond dem Sternenjungen helfen können?“
„Väter können immer helfen!“ meinte der Großvater. „Nachdem Vater Mond einige Tage überlegt und sich zwischen Tag und Dunkel mit Mutter Sonne besprochen hatte, ernannte er Starius zum „Sternenkind für Morgen- und Abendstern“. Damit war er ab sofort der erste Stern am Abend und der letzte am Morgen.
„Danke, Vater Mond!“ Mehr konnte Starius damals nicht sagen, so aufgeregt war er. Ab jetzt würde er Mutter Sonne jeden Tag sehen. Er würde ihr von seinen Abenteuern erzählen können und ihre warmen Strahlen würden ihn streicheln.
Vor lauter Glück begann der kleine Sternenjunge noch viel heller zu strahlen.“
„Waren die anderen Sternenkinder da denn nicht neidisch?“
„Ich glaube nicht!“ antwortete der Großvater mit ganzer Überzeugung. “Sie waren ja auch vorher schon zufrieden und bestimmt erzählt Starius ihnen oft von Mutter Sonne!“
Benjamin nickte. „Oh, wir sind ja schon fast da!“ rief er überrascht. Vor ihnen tauchte der Hof seiner Großeltern auf. Oma stand wartend .in der Tür Als Opa den Motor abgestellt hatte, sprang Benjamin von seinem Sitz und rannte auf seine Großmutter zu.
„Oma! Es war toll – wir haben ganz viele Furchen gezogen. Aber der Opa hat noch nicht die Kartoffeln reingelegt. Aber er hat mir die Geschichte vom Sternenjungen erzählt. Oma, was gibt es denn zu Essen? Ich habe einen Bärenhunger?“ Er stürmte an ihr vorbei ins Haus. Die Großmutter sah ihm lachend nach, dann schaute sie ihren Mann an. „Die Geschichte vom Sternenjungen?“
„Erzähl ich dir später! Jetzt hab ich auch Hunger!“ antwortete er und gab ihr einen Kuss. „Pflügen macht hungrig und Geschichten erzählen erst recht!“



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Petra R. Müller: Eissterne

20. Januar 2011



Eissterne
© Petra R. Müller

Als würde Frau Holle ihr Federbett kräftig schütteln, wirbelten Schneeflocken auf die Erde herab.
Freudig begrüßten Kinder die Vorboten des Winters. Sie holten ihre Schlitten aus dem Keller und wachsten die Kufen ein bis sie glänzten. Gut vorbereitet konnten die ersten Rutschpartien losgehen.

„Opa, Opa, sieh doch nur wie es schneit!“, rief Sarah aufgeregt, als ihr Großvater die Tür öffnete.
Sie blickte ihn strahlend an. Für seine Enkelin nahm er sich immer Zeit. Ihrem Opa konnte Sarah alles anvertrauen, worüber sie nachdachte. Ohne die Geduld zu verlieren beantwortete er die kniffligsten Fragen.

Warum fallen die Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel nicht herunter? Warum ist der Himmel hellblau, wenn die Sonne scheint und warum sieht man am Tag keine Sterne? Das alles konnte sie ihn fragen, ohne ausgelacht zu werden. Auch sage er niemals:
„Kind, das verstehst du noch nicht.“

Sie verstand mehr, als Papa und Mama ihr zutrauten. Es kam nur darauf an, wie die Fragen beantwortet wurden.
Opa konnte wunderbar erklären, auch dafür liebte sie ihn. Dass Sarah erst fünf Jahre alt war störte ihn nicht. Manchmal nahm er ein Buch aus seinem Schrank heraus und dann sahen sie sich interessante Bilder an.
Großvater besaß ein Mikroskop für das er lange gespart hatte. Es war sein ganzer Stolz. Niemand durfte es anfassen, auch seine kleine Enkelin nicht. Wenn Opa alleine war, dann beschäftigte er sich stundenlang damit. Sarah fand es langweilig, immerzu hindurch zu sehen. Dazu fehlte ihr die Geduld. Ihre Welt war viel zu aufregend.

Sarah folgte Opa ins Wohnzimmer und wunderte sich darüber, wie kalt es bei ihm war.
„Mach doch das Fenster zu und dreh die Heizung auf, oder willst du zusehen wie Eiszapfen im Zimmer wachsen?“, sagte sie und blickte ihn fragend an.
Ihrem Großvater traute sie allerlei zu. Er war ein ganz besonderer Mensch.
„Du kommst der Sache schon ziemlich nahe. Ich habe dich erwartet, weil ich mir dachte du kommst, wenn es schneit. Gut dass ich mich darin nicht getäuscht habe, ich möchte dir nämlich etwas zeigen. Es wird dir bestimmt gefallen.“
„Muss es denn dabei so kalt sein?
„Ja, denn Eissterne, die ich gleich unter mein Mikroskop lege sind so hauchdünn, dass sie sich bei Wärme sofort auflösen.“
„Wo hast du die Sterne her?“
Neugierig schaute Sarah Opa an. Ihr fiel auf, dass sein Mikroskop mitten auf dem Tisch stand.
„Streck deine Hand aus dem Fenster und sage mir, was du beobachten kannst.“
Sarah tat, was Opa von ihr verlangte.
„Es schneit und wenn die Flocken auf meine Hand fallen, dann werden sie zu Wasser.“
„Siehst du. Jetzt weißt du auch warum ich die Heizung abgedreht habe. Wasser möchte ich dir nämlich nicht zeigen.“
„Da draußen ist doch nur Schnee“, maulte Sarah enttäuscht. „Du hast mir aber Sterne versprochen.“
„Einen Augenblick noch, gleich du wirst sie sehen. Ganz viele Sterne sogar und jeder sieht etwas anders aus.“
Dann holte der Großvater eine Glasplatte aus dem Eisfach, hielt sie ganz kurz aus dem Fenster, damit nur wenige Schneeflocken darauf fielen und schob die Platte unters Mikroskop.
„Wundervoll“, murmelte er zufrieden, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte.
„Komm Sarah, sieh dir das an.“ Er rückte den Stuhl für seine Enkeltochter zurecht.
Zweifelnd schaute Sarah durch die Linse, doch kurz darauf war sie begeistert.
„Das ist ja super toll! Noch nie habe ich so etwas Schönes gesehen. Danke lieber Opa.“
„Nichts zu danken mein Kind. Die Welt ist voller Wunder und ich freue mich, dass ich dir eins davon zeigen kann. Aber jetzt werde ich die Heizung wieder aufdrehen. Hier ist es fürchterlich kalt geworden.“
„Darf ich mir noch ein paar Sterne ansehen?“
„Na klar, solange du willst. Bis es im Zimmer richtig warm geworden ist vergeht noch eine Weile und da die Glasplatten vorher im Eisfach lagen, schmilzt der Schnee nicht so schnell weg.
„Sag Opa, fallen im Winter immer Eissterne vom Himmel?“
„Merke dir liebes Kind, Schnee besteht aus Eiskristallen die wie Sterne aussehen. Immer haben sie sechs Ecken, Strahlen oder runde Enden. Sie gleichen einander, doch nur auf dem ersten Blick. Alle sind einzigartig und wunderschön. Willst du nicht ein Bild von dem malen, was du heute gesehen hast?“

“Oh ja, Opa, das mache ich”, rief Sarah eifrig. “Mein Bild wird auch einzigartig sein, denn ich habe gut aufgepasst. Alle Eissterne male ich anders – und dann schenke ich sie dir. Dann kannst du sie auch im Sommer ansehen.


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Petra R. Müller: Pünktchens Wunsch

24. März 2010

Pünktchens Wunsch
© Petra R. Müller

Langeweile herrschte für die Tiere auf dem großen Bauernhof nie. Immer gab es etwas Neues und Interessantes zu entdecken. Zusammen bildeten sie eine enge Gemeinschaft die sich gegenseitig half. Es war nicht immer leicht, friedlich zusammen zu leben, zu unterschiedlich waren ihre Interessen.
Eines Tages erheiterte Pünktchen die ganze Gruppe, als es erklärte: “Ich wünsche mir Osterhase zu werden.“
Für einen kurzen Augenblick lang war es mucksmäuschenstill. Dann, als ob ein tosender Orkan losbrechen würde, setze von allen Seiten her lautes Gelächter ein.
„Pünktchen, der Witz war gut, hast du noch mehr solcher Sachen auf Lager?“, grunzte ein Schwein.
„Um Himmels willen, siehst du denn nicht, wie sich meine Hennen vor Lachen kaum noch auf der Stange festhalten können“, krähte Oskar der Hahn.
Federchen legte sogar ein Ei. Sie hatte sich beim Lachen verschluckt und als sie daraufhin husten musste, um wieder frei atmen zu können, rutschte das Ei einfach heraus.
„Siehst du, was du da angerichtet hast?“, schnatterte Federchen vorwurfsvoll. „Wegen dir habe ich jetzt mitten auf den Weg ein Ei gelegt. Hier kann jeder darauf rumtrampeln. Ich muss schleunigst zusehen, wie ich es in Sicherheit bringe“.
„Reg‘ dich nicht so auf“, bellte Ben, der Hofhund. „Ich helfe dir. Mit meiner Schnauze rolle ich dein Ei, wohin du es haben willst“
„Wenn das mal gut geht“, meinte Federchen. Doch sie nahm Bens Hilfe gerne an.
Stolz watschelte die Gans vor den Hofhund her, um ihm zu zeigen, an welchen Platz er das Ei rollen sollte. Ben folgte ihr, doch als Federchen sich umdrehte, schrie sie empört auf.
„Du blöder Köter hast ja mein Ei ganz vergessen! So etwas leicht Zerbrechliches kann man doch nicht alleine auf der Straße liegen lassen! Marsch, setz dich in Bewegung und rolle mein Ei hier herüber. Genau an dieser Stelle will ich es liegen sehen.“
„Blöde Gans“, knurrte Ben verärgert. „Da will man nun helfen und wird zum Dank auch noch angeschnauzt. Soll sie doch das nächste Mal zusehen, wie sie ihr Ei aus der Gefahrenzone bekommt! Ich habe ihr schließlich nicht gesagt, dass sie es mitten auf den Weg legen soll.“

Nachdem Pünktchen seinen Wunsch bekannt gegeben hatte, herrschte auf dem Bauernhof große Aufregung. Nur langsam beruhigten sich die Tiere.
Pünktchen verstand nicht, warum es überall ausgelacht wurde. Seiner Meinung nach sollte jedes Kaninchen den Wunsch hegen, Osterhase zu werden. Eine ehrenvollere Aufgabe konnte es sich nicht vorstellen.
Wenn eines der Ferkel Glücksschwein werden wollte, dann lachte ja auch niemand. Selbst Küken, die zum Ziel hatten Wetterhahn zu werden, genossen Anerkennung und Respekt. Warum nur wurde sein Wunsch nicht akzeptiert?

Unter den Tieren galt die Eule als besonders klug. Aber man konnte sie nur nachts im Wald antreffen. Noch dazu war es sehr gefährlich, der Eule einen Besuch abzustatten. Solche, die es wagten die Eule grundlos zu belästigen, mussten dies mit ihrem Leben bezahlen.
Trotzdem nahm das Kaninchen sich vor, in der kommenden Nacht bei der Eule nachzufragen, was an seinem Wunsch so komisch war. Die Demütigungen des vergangenen Tages lagen so schwer auf seinem Herzen, dass es die Angst, gefressen zu werden, leichter ertrug. Aber dann, als die Sonne tiefer sank und die Schatten länger wurden, sehnte sich das kleine Kaninchen in seinen schützenden Stall zurück.
Die Tiere der Nacht waren erwacht und machten Geräusche, die Pünktchen vor Furcht zittern ließen. Er war gerade dabei die Flucht zu ergreifen und auf dem schnellsten Weg nach Hause zurück zu hoppeln, als es über sich die kräftigen Flügelschläge der Eule vernahm.
Pünktchen duckte sich und hörte ein schadenfreudiges: „Zu spät.“
Als das Kaninchen sich aufrichtete, erblickte es die Eule direkt vor sich auf einen niedrig hängenden Ast sitzend. Sie war ein beeindruckend großer Vogel mit grau glänzenden Federn und einem dicken, spitz gebogenen Schnabel, der stark genug war, um gefangene Beute mühelos zu zerreißen.
„Glaubst du denn wirklich, du könntest vor mir fliehen indem du dich duckst? Im gleichen Augenblick, als ich dich erspähte, war es um dich geschehen. Du kannst mir nicht entkommen“, belehrte die Eule das kleine Kaninchen.
„Wer will dir entkommen? Ich habe dich extra aufgesucht um dir eine Frage zu stellen“.
Pünktchen wusste, jetzt kam es darauf an, das Interesse der Eule zu wecken. Wenn ihm dies gelang, war sein Leben gerettet.
„Ja, wenn du mich gesucht hast, darf ich dich dann zum Essen einladen?“, fragte die Eule
„Was hast du denn anzubieten?“, Pünktchen wurde keck, obwohl ihm die Angst tief in den Knochen saß und es überhaupt keinen Hunger verspürte.
„Blöde Frage“, erwiderte die Eule. „Wenn ich dich zum Essen einlade, dann gibt es selbstverständlich Kaninchenragout, was hast du denn gedacht?“
„Kopfsalat wären mir aber lieber“. Pünktchen unterdrückte aufkommende Panik.
Die Eule bog sich vor Lachen. Sie wollte sich mit einem ihrer Flügel den Bauch halten, verlor dabei das Gleichgewicht und landete unsanft auf den Boden. Auf dem Rücken liegend, die Beine in die Luft gestreckt, lachte sie immer noch, nur etwas leiser.
„Dabei hast du bestimmt an Eulenkopfsalat gedacht. Du bist ein urkomischer Typ, weißt du das? So jemand wie dich werde ich nicht verspeisen. Es gibt viel zu wenig Tiere deines Schlags“. Dann richtete sich die Eule auf und fragte das Kaninchen warum es sich der großen Gefahr aussetzte, um ihren Rat einzuholen.
Pünktchen erzähle von seinem Wunsch, Osterhase zu werden und dass es deswegen überall ausgelacht wurde. Von der Eule wollte es wissen, was an seinem Wunsch so lächerlich ist.
„Mal ganz davon abgesehen, dass du ein Kaninchen bist und kein Hase, gibt es noch mehr Dinge, die deinen Wunsch unmöglich machen. Als Osterhase musst du nämlich lernen wie man Eier legt“, antwortete die Eule amüsiert. „Mir ist noch kein Kaninchen begegnet, das dies kann. Vielleicht lachen dich deine Freunde deshalb aus. Doch selbst wenn du Eier legen könntest, oder sie dir irgendwoher besorgst, ist dein Problem damit noch nicht gelöst. Die Eier müssen auch gekocht und bunt angemalt werden. Ich weiß nicht, wie du das hinkriegen willst. Aber wenn du es schaffen solltest, dann sage mir bitte Bescheid. Ich lerne gerne noch etwas dazu“.

Mit hängenden Ohren verabschiedete sich Pünktchen von der weisen Eule. Was es soeben erfahren musste, bedeutete das Ende seines Traums. Sicher, Eier könnte es sich leicht besorgen. Wozu gab es Hühner und Gänse auf dem Hof? Aber die Eier bunt anmalen konnte es nicht. Zudem wusste Pünktchen nicht was Kochen bedeutete und wozu es gut sein sollte.
Zum ersten Mal in seinem Leben rollten Tränen über sein Gesicht. Schweren Herzens nahm es Abschied von seinem Lebenswunsch.
Zu Hause angekommen, verkroch sich das Kaninchen in die hinterste Ecke seines Stalles und versuchte zu schlafen.

Am nächsten Morgen fühlte sich Pünktchen ganz krank. Er blieb in der Ecke hocken und hatte keine Lust den Stall zu verlassen.
„Das kommt nur davon, weil Pünktchen die Eule besucht hat“, vermuteten seine Freunde. Sorgenvoll fügten sie hinzu, „nun liegt es krank im Stall und muss bestimmt bald sterben. Jeder weiß doch, dass es gefährlich ist zur Eule zu gehen, aber dieser Dickkopf kann ja nicht hören“.
Eine Mäusemutter wollte sich nicht damit zufrieden geben, dass Pünktchen im Sterben lag. Für sie war das Kaninchen ein Held. Helden lässt man aber nicht alleine, wenn es ihnen schlecht geht. Man hilft ihnen, damit sie schell wieder auf die Beine kommen. Das war jedenfalls ihre Meinung.
Vorsichtig schlich sie sich in den Kaninchenstall und fand Pünktchen, wie es todtraurig am Boden kauerte. Es war kaum ansprechbar, wollte weder essen noch trinken und hatte auch keine Lust sein Fell zu pflegen. Ganz sanft knabberte die Mäusemutter an Pünktchens Ohr.
„Was ist mit dir los?“, wolle sie wissen. „Gestern warst du noch so lustig, voller Tatendrang und durch nichts zu erschüttern und heute sitzt du da, als hättest du einen Eimer voll Gift gefressen.“
„Ich fühle mich auch so, als hätte ich Gift gefressen“, antwortete Pünktchen.
„Gestern Nacht besuchte ich doch die Eule, weil ich von ihr wissen wollte, was an meinem Wunsch Osterhase zu werden, so lächerlich ist und ihre Antwort zog mir den Boden unter den Füßen weg. Niemals wird aus mir ein Osterhase, dieser Wunsch ist unerfüllbar. Das macht mich so traurig“.
„Na, na“, sagte die Mäusemuter“. „Wer wird denn gleich die Flinte ins Korn werfen? Wenn du Osterhase werden willst, dann kann ich dir vielleicht dabei helfen“.
„Du?“ Pünktchens Ohren streckten sich steif in die Höhe. „Was weißt du denn vom Osterhasen?“
„Mehr jedenfalls als die Eule“, antwortete das Mäuschen leicht beleidigt. „Hast du vergessen, dass ich Nacht für Nacht im Haus der Menschen herumschleiche?“
„Konntest du dabei auch den Osterhasen sehen?“, fragte das Kaninchen hoffnungsvoll.
„Den nicht gerade, aber ich weiß, wann und wo er seine Eier versteckt. Wenn du willst helfe ich dir, dass dein Traum noch dieses Jahr in Erfüllung geht“.
Pünktchen zweifelte an den Möglichkeiten des hilfsbereiten Tierchens.
“Wie willst du aus mir einen Hasen machen der Eier kochen und färben kann? So etwas machen nämlich die echten Osterhasen“.
„Du irrst dich, wenn du glaubst der Osterhase mache all diese Dinge selbst“, erwiderte die Mäusemutter.
„Dieser Schwindler bringt fertige bemalte Eier unter die Leute und tut so, als hätte er sie selbst hergestellt. Woher er die bunten Eier bekommt, weiß ich auch nicht. Es ist mir auch egal. Aber ich kann dir helfen, dass du dieses Jahr die Aufgabe des Osterhasen übernehmen kannst. Welche Rolle spielt es da, dass du gar kein richtiges Häschen bist? Tu einfach so, als ob du der Osterhase wärst. Keiner wird dir das übel nehmen.“
Pünktchen wäre der Maus am liebsten um den Hals gefallen.
„Das ist ja wunderbar, jubelte es. Dann könnte ich all denen, die mich ausgelacht haben, beweisen wozu ein Kaninchen fähig ist“.
Pünktchen besprach mit der Mäusemutter was zu tun sei, um in die Rolle des Osterhasen zu schlüpfen. Ihr Vorschlag begeisterte es. Pünktchen war sich sicher, dass der Plan funktionieren wird. Hoch erhobenen Hauptes verließ es den Stall und suchte nach etwas Essbarem, denn mit seiner Vorfreude, kam auch der Hunger wieder zurück.
Kaum gesellte sich Pünktchen zu den anderen, wurde es von allen anwesenden Tieren umringt. Hühner, Schweine und natürlich auch die geschwätzigen Gänse wollten wissen, was es bei der Eule erlebt hatte.
Pünktchen dachte jedoch nicht im Traum daran, die Neugier derer zu befriedigen, die es am Tag zuvor ausgelacht hatten.
Rache muss sein, dachte es und verkündete stolz:
„Am Sonntag könnt ihr sehen, wie ich zu einem richtigen Osterhase werde, mehr sage ich nicht“.
„Habt ihr das gehört? Pünktchen wird zum Osterhasen. Wer’s glaubt wird selig und wer’s nicht glaubt, der kommt auch in den Himmel“, schnatterte Federchen.
„Du blöde Gans“, brummelte Ben. „Immer musst du über andere herziehen! Pass auf, dass aus dir kein Feiertagsbraten wird. Ich hätte Lust auf ein paar leckere Gänseknochen“.
„Das hast du zum Glück nicht zu bestimmen“, erwiderte Federchen entsetzt und watschelte von dannen.
Pünktchens Bekanntgabe sorgte für noch größere Aufregung, als zuvor die Äußerung seines Wunsches Osterhase zu werden. Einige trauten es ihm zu, andere wiederum nicht. Sie wetteten sogar darauf, ob Pünktchen es schaffen würde. Es gab die unterschiedlichsten Wetteinsätze. Gänse verwetteten ihre Daunen, mit denen sich der Schlafplatz komfortabler ausstatteten ließ, Hühner verzichteten freiwillig auf einen Teil ihres Futters und Oskar, der Hahn, rupfte sich sogar seine schönsten Schwanzfedern aus, nur um an der Wette teilnehmen zu können. Jedes Tier fand etwas anderes, das es einsetzen konnte.

Am darauffolgenden Sonntag war es dann soweit. Es gab noch nie einen Ostersonntag, der so ungeduldig von den Tieren des Bauernhofes erwartet wurde. Trotz strengster Bebachtung Pünktchens, gelang es ihm dennoch, sich unbemerkt aus dem Stall zu schleichen.
Die Mäusemutter hatte von ihrer ganzen Verwandtschaft einen Tunnel graben lassen, der vom Kaninchenstall aus direkt zu jenem Gebüsch führte, unter dem der Osterhase eines seiner Nester zu verstecken pflegte. Kaum hatte das Mäuschen ein Nest entdeckt, eilte sie durch den Geheimgang zu Pünktchen, um ihm Bescheid zu geben. Was nun folgte lag nicht mehr in ihrer Hand.
Zielstrebig zwängte sich Pünktchen durch den Tunnel. Nachdem es unter der Erde hervorgekrochen war, befreite es sein Fell sorgfältig von anhaftenden Erdklumpen. Dann hielt es Ausschau nach dem Osternest und legte sich vorsichtig hinein. Es achtete gewissenhaft darauf keines der buntbemalten Eier zu beschädigen, sondern legte diese behutsam um seinen Körper herum. So wurde aus Pünktchen ein (fast) echter Osterhase.

Dies dachte auch die Tochter des Bauern, als sie das Nest fand.
„Oh Pappi schau doch mal. Ein richtiger Osterhase! Darf ich ihn behalten?“
Während das Mädchen erfreut nach ihrem Vater rief, nahm sie das Kaninchen auf den Arm und streichelte es zärtlich.
Der Bauer erkannte Pünktchen sofort, als er das Kaninchen sah.
„So ein Schlingel, wie konnte es sich nur ins Osternest hinein schmuggeln?“, dachte er verwundert. Doch zu seiner Tochter sagte er schmunzelnd:
„Nur sehr wenige Menschen haben bisher den Osterhasen gesehen. Er ist nämlich sehr scheu. Dir hat er sogar sein Kind anvertraut. Das ist eine große Ehre. Wir werden dem kleinen Kerl ein schönes Zuhause geben.“

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