Marianne Schaefer: Nur ein Stück Eis

21. Januar 2011



Nur ein Stück Eis
© Marianne Schaefer

Felix war ein kräftiger Bursche, obwohl er erst zehn Jahre alt war. Mit Leichtigkeit zog er den schweren Holzschlitten durch den tiefen Schnee. Sina, seine zwei Jahre jüngere Schwester, stapfte schnaufend neben ihm her.
„Heut hab’ ich sie wieder heulen hören“, sagte sie zu Felix.
„Wen? Das Luischen?“
„Nein, die Wölfe!“, antwortete Sina und blickte sich ängstlich nach allen Seiten um.
„Vor denen brauchst dich nicht zu fürchten“, beruhigte Felix seine Schwester. „Der Papa sagt, die haben mehr Angst vor uns Menschen, als wir vor ihnen!“
„Was meinst du? Wird unser Luischen jemals laufen lernen?“, wollte Sina von Felix wissen und blickte ihn von der Seite an. „Ich würde so gern mit ihr durch den Schnee tollen!“
„Ich glaube nicht“, antwortete er. „Die Oma sagt immer, dass sei die Strafe. Nein”, verbesserte er sich, “sie sagte, das sei ein Fluch, weil der Papa eine Fremde geheiratet hätte. Keine aus unserem Tal.“
„Jetzt spinnst du aber wirklich, Felix“, schrie Sina. Zornig blickte sie ihn an.
„Seit wann ist die Mama eine Fremde!“
Felix wurde mürrisch.
„Unsere Schwester ist schon vier Jahre alt und kann immer noch nicht laufen. Glaub mir, das wird nichts mehr. Und jetzt gib endlich Ruh. Willst mit mir streiten oder Schlitten fahren?“
Sina schwieg augenblicklich. Sie hoffte wie ihre Mama, täglich auf ein Wunder.
“Lass sie doch alle reden, was sie wollen”, dachte sie trotzig.

Vor ihnen lag die Rodelbahn. Die beiden freuten sich. Heute gehörte sie ihnen alleine. Die anderen Kinder waren längst nach Hause gegangen, denn es begann bereits zu dämmern.
Die Bahn war dick vereist und spiegelglatt. Ihr Schlitten sauste nur so dahin.
Wenn das mal gut geht, dachte Sina und hielt sich krampfhaft an Felix fest, der vor ihr saß.
Dreimal ging die Fahrt gut, doch beim vierten Mal war es schon geschehen. Sie holperten über einen Buckel und verloren die Kontrolle über den Schlitten. Der machte sich selbstständig und näherte sich gefährlich den Tannen, die längs der Piste standen.
„Spring ab! Lass dich fallen!“, schrie Felix. Aber es war zu spät. Der Schlitten schrammte an den Tannen vorbei, die das Tempo zum Glück etwas drosselten. Doch Felix und Sina wurden durch die Luft geschleudert. Benommen blieben die beiden im Schnee liegen.
Felix rappelte sich als erster hoch.
„Sina, bist du noch heil? Ist dir was passiert?“
„Mir fehlt nichts“, stöhnte Sina, “nur mein Hintern tut weh. Ich bin auf einen Brocken Eis gefallen. Bitte hilf mir mal auf die Beine.“
„Ich komme“, rief Felix und schlängelte sich durch die Tannen hindurch.
Während Sina sich den Schnee abklopfte und neben ihn trat, betrachtete er das Eisstück genauer. Es glitzerte und funkelte.
Mit seinem Ärmel wischte er den restlichen Schnee vom Eis.
Beide Kinder machten große Augen. Vor ihnen funkelte ein Bergkristall, so klar und rein, wie sie noch keinen gesehen hatten. Die Sonne schickte ihr letztes Licht, bevor sie hinter den Bergen versank und ließ den Stein in Regenbogenfarben erstrahlen. Es war wie ein Zauber, so, als hätte eine Fee ihn mit ihrem Stab berührt.
Sina rieb sich ihren schmerzenden Hintern.
„Weißt du was das bedeutet?“, freute sie sich. „Einen Bergkristall finden bringt Glück und man darf sich etwas wünschen. Aber das muss unser Geheimnis bleiben. Niemand darf davon erfahren, nicht einmal Mama oder Papa. Und ich weiß auch schon, wo ich ihn verstecke und was ich mir wünsche. In ihren Gedanken sah Sina Luischen, wie sie ihr jauchzend mit erhobenen Armen entgegen lief.


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Petra R. Müller: Eissterne

20. Januar 2011



Eissterne
© Petra R. Müller

Als würde Frau Holle ihr Federbett kräftig schütteln, wirbelten Schneeflocken auf die Erde herab.
Freudig begrüßten Kinder die Vorboten des Winters. Sie holten ihre Schlitten aus dem Keller und wachsten die Kufen ein bis sie glänzten. Gut vorbereitet konnten die ersten Rutschpartien losgehen.

„Opa, Opa, sieh doch nur wie es schneit!“, rief Sarah aufgeregt, als ihr Großvater die Tür öffnete.
Sie blickte ihn strahlend an. Für seine Enkelin nahm er sich immer Zeit. Ihrem Opa konnte Sarah alles anvertrauen, worüber sie nachdachte. Ohne die Geduld zu verlieren beantwortete er die kniffligsten Fragen.

Warum fallen die Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel nicht herunter? Warum ist der Himmel hellblau, wenn die Sonne scheint und warum sieht man am Tag keine Sterne? Das alles konnte sie ihn fragen, ohne ausgelacht zu werden. Auch sage er niemals:
„Kind, das verstehst du noch nicht.“

Sie verstand mehr, als Papa und Mama ihr zutrauten. Es kam nur darauf an, wie die Fragen beantwortet wurden.
Opa konnte wunderbar erklären, auch dafür liebte sie ihn. Dass Sarah erst fünf Jahre alt war störte ihn nicht. Manchmal nahm er ein Buch aus seinem Schrank heraus und dann sahen sie sich interessante Bilder an.
Großvater besaß ein Mikroskop für das er lange gespart hatte. Es war sein ganzer Stolz. Niemand durfte es anfassen, auch seine kleine Enkelin nicht. Wenn Opa alleine war, dann beschäftigte er sich stundenlang damit. Sarah fand es langweilig, immerzu hindurch zu sehen. Dazu fehlte ihr die Geduld. Ihre Welt war viel zu aufregend.

Sarah folgte Opa ins Wohnzimmer und wunderte sich darüber, wie kalt es bei ihm war.
„Mach doch das Fenster zu und dreh die Heizung auf, oder willst du zusehen wie Eiszapfen im Zimmer wachsen?“, sagte sie und blickte ihn fragend an.
Ihrem Großvater traute sie allerlei zu. Er war ein ganz besonderer Mensch.
„Du kommst der Sache schon ziemlich nahe. Ich habe dich erwartet, weil ich mir dachte du kommst, wenn es schneit. Gut dass ich mich darin nicht getäuscht habe, ich möchte dir nämlich etwas zeigen. Es wird dir bestimmt gefallen.“
„Muss es denn dabei so kalt sein?
„Ja, denn Eissterne, die ich gleich unter mein Mikroskop lege sind so hauchdünn, dass sie sich bei Wärme sofort auflösen.“
„Wo hast du die Sterne her?“
Neugierig schaute Sarah Opa an. Ihr fiel auf, dass sein Mikroskop mitten auf dem Tisch stand.
„Streck deine Hand aus dem Fenster und sage mir, was du beobachten kannst.“
Sarah tat, was Opa von ihr verlangte.
„Es schneit und wenn die Flocken auf meine Hand fallen, dann werden sie zu Wasser.“
„Siehst du. Jetzt weißt du auch warum ich die Heizung abgedreht habe. Wasser möchte ich dir nämlich nicht zeigen.“
„Da draußen ist doch nur Schnee“, maulte Sarah enttäuscht. „Du hast mir aber Sterne versprochen.“
„Einen Augenblick noch, gleich du wirst sie sehen. Ganz viele Sterne sogar und jeder sieht etwas anders aus.“
Dann holte der Großvater eine Glasplatte aus dem Eisfach, hielt sie ganz kurz aus dem Fenster, damit nur wenige Schneeflocken darauf fielen und schob die Platte unters Mikroskop.
„Wundervoll“, murmelte er zufrieden, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte.
„Komm Sarah, sieh dir das an.“ Er rückte den Stuhl für seine Enkeltochter zurecht.
Zweifelnd schaute Sarah durch die Linse, doch kurz darauf war sie begeistert.
„Das ist ja super toll! Noch nie habe ich so etwas Schönes gesehen. Danke lieber Opa.“
„Nichts zu danken mein Kind. Die Welt ist voller Wunder und ich freue mich, dass ich dir eins davon zeigen kann. Aber jetzt werde ich die Heizung wieder aufdrehen. Hier ist es fürchterlich kalt geworden.“
„Darf ich mir noch ein paar Sterne ansehen?“
„Na klar, solange du willst. Bis es im Zimmer richtig warm geworden ist vergeht noch eine Weile und da die Glasplatten vorher im Eisfach lagen, schmilzt der Schnee nicht so schnell weg.
„Sag Opa, fallen im Winter immer Eissterne vom Himmel?“
„Merke dir liebes Kind, Schnee besteht aus Eiskristallen die wie Sterne aussehen. Immer haben sie sechs Ecken, Strahlen oder runde Enden. Sie gleichen einander, doch nur auf dem ersten Blick. Alle sind einzigartig und wunderschön. Willst du nicht ein Bild von dem malen, was du heute gesehen hast?“

“Oh ja, Opa, das mache ich”, rief Sarah eifrig. “Mein Bild wird auch einzigartig sein, denn ich habe gut aufgepasst. Alle Eissterne male ich anders – und dann schenke ich sie dir. Dann kannst du sie auch im Sommer ansehen.


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