Barbara Naziri: Das Amulett der Tiere

19. September 2010

Stockente

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Das Amulett der Tiere
© Barbara Naziri

Wir Menschen haben Festtage, die wir fröhlich oder feierlich begehen. Nicht so die Tiere. Für sie ist jeder Tag gleich: fressen, ruhen oder gefressen werden. Manche Tiere müssen sogar für uns arbeiten, andere werden verfolgt und gejagt. Nie zuvor kam einem Menschen der Gedanke, das Tier durch einen Feiertag zu würdigen.
Das verdross die Tiere und so hielten sie Rat. Sie beschlossen, den lieben Gott zu bitten, auch ihnen einen besonderen Tag zu schenken, an dem Friede zwischen allen Tieren herrschen würde und an dem keines dem anderen ein Leid antun dürfte. Dieser Tag sollte festlich und in fröhlicher Runde begangen werden. Nach ihrem Beschluss entsandten sie die Ente Schnatter an die Himmelspforte, die redegewandt und klug war, um dort ihre Bitte vorzutragen. Gesagt – getan. Schnatter trug artig das Anliegen vor, und Gott schenkte den Tieren ihren besonderen Tag. Daraufhin besiegelten sie das freudige Ereignis, indem sie ein gemeinsames Amulett herstellten. Jedes von ihnen gab eine Eigenschaft und einen Teil von sich selbst hinzu. Dieses Amulett sollte ihnen Kraft geben und sie an ihrem Festtag auch voreinander schützen.
Als erstes gab das Schwein eine Borste und seine Klugheit. Das Wiesel folgte auf dem Fuß und gab ein Schnurrhaar und seine Flinkheit, das Schaf etwas Wolle und seine Gutmütigkeit, der Bär gab seine Kraft und eine Kralle, der Fuchs die List und ein Schwanzhaar, die Eule ihre Weisheit und eine Feder, das Bienchen seinen Fleiß und einen Tropfen Honig – und so setzte sich die Reihe fort bis zum letzten Tier. Das Amulett wurde in Ehren gehalten und jedes Mal am Tag der Tiere hervorgeholt. Dort lag es in ihrer Mitte und Dank seiner Kraft herrschte Harmonie unter ihnen.

Wieder einmal rückte der große Tag heran. Von einem vergissmeinnichtblauen Himmel lockte Mutter Sonne selbst die Trägsten aus ihrem Bau hervor. Nur hin und wieder ließ sich ein Wolkenschaf gemütlich vom Sommerwind treiben. Die Vögel übten bereits ihre Lieder für das große Feiertagskonzert. Auf der grünen Waldwiese tuschelten die Gänseblümchen und reckten dem milden Sonnenlicht vergnügt ihre Köpfchen entgegen. Nach und nach fanden sich die Tiere ein, um wie jedes Jahr das Harmoniefest zu feiern.
Nur Schnatter, die sonst so fröhliche und buntgefiederte Ente, deren Schnabel nie stillstand, saß schweigend im Schatten einer alten Eiche. Tatz, der Bär, gesellte sich zu ihr. Tatz war der Älteste unter den Tieren des Waldes und hatte viele Sommer und Winter kommen und gehen sehen. Hier war er der Letzte seiner Art, denn seine Verwandten hatten sich in die Berge des Ostens zurückgezogen. Tatz weigerte sich, seinen heimatlichen Wald zu verlassen. Hier war ihm alles lieb und vertraut. Jeder Baum, jeder Strauch. Er wusste, wo die schmackhaftesten Beeren wuchsen und mit viel Glück erwischte er ab und zu auch mal eine Wabe Honig von den Bienen, ohne sich dabei eine dicke Nase zu holen.
Nun beugte er sich fragend zu Schnatter hinab, wobei er sich mit der Pranke über die schon ergraute Nase fuhr. „Heute ist so ein schöner Spätsommertag“, brummte er. „Selbst die Mücken stechen nicht. Nur Du schaust drein, als wenn es gewittert. Was bedrückt Dich, liebe Schnatter?“
Noch bevor Schnatter den Schnabel aufmachte, näherte sich Schleicher, dem ebenfalls die Einsilbigkeit der Ente aufgefallen war. Geschmeidig ließ er sich neben ihr nieder, während er sie belustigt musterte. Schleicher war ein eleganter Rotfuchs mit einem atemberaubenden Schwanz und der Schwarm aller Fuchsdamen. Im alltäglichen Leben war er allerdings der Feind der Ente, galt er doch als listiger Jäger und berüchtigter Hühnerdieb. In der Tat wäre Schnatter ein Leckerbissen für ihn gewesen, darum war sie stets vor ihm auf der Hut. Seltsamerweise hielt Schleicher eine geheime Macht zurück, sich gerade an ihr zu vergreifen. Heute waren diese Gedanken verbannt, denn sie standen alle unter dem Schutz des Amuletts.
„Was gibt es, meine Freunde? Warum sitzt ihr hier abseits und starrt so trübselig vor euch hin?“ fragte Schleicher mit seidenweicher Stimme.
Da brach es aus Schnatter heraus. Aufgeregt wackelte sie hin und her, flatterte mit den Flügeln und rief mit überschlagender Stimme: „Liebe Freunde, wir sind hier alle vergnügt beieinander. Aber habt ihr schon einmal daran gedacht, dass unser Tag namenlos ist?“
„Namenlos?“, empörten sich einige und nun entstand Unruhe. Stimmen erhoben sich, etwas lauter als gewöhnlich, wie „Recht hat sie!“ „Wieso hat vorher niemand daran gedacht?“ „Natürlich braucht dieser besondere Tag auch einen Namen!“
Waldohr, die Eule, blickte nachdenklich drein. „Schuhu, schuhu“, übertönte sie die aufgeregten Tiere. Sofort senkten sie ihre Stimmen und betrachteten sie mit Ehrfurcht. „Liebe Freunde, überlegt es euch gut. Wenn man etwas benennt, dann ist es für immer! Ein Name ist ein Geschenk. Es sollte von uns allen an alle sein“, sagte sie weise und schüttelte ihr weiches Gefieder, das wie reine Seide schimmerte. Waldohr kam selten an den Rand des Auenwaldes. Sie war ein Geschöpf der Nacht und lebte mit ihren Schwestern und Brüdern tief im Wald, dort, wo kaum ein Mensch den Fuß hinsetzt und das Tageslicht nur mühsam durch das Geäst der Bäume dringt. Dort führen die verwunschenen Wege ins Märchenreich und nur Waldohr kannte die alten Pfade dorthin und den Zauber, der sich dort verbarg.
Sonnentau, die Bienenkönigin, schwirrte heran, aufmerksam umgeben von ihren Wächtern, die sie mit ihrem Leibe schützten, um ihr kostbares Leben zu verteidigen. Seit jeher lebte sie mit ihrem Volk in der hohlen alten Eiche, unter der sich Schnatter, Tatz und Schleicher niedergelassen hatten.
„Schnatter“, summte sie, „gräme Dich nicht. Ich verspreche Dir, wir werden eine Lösung finden, die alle befriedigt.“ Und schon schwirrte sie zu den anderen Tieren, um sich mit ihnen zu beraten.

Doch so lange sie sich auch berieten, eine Einigung wollte nicht aufkommen. Mittlerweile wurde das Wortgefecht heftiger und nur das Amulett verhinderte, dass sie einander ins Fell oder in die Federn gerieten. Da richtete sich das Wiesel Flinkfuß auf und rief erschrocken:
„Mir sträuben sich die Nackenhaare bei diesem Menschentheater. Benehmt euch endlich wie die Tiere! Wenn wir schon wegen des Namens so aneinander geraten, wie sollen wir dann künftig gemeinsam diesen Tag feiern? Denkt daran, nur das Amulett schützt uns noch voreinander.“
„Recht hast du“, antwortete Blöker, das Schaf. „Wir haben unseren Ehrentag bisher in trauter Runde genossen, und so soll es bleiben. Wir müssen recht schnell einen Namen finden, mit dem alle zufrieden sind, um die Harmonie wieder herzustellen.“
„Aber ist nicht gerade das allzu menschlich?“ meldete sich zaghaft die Schweinedame Rosinante. „Die Menschen müssen alles benennen, um es zu verzeichnen. Und dann streiten sie darüber, wem es gehört. Wir sind doch Tiere und wissen, worum es geht!“
Wieder begann ein hitziges Palaver. „Jedes Ding muss seinen Namen haben, damit man sich erinnert und es nicht vergisst“, begründeten sie endlich ihren Beschluss.
Nun stellte sich die Frage, wie die Namensgebung stattfinden sollte, ohne dass sie einander wieder ins Fell oder in die Borsten gerieten.
„Lasst uns einen Wettbewerb veranstalten!“ schlug Flinkfuß vor.
„Einen Wettbewerb?“ fragten die anderen verdutzt.
„Ja, lasst uns singen, tanzen, spielen. Dann stimmen wir gemeinsam ab, wessen Beitrag uns am besten gefallen hat, und nach diesem Tier wird der Tag benannt.
Rosinante spitzte den Rüssel kokett: „Ich werde tanzen.“ Und sie bewegte sich graziös im Kreise und wackelte ordentlich mit dem Hinterteil.
Blöker blickte in die Runde: „Ich spiele Blockflöte. Ich beherrsche allerdings nur das Schafzähllied.“
Wagner richtete sich hoch auf seine Stampfer. „Ich werde singen!“ Der stattliche Eber mit den scharfen Hauern war bei den Säuen sehr beliebt. Besonders Rosinante verehrte ihn heimlich, obwohl er kein Sattelschwein war. Die Hingabe der Schweinedamen schmeichelte Wagners Eitelkeit. Singen konnte er und wenn er erst einmal in Form war, schmolz manches Schweineherz dahin.
So traten die Tiere eins nach dem anderen vor und meldeten ihre Beiträge bei dem Wiesel an, das fleißig alles notierte. Flinkfuß war nun Wettleiter und durfte am Wettbewerb nicht teilnehmen, was ihn keineswegs verdross.

Nun begannen die Darbietungen. Blöker spielte so sanft auf seiner Blockflöte, dass die Vögel beim Schafzähllied einschliefen und reihenweise von den Ästen kippten und erst als Tatz der Bär laut aufschnarchte, wurden alle wieder munter. „Du bist ein Magier auf der Flöte“, rief Tatz überschwänglich, „und hast mich von meiner Schlaflosigkeit geheilt. Ich werde Dich nun häufiger mal aufsuchen.“ Komischerweise war Blöker darüber nicht besonders erfreut.
Waldohr zauberte wunderschöne Bilder hervor, denn sie war der Magie kundig. Als sie ihre Flügel öffnete, zeigten sich darunter ferne Länder und weite Meere. Der König der Tiere hob sein ehrwürdiges Haupt und ließ seinen gewaltigen Ruf erschallen, sodass der Waldboden vibrierte. Antilopen sprangen in hohen Sätzen durch die Savanne und auf dem weiten Meer ließ der Wal seinen lieblichen Gesang ertönen. Darauf senkte sich langsam ein Schleier nieder und der Zauber erlosch.
Tatz versuchte sich im Schattenboxen und brachte durch seine komischen Einlagen alle Tiere zum Lachen. Sonnentau vollführte akrobatische Lufttänze und versetzte alle in Staunen und Schleicher – ja, Schleicher rezitierte tatsächlich mit samtweicher Stimme ein Gedicht. Niemand hatte ihm das zugetraut, und die Tiere waren zutiefst beeindruckt. Rosinante legte trotz leichtem Übergewicht einen graziösen Tanz auf den Moosboden, dass die Sporen flogen. Wagner aber sang zum Steinerweichen. Kein Auge blieb trocken. Ja, selbst der Himmel weinte.
Eine einzige Regenwolke hatte sich vor die Sonne geschoben. Dicke Tropfen fielen auf den weichen Moosboden, während gleichzeitig vom Himmel die Sonne lachte. „Sonnenregen!“, jubelten die Tiere. Wenn das kein glücklicher Tag war! Sonnenregen bringt Segen. Der warme Regenschauer war eine willkommene Erfrischung, denn der Wettkampf hatte die Gemüter doch erhitzt und sollte noch lange fortdauern.
Pfiffikus, das Murmeltier, machte seinem Namen alle Ehre und pfiff die fröhliche Melodie: ‚Liebe Mutter Sonne trage die Erde bei Nacht und auch bei Tage,
halte sie fest und strahle sie an,
damit Mensch und Tier auf dir wachsen kann’.
Das gefiel ihr. Die Regenwolke verdampfte und Mutter Sonne liebkoste dankbar die Tiere mit ihren Strahlen.
Löffler, der Hase, und Lupo, der Wolf, wurden zum Wettrennen aufgerufen. Sie sollten die große Lichtung einmal ganz umrunden. Das Ziel war die alte Eiche. Löffler, der durch seine Furcht mitunter von den Tieren verspottet wurde, betrachtete Lupo ängstlich aus seinen Augenwinkeln. Lupo, der dies bemerkte, trat auf ihn zu und klopfte ihm freundschaftlich mit der Tatze auf den Nacken. „Fürchte Dich nicht, Löffler, es ist unser Tag, und niemand wird dem anderen ein Leid zufügen. Heute sind wir Freunde!“ Beide rannten mit dem Wind und trafen gleichzeitig wieder unter tosendem Applaus am Ziel ein. Da blickten sie einander in die Augen und verstanden, sie hatten einen Sieg über sich davon getragen.
Die Mäuse hatten sich ein besonderes Ballett einfallen lassen. Zierlich aneinandergereiht tänzelten sie auf die Waldbühne. Mausezahn, das jüngste Mitglied, durfte die Ansage machen. Mit piepsiger Stimme kündigte sie stolz Primabella Samtfell an. Ein erstauntes Raunen ging durch das Publikum, denn Samtfell war immerhin eine Katze, die sich nun artig im Tutu vor dem Publikum verneigte. Das Ballett bezauberte alle Tiere. Beifall brauste auf, und Samtfell strahlte bis ins letzte Barthaar, als sie von den Mäusen umringt die Bühne verließ.
So ging es in einem fort. Einen Tag und eine Nacht dauerte der Wettbewerb der Tiere. Den Schluss bildete der Singvögelchor. Aufgeregt zwitschernd warteten die Vögel schon lange auf ihren Einsatz. Sie hatten ein Überraschungslied einstudiert und unter der Leitung von Nathan, dem weisen Uhu. Als es aus hunderten von Vogelkehlen ertönte, saßen die Zuhörer ergriffen da.

Wir halten zusammen, wir Tiere der Welt,
ob gefiedert, ob Schuppe, ob Pelz oder Borste
Unser Tag eint uns alle, weil’s uns gefällt
ob Fisch oder Bär oder Adler im Horste.

Wir halten zusammen, wir Tiere der Welt,
wir lassen uns nicht mehr das Leben verdrießen
ob der Rothirsch im Wald, das Mäuschen im Feld,
kommt herbei, lasst uns die Freude genießen

Wir halten zusammen, wir Tiere der Welt,
weil der Zauber des Amuletts uns lenkt
der Wolf ist lammfromm und der Hase ein Held,
den Tag hat uns heute der Himmel geschenkt

Die Zuschauer sprangen auf. Nichts hielt sie mehr auf den Plätzen. Sie hielten sich an Pranken oder Pfoten und wiegten sich schunkelnd im Takt. Ein Wunder war geschehen. Alle Vögel hatten es verstanden eine gemeinsame Melodie zu trällern, und damit krönten sie ihre eigene Hymne. Die Hymne zum Tag der Tiere.
Ein unbeschreiblicher Jubel brach aus. Als sich die Gemüter etwas beruhigt hatten, erhob sich Flinkfuß, um die Moderation wieder zu übernehmen. „Liebe Freunde! Bei all der Freude dürfen wir nicht vergessen, unseren Sieger zu wählen!“, rief er die Gemeinschaft zur Ordnung. Alle Tiere haben ihr Bestes gegeben. Keine Darbietung ist mit einer anderen vergleichbar. So unterschiedlich wie wir, sind auch unsere gezeigten Fähigkeiten. Darum wird es uns kaum gelingen, einen Sieger aus unserer Runde zu küren, denn wir sind alle gleich gut.“
Schweigen senkte sich auf die eben noch frohe Runde, so still, dass man hätte hören können, wie eine Tannennadel auf den Waldboden fällt. Zögernd erhob sich Rosinante und blickte alle nacheinander an: „Wie wäre es“, schlug sie vor, „wenn wir jedes Jahr den Tag nach einem anderen Tier benennen, und zwar in der Reihenfolge, in der wir unsere Gaben dem Amulett zufügten?“
Blöker vollführte lustige Bocksprünge: „Eine gute Idee! So kommen alle zu ihrem Recht und der Frieden unter uns Tieren bleibt gesichert!“
Freudig stimmten die übrigen Tiere dem Vorschlag zu. Der junge Tag erwachte und am Horizont zeigte sich ein erster zarter Silberstreif, als die Tiere friedlich auseinander gingen.
„Bis nächstes Jahr am ’Schweinetag’“, raunten sie einander fröhlich zu.


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Ein Buchtipp für kleine und große Leser:
Max und Mäxchen
Antonia Stahn
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Kindergeschichten für große und kleine Leser

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Claudia Duhonj-Gabersek: Der Libellensee

10. Juni 2010

Große Pechlibelle - Ischnura elegans - Paarungsherz

Große Pechlibelle - Ischnura elegans - Paarungsherz


Kindergeschichte – Tiergeschichte – Tiere – Fred – Frosch – Libellen – Seerosen – Wassergeist – Himmel – Mond – Vollmond – Teich – Fische – See – Zwergenland – Zwerge – Steinkarpfen – Froschschenkel


Der Libellensee
© Claudia Duhonj-Gabersek

Längst war die Dämmerung hereingebrochen über das Zwergenland Grom.
Die kleinen Zwergenbuben Plim und Plom hätten schon zu Hause sein müssen. Ihre Mutter Tram lugte besorgt aus der Höhle, doch nur der Gesang der Nachtvögel durchbrach die Stille des Waldes. Sie hatte nur die beiden Kinder auf dieser Welt, denn ihr Mann, der starke Hauer Klamm, war vor ein paar Jahren verunglückt. Er war tief im Berge von einem rollenden Felsbrocken erschlagen worden.
Zehn Steinwürfe entfernt von der mütterlichen Behausung spielten Plim und Plom am Ufer des Libellensees. Warum der See so hieß? Ihr könnt es euch denken. Hunderte der schönen Geschöpfe schwirrten um den See oder tummelten sich auf den großen Seerosenblättern, die gemächlich im Wasser trieben.
Vom Himmel her schaute Herr Mond dem Treiben der beiden Jungen zu. Voll und rund war er, wie ein Kürbis, der gleich zu platzen drohte.
Fred Glubsch, der Frosch und sein stummer Freund, der alte Steinkarpfen Gründlich beäugten die Zwergenkinder misstrauisch. Schon so mancher Froschschenkel und der eine oder andere fette Karpfen waren in den großen Eisenpfannen der Zwerge gelandet. Frosch und Fisch gruben sich tief in den Schlamm ein und glotzten nur ab und zu vorsichtig heraus.
Plötzlich geschah es. Mit einem lauten Schmatzen tauchte er auf, der böse Wassergeist Mrz. Er war über und über mit Schlamm bedeckt und Algen wuchsen aus seinen riesigen Ohren. Mit seinen mächtigen Greifzangen packte er die Kinder und verschwand mit ihnen in der Tiefe des Sees.
Fred Glubsch und Karpfen Gründlich schauten sich an. Nein, man mochte Zwerge nicht. Sie waren laut und plump und gefährlich dazu. Aber das hier waren Kinder. Ihre jämmerlichen Schreie waren ihnen durch Schall- und Schwimmblase gedrungen.
Der Herr Mond da oben hatte alles mit angesehen. Eine Träne lief über sein Kratergesicht und als sie verdunstete, legte sich ein dichter Nebel über das Land Grom.
Zwei Tage waren vergangen. Immer wieder kamen Gruppen von Zwergen an den See und riefen laut nach den Kindern. Frosch und Fisch aber dachten an die große Eisenpfanne und gruben sich noch tiefer ein.
Als die Zwerge verschwunden waren, schwammen die beiden ein wenig im See. Nachdenklich glotzte Fred seinem Freund in die Augen. Plötzlich hatte er eine Idee:
“Quak, quak. Quaaak, quaaaakk?”, fragte er seinen Freund und der blubberte zustimmend ein paar Blasen aus dem Maul. Gemeinsam tauchten sie in den See hinab, immer tiefer und tiefer.
Lange Zeit fanden sie nichts, Doch dann trafen sie auf eine Krebsfamilie, die ihnen, eifrig mit den Scheren klappernd, den Weg zeigte. Sie tauchten hinter den Krebsen durch einen engen Gang und fanden sich in einer riesigen Höhle wieder.
Die ächzende Stimme des Wassergeistes Mrz hallte von den Wänden:
“Esst nur, ihr Kinder, esst den Tang, denn was anderes werdet ihr die nächsten hundert Jahre nicht kriegen”.
Plim und Plom weinten bitterlich.
Frosch und Fisch hatten genug gehört. Ohne ein verräterisches Plätschern machten sie sich auf den Rückweg.
Als sie aufgetaucht waren und sich ein wenig erholt hatten, rief Fred nach den Libellen. Die Jungfern kamen eine nach der anderen angeflogen. Mit gebührendem Abstand, denn man fürchtete die lange Froschzunge, scharten sie sich um Fred.
Mit aufgeregtem Quaaaak Quaaaak erzählte er den Schönen die ganze Geschichte.
Da machte sich der riesige Libellenschwarm auf den Weg zur Höhle der Zwergenmutter. Sie hatte kein Auge zugetan, seit die Buben fort waren und unaufhörlich flossen ihre Tränen. In ihrer Behausung hatten sich schon Pfützen gebildet, so sehr weinte sie.
Zuerst wollte sie mit ein paar Nachbarn zusammen die Libellen verjagen, aber dann begriff Tram: “Sie wollen uns etwas zeigen, schlagt nicht nach ihnen”.
Die Libellen führten die Zwergenschar zum See, wo sie schon von Fred Glubsch und Herrn Gründlich erwartet wurden.
Die vier kräftigsten Zwerge tauchten mit Frosch und Karpfen in die Tiefe. Mir nix dir nix packten zwei von ihnen den bösen Wassergeist, während die anderen beiden Plim und Plom auf ihre Schultern setzten.
Endlich tauchten sie am Ufer auf und stiegen aus dem Wasser. Was war das ein Herzen und Küssen, als die Mutter ihre beiden Söhne in die Arme nahm. Plim und Plom war das schon fast peinlich, denn die Zwerge lachten. Auch Fred Glubsch konnte sich ein fröhliches Quaaaaak nicht verkneifen und Herr Gründlich blubberte munter mit.
Die starken Zwerge sperrten den Wassergeist Mrz in eine ihrer tiefen Höhlen und verschlossen sie mit einem schweren Felsbrocken. So konnte der Böse nie mehr Unheil anrichten.
Zum nächsten Vollmond feierten die Zwerge ein großes Fest am Seeufer. Manch guten Happen warfen sie Fred und Gründlich zu und den Libellen schenkten sie feinsten Honig.
Herr Mond war’s auch zufrieden und strahlte rund und fett vom Himmel, als hätte er nie etwas anderes getan.
In dieser Nacht noch schworen die Zwerge am See einen heiligen Schwur. Selbst in der größten Wintersnot wollten sie doch eines niemals mehr tun: Froschschenkel und Karpfen essen. Höchstens ein Forellchen ab und zu … denn Zwerge sind ja auch nur – halbe – Menschen.

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Das Foto entstand am 10. Juni 2010 an dem kleinen Teich im Wiesengrund in Dudweiler.
Noch mehr Libellen-Fotos gibt es auf dem Libellen-Blog
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Martina Decker: Fred der Frosch

10. Juni 2010

Fred, der Frosch

Fred, der Frosch


Kindergeschichte – Tiergeschichte – Tiere – Fred – Frosch – Reiher – Libellen – Seerosen – Wassergeist – Himmel – Mond – Vollmond – Teich – Fische – See


Fred, der Frosch
© Martina Decker

„Wo bin ich?“, murmelte Fred und blinzelte verwirrt in das helle Licht. Alles tat ihm weh und er traute sich nicht, seine Froschbeine auch nur ein bisschen zu bewegen.
Das Letzte, an das sich erinnern konnte, war der Schnabel eines Reihers und wie er darin verschwunden war. Fred hatte auf einem Seerosenblatt in der Sonne gedöst und völlig vergessen, achtsam zu sein.
„Bin ich jetzt im Himmel?“, überlegte er. Wenn der Reiher ihn gefressen hatte, war das nur wahrscheinlich. Er war immer ein guter und braver Frosch gewesen und gute Frösche kommen in den Himmel, hatte seine Mama gesagt.
„Quatsch!“, gab er sich selbst die Antwort. „dann würde mir nicht alles wehtun. Ein toter Frosch im Himmel hat keine Schmerzen.“
Umständlich richtete Fred sich auf und versuchte einen kleinen Sprung. „Autsch!“, entfuhr es ihm und er entdeckte die große Schürfwunde an seinem rechten Froschschenkel. „Besser als gebrochen!“, stellte er erleichtert fest und sah sich vorsichtig um. Es roch nach Wasser und tatsächlich: nicht weit vor ihm lag ein kleiner See. Glücklich hopste Fred ans Ufer und kühlte sich erst einmal ordentlich ab. Übermütig tauchte er durch die Fluten und vergaß dabei seine Schmerzen.
„Ich bin dem Reiher entkommen!“, freute er sich. Wenn das seine Freunde hörten – er wäre ein Held und die Froschmädchen würden ihn bewundern.
Erst beim Sonnen am Ufer wurde Fred bewusst, dass er gar nicht wusste, wo er war. Und dass es keine anderen Frösche gab, denen er von seinem Heldenmut berichten konnte. Außer ihm und ein paar schillernden Libellen war niemand da. Arglos schwirrten sie in seiner Nähe herum und schienen ihn überhaupt nicht zu fürchten. Fred sah ihnen eine Weile zu. Schwupp… schoss seine lange, klebrige Zunge hervor. Genüsslich verspeiste er sein Mahl und bemerkte erst jetzt, wie hungrig er war. Schwupp… noch einmal und schwupp… daneben! Schnell hatten die Libellen die Gefahr erkannt und flogen an einen sicheren Platz.

Es wurde Abend und mit der einbrechenden Dunkelheit spürte Fred erst richtig, wie alleine er sich fühlte. Traurig setzte er sich auf einen großen Stein und begann zu quaken. Vielleicht würden ihn ja andere Frösche hören und ihm antworten.

So ging das viele Nächte lang. Schließlich stand der Mond dick und rund am Nachthimmel und schaute mitleidig auf den kleinen Frosch hernieder. Und Fred schaute traurig zum Vollmond hinauf.
„Hallo lieber Vollmond! Sag, hast du nicht vielleicht irgendwo ein paar Frösche gesehen? Ich bin so einsam!“
„Tut mir leid, mein lieber Frosch! Ich sah Rehe auf einer Lichtung und einen Uhu bei der Jagd, aber keine Frösche. Aber es ist Nacht und da kann ich nicht jedes Tier sehen!“
„Aber dein Licht strahlt doch so hell. Wenn du ein wenig genauer suchst, so wirst du doch bestimmt …“
„Was soll denn jetzt auch noch dieses nächtliche Geschwätz?“, ertönte da plötzlich eine zornige Stimme. „Erst muss ich mir jede Nacht dieses schreckliche Gequake anhören und nun auch noch das! Ich will schlafen! Was muss ich tun, damit du endlich verschwindest?“
Die Oberfläche des Sees kam in Bewegung und mit einem Mal schlugen hohe Wellen ans Ufer.
Erschrocken starrte Fred aufs Wasser. „Wer spricht denn da?“, stammelte er überrascht.
„Ich bin Juri, der Wassergeist! Mir gehört der See und alle Fische darin.“
So schnell die Wellen gekommen waren, so schnell lag der See wieder wie ein großer schwarzer Spiegel. Aus ihm heraus schaute ein grimmiges Gesicht den kleinen Frosch an. Dicke Augenbrauen verdeckten halb die böse blitzenden Augen und unter der Knollennase wucherte ein dichter Bart. „Warum musste dieser blöde Vogel dich ausgerechnet hier fallen lassen? Konnte er dich nicht sonst wo verlieren oder besser noch: fressen?“

Bevor Fred etwas erwidern konnte, tauchte ein großer Fisch an der Wasseroberfläche auf. Sicherlich wollte er nach den Mücken schnappen, die über dem Wasser im Mondlicht tanzten. Doch stattdessen riss der Wassergeist seinen Mund gierig auf und verschlang den ganzen Fisch mit einem Happs. Fred wurde es Angst und Bange.
„Hmmm, das war lecker!“, meinte der Wassergeist schmatzend. Gähnend wandte er sich wieder an den Frosch. „Du raubst mir seit Tagen den Schlaf! Das ist nicht gut – nein, gar nicht gut!“, murmelte er und in Freds Ohren klang das, als hätte Juri gesagt: „Und jetzt fresse ich dich …“
„Guck mich nicht so an!“, raunzte der Wassergeist. „Ich werde dich nicht fressen. Du bist mir viel zu klein. Außerdem liegst du mir mit deinem andauernden Gequake schon schwer genug im Magen.“
Fred seufzte erleichtert.
Der Wassergeist betrachtete ihn einen Moment lang amüsiert. „Also gut! Wo kommst du her, Frosch? Wie heißt der Teich, wo alle deine Freunde und Verwandten leben?“
„Der Oberbergweiher!“, antwortete Fred leise.
„Kenn ich …“ Jetzt grinste der Wassergeist sogar und Fred war gänzlich verwirrt. „Morgen früh bist du wieder da … versprochen. Und so lange versprichst du mir, nicht mehr zu quaken, klar?“
Fred nickte und Juri verschwand ohne ein weiteres Wort gluckernd im See.
Sprachlos schaute der Frosch ihm hinterher. Nach einigen Minuten blickte er fragend nach oben. „Mond, hast du …?“
Aber der Mond war verschwunden. Am Horizont funkelte es hell und die ersten Sonnenstrahlen berührten die Erde.

Als es vollends Tag geworden war, saß Fred wieder auf seiner Lieblingsseerosenblüte mitten auf dem Oberbergweiher. Um ihn herum war ein fröhliches Quaken. Alle Frösche wollten wissen, wie er dem Reiher entkommen war und wo er sich herumgetrieben habe. Und Fred erzählte, wie er sich verzweifelt gewehrt hatte, zappelte und heftig mit den Hinterbeinen strampelte, bis der Vogel endlich den Schnabel wieder aufsperrte. Es wurde eine lange Geschichte, denn Fred schmückte sie hier und da ein wenig aus. Aber schließlich war alles erzählt und erschöpft machte Fred es sich auf dem Seerosenblatt bequem. Er schloss die Augen und döste in der warmen Sonne ein. Ein verräterisches Plätschern ließ ihn jedoch kurz darauf wieder aufschrecken. Im gleichen Moment legte sich ein großer Schatten über ihn. Mit einem Satz sprang Fred auf und tauchte ins Wasser ein. Er versteckte sich tief im Schlamm und sein Herz pochte heftig. Fast wäre es dem Reiher doch schon wieder gelungen, ihn zu schnappen.
Und da schwor Fred sich: Niemals wieder würde er auf einem Seerosenblatt in der Sonne dösen.


Seerose und Frosch

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Beide Fotos entstanden an dem kleinen Teich im Wiesengrund in Dudweiler, das obere am am 08. Juni 2010, das untere am 11. Juni 2010.

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