Patricia Koelle: Das Traumnest

19. März 2017

Das Traumnest

© Patricia Koelle

„Du darfst noch mal zum Strand gehen, Daniel“, sagte Mama nach dem Abendessen. „Aber nur bis zu der schiefen Palme.“

Die schiefe Palme war Daniels Lieblingsplatz. Sie war so schief, dass man auf ihrem Stamm sitzen und mit den Beinen baumeln konnte wie auf einem Schaukelpferd.

Es waren Daniels erste Sommerferien. Danach würde er in die zweite Klasse kommen. Daniels Papa fand, dass die ersten Sommerferien etwas ganz Besonderes sind. Deswegen hatten sie in diesem Jahr eine weite Reise gemacht, in ein Land, in dem das Wasser im Meer so warm war wie in der Badewanne zuhause. Außerdem gab es da so viele Sterne am Himmel, dass es Daniel ganz schwindlig wurde, wenn er nach oben guckte.

Die Sonne fing gerade an, rot zu werden und unterzugehen, da sah Daniel von seinem Sitzplatz auf der Palme aus etwas sehr Großes, Dunkles aus den Wellen auftauchen. Es wurde immer größer. Ganz langsam krabbelte es an Land. Daniel vergaß vor Schreck beinahe zu atmen. Was, wenn es ein Seeungeheuer war?

Aber als es näher kam, fürchtete er sich nicht mehr. Oder höchstens ein bisschen. Das war ja eine Schildkröte! Er kannte Schildkröten, denn seine Tante hatte eine, die er manchmal mit Salat füttern durfte. Die war aber nur so groß wie seine Hand. Diese hier war so groß, dass Daniel darauf hätte reiten können. Ob sie doch gefährlich war?

Eigentlich sah sie nur sehr müde aus. Daniel sprang von der Palme und ging vorsichtig auf die Schildkröte zu.

„Hallo, ich bin Thea“, sagte diese leise.

Daniel staunte. „Warum kannst du sprechen?“, fragte er.

„Ich bin über hundert Jahre alt“, sagte sie, „ich habe schon sehr viele Menschen getroffen. Außerdem lernt man viel, wenn man so lange lebt.“

„Bist du deswegen so müde?“, wollte Daniel wissen.

„Ja, wahrscheinlich“, sagte Thea. „Bist du jemand, der ein Geheimnis bewahren kann?“

„Ich verpetze nie jemanden“, versicherte Daniel.

„Das ist gut“, meinte Thea. „Ich muss nämlich ein tiefes Loch graben, in das ich meine letzten Eier legen kann. Aber das ist sehr schwer, wenn man so alt und so langsam ist. Könntest du mir wohl helfen?“

„Klar helf ich dir“. Daniel suchte sich eine große Muschelschale und fing mit aller Kraft an, ein Loch in den Sand zu buddeln.

„Wunderbar“, sagte Thea. „Es könnte nur noch ein bisschen größer sein. Damit meine Kinder auch wirklich in Sicherheit sind. Wir wollen ja nicht, dass eine Möwe sie findet. Oder ein Waschbär. Es gibt sogar Menschen, die Schildkröteneier essen, wenn sie sie finden.“

Daniel musste ganz schön schwitzen. Er wusste jetzt, warum Thea Hilfe gebraucht hatte. Als das Loch endlich tief genug war, drehte sie sich mühsam um, und Daniel durfte zusehen, wie lauter runde weiße Eier unter ihrem Schwanz hervorrollten, eines nach dem anderen, und in das Loch kullerten.

„Fertig“, schnaufte Thea nach einer ganzen Weile. „Jetzt bin ich aber froh. Du hast eine Belohnung verdient. Leider kannst du nicht auf mir reiten. Das schaffe ich nicht mehr. Ich bin alt, und du bist schon ein ziemlich großer Junge. Lass mich nachdenken!“

Weil Schildkröten nicht die Stirn runzeln können, schloss sie zum Nachdenken die Augen. Sie dachte sehr lange nach. Schildkröten haben viel Zeit. Es war schon beinahe dunkel. Daniel hoffte, dass sein Vater nicht zu sehr schimpfen würde, weil er so spät nach Hause kam.

„Hast du einen Traum?“, fragte Thea schließlich.

„Was denn für einen Traum?“, fragte Daniel.

„Zum Beispiel einen ganz besonderen Wunsch, der sich erfüllen soll, wenn du groß bist. Vielleicht möchtest du einmal um die Welt segeln oder träumst du davon, Musik zu machen und alle hören dir zu. Oder du würdest gern Astronaut werden und zum Mars fliegen. Vielleicht möchtest du auch einfach nur einen Hund haben. Aber du darfst den Traum nicht verraten.“

Daniel dachte nach. Doch, da wusste er etwas.

„Gut“, sagte Thea, „dann wirf den Traum zu den Eiern in das Loch.“

Daniel fand das merkwürdig, aber er wollte nicht unhöflich sein. Also dachte er sich seinen Traum in seine Hände und warf ihn in das Loch. Natürlich konnte man ihn nicht sehen.

„Und nun mach das Loch vorsichtig wieder zu, so dass niemand sieht, dass hier jemand gebuddelt hat“, sagte Thea.

Daniel schob den ganzen Sand behutsam wieder in das Loch. Danach fegte er mit einem Palmenwedel darüber, damit man die Spuren seiner Finger nicht sah. Und dann streute er noch ein paar kleine Muscheln darauf, so wie sie überall herumlagen. Jetzt war nichts mehr zu sehen. Nur Thea und er wussten von dem Geheimnis.

Langsam wurde er auch müde. Er konnte kaum noch die Augen offen halten.

„Nun können meine Kinder in den Eiern wachsen, jeden Tag ein Stück, und dein Traum wächst mit ihnen“, erklärte Thea. „Wenn sie alle groß genug sind, schlüpfen sie aus. Dann krabbeln sie und der Traum zusammen aus dem Sand und ins Meer.“

„Und was machen sie da?“, fragte Daniel neugierig.

„Dort lernen sie schwimmen und eine Menge anderer Dinge. Vor allem aber wachsen sie jedes Jahr ein Stück, so wie du“, erklärte Thea. „Viele Menschen vertrauen dem Meer ihre Träume an. Aber die meisten davon gehen dort verloren, weil die Menschen sie vergessen und nie wieder abholen. Dann hören sie auf zu wachsen und verschwinden. Aber mit deinem Traum wird das anders sein.“

„Warum denn?“, wollte Daniel wissen.

„Weil eines meiner Kinder immer bei ihm sein wird. Schildkröten sind klug, auch wenn sie noch klein sind. Sie werden ihm den Weg weisen und ihn beschützen. Und eines Tages, wenn du ganz erwachsen bist und an einem Meer stehst, wird dein Traum dich wieder finden. Dann wird er groß und stark genug sein, um dich tragen zu können. Und bis dahin kann ihm nichts geschehen.“ Thea schob sich schwerfällig zurück ins Wasser. „Da kannst du ganz sicher sein. Du hast mein Wort, und das Wort einer großen alten Schildkröte wiegt eine Menge. Machs gut, Daniel.“

Daniel wartete noch, bis Thea ganz untergetaucht war. Dann rannte er schleunigst los, denn jetzt war es schon sehr dunkel und etwas unheimlich, und er hörte seinen Vater rufen. Das Meer war ganz still geworden. Die Wellen waren beinahe eingeschlafen. Nur ein leuchtendes Glühwürmchen bewegte sich noch am Strand unter der Palme. Tief im Sand schliefen die Eier und Daniels Traum und warteten auf die Sonne, die sie ausbrüten würde.

*

Eine sehr viel längere Fassung dieser Geschichte gibt es bei Amazon als eBook.
Patricia Koelle: Das Traumnest
Patrica Koelle
Das Traumnest
eBook
Amazon Kindle Edition
ASIN B004VAYEBQ

***

*
Stichwörter:
Kindergeschichte, Tiergeschichte, Schildkröte, Patricia Koelle, Jugendgeschichte,

Advertisements

Manfred Schröder: Mary und der Riese Ornac

19. März 2017

Mary und der Riese Ornac

© Manfred Schröder

Der Riese Ornac saß auf der Bank vor seinem Haus und blickte missmutig in die Welt. Er hätte so gerne seinem Vetter Holcon, der hoch oben an der Grenze zu Schottland wohnte, einen Brief geschickt. Doch er hatte nie das Schreiben und das Lesen gelernt. Und fragen wollte er niemanden, da er fürchtete, dass man ihn auslachen könnte. So saß er denn da, und weder der Gesang der Vögel noch die farbige Blumenpracht in seinem Garten konnten sein Herz erfreuen. Sicher, er könnte sich zu Fuß aufmachen. Doch es war ein weiter Weg, und Ornac fühlte sich zu alt, diese beschwerliche Reise zu unternehmen. Wie oft hatte er sich darüber geärgert, dass er nicht auch, wie Holcon, die Menschen verlassen hatte, um in der Einsamkeit Ruhe und Frieden zu finden. Doch nun hatte er dazu keine Kraft mehr. So hockte er denn da und grübelte vor sich hin.

Plötzlich ging eine Idee durch seinen Kopf und er lächelte. „Dass mir dieses nie früher eingefallen ist!“, dachte er.

Er erhob sich, ging ins Haus und zog unter seiner Matratze eine Pfundnote hervor. Wie hätte er sein Geld zur Bank bringen können, ohne schreiben, lesen und rechnen zu können? Und er war auch ein misstrauischer Riese. Dann ging er die holperige Straße hinunter, wo sich am Ende Annys Gemischtwarenladen befand, in dem es fast alles zu gab, was man hier so brauchte.

Als er das Geschäft betrat, blickte ihn Anny erwartungsvoll an. „Nun, Ornac, woran fehlts?“

Er fühlte sich auf einmal nicht wohl in seiner Haut, da die anderen Kunden ihn neugierig anschauten. Eine Zeitlang schwieg er. Dann schaffte er es zu sagen .. „Ich brauche einen Bogen Papier, einen Umschlag und einen Bleistift.“

Irgendjemand lachte.

„So, so“, bemerkte Anne. „Papier und einen Bleistift. Willst wohl deinem Liebchen schreiben?“

Jetzt lachten auch alle anderen. Ornac fühlte, wie er rot wurde und wäre am liebsten im Erdboden verschwunden. Ja, so waren sie, die Menschen.

Umständlich packte Anny alles ein, als wolle sie den anderen Zeit lassen, sich an seinem Anblick zu ergötzen.

Als Ornac wieder draußen war, holte er tief Luft und lief so schnell er konnte nach Hause. Er setzte sich auf seine Bank und blickte zur Sonne. Nach ihr richtete er sich immer, falls sie am Himmel zu sehen war, da er keine Uhr besaß. Bald würden die Kinder die Schule verlassen und das kleine Mädchen mit den dunklen und langen Zöpfen würde wie immer an seinem Haus vorbeikommen. Es dauerte nicht lange und er sah, wie es hüpfend die Straße herunterkam.

„Woher kommst du denn?“, fragte er freundlich.

Das Mädchen blieb stehen und schaute Ornac verwundert an. Denn noch nie hatte er es angesprochen.

„Ich komme aus der Schule, Ornac. Warum fragst du?“

Er kratzte sich am Ohr und überlegte, wir er es am besten sagen könnte.

„So, so. Aus der Schule. Ja, ja. Und kannst du denn schon schreiben? Und wie heißt du?“

Das Mädchen lächelte. „Ich heiße Mary. das weißt du doch. Natürlich kann ich das.“

Wieder überlegte Ornac.

„Na, ich weiß nicht. Bist doch noch so klein. Ich glaube das nicht.“

Mary lachte. „Alle Kinder in meiner Klasse können schreiben.“

Ornac zog aus seiner Tasche das Blatt Papier und den Bleistift und reichte es ihr.

„Hier. Schreibe mir etwas auf. Dann glaube ich dir.“

Mary legte ein wenig den Kopf zur Seite und blickte ihn nachdenklich an. „Und was soll ich schreiben?“

Ornac holte tief Luft. „Also.“

Er schwieg wieder, weil er überlegen musste.

„Also“, begann er wieder. „Mein lieber Holcon, ich würde mich freuen, wenn du mich mal wieder besuchen könntest. Du bist jünger und rüstiger, während ich …“

Und Ornac redete und redete, bis alle beiden Seiten des Papiers vollgeschrieben waren.

„Das Blatt ist voll“, sagte Mary.

„Na, dann zeig mal her. Mal sehen, wie viele Fehler du gemacht hast.“

Mary reichte ihm das Blatt und Ornac tat so, als würde er lesen.

„He, Ornac“, sagte Mary. „Du hältst das Papier falsch herum. Die Schrift steht jetzt auf dem Kopf.“

!Ach du Schande!“, dachte Ornac. Und laut sagte er: „Ja, ja, das weiss ich selber. Wollte es gerade herumdrehen.“

Mary lachte laut auf. „Weißt du was ich denke. Du kannst gar nicht lesen.“

Ornac beugte sich zu ihr herunter und legte seine Stirn in drohende Falten.

„Willst du sagen, dass ich lüge? Vorsichtig. Denn ich bin ein gewaltiger Riese, der dich mit einem Happen verschlingen kann.“

Doch Mary hatte keine Angst. „Hör zu“, sagte sie freundlich. „Wenn du willst, kann ich dir das Schreiben und das Lesen beibringen.“

Ornac wusste nicht, was er sagen sollte. Er richtete sich wieder auf und überlegte. Schreiben und lesen. Ach, das wäre schön.

„Und wirst du niemanden davon erzählen?“

„Ach Ornac.“ Jetzt war Mary ein wenig gekränkt. „Ich bin doch keine Tratschsusi.“

„Natürlich nicht“, beeilte sich Ornac zu sagen. Denn er wollte nicht, dass sie es sich womöglich anders überlegte.

„Gut“, sagte Mary. „Morgen um dieselbe Zeit, können wir hier in deinem Garten Unterricht abhalten“.

Sie gebrauchte das Wort Unterricht. Denn ein wenig stolz war sie schon, wie eine Lehrerin zu sein.

„Du musst dir nur noch ein Heft besorgen.“

Ornac versprach es und sein Herz hüpfte vor Freude. Noch am gleichen Tage besorgte er sich ein großes Heft und einen Radiergummi. An den Radiergummi hatte er selber gedacht. Denn er würde bestimmt viele Fehler machen. Und fünf Mal in der Woche, immer wenn Mary aus der Schule kam, saßen sie in seinem Garten und Ornac lernte Lesen und Schreiben.

Einfach war es für beide nicht. Doch Ornac war gelehrig und Mary geduldig.

Und eines schönen Tages, der Herbst neigte sich seinem Ende zu, ging Ornac die Straße hinunter, betrat Annys Gemischtwarenladen und fragte nach einer Zeitung. Es wurde still im Geschäft und alle blickten auf ihn. Denn niemand hatte je geglaubt, dass er lesen könne.

„So so.“ Anne grinste. „Eine Zeitung willst du. Hier. Na, dann lies uns mal vor, was es so an Neuigkeiten gibt.“

Ornac strahlte übers ganze Gesicht. „Wenn ihr nicht selber lesen könnt. Gut.“ Er blickte auf die Hauptseite.

„Auch dieses Jahr zweifelt niemand daran, dass Liverpool wieder Fußballmeister wird.“

Er schaute in die Runde und sah mit Genugtuung, wie ihn alle ungläubig anstarrten.

„Ach, ja. Und hier steht, dass die Königin trotz ihrer 80 Jahre noch immer gesund und rüstig ist.“ Bevor er nach draußen ging, sagte er noch. „God save the Queen!“

Und stolz ging er mit der Zeitung unterm Arm die Straße zu seinem Haus hinunter.

*

Stichwörter:
Kurzgeschichte, Kindergeschichte, Märchen, Manfred Schröder, Riese, Mary


Manfred Schröder: Klein-Mary und der Riese Maclef

19. März 2017

Klein-Mary und der Riese Maclef

© Manfred Schröder

Klein-Mary war in den Wald gegangen, um Beeren zu suchen. Doch bald kam sie vom Wege ab und wusste nicht mehr, wo sie sich befand. Doch sie hatte keine Angst. Klein-Mary war ein mutiges Mädchen. Und immer wieder fand sie Beeren, schöne große blaue Beeren, die sie besonders mochte. Mit der Zeit wurde es dunkler und sie überlegte nun doch, welchen Weg sie nehmen sollte, um wieder nach Hause zu kommen. Denn ihr kleiner Korb war voll mit von Beeren.

Da sah sie zwischen den Bäumen eine Hütte.

Klein-Mary ging auf sie zu und gewahrte einen Riesen, der auf der Bank saß, welche unter dem Fenster stand, und Kartoffeln schälte.

Klein-Mary blieb vor ihm stehen. „Was machst du da?“

Der Riese hob seinen Kopf. „Ich schäle Kartoffeln, wie du siehst. Und wer bist du?“

Sie lachte. „Ich bin Klein-Mary. Und wie heißt du?“

Der Riese legte seine Stirne in Falten. „Ich bin der Riese Maclef. Und du wärst gerade ein richtiger Happen für mich. Kartoffeln habe ich ja schon.“

Klein-Mary lachte wieder.

Maclefs Gesicht wurde drohender. „Lachst du über mich? Vorsichtig, denn ich bin ein gewaltiger Riese.“

Die Mundwinkel von Klein-Mary gingen von einem Ohr zum anderen. „Ach, Maclef, ich lache immer!“

Maclef brummte. „So, so. Lachst immer. Na, da an dir ja nicht viel Fleisch dran ist, werde ich mich wohl mit Rüben zufrieden geben müssen.“

Sein Blick fiel auf das Körbchen. „Was hast du denn da drin?“

„Hmm,“ sagte Klein Mary, und lachte wieder. „da sind Beeren drin. Möchtest du auch welche“?

Maclef erhob sich. „Warte hier. Ich gehe noch in den Garten und hole Rüben. Ja, Beeren mag ich immer.“

Klein-Mary setze sich neben einem Baum und schaute einem Eichhörnchen zu, welches flink von Ast zu Ast sprang. Sie lächelte. Während sie so da saß, fühlte sie, wie sie müde wurde. Ihr Köpfchen senkte sich und bald war sie eingeschlafen.

*

Alle waren sie aufgeregt, weil Klein-Mary verschwunden war. Papa und Mamma, Opa und Oma und alle Nachbarn gingen los, ein jeder mit einer Taschenlampe, um sie zu suchen. Doch Klein-Mary war nirgendwo zu finden.

Da kam jemand auf die Idee, zum Wald zu gehen. Und als sie zum Waldesrand kamen – wen sahen sie da, friedlich schlafend neben einem Baum liegen? Klein-Mary.

Als die Mutter sie hochheben wollte, wurde Klein-Mary wach. Sie blickte sich suchend um.

„Wo ist Maclef?“, fragte sie.

Alle blickten sie erstaunt an.

„Wer ist Maclef?, fragte Oma.

„Das ist doch der Riese, der nur in den Garten gehen wollte um Rüben zu holen.“

Der Vater lachte. „Ach, Klein-Mary. Du bist hier eingeschlafen und hast geträumt.“

Klein-Mary schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe wirklich den Riesen getroffen …“

Die Mutter stieß den Vater an. Und dieser verstand.

„Aber natürlich. Komm. Zuhause kannst du uns mehr erzählen.“

Klein-Mary lächelte und nickte. Und am Abend, vor dem Zubettegehen, bei Eis und blauen Beeren, ja, da erzählte Klein-Mary alles, was sie mit dem Riesen Maclef erlebt hatte. Und es wurde eine lange, lange Geschichte.

*

Stichwörter:
Kurzgeschichte, Kindergeschichte, Märchen, Manfred Schröder, Riese, Mary


Agnes Jäggi: Jan und seine zauberhaften Freunde

18. März 2017

Jan und seine zauberhaften Freunde

© Agnes Jäggi

Der Herbst zog über das Land und färbte die Welt wunderbar bunt. Das Tal lag eingebettet zwischen hohen Bergen im Süden und prachtvollen Kiefern- und Buchenwäldern im Norden. Jan stand auf einem der hohen sanft geschwungenen grünen Hügel und blickte auf den schmalen klaren Fluss hinunter, welcher sich in zahlreichen Kurven durch das Tal wand. Es war ein kühler schöner Herbsttag und der Himmel wölbte sich weit über das stille Tal. Jans Herz füllte sich mit Trauer, als er daran dachte, dass er dieses, sein Zuhause, bald würde verlassen müssen. Ein kalter Wind fuhr roh durch Jans dicke braune Windjacke und liess sein blondes langes Haar wild um sein schmales, gebräuntes Gesicht flattern.

„Hier will ich bleiben“, dachte der Junge trotzig, „die bringen mich nicht weg von hier, nicht solange ich lebe!“

Er beobachtete einen Habicht, der gemächlich seine Kreise unter dem weiten blauen Himmel zog. Jan versuchte, sich in die Gedanken des Habichts einzuschalten, doch es gelang ihm nicht. Er war zu wütend, zu aufgeregt. Normalerweise konnte er sich mit den Tieren im Tal verständigen. Diese Kunst hatten ihm seine Freunde aus dem Wald mit viel Geduld beigebracht. Der Vogel zog weiter und entschwand den Blicken des Jungen.

Jan war vor Kurzem zwölf geworden. In wenigen Wochen hätte er ins nahe gelegene Gymnasium übertreten und bei seinen Freunden und bei Mama Nanina bleiben können. Doch dann hatte sich seine leibliche Mutter gemeldet. Angeblich hatte sie plötzlich starke Muttergefühle für ihn entwickelt und wollte ihn zurückhaben. Waren alle Erwachsenen so? Konnten sie einfach über ihre Kinder verfügen wie es ihnen gerade in den Kram passte? Jans Magen krampfte sich zusammen. Wütend schlug er mit dem Fuss auf einen Stein. Der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen.

Eines Tages war ein dürrer Mann in schwarzem Anzug, weissem Hemd und schwarzer, zu eng gebundener Krawatte vor dem Häuschen seiner Mama Nanina gestanden und hatte Einlass begehrt. Er hatte sich als Raimund Klage vorgestellt, Anwalt aus der Stadt Zürich. Er vertrete, so erklärte er hochtrabend, die Interessen einer gewissen Elise Nunninger, deren Sohn Jan hier lebe. Nanina liess den Mann eintreten und bot ihm Kaffee an. Der Anwalt hatte ihr einige Tage zuvor einen Brief zugestellt mit einer Erklärung von Jans leiblicher Mutter. Darin stand unter anderem, sie wäre damals zu jung gewesen, um für ein Kind zu sorgen und hätte zudem Angst vor ihrem strengen Vater gehabt. Nun verfüge sie jedoch über genügend finanzielle Mittel, um ihrem Sohn eine angemessene Erziehung und eine gute Ausbildung angedeihen zu lassen. Der Brief endete mit den Worten: „Liebe Frau Nanina, ich bin Ihnen dankbar dafür, was Sie für mein Kind getan haben und ich weiss, dass es sehr schwer ist für Sie. Doch Tatsache ist, dass ich seine Mutter bin und wir beide sollten das tun, was für den Jungen am besten ist. Bitte verzeihen Sie mir, aber ich kann nicht anders.“ Nanina waren die Tränen über die Wangen gelaufen, als sie den Brief gelesen hatte, und ihr Herz begann wild zu rasen. Sie wollte Jan nicht hergeben, doch hatte sie nicht die Möglichkeiten, dem Jungen das zu bieten, was er verdiente. Auch fühlte sie sich seit Längerem krank und müde.

Ihr Arzt hatte bei ihr eine bedrohliche Herzschwäche festgestellt. „Frau Nanina, Sie müssen sich sehr schonen. Am besten wäre eine Kur in einem Sanatorium.“

„Ach, Herr Doktor“, hatte Nanina geantwortet, „wenn meine Zeit gekommen ist, dann hilft auch keine Klinik weit weg von meinem Zuhause. Hier bleibe ich, hier bin ich glücklich.“

Der alte weisshaarige Arzt konnte Frau Nanina verstehen. Auch er hatte fast sein ganzes Leben hier im Tal verbracht. Und in den Jahren seines Studiums und der Ausbildung hatte er unter Heimweh gelitten.

Er tätschelte Naninas Schulter und sagte: „Liebe Freundin, seien Sie vorsichtig. Ich bin froh, dass Jan sich um Sie kümmert. Er ist wirklich ein ganz famoser Bursche.“

Nanina strahlte: „Ja das ist er, ein wirklicher Schatz.“

Im Moment jedoch fühlte Jan nur Wut. Ja, er war sogar auf Nanina zornig. Wie konnte sie nur zulassen, dass er sie verlassen musste? Von ihren Herzproblemen wusste er nichts. Sie hatte es ihm verschwiegen und gesagt: „Glaub mir, Jan, ich liebe dich von ganzem Herzen und ich will nur das Beste für dich. Du bleibst für einige Jahre in der Stadt, machst eine solide gute Ausbildung und dann kommst du wieder zurück ins Tal, zu mir.“

Es schien Jan, als wäre er plötzlich von der ganzen Welt verlassen worden. Ja, selbst Nanina wollte ihn anscheinend loswerden. Ihn durchfuhr eine schmerzhafte Welle der Empörung. Er spürte die Hitze in sein Gesicht steigen, obwohl es sehr kalt war auf dem Hügel.

„Scheisse! Scheisse!“, schrie er laut ins Tal hinaus und stampfte wütend mit dem Fuss auf. Nanina hasste es, wenn er dieses Wort gebrauchte. Doch jetzt war ihm das egal. Trotzig blickte er zu ihrem Haus, das vom Hügel aus wie ein Puppenhäuschen aussah.

„Scheisse!“, rief er noch einmal. Dann begann er wieder zu weinen.

„Alles wird gut“, wisperte plötzlich eine sanfte Stimme neben ihm.

Jan blickte sich um und entdeckte Knas, einen seiner kleinen Freunde aus dem Wald.

„Heh, Knas“, schniefte er und fühlte sich auf der Stelle besser. Die Anwesenheit des Zwerges tröstete den Jungen, doch gleichzeitig machte er sich Sorgen um ihn.

„Ist es nicht gefährlich für dich, den Wald zu verlassen?“, fragte er besorgt.

„Nicht wenn ich weiss, dass du traurig bist“, antwortete sein Freund.

„Ich will hier nicht weggehen“, brach es aus Jan heraus. „Was soll denn aus Nanina werden? Sie braucht mich doch und ausserdem habe ich sie so lieb.“

Knas blickte eine Weile vor sich hin. Dann sagte er: „Schon klar, dass du hier nicht weggehen willst. Nanina will das nicht und auch wir aus dem Wald sind sehr traurig darüber. Was ich dir zu sagen habe, wirst du wahrscheinlich noch nicht begreifen. Aber glaube mir, du hast in den kommenden Jahren einige wichtige Aufgaben zu erledigen, weit weg von hier. Doch du wirst zurückkommen, ganz bestimmt. Ich kann dir nicht genau sagen, warum du weggehen musst, aber glaub mir, alles in deinem Leben hat seinen bestimmten Grund. Nanina und wir, deine Freunde, werden überall und jederzeit bei dir sein. Wir alle können spüren, wenn du uns brauchst. Und bitte, sei lieb zu Nanina. Sie wird genug zu weinen haben, wenn du fortgehst. Ich verspreche dir auch, dass wir uns um sie kümmern werden.“

„Was sollte ich an einem Ort zu tun haben, wo ich niemanden kenne?“

„Vertrau mir!“, entgegnete Knas einfach.

eBook-Tipp — Sie wollen wissen, wie diese Geschichte weitergeht?
Den vollständigen Roman gibt es bei Amazon als eBook.
Agnes Jäggi: Jan und seine zauberhaften Freunde. Ein Fantasy-Märchen
Jan und seine zauberhaften Freunde
Ein Fantasy-Märchen
eBook Amazon Kindle Edition
ASIN B005E7QPNK

*
<!–
–>

Stichwörter:
Kurzgeschichte, Kindergeschichte, Agnes Jäggi, Märchen, Fantasy, Erzählung, Jugendgeschichte


%d Bloggern gefällt das: