Patricia Koelle: Das Traumnest

19. März 2017

Das Traumnest

© Patricia Koelle

„Du darfst noch mal zum Strand gehen, Daniel“, sagte Mama nach dem Abendessen. „Aber nur bis zu der schiefen Palme.“

Die schiefe Palme war Daniels Lieblingsplatz. Sie war so schief, dass man auf ihrem Stamm sitzen und mit den Beinen baumeln konnte wie auf einem Schaukelpferd.

Es waren Daniels erste Sommerferien. Danach würde er in die zweite Klasse kommen. Daniels Papa fand, dass die ersten Sommerferien etwas ganz Besonderes sind. Deswegen hatten sie in diesem Jahr eine weite Reise gemacht, in ein Land, in dem das Wasser im Meer so warm war wie in der Badewanne zuhause. Außerdem gab es da so viele Sterne am Himmel, dass es Daniel ganz schwindlig wurde, wenn er nach oben guckte.

Die Sonne fing gerade an, rot zu werden und unterzugehen, da sah Daniel von seinem Sitzplatz auf der Palme aus etwas sehr Großes, Dunkles aus den Wellen auftauchen. Es wurde immer größer. Ganz langsam krabbelte es an Land. Daniel vergaß vor Schreck beinahe zu atmen. Was, wenn es ein Seeungeheuer war?

Aber als es näher kam, fürchtete er sich nicht mehr. Oder höchstens ein bisschen. Das war ja eine Schildkröte! Er kannte Schildkröten, denn seine Tante hatte eine, die er manchmal mit Salat füttern durfte. Die war aber nur so groß wie seine Hand. Diese hier war so groß, dass Daniel darauf hätte reiten können. Ob sie doch gefährlich war?

Eigentlich sah sie nur sehr müde aus. Daniel sprang von der Palme und ging vorsichtig auf die Schildkröte zu.

„Hallo, ich bin Thea“, sagte diese leise.

Daniel staunte. „Warum kannst du sprechen?“, fragte er.

„Ich bin über hundert Jahre alt“, sagte sie, „ich habe schon sehr viele Menschen getroffen. Außerdem lernt man viel, wenn man so lange lebt.“

„Bist du deswegen so müde?“, wollte Daniel wissen.

„Ja, wahrscheinlich“, sagte Thea. „Bist du jemand, der ein Geheimnis bewahren kann?“

„Ich verpetze nie jemanden“, versicherte Daniel.

„Das ist gut“, meinte Thea. „Ich muss nämlich ein tiefes Loch graben, in das ich meine letzten Eier legen kann. Aber das ist sehr schwer, wenn man so alt und so langsam ist. Könntest du mir wohl helfen?“

„Klar helf ich dir“. Daniel suchte sich eine große Muschelschale und fing mit aller Kraft an, ein Loch in den Sand zu buddeln.

„Wunderbar“, sagte Thea. „Es könnte nur noch ein bisschen größer sein. Damit meine Kinder auch wirklich in Sicherheit sind. Wir wollen ja nicht, dass eine Möwe sie findet. Oder ein Waschbär. Es gibt sogar Menschen, die Schildkröteneier essen, wenn sie sie finden.“

Daniel musste ganz schön schwitzen. Er wusste jetzt, warum Thea Hilfe gebraucht hatte. Als das Loch endlich tief genug war, drehte sie sich mühsam um, und Daniel durfte zusehen, wie lauter runde weiße Eier unter ihrem Schwanz hervorrollten, eines nach dem anderen, und in das Loch kullerten.

„Fertig“, schnaufte Thea nach einer ganzen Weile. „Jetzt bin ich aber froh. Du hast eine Belohnung verdient. Leider kannst du nicht auf mir reiten. Das schaffe ich nicht mehr. Ich bin alt, und du bist schon ein ziemlich großer Junge. Lass mich nachdenken!“

Weil Schildkröten nicht die Stirn runzeln können, schloss sie zum Nachdenken die Augen. Sie dachte sehr lange nach. Schildkröten haben viel Zeit. Es war schon beinahe dunkel. Daniel hoffte, dass sein Vater nicht zu sehr schimpfen würde, weil er so spät nach Hause kam.

„Hast du einen Traum?“, fragte Thea schließlich.

„Was denn für einen Traum?“, fragte Daniel.

„Zum Beispiel einen ganz besonderen Wunsch, der sich erfüllen soll, wenn du groß bist. Vielleicht möchtest du einmal um die Welt segeln oder träumst du davon, Musik zu machen und alle hören dir zu. Oder du würdest gern Astronaut werden und zum Mars fliegen. Vielleicht möchtest du auch einfach nur einen Hund haben. Aber du darfst den Traum nicht verraten.“

Daniel dachte nach. Doch, da wusste er etwas.

„Gut“, sagte Thea, „dann wirf den Traum zu den Eiern in das Loch.“

Daniel fand das merkwürdig, aber er wollte nicht unhöflich sein. Also dachte er sich seinen Traum in seine Hände und warf ihn in das Loch. Natürlich konnte man ihn nicht sehen.

„Und nun mach das Loch vorsichtig wieder zu, so dass niemand sieht, dass hier jemand gebuddelt hat“, sagte Thea.

Daniel schob den ganzen Sand behutsam wieder in das Loch. Danach fegte er mit einem Palmenwedel darüber, damit man die Spuren seiner Finger nicht sah. Und dann streute er noch ein paar kleine Muscheln darauf, so wie sie überall herumlagen. Jetzt war nichts mehr zu sehen. Nur Thea und er wussten von dem Geheimnis.

Langsam wurde er auch müde. Er konnte kaum noch die Augen offen halten.

„Nun können meine Kinder in den Eiern wachsen, jeden Tag ein Stück, und dein Traum wächst mit ihnen“, erklärte Thea. „Wenn sie alle groß genug sind, schlüpfen sie aus. Dann krabbeln sie und der Traum zusammen aus dem Sand und ins Meer.“

„Und was machen sie da?“, fragte Daniel neugierig.

„Dort lernen sie schwimmen und eine Menge anderer Dinge. Vor allem aber wachsen sie jedes Jahr ein Stück, so wie du“, erklärte Thea. „Viele Menschen vertrauen dem Meer ihre Träume an. Aber die meisten davon gehen dort verloren, weil die Menschen sie vergessen und nie wieder abholen. Dann hören sie auf zu wachsen und verschwinden. Aber mit deinem Traum wird das anders sein.“

„Warum denn?“, wollte Daniel wissen.

„Weil eines meiner Kinder immer bei ihm sein wird. Schildkröten sind klug, auch wenn sie noch klein sind. Sie werden ihm den Weg weisen und ihn beschützen. Und eines Tages, wenn du ganz erwachsen bist und an einem Meer stehst, wird dein Traum dich wieder finden. Dann wird er groß und stark genug sein, um dich tragen zu können. Und bis dahin kann ihm nichts geschehen.“ Thea schob sich schwerfällig zurück ins Wasser. „Da kannst du ganz sicher sein. Du hast mein Wort, und das Wort einer großen alten Schildkröte wiegt eine Menge. Machs gut, Daniel.“

Daniel wartete noch, bis Thea ganz untergetaucht war. Dann rannte er schleunigst los, denn jetzt war es schon sehr dunkel und etwas unheimlich, und er hörte seinen Vater rufen. Das Meer war ganz still geworden. Die Wellen waren beinahe eingeschlafen. Nur ein leuchtendes Glühwürmchen bewegte sich noch am Strand unter der Palme. Tief im Sand schliefen die Eier und Daniels Traum und warteten auf die Sonne, die sie ausbrüten würde.

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Patricia Koelle: Das Traumnest
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Das Traumnest
eBook
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Stichwörter:
Kindergeschichte, Tiergeschichte, Schildkröte, Patricia Koelle, Jugendgeschichte,

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Manuel Hilmer: Der zweite Nikolaus

19. März 2017

Der Komiker Dieter Hallervorden liest

Der zweite Nikolaus

© Manuel Hilmer

Warum? Während wir weiter durch den Schnee stapften, dachte ich über Pauls Frage nach. Warum. Mein Sohn produzierte täglich viereinhalbtausend Fragen mit diesem kleinen Wörtchen und meistens konnte ich sie auch beantworten. Na ja, außer neulich die Sache mit dem Strom aus der Steckdose.

Das halb vom Schnee verdeckte Rot einer Fußgängerampel zwang uns zum Stehenbleiben. Ich wischte eine Schneeflocke von meinem Nasenrücken und sah aus dem Augenwinkel, dass Paul zu mir hochblickte. Seine Augenbrauen gehoben.

„Eine gute Frage“, hatte ich ihm zuvor bescheinigt – mit langgezogenem ‚u‘. Das war immer meine Antwort, wenn ich keine Antwort hatte.

Warum also hatte mein Sohn kurz hintereinander zwei Nikoläuse gesehen? Beide einen Kopf kleiner als ich, wobei man aus der Körperfülle des einen gut und gern zwei hätte kneten können. Womit ich wieder beim Thema war.

„Papa?“

„Ja?“ Diesmal dehnte ich kräftig das ‚a‘. Ich brauchte Zeit zum Nachdenken.

„Wir fragen einfach daheim die Mama.“

Diese ultimative Drohung heizte meinem Gehirn ordentlich ein und brachte mich schließlich auf eine Idee. „Hab ich dir eigentlich schon vom Krampus erzählt?“

„Ja klar, dem mit der Rute, oder?“

„Genau. Der die bösen Kinder bestraft.“

„Den mag ich aber nicht.“ Paul sah mich aus verengten Augenschlitzen an, als ob ich etwas dafür könnte.

„Das ist egal, ob du den magst oder nicht. Hast du ihn denn heut schon gesehen?“

Paul schüttelte langsam den Kopf. Die Ampel sprang auf Grün. Wir überquerten die Straße und sahen vor uns bereits den Haidhauser Weihnachtsmarkt.

„Warum arbeitet der Krampus heute nicht, Papa?“

„Du möchtest wissen, wie es dazu kam?“

Pauls Zipfelmütze vollführte einen Tanz, als er nickte. Wir setzten uns auf eine Bank mit Blick auf den Glühweinstand.

„Dann hör gut zu …

… Vergangene Woche trafen sich Nikolaus und Krampus wie üblich in der Bar am Nordpol. Um sich für den Nikolaustag zu besprechen. Als der Nikolaus die Bar betrat, musste er den Krampus eine Weile suchen. Schließlich fand er ihn in der hintersten Ecke.

‚Grüß dich, Kramperl, warum schaust du denn so grimmig?‘

‚Ich habe nachgedacht.‘

‚Oha, nachgedacht – aber worüber denn, Kramperl?‘

Bei ‚Kramperl‘ zog Krampus jedes Mal kurz die Mundwinkel nach unten.

‚Über meine Arbeit.‘

‚Oho – willst du etwa mehr Geld?‘

Der Nikolaus zog seine pelzigen Augenbrauen zusammen.

‚Nein, darum geht es nicht, Nikolaus. Ich will …‘

Krampus wandte seinen Blick vom Nikolaus ab und sah zur Theke, an der bereits einige Engel Schräglage hatten.

‚Was willst du, Krampus?‘ Die Augenbrauen des Nikolaus berührten sich nun fast.

‚Ich will – dass mich die Kinder mögen.‘

Der Nikolaus schnaubte durch die Nase und sagte nichts.

‚Dich lieben sie, weil du ihnen Geschenke bringst, und mich – mich hassen sie.‘ Die zusammengepressten Lippen des Krampus waren nur mehr ein dünner Strich inmitten seines dichten Vollbarts.

‚Aber einer muss sie doch bestrafen, Kramperl, sonst …‘

‚Sonst was? Die Kinder, die ich im Jahr zuvor bestraft habe, sind im Jahr darauf meist wieder an der Reihe. Das bringt doch nichts!‘

Du willst wissen, wie diese lustige Weihnachtsgeschichte weitergeht?
Die vollständige Geschichte findet sich in dem Buch
Weihnachtsgeschichten Band 2
Weihnachtsgeschichten
Band 2
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-03-6

Außerdem gibt es diese Geschichte auch auf der Hörbuch-CD „Berliner Prominente lesen ihre Lieblingsweihnachtsgeschichte“, gelesen von Dieter Hallervorden. Wer das Buch direkt beim Verlag bestellt, erhält dazu kostenlos die Hörbuch-CD „Berliner Prominente lesen ihre Lieblingsweihnachtsgeschichte“ (solange Vorrat reicht). Unbedingt bei der Bestellung „Mit CD“ angeben.

Hörbuch-CD Berliner Prominente lesen Weihnachtsgeschichten

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Stichwörter:
Kindergeschichte, Weihnachtsgeschichte, Weihnachten, Dieter Hallervorden, CD, Nikolaus, Manuel Hilmer,


Silvia Friedrich: Geheimnisvoller Weihnachtsabend

19. März 2017

Geheimnisvoller Weihnachtsabend

© Silvia Friedrich

Luisa und Erik sitzen am Adventssonntag mit Mama und Papa am Tisch. Erik darf die vierte Adventskerze anzünden.

„Wann holen wir denn den Weihnachtsbaum?“, fragt er und sieht den Vater an.

„In diesem Jahr holen wir keinen“, antwortet der Vater.

„Oh, warum denn nicht“, fragen beide Kinder gleichzeitig und sind enttäuscht.

„In diesem Jahr besuchen wir die Oma auf dem Land“, sagt die Mutter.

Erik und Luisa freuen sich. Bei der Oma ist es schön. Sie wohnt auf einem Bauernhof in den Bergen.

„Sicher liegt schon Schnee, dann könnt ihr rodeln gehen“, sagt der Vater.

„Prima“, ruft Luisa und hopst durch das Zimmer, so dass der ganze Tisch wackelt.

Es ist schon dunkel, als der Vater und die Kinder im Schuppen nach dem Rodelschlitten suchen. Denn der soll mit, wenn sie zur Oma fahren.

Am nächsten Morgen in aller Frühe geht es los.

Die Kinder sind noch ganz müde und setzen sich verschlafen ins Auto.

„Morgen kommt der Weihnachtsmann“, flüstert die Mutter und auf einmal sind beide hellwach.

In der Gegend, wo die Oma wohnt, liegt überall schon Schnee. Dicke Flocken fallen vom Himmel, als sie ankommen. Luisa krabbelt aus dem Auto und knetet sofort einen Schneeball.

„Dürfen wir rodeln?“, bettelt Erik, noch bevor er die Oma begrüßt hat.

„Jaja“, sagt die Mutter und der Vater holt als Erstes den Schlitten aus dem Auto.

„Kommt aber bald wieder“, ruft die Oma. „Dann gibt es Abendbrot.“

Erik und Luisa stürmen mit ihrem Schlitten los. Der Schnee knirscht unter ihren Stiefeln.

„Guck mal“, sagt Luisa. „Da sind noch mehr Kinder.“

Auf dem Rodelberg tummeln sich die Kinder des Dorfes. Eines nach dem anderen saust mit dem Schlitten den Berg hinunter und jedes Mal hört man ein freudiges Jauchzen.

Auch Erik und Luisa rodeln eine Weile. Dann wird es dunkel und sie gehen heim.

Drinnen ist es gemütlich warm. Eine Schüssel mit dampfender Suppe steht auf dem Tisch und als Nachtisch gibt es Bratäpfel.

„Wisst ihr denn auch, dass morgen in der Heiligen Nacht alle Tiere sprechen können?“, fragt die Oma.

Erik lacht: „So ein Quatsch. Tiere können doch nicht sprechen.“

Auch Luisa lacht, aber so ganz sicher ist sie sich nicht.

Als sie im Bett liegt, überlegt sie, ob die Oma vielleicht doch Recht hat. Dann schläft sie schnell ein.

An Heiligabend haben alle viel zu tun. Der Vater und die Kinder gehen in den Wald und holen einen Baum. In einem Waldstück verkauft der Förster Tannenbäume, die man selber absägen darf. Die Oma und die Mutter sind den ganzen Tag in der Küche, um zu kochen und zu braten. Lecker riecht es im ganzen Haus. Wenn es doch bloß schon abends wäre. Die Kinder können es nicht mehr erwarten bis zur Bescherung.

Bald ist der Baum geschmückt und alle haben sich fein angezogen. Die Weihnachtsstube hat die Oma abgeschlossen. Erik und Luisa warten ungeduldig auf den Weihnachtsmann.

„Ein bisschen dauert es noch“, sagt die Mutter und sieht mit rotem Kopf aus der Küche. Die Erwachsenen haben noch viel zu tun.

„Wollen wir mal sehen, ob die Tiere wirklich sprechen können?“, flüstert Luisa.

Erik nickt. Beide schleichen hinaus und huschen über den Hof in den Stall. Dort stehen Omas Kühe und kauen auf ihren Heubüscheln herum. Aus ihren Mäulern dampft der Atem.

„Meinst du, es stimmt, was Oma sagt?“ Luisa ist es ein wenig unheimlich hier im schummrig beleuchteten Stall.

„Ich weiß nicht“, murmelt Erik. Auch ihm ist nicht so ganz wohl bei der Sache. Beide sehen zu den Kühen hinüber.

„Frohe Weihnachten, Kinder.“

Wer war das? Erik und Luisa sind erschrocken. Da hat doch eben jemand gesprochen.

„Wo seid ihr denn?“, ruft der Vater vom Haus herüber. Beide laufen so schnell sie können zurück zum Haus.

„Im Stall hat jemand gesprochen“, rufen beide ganz außer Atem.

„Vielleicht war es der Weihnachtsmann“, lächelt der Vater. „Kommt schnell hinein, sonst verpasst ihr noch die Bescherung.“

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Lesetipp für die Weihnachtszeit
Antonia Stahn: Die Reise vom gläsernen Baum zum blauen Planeten. Eine Weihnachtssaga
Die Reise vom gläsernen Baum
zum blauen Planeten
Eine Weihnachtssaga
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-02-9

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Stichwörter:
Kindergeschichte, Weihnachtsgeschichte, Weihnachten, Silvia Friedrich


Antonia Stahn: Max und Mäxchen und Borco – der Hirtenhund

19. März 2017

Max und Mäxchen und Borco – der Hirtenhund

© Antonia Stahn

Draußen ist es immer noch dunkel. Mäxchen ist schon lange wach. Ab und zu läuft er zum Fenster. Schade, immer noch kein Schnee! Nicht mal an diesem besonderen Tag.

„Weihnachten ohne Schnee, ist nur halb so schön“, hat Mäxchen in den letzten Tagen viele Menschen sagen hören.

Der kleine Max hat bisher eigentlich nur schöne Weihnachten erlebt. Ob mit oder ohne Schnee. Er nimmt sich vor, Papa zu fragen, warum Schnee für das Weihnachtsfest so wichtig ist.

Endlich klingelt der Wecker. Im Nu ist Mäxchen aus dem Zimmer und läuft direkt in Papas Arme.

„Ich wollte dich gerade wecken, mein Junge. Das Frühstück ist fertig. Kakao-Spezial wartet auf dich.“

Gemütlich ist es in der kleinen Küche. Papa und Mäxchen unterhalten sich leise. Sie wollen Mama nicht wecken. Heiligabend ausschlafen zu können, war einer von Mamas wenigen Weihnachtswünschen. Und den erfüllen Max und Mäxchen ihr gern.

Es ist 07.30 Uhr. Auf leisen Sohlen verlassen Mamas „Männer“ die Wohnung. Sie haben sich für heute einiges vorgenommen.

Bitterkalt ist es. Schnell laufen Papa und Mäxchen zu dem kleinen Auto, das auf dem Parkplatz vor dem Hochhaus steht. Das Auto ist nicht irgendein Auto. Es ist Mamas Auto! Im Sommer hatte Mama an einem Preisausschreiben teilgenommen. Vier Wochen später stand ein funkelnagelneues Auto vor dem Haus.

Lachend hatte Opa damals gemeint: „Das Glück hatte Recht. Sehr vernünftig, wieder einmal zu euch zu kommen!“

Dann hat Opa Mäxchen zugezwinkert und gesagt: „Vor fünf Jahren ist uns allen das große Glück geschenkt worden. Glück zieht Glück an. Eine kleine Extra-Portion davon steht nun vor eurem Haus. Oma und ich wünschen euch viel Spaß damit!“

In den Sommerferien sind Mama und Mäxchen oft zu den Großeltern gefahren. Manchmal sind Ulli und Miene mitgekommen. Mäxchens Freunde mögen Opas Garten sehr. Doch am liebsten haben sie mit Eccu, dem schottischen Hochland-Pony, gespielt.

Papa schaut in den Rückspiegel: „Du bist so still, mein Sohn. Ist etwas nicht in Ordnung?“

Mäxchen schüttelt den Kopf. „Alles OK, Papa. Ich habe nur ein wenig nachgedacht. Du, Papa! Was wollen wir denn zuerst erledigen? Fahren wir jetzt gleich zu Opa Otto und Oma Marie?“

„Ich denke, wir kümmern uns zuerst um die Lebensmittel. Mamas Liste ist lang. Es ist noch früh. Zum Glück sind nicht viele Menschen unterwegs und wir können in aller Ruhe einkaufen.“

Gegen 10.00 Uhr sind die beiden wieder zu Hause. Papa trägt die Einkaufskiste, Mäxchen zwei Tragetaschen. Ziemlich außer Atem stehen die zwei vor der Wohnungstür. Ganz schön anstrengend, mit solchen Lasten acht Stockwerke zu erklimmen!

Mama ist schon auf.

„Nein, nein!“ wehrt sie ab. „Ihr braucht mir nicht beim Auspacken zu helfen. Fahrt nur los. Ich weiß doch, wie sehr Mäxchen sich auf das Weihnachtsbaum-Aussuchen freut. Bestellt bitte Otto und Marie liebe Grüße von mir.“

Heiligabend-Hektik regelt nun der Verkehr der großen Stadt. Endlich! Nach einer Stunde haben Max und Mäxchen die Landstraße erreicht.

Der kleine Max kennt diese Straße inzwischen gut. Er weiß, wo er sich befindet. Merkwürdig! Papa ist an der Straße zur Bauernschaft vorbeigefahren.“

Papa lächelt und sagt: „Ich möchte dir etwas zeigen, mein Junge. Eine Überraschung. Sie gehört mit zu deinen Weihnachtsgeschenken.“

Mäxchen liebt Überraschungen. Manchmal ahnt er sogar, was hinter der Heimlichtuerei der Erwachsenen steckt. Das lässt er sich aber nie anmerken. Etwas ist heute anders als sonst. Mäxchen weiß wirklich nicht, welche Überraschung ihn erwartet. Deshalb wundert er sich auch nicht, als Papa kurz hinter dem Ortsschild in eine schmale Straße einbiegt. Na ja, eine richtige Straße ist dieser Schotterweg, der vor einem kleinen Einfamilienhaus endet, wohl nicht.

„Bitte aussteigen, der Herr“, sagt Papa fröhlich. „Wir sind angekommen!“

Der große Max nimmt seinen Sohn an die Hand, öffnet das kleine Tor des Vorgartens und marschiert schnurstracks zur Haustür. Riesengroß werden Mäxchens Augen. Denn plötzlich zieht Papa einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und öffnet im Handumdrehen die Tür. Tausend Fragen wirbeln Mäxchen durch den Sinn.

„Weißt du was, Mäxchen: Wir zwei schauen uns jetzt das Haus an. Danach stellst du die vielen Fragen, die ich in deinen Augen sehe“, schlägt der große Max dem kleinen vor.

Mäxchen nickt.

Nach dem Rundgang durch das leere Haus setzt Papa sich auf eine breite Fensterbank. „Nun, mein Sohn. Gefällt dir dieses Haus?“

„Und wie! Weshalb hast du es mir gezeigt, Papa? Und wieso hast du einen Schlüssel für die Tür?“ Auf einmal sind die Ahnungen wieder da. „Ist dieses Haus für uns, Papa?“, fragt Mäxchen leise.

Max erinnert Mäxchen an die kleine Schwester, die Ende Februar zur Welt kommen wird.

„In diesem Haus ist viel mehr Platz als in unserer Wohnung. Schau! Und hier haben wir sogar einen Garten. Ist das alles nicht wunderschön, Mäxchen?“

Natürlich ist das alles wunderschön! Aber was ist mit den Freunden? Oder dem Kindergarten? Ganz sicher wird Frau Stellermann Mäxchen vermissen.

„Keine Sorge, Mäxchen. Wir haben mit der Kindergartenleiterin gesprochen. Bis zu den Sommerferien kannst du in der Nelly-Nilpferd-Gruppe bleiben. Nach den Ferien beginnt deine Schulzeit. Mama und ich haben uns die Grundschule hier im Ort genau angesehen. Sie gefällt uns. Wir glauben, du wirst dich dort wohlfühlen. Oh, beinahe hätte ich etwas vergessen! Deine zukünftige Lehrerin ist die Schwester von Frau Stellermann.“

Sorgfältig schließt Papa die Haustür ab. Dann dreht er noch eine Extra-Runde durch das kleine Dorf. Mäxchen sieht sich alles genau an. Auf dem Weg zu Otto und Marie ist er sehr, sehr schweigsam. Er hat soo viel zu denken.

Etwa hundert Meter vor der Haltestelle „Bauernschaft Buxtrup“ läuft ein Reh auf die Straße. Gut, dass der große Max nicht so schnell gefahren ist! Er schafft es,

dem Tier aus zu weichen. Das Reh hält mitten im Lauf inne. Wahrscheinlich ist es genau so erschrocken, wie Papa und Mäxchen.

„Mensch, Papa! Da hat das Reh wirklich Glück gehabt!“, sagt Mäxchen erleichtert.

„Und wir auch“, denkt Papa, sagt es aber nicht.

Hinter dem Wartehäuschen will der große Max rechts abbiegen. Und wieder muss er scharf bremsen, denn Mäxchen schreit mit einem Male: „Halt, stopp, Papa! Im Wartehäuschen sitzt ein Hund. Ich glaube, er ist angebunden. Bestimmt hat er Angst oder fühlt sich einsam. Bitte, Papa, wir müssen ihm helfen!“

Vorsichtig nähern sich Max und Mäxchen dem jaulenden Hund. Papa versucht, den kleinen Kerl zu beruhigen. Es dauert nicht lange und der junge Hund lässt sich streicheln. Er wehrt sich nicht, als Max ihn von dem Hanfseil befreit.

„Weißt du was, Mäxchen: Wir zeigen Otto den kleinen Kerl hier. Otto kennt sich mit Hunden aus. Er wird sich um unseren Findling kümmern.“

Mäxchen nickt. Er sieht ein wenig traurig aus. „Papa weiß genau, wie sehr ich mir einen Hund wünsche. Und der hier wäre genau richtig!“

Mäxchen und Border-Collie, Copyright: Sibylle Rencker
© Sibylle Rencker

„Holla! Was bringt ihr denn da?“, sagt Otto erstaunt. „Wisst ihr, eigentlich ist es noch zu früh.“

„Wieso zu früh? Wir wollen den Tannenbaum doch vor dem Dunkelwerden aus deinem Wald holen, Otto.“

Otto lacht laut auf. „Ich meine den jungen Hund. Nicht den Baum. Normalerweise finden wir ausgesetzte Welpen erst nach dem Fest.“

Schnell, mit geübten Griffen untersucht Otto den kleinen Hund, streichelt über das schwarzweiße Fell.

„Einen hübschen Burschen habt ihr gefunden“, sagt er anerkennend. „Border-Collie nennt man diese Rasse. Weißt du, Mäxchen, so ein Hund ist nichts für die Stadt. Border-Collies sind Hütehunde. Dieser kleine Welpe ist schon jetzt sehr stark und auch gesund, meine ich. Border-Collies wurden speziell für das Schafehüten gezüchtet. Unser Kleiner hier wird recht groß und lang. Mindestens einen halben Meter. Er hat starke Muskeln, die seine Schnelligkeit und Beweglichkeit, auch seine Ausdauer, unterstützen. Schau dir den breiten Kopf an, Mäxchen! Siehst du: Die Schnauze des Borders ist nicht besonders lang. Dennoch hat er ein kräftiges Scherengebiss. Wenn der später mal zubeißt, tut es weh. Ja, die mittelgroßen Ohren stehen meistens aufrecht. Manchmal auch nach vorne gekippt. Nicht alle Border-Collies haben diese ovalen, mittelgroßen Augen. Ihre Verwandten, die Blue-Merles, schauen aus blauen Augen in die Welt. Ich habe es vorhin schon einmal gesagt. Solche Hunde können nicht in einer Drei-Zimmer-Wohnung leben. Sie brauchen eine Aufgabe, die ihrer Intelligenz und ihrem Arbeitstrieb entspricht.“

Mäxchen weiß genau, weshalb Otto gerade so viel über den fremden Hund erzählt hat. Und doch möchte er gern wissen, wie es mit dem niedlichen Welpen weitergeht.

„Marie wird sich um ihn kümmern, Nach den Feiertagen wird sie den Kleinen im Tierheim und bei der Polizei melden. Ich werde euch über den Weg des Borders berichten. Einverstanden, mein Junge?“ Otto lächelt Mäxchen freundlich an und sagt dann scheinbar aufgeregt; „Meine Güte! Jetzt müssen wir aber los, in den Wald. Sonst ist es gleich tatsächlich dunkel und ihr fahrt ohne Weihnachtsbaum nach Hause.“

„Mama, Mama!“, ruft Mäxchen, als er durch den Flur in die Küche läuft. „Wir haben heute Nachmittag einen ganz süßen Hund gefunden. Der muss aber bei Otto und Marie bleiben. Für unsere Wohnung ist er viel zu groß, hat Otto gesagt. Es ist ein Border-Collie. Hab ich nicht vergessen!“

Mama nimmt Mäxchen für einen Augenblick in den Arm. Und sogleich vergisst er die Trauer um einen Hund, den er wohl nie bekommen wird. Hm. Mama riecht so schön nach Weihnachtsessen, Gemütlichkeit und Überraschungen. Sie freut sich über den Tannenbaum. Er ist gerade richtig groß und breit. Gemeinsam schmücken die drei ihren Baum.

Nach dem Essen gehen Max und Mäxchen in den Keller. Mama hat die Krippe vergessen. Papa beugt sich über die Kiste, um die Figuren herauszuholen. Sein kleines Merkbuch fällt aus der Hemdtasche. Aufgeblättert liegt es zwischen den Krippenfiguren.

„Schau mal, Mäxchen! Hier ist eine Geschichte über einen Hütehund namens Borco. Möchtest du sie hören? Nein, Mama wird nicht ärgerlich, wenn wir eine Weile im Keller bleiben. Sie hat noch einiges zu erledigen. Dabei können wir ihr sowieso nicht helfen.“

Papa setzt Mäxchen auf einen Hocker und stellt sich daneben. Der große Max nimmt sein Büchlein in die Hand, setzt die Lesebrille auf und beginnt …

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Du willst wissen, wie die Geschichte weitergeht?
Die vollständige Geschichte findest du in dem Buch
Antonia Stahn: Die Reise vom gläsernen Baum zum blauben Planeten. Eine Weihnachtssaga
Die Reise vom gläsernen Baum
zum blauen Planeten
Eine Weihnachtssaga
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-02-9

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Stichwörter:
Kindergeschichte, Tiergeschichte, Hund, Hirtenhund, Antonia Stahn, Weihnachtsgeschichte, Weihnachten


Manfred Schröder: Tausendundzweite Nacht

19. März 2017

Tausendundzweite Nacht

© Manfred Schröder

Sultan Sheherban lag auf seinem mit weichen Kissen ausgestatteten Ruhebett und dachte nach. Tausendundeine Nacht hatte er Sheherazade verschont. Ihre Geschichten hatten ihr das Leben erhalten. Doch die letzten Märchen fand er langweilig, und er war auch ihrer überdrüssig.

Schon seit einiger Zeit hatte er auf den neuen schwarzen Sklaven ein Auge geworfen, der Sheherazade des Abends in sein Gemach führte. Und seine sinnliche Begierde, diesen dunklen und schlanken Körper in seinen Armen zu halten, wurde von Tag zu Tag größer.

„Nun“, dachte er. „Noch eine Nacht. Morgen werde ich Sheherazade töten lassen.“

Um die zehnte Abendstunde öffnete sich die Tür zu seinem Gemach und Sheherazade, begleitet von dem schwarzen Sklaven, der auf den Namen Ahmed hörte, trat ein. In seinen Händen trug er ein goldenes Tablett auf dem eine mit rot schimmerndem Wein gefüllte Karaffe und zwei Gläser standen.

Sultan Sheherban machte eine Handbewegung und Ahmed stellte das Tablett auf einen kleinen Tisch, der neben der Ruhestätte stand. Wie aus Versehen berührte der Sultan die sanfte und dunkle Haut des Sklaven. Dieser verbeugte sich und verließ rückwärts gehend den Raum.

Sheherazade nahm heiter lächelnd die Karaffe in die Hand und füllte die beiden Gläser. Sie reichte eines dem Sultan und sprach: „Der Segen Allahs sei mit bei dir!“

Sultan Sheherban war erstaunt ob dieser Worte. Doch er nickte gnädig und führte das Glas zu seinem Mund. Noch nie, glaubte er, solch einen herrlichen Wein getrunken zu haben.

Auch Sheherazade hob ihr Glas.

„Nun denn“, sagte er, „erzähle deine Geschichte.“

Er deutete mit seiner Hand neben sich und sie nahm an seiner Seite Platz.

Der Sultan trank zum zweiten Male und ein Schwindel bemächtigte sich seiner.

„Was ist mit mir?“, sagte er.

Sheherazade lächelte. „Ruhe dich ein wenig aus, mein Gebieter. Du bist müde. Ein Engel wird dir die Tausenundzweite Nacht erzählen!“

Sultan Sheherban blickte sie erstaunt an. „Ein Engel?“ konnte er nur noch hervorbringen. Dann fiel sein Kopf zur Seite.

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Als er erwachte und die Augen öffnete, gewahrte er, dass er sich in einem großen Garten befand, der mit Palmen und Blumen bewachsen war. In der Mitte lag ein Teich, an dem ein Engel von unsagbarer Schönheit saß und ein großes Buch in seiner Hand hielt. Am Himmel erschienen die ersten Sterne.

Der Engel winkte ihn heran. „Komm, setz dich zu mir. Ich will dir die Tausendundzweite Nacht erzählen.“

Der Sultan blickte verwundert. „Wo bin ich? Und die Tausendundzweite Nacht?“

Der Engel sah in freundlich an. „Du bist im Garten Allahs. Und hat Sheherazade dir nicht gesagt, dass ein Engel dir diese Geschichte erzählen wird?“

Einen Augenblick dachte der Sultan nach. Dann nickte er benommen.

*

Der Engel öffnete das Buch und begann zu lesen:
Die Tausendundzweite Nacht
Sie erzählt die Liebesgeschichte von Sheherazade und Ahmed dem schwarzen Sklaven
Als nun der Sultan gestorben war …

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Kindergeschichte, Märchen, Manfred Schröder, Sheherazade, Sultan


Manfred Schröder: Väinämöinen

18. März 2017

Väinämöinen

© Manfred Schröder

Es war Frühling. Jukka lief durch das feuchte, mit Tauperlen bedeckte morgendliche Gras, das sich an seine nackten Füße schmiegte. Der Wind roch nach frischer Erde und Schilf am See. Ein Zug wilder Schwäne flog über ihn dahin und fiel ins Land. Er kletterte auf einen der großen Steine, auf denen früher Riesen gesessen hatten. So jedenfalls hatte es ihm Urho erzählt. Uralt war er und hatte sie bestimmt noch gekannt. Der Junge liebte diesen Platz. Und wenn er auf dem Rücken lag und Wolken am Himmel über ihn hinwegzogen, zog er mit ihnen bis ins Nordland. Doch jetzt stand er aufrecht und sein Blick ging über den See; über weite Felder bis zu den Wäldern, wo Ilmarinen noch immer die Esse schlägt. Und es gibt Menschen, die den Klang auch heute noch hören, den an manchen Tagen der Wind herüberträgt.

Ihn überfiel die Lust zum Singen. Den alten Väinämöinen herauszufordern. Den alten Urzeitsänger. Die Freude in seinem Herzen hinauszutragen in den sonnendurchfluteten Morgen. Er hob seine Arme und eine helle Stimme schwebte in der Luft. Sie stieg höher und eine Lerche antwortete mit übermütigem Schall. Der Wettgesang lockte Bär und Fuchs, Wolf und Hase aus Höhle und Bau.

Jukka blickte zum See, dessen Ufer weißfedrig geschmückt war. Plötzlich teilte sich das Wasser, schäumte auf und aus den Fluten entstieg Väinämöinen, der Urzeitsänger. Groß erhob er sich und an Bart und Haar hing der Tang des Sees. Er gewahrte Jukka und kam auf ihn zu.

„Nun, wer hat mich da gerufen? Hat an meinem Ohr gekitzelt? Den alten Sänger in mir wach gemacht?“

Da stand nun Jukka. Ja, er hatte ihn herbeigesungen. Wollte sich mit ihm messen. Nun, wo dieser vor ihm stand, brachte er keinen Ton hervor.

Doch Väinämöinen lachte. „Hör, Milchbart. Hast mir einen großen Schrecken eingejagt mit deinem Lied. Und weiß nicht recht, darauf zu antworten. So lasst uns denn gemeinsam zum großen Gesang anheben.“

Jukkas Augen wurden wieder hell und klar. Seine Brust atmete frei und ein erster hoher Klang entflog seinem Mund. Dann fiel Väinämöinen ein. Mit Tönen uralt und tief.

Die Bauern auf den Feldern, richteten sich auf. Der Teig der Bäuerin blieb an ihren Fingern kleben. Und der Fischer vergaß seine Netze auszuwerfen.

Eine Stimme drang an Jukkas Ohr. Er öffnete die Augen. Vor dem großen Stein stand Aino.

„Was machst du da und stehst mit erhobenen Armen und schaust Löcher in die Luft?“

Er rieb seine Augen.

„Väinämöinen …“

Aino lachte hell auf.

„Hast wieder geträumt von Väinämöinen. Doch komm herunter und lasst uns Fangen spielen. Und vergiss den alten Rauschebart!“

Jukka stand noch einen Augenblick und dachte nach.

„Na, komm schon!“, rief Aino zum zweiten Male.

Dann lachte auch Jukka und sprang vom Stein. Aino rannte davon und Jukka lief ihr nach. Wenn er glaubte, sie greifen zu können, schlug sie wie der Hase einen Haken und Jukka fasste ins Leere. Aino lachte und das heitere Spiel begann von vorne. Endlich ließ sich Aino auf den Boden fallen und Jukka warf sich neben sie. Er blickte in zwei blaue Augen, die wie ein See waren und zum Schwimmen einluden. Er legte seinen Kopf auf ihre junge Brust. Aino lächelte und fuhr mit der Hand über sein dunkles Haar.

*

Väinämöinen = Hauptheld des finnischen Nationalepos Kalevala
Ilmarinen = Schmied. Ebenfalls eine Hauptfigur des Kalevala

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Kindergeschichte, Märchen, Manfred Schröder, Finnland, Nationalepos, Kalevala


Agnes Jäggi: Jan und seine zauberhaften Freunde

18. März 2017

Jan und seine zauberhaften Freunde

© Agnes Jäggi

Der Herbst zog über das Land und färbte die Welt wunderbar bunt. Das Tal lag eingebettet zwischen hohen Bergen im Süden und prachtvollen Kiefern- und Buchenwäldern im Norden. Jan stand auf einem der hohen sanft geschwungenen grünen Hügel und blickte auf den schmalen klaren Fluss hinunter, welcher sich in zahlreichen Kurven durch das Tal wand. Es war ein kühler schöner Herbsttag und der Himmel wölbte sich weit über das stille Tal. Jans Herz füllte sich mit Trauer, als er daran dachte, dass er dieses, sein Zuhause, bald würde verlassen müssen. Ein kalter Wind fuhr roh durch Jans dicke braune Windjacke und liess sein blondes langes Haar wild um sein schmales, gebräuntes Gesicht flattern.

„Hier will ich bleiben“, dachte der Junge trotzig, „die bringen mich nicht weg von hier, nicht solange ich lebe!“

Er beobachtete einen Habicht, der gemächlich seine Kreise unter dem weiten blauen Himmel zog. Jan versuchte, sich in die Gedanken des Habichts einzuschalten, doch es gelang ihm nicht. Er war zu wütend, zu aufgeregt. Normalerweise konnte er sich mit den Tieren im Tal verständigen. Diese Kunst hatten ihm seine Freunde aus dem Wald mit viel Geduld beigebracht. Der Vogel zog weiter und entschwand den Blicken des Jungen.

Jan war vor Kurzem zwölf geworden. In wenigen Wochen hätte er ins nahe gelegene Gymnasium übertreten und bei seinen Freunden und bei Mama Nanina bleiben können. Doch dann hatte sich seine leibliche Mutter gemeldet. Angeblich hatte sie plötzlich starke Muttergefühle für ihn entwickelt und wollte ihn zurückhaben. Waren alle Erwachsenen so? Konnten sie einfach über ihre Kinder verfügen wie es ihnen gerade in den Kram passte? Jans Magen krampfte sich zusammen. Wütend schlug er mit dem Fuss auf einen Stein. Der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen.

Eines Tages war ein dürrer Mann in schwarzem Anzug, weissem Hemd und schwarzer, zu eng gebundener Krawatte vor dem Häuschen seiner Mama Nanina gestanden und hatte Einlass begehrt. Er hatte sich als Raimund Klage vorgestellt, Anwalt aus der Stadt Zürich. Er vertrete, so erklärte er hochtrabend, die Interessen einer gewissen Elise Nunninger, deren Sohn Jan hier lebe. Nanina liess den Mann eintreten und bot ihm Kaffee an. Der Anwalt hatte ihr einige Tage zuvor einen Brief zugestellt mit einer Erklärung von Jans leiblicher Mutter. Darin stand unter anderem, sie wäre damals zu jung gewesen, um für ein Kind zu sorgen und hätte zudem Angst vor ihrem strengen Vater gehabt. Nun verfüge sie jedoch über genügend finanzielle Mittel, um ihrem Sohn eine angemessene Erziehung und eine gute Ausbildung angedeihen zu lassen. Der Brief endete mit den Worten: „Liebe Frau Nanina, ich bin Ihnen dankbar dafür, was Sie für mein Kind getan haben und ich weiss, dass es sehr schwer ist für Sie. Doch Tatsache ist, dass ich seine Mutter bin und wir beide sollten das tun, was für den Jungen am besten ist. Bitte verzeihen Sie mir, aber ich kann nicht anders.“ Nanina waren die Tränen über die Wangen gelaufen, als sie den Brief gelesen hatte, und ihr Herz begann wild zu rasen. Sie wollte Jan nicht hergeben, doch hatte sie nicht die Möglichkeiten, dem Jungen das zu bieten, was er verdiente. Auch fühlte sie sich seit Längerem krank und müde.

Ihr Arzt hatte bei ihr eine bedrohliche Herzschwäche festgestellt. „Frau Nanina, Sie müssen sich sehr schonen. Am besten wäre eine Kur in einem Sanatorium.“

„Ach, Herr Doktor“, hatte Nanina geantwortet, „wenn meine Zeit gekommen ist, dann hilft auch keine Klinik weit weg von meinem Zuhause. Hier bleibe ich, hier bin ich glücklich.“

Der alte weisshaarige Arzt konnte Frau Nanina verstehen. Auch er hatte fast sein ganzes Leben hier im Tal verbracht. Und in den Jahren seines Studiums und der Ausbildung hatte er unter Heimweh gelitten.

Er tätschelte Naninas Schulter und sagte: „Liebe Freundin, seien Sie vorsichtig. Ich bin froh, dass Jan sich um Sie kümmert. Er ist wirklich ein ganz famoser Bursche.“

Nanina strahlte: „Ja das ist er, ein wirklicher Schatz.“

Im Moment jedoch fühlte Jan nur Wut. Ja, er war sogar auf Nanina zornig. Wie konnte sie nur zulassen, dass er sie verlassen musste? Von ihren Herzproblemen wusste er nichts. Sie hatte es ihm verschwiegen und gesagt: „Glaub mir, Jan, ich liebe dich von ganzem Herzen und ich will nur das Beste für dich. Du bleibst für einige Jahre in der Stadt, machst eine solide gute Ausbildung und dann kommst du wieder zurück ins Tal, zu mir.“

Es schien Jan, als wäre er plötzlich von der ganzen Welt verlassen worden. Ja, selbst Nanina wollte ihn anscheinend loswerden. Ihn durchfuhr eine schmerzhafte Welle der Empörung. Er spürte die Hitze in sein Gesicht steigen, obwohl es sehr kalt war auf dem Hügel.

„Scheisse! Scheisse!“, schrie er laut ins Tal hinaus und stampfte wütend mit dem Fuss auf. Nanina hasste es, wenn er dieses Wort gebrauchte. Doch jetzt war ihm das egal. Trotzig blickte er zu ihrem Haus, das vom Hügel aus wie ein Puppenhäuschen aussah.

„Scheisse!“, rief er noch einmal. Dann begann er wieder zu weinen.

„Alles wird gut“, wisperte plötzlich eine sanfte Stimme neben ihm.

Jan blickte sich um und entdeckte Knas, einen seiner kleinen Freunde aus dem Wald.

„Heh, Knas“, schniefte er und fühlte sich auf der Stelle besser. Die Anwesenheit des Zwerges tröstete den Jungen, doch gleichzeitig machte er sich Sorgen um ihn.

„Ist es nicht gefährlich für dich, den Wald zu verlassen?“, fragte er besorgt.

„Nicht wenn ich weiss, dass du traurig bist“, antwortete sein Freund.

„Ich will hier nicht weggehen“, brach es aus Jan heraus. „Was soll denn aus Nanina werden? Sie braucht mich doch und ausserdem habe ich sie so lieb.“

Knas blickte eine Weile vor sich hin. Dann sagte er: „Schon klar, dass du hier nicht weggehen willst. Nanina will das nicht und auch wir aus dem Wald sind sehr traurig darüber. Was ich dir zu sagen habe, wirst du wahrscheinlich noch nicht begreifen. Aber glaube mir, du hast in den kommenden Jahren einige wichtige Aufgaben zu erledigen, weit weg von hier. Doch du wirst zurückkommen, ganz bestimmt. Ich kann dir nicht genau sagen, warum du weggehen musst, aber glaub mir, alles in deinem Leben hat seinen bestimmten Grund. Nanina und wir, deine Freunde, werden überall und jederzeit bei dir sein. Wir alle können spüren, wenn du uns brauchst. Und bitte, sei lieb zu Nanina. Sie wird genug zu weinen haben, wenn du fortgehst. Ich verspreche dir auch, dass wir uns um sie kümmern werden.“

„Was sollte ich an einem Ort zu tun haben, wo ich niemanden kenne?“

„Vertrau mir!“, entgegnete Knas einfach.

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Kindergeschichte, Agnes Jäggi, Märchen, Fantasy, Erzählung, Jugendgeschichte


Evelyn Schütz: Küchenfee

13. März 2017

Küchenfee

© Evelyn Schütz

Einer der Tage, an denen man am Morgen schon meint, die Arbeit nimmt überhand.

Der Vormittag, ausgefüllt mit Waschen, Bügeln und vor allen Dingen Putzarbeiten. Dabei der ständige Blick auf die Uhr. Das vorgenommene Arbeitspensum drückt. Der selbst auferlegte Zeitplan tickt im Kopf.

Marie führte lautlos Selbstgespräche: „Warum rege ich mich schon wieder auf? In diesem Haushalt gibt es nur eine Köchin, Putz- und Waschtante und das bin ich. Ich kann mir doch alles einteilen. Warum also dieser Selbstdruck? Weshalb lasse ich den Kram nicht einfach liegen? Es gibt noch viele andere Tage, an denen ich diese lästigen Hausarbeiten erledigen könnte. Die Schutzwäsche in der Truhe und die Wollmäuse in den Zimmern laufen bestimmt nicht fort. Manche Tage sind am Morgen schon blöde. Ach, wäre ich nur im Bett geblieben.“

Stets waren es die gleichen tristen Gedanken, die Marie überfielen, wenn öder Hausputz anstand. Doch was bedeutete das schon? Vorgenommen war vorgenommen und eine Umverteilung oder Verlagerung auf eine andere Zeit, brachte am Ende auch nicht mehr. Einerseits wollte sie sich selbst beweisen, wie gut sie vorplanen konnte, andererseits hatte sie ihren Göttergatten heute morgen vorsorglich darauf aufmerksam gemacht, wie viel und was sie alles erledigen musste. Nicht, dass sie Mitleid erheischen wollte. Aber etwas Anerkennung für ihre tägliche Arbeit einheimsen, das schon. Etwas Balsam für die Seele tat sehr gut. Bereits beim Abschiedskuss hatte sie ihm deshalb, mit dem stressgeplagten Antlitz einer liebenden Ehefrau, deutlich gezeigt, die Sache war Ernst. Auf sie wartete ganz, ganz viel Arbeit.

Im lieben Ehemann sollte gar nicht erst der Gedanke aufkommen, seine Nurhausfrau habe wenig zu tun. Außerdem war da noch die kleine Tochter Saskia. Die wollte ebenfalls versorgt sein und das nicht nur nebenbei. Reines „Hausfrauen- und Mutterdasein“ bedeutete immerhin einen 24-Stunden-Vollzeit-Job.

Dennoch genoss Marie dieses momentane Haus-Arbeits-Leben. Bei freier Zeiteinteilung, ohne Druck von oben, Arbeitstempo und -pensum selbst bestimmen, war schon eine feine Sache. Keinem mürrischen Vorgesetzten verpflichtet, nur sich selbst und der Familie. Sie liebte ihre kleine Tochter heiß und innig, ebenso wie ihren Winnie – eigentlich Winfried. Der Name hatte allerdings nur Bestand, wenn ganz selten mal eine ernsthafte Aussprache sein musste.

Gutes Essen und köstliche Kuchen herzustellen, waren ihre Leidenschaft. Ebenso, wie handarbeiten oder schneidern. Selbst das Bügeln der großzügig anfallenden Wäsche erledigte sie gerne. Da konnte sie immer so schön ihren Gedanken nachhängen und gleichzeitig einem geliebten Hobby frönen. Gedichte und Lieder schreiben.

Nur beim turnusmäßig anfallenden Hausputz stieg in ihr der Frust hoch. Hier stieß sie regelmäßig an die Grenzen des ‚Das-tue-ich-sehr-gerne‘.

Hausputz war reines Muss und Pflichterfüllen.

Marie hielt dem Mann im Hause deshalb gerne mal den Staubwedel unter die Nase. Auch um zu zeigen, dass diese ständig notwendigen Reinigungsarien so ihre Tücken hatten, ganz und gar nicht ohne waren und echt schweißtreibend.

Prompt kam denn auch meist, mit einem äußerst bedauerlichen Unterton, ein: „Du armer Schatz, ich würde dir so gerne helfen, aber……“ über seine Lippen. Und sie antwortete dann ebenso regelmäßig wie zuckersüß: “ Ja, ja ich weiß Liebling, es geht nicht, denn einer muss ja schließlich Geld verdienen!“

Marie rieb sich mit dem nassen Leder über die Nasenspitze. Ein paar Staubflöckchen kitzelten. Sie reckte sich, warf den blonden Zopf in den Nacken und gab ihrem Selbst das Kommando: „Genug im Selbstmitleid zerflossen. Dein Job ist sowieso unbezahlbar. Also, auch wenn nicht ein roter Heller dabei rumkommt, Augen zu und weiter durch den Staub gewirbelt.“

Gerade hatte sie sich wieder in eine gute Putzfee verwandelt, die eifrig im Wohnzimmer umherfegte, zeigte sich Töchterchen Saskia im Türrahmen. Kaum auf der Bildfläche erschienen, nervte sie auch schon mit dem wohl bekannten Spruch: „Mama, mir ist sooo langweilig“ und der bohrenden Frage: „Wann bist du endlich fertig?“

Die Frage war gut, der gewählte Zeitpunkt allerdings extrem schlecht

Recht mürrisch und ungehalten gab Marie daher der Kleinen den Hinweis, dass schließlich alles dreckig sei und sie deshalb dringend putzen müsste. Die Arbeit liefe nicht von selbst davon und sonst sei ja keiner da, der sie macht. U n d: „Wenn du in dein Zimmer spielen gehst, werde ich ganz bestimmt schneller fertig.“

Klar, dass Saskia sich rasch in ihr eigenes, kleines Reich verzog. Sie beherrschte es sonst zwar ganz gut, immer und überall wissbegierig dabei zu sein, eine Frage nach der anderen zu stellen und eigene kindliche Kommentare abzuliefern, einer in Putzwut entbrannten Mutter wollte sie allerdings nicht länger im Wege stehen. Gekränkt und leicht beleidigt dampfte sie ab.

Marie sah aus den Augenwinkeln heraus gerade noch die traurige Mine der Kleinen und dass das Kinn verdächtig wackelte. Bevor sich das Zucken der süßen, kleinen Mundwinkel zu einem Weinen auswuchs, lief sie hinterher. Sie wusste sehr wohl, dass sie zu barsch reagiert hatte. Die Kleine konnte schließlich nichts dafür. Nichts für den recht großen Haushalt, nicht für die Arbeit damit und schon gar nichts für ihren persönlichen Frust darüber.

Entschuldigend drückte sie ihre Tochter an sich und versprach mit einem dicken Kuss: „Die Mama beeilt sich. Heute Nachmittag bin ich ganz für dich da und dann machen wir was Feines zusammen.“

Danach ging sie gleich wieder ans Werk. Sie drehte das Radio ein bis zwei Stufen lauter und fegte summend durch die Wohnung. Die Uhr zeigte bereits kurz nach 9.oo. Bis zur Mittagszeit Betten einlegen, Möbel abwischen und Fußböden säubern. Fleißig den Staubsauger kreisen lassen und nebenbei noch schnell die Waschmaschine bestücken. Nasse Wäsche aufhängen und trockene wieder ab. Dabei gleich sortiert in „Bügelwäsche“ und solche zum „Zusammenfalten“. Die Arbeit ging ihr plötzlich viel leichter von der Hand. Zuversichtlich wirbelte sie herum. So schaffte sie es leicht, bis zum Mittagessen die ganze Wohnung auf Hochglanz zu bringen.

Drei Minuten nach 13.00 Uhr. Der Grossteil der Arbeit war getan.

Selbst der etwas verschwommene Blick hinaus in die Natur war verschwunden. Die große Fensterfront des Wintergartens erstrahlte in so neuem, sauberem Glanz, dass Marie inne hielt und die wiedergewonnene schöne Aussicht ein paar Augenblicke genoss.

Das für heute vorgenommene Arbeitspensum war erledigt und sie mittlerweile auch. Die Komplettreinigung von Küche und Kinderzimmer hatte Marie für den nächsten Tag geplant. Den Eimer mit dem Schmutzwasser wollte sie nachher entsorgen und stellte ihn kurzerhand in die Ecke. Nach dem Essen konnte sie damit den Küchenboden noch feucht durchwischen. Das Wasser war zwar schon schmutzig und verbraucht, sollte aber für die Küche noch reichen. Ansonsten nahm Marie sich vor: ‚Für heute ist erst einmal Schluss mit Hausputz‘.

Mit erleichtertem Aufatmen legte Marie das letzte Putztuch beiseite und ging in die Küche. Das knappe Frühstück lag fünf Stunden zurück. Dringend musste Essbares nachgeschoben werden. Es grummelte in der leeren Bauchgegend und Hungergefühl machte sich breit. Doch nicht nur in ihr. Auch die kleine Saskia stand plötzlich wieder auf der Matte und lugte vorsichtig um die Ecke. Ihr Magen knurrte bereits seit einiger Zeit gewaltig. Höchste Zeit, um Abhilfe zu schaffen. Hungrig gesellte sie sich zu ihrer Mutter. Eierpfannkuchen war für heute vorgesehen. Mit vielen Apfelscheiben darin und zur Krönung oben drauf ein Zucker-Zimt-Gemisch. Genau wie Marie, war auch Saskia ein kleines Schleckermäulchen und Pfannenkuchen eines ihrer Leibgerichte.

Erwartungsvoll schaute sie daher ihrer Mutter zu, die schnell begann, die vorgesehene kleine Mahlzeit herzurichten.

Nach dem sie beide gegessen hatten, verschwand Saskia wieder in ihrem Zimmer. Freiwillig, denn jetzt war sie in ihrer Mutterrolle gefordert. Die Puppen hatten genau so viel Hunger und wollten versorgt werden, wie der Bär Moritz und das Schaf Ilse. Alle saßen bereits auf ihren Plätzen und warteten auf Nahrung und Futter. Deutlich drang das Brummen und Meckern aus dem Kinderzimmer, nachdem die Kleine ihre tierischen Lieblinge erst einmal beruhigend auf den Arm genommen hatte. Im Puppenhaushalt gab es heute Reisbrei und Apfelmus, was soviel hieß wie Popcorn und gelbe Knetmassefladen. Außerdem noch Kartoffeln aus Marzipan mit Salzstangen, wie Saskia stolz verkündet hatte.

Aus Erfahrung wusste Marie, dass das Füttern der Puppenschar einige Zeit in Anspruch nehmen würde. Also, warum sich nicht eine kleine Pause gönnen? Der Abwasch lief nicht davon. Auch nicht die Krümel und Flecken auf dem Küchenboden.

Ein Viertelstündchen im Sessel sitzen, mit geschlossenen Augen und hochgelegten Beinen, eine äußerst angenehme Vorstellung, die sie auch sogleich in die Tat umsetzte. Aufatmend ließ sie sich in den großen Fernsehsessel fallen. ,Ach, was tat das gut!‘

Marie machte die Augen auf und schüttelte den Kopf. Jetzt hatte sie doch tatsächlich geschlafen. Leicht benommen setzte sie sich gerade und sortierte die müden Füße zurück in die Flip-Flops. Wie viel Zeit vergangen war, konnte sie nicht sagen. Ihr kam es allerdings so vor, als sei eine ganze Ewigkeit vorbeigeflogen. Sie neigte den Kopf und lauschte angestrengt nach draußen.

Aus der Küche drangen eigenartige Geräusche an ihr Ohr. Ein seltsames leises Stöhnen war zu vernehmen und unüberhörbar Wassergeplätscher. Ja, Wasser musste auch mit im Spiel sein. Marie erkannte deutlich das unheilbringende Geräusch von tropfendem Nass und das Klatschen eines nassen Tuches.

Schlagartig hellwach, sprang sie auf und stürzte in die Küche.

Dort angekommen, traf Marie fast der Schlag.

Mit glühenden Wangen und patschnassem Bodenwischtuch stand Saskia zwischen den Schränken und meinte: „Mama, habe gedacht ich muss mal putzen, das ist alles sooo dreckig!“

Mit einem Blick erfasste Marie, dass die Kleine ganze Arbeit geleistet hatte. Sämtliche Türen und Schubladenblenden der Küchenunterschränke ,erstrahlten‘ in eigenartig geflecktem Glanz. Überdeutlich war zu sehen, dass alle weißen Schleiflackflächen mit braunem schmutzigen Putzwasser ,gereinigt‘ waren. Die zum Teil bereits eingetrockneten Dreckwassertropfen zeichneten hässliche Bilder auf die glatten Oberflächen. Das liebe Kind hatte nichts, gar nichts ausgelassen.

Hitze stieg in Marie hoch. Sie sah die Küche und hätte heulen können. Sie wollte losschreien, schimpfen, zetern, doch kein Laut kam von ihren Lippen. Sie konnte nicht anders. Beim Anblick ihrer kleinen Tochter musste Marie einfach lächeln. Wie die Süße da stand, ohne Hausschuhe, in einer Wasserpfütze, die bereits auf dem Weg war, das angrenzende Kinderzimmer zu erobern. Mit hochrotem Kopf, das blonde kurze Haar feucht und wild abstehend, rundum ziemlich durchnässt und sichtlich abgekämpft. Unübersehbar: ,Putzarbeiten sind nun mal kein Zuckerschlecken‘.

Böse sein, konnte und wollte sie nicht. Mit ihren gerade mal vier Jahren wild entschlossen der Mutter zu helfen, hatte Saskia es nur allzu gut gemeint und war dabei an ihre kindlichen Grenzen gestoßen.

Der anfängliche Groll und die aufsteigende Hektik im Angesicht der dargebotenen Riesenüberraschung lösten sich im Nichts auf und machten einer stoischen Ruhe Platz. Eine Art, die Marie zu eigen hatte. In Situationen, wo andere sich mächtig aufregen konnten und gefühlsmäßig hochschaukelten, legte sie innerlich einen Schalter um. So blieb sie ruhig und gelassen. Warum auch sollte sie ihre Nerven strapazieren bei Dingen, die unabänderlich geschehen waren. Hier galt es lediglich, das Beste daraus zu machen.

In der momentanen Situation hieß dies, dass Marie zunächst ein trockenes Bodenwischtuch auf die sich ausbreitende Wasserpfütze warf und so ein noch größeres Dilemma verhinderte. Anschließend bedankte sie sich bei der Kleinen mit einem dicken Schmatzer auf die Nasenspitze und bot sich an zu helfen. Saskia strahlte bis weit hinter die nassen Ohren und war froh, die restliche Arbeit gemeinsam mit der Mutter erledigen zu können.

Für Marie bedeutete dies natürlich: ,Nicht Schluss mit Hausarbeit. Im Gegenteil. Die komplette Küche musste nochmals abgewaschen werden. Es hieß, die ganze Arbeit der Kleinen zu wiederholen. Dieses Mal natürlich mit frischem Wasser, dem sie einen Tropfen Essigreiniger „Zitrone“ zugab und einem sauberen Tuch. Während Marie sich bei dieser Gelegenheit gleichzeitig auch die Oberschränke vornahm und diese ebenfalls gründlich abwusch, durfte Saskia im unteren Bereich alle Türen mit einem trockenen Baumwolltuch nachreiben.

Die beiden Frauen hatten alle Hände voll zu tun. Doch sie waren mit Spaß dabei und freuten sich am Ende über das gelungene Werk. Vom Nachmittag war nicht mehr viel übrig, als Mutter und Tochter die Putztücher beiseite legten und sich in der Küche umsahen. Die kompletten Schränke auf Hochglanz. Sämtliche Teile, Türen, Schubladen, Ablagen erstrahlten in reinstem Weiß und zauberten einen zufriedenen ,Was-sind-wir-zwei-gut-Gesichtsausdruck‘ in die Minen von Saskia und Marie.

Klar, dass jetzt eine dicke Belohnung fällig war.

Höchste Zeit für eine süße Leckerei.

Marie holte für beide ein großes Stück Schokoladenkuchen hervor, zauberte Saskia eine Riesentasse Kakao auf den Tisch und machte für sich einen supersahnigen Cappuccino.

Das hatten sie sich echt verdient! Praktisch die ganze, für den nächsten Tag vorgesehenen Arbeit, war bereits heute erledigt.

Jetzt ließen sie sich erst einmal müde und abgespannt im Wintergarten auf die bequemen Sessel fallen. Für heute war endgültig Pause!

Weder Marie noch Saskia verspürten weiteren Bewegungsdrang.

So wurden Spaß und Unternehmungslust bereitwillig auf den nächsten Tag verschoben.

Einige Zeit später, nachdem die ärgsten Ermüdungserscheinungen verschwunden, waren setzten sie sich zusammen ins Wohnzimmer, schalteten das Fernsehgerät an und planten für den nächsten Tag schon mal den einen schönen Ausflug.

Sie entschieden sich für einen Besuch im nahen Vogelpark. Genau die richtige Unternehmung, um die heute gewonnene zusätzliche Freizeit sinnvoll zu nutzen.

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Evelyn Schütz: Kleine Helfer im Garten

13. März 2017

Kleine Helfer im Garten

© Evelyn Schütz

Kindergeschrei drang an mein Ohr. Um zu sehen, wer da so aufgeregt herumkrakeelte, schaute ich neugierig aus dem Fenster.

Lisa und Dennis, die beiden jüngsten Enkelkinder unserer Nachbarn liefen unten im Garten herum. Sie waren zu Besuch bei den Großeltern.

Hannes und Meta, früher einmal als Bauern tätig, betrieben hinter ihrem Haus einen riesigen Nutzgarten. Nachdem sie vor einigen Jahren die Landwirtschaft aus Altersgründen aufgegeben hatten, zogen sie hier eine Menge leckeres Grünzeug heran. Einen Großteil ihrer Zeit verbrachten sie in dem Garten. Da auch die Kinder mit Vorliebe darin herum tobten und spielten, kamen sie sehr oft zu Besuch.

Der Garten war ein super Spielplatz, in dem es immer etwas Neues zu entdecken gab. Hier konnte man wunderbar Früchte stibitzen, Schmetterlinge jagen und Regenwürmer ausgraben. Lisa schaute außerdem mit wachsendem Interesse den Großeltern bei der Arbeit zu. Heute stand die Kartoffelernte an. Klar, dass die Kinder wieder als Erntehelfer gekommen waren.

Dennis, der sich gerade einen Spaß daraus gemacht hatte, kreuz und quer durch die Kartoffelreihen zu springen, blieb abrupt stehen. Kritisch schaute er hinunter vor seine Füße. Er hatte einen Kartoffelkäfer entdeckt, nahm ihn auf und hielt ihn triumphierend hoch. Dann drehte er sich um, lief mit seinem Fund zu Lisa und verkündete seiner Schwester inbrünstig: „Den mache ich jetzt tot!“

Lisa, bereits etwas älter und größer als ihr Bruder, war jedoch schneller. Blitzartig ergriff sie den Käfer und brachte ihn in ihrer hohlen Hand in Sicherheit. Tadelnd sah sie den kleinen Bruder an. „N e i n, den macht man nicht tot. Den setze ich jetzt hier hin“, rief sie, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand mit dem Käfer im hinteren Teil das Gartens.

Dennis lief sofort hinter her und meinte:“ Doch, den macht man tot, gib her!“ Er griff nach Lisas Arm. Doch er hatte keine Chance. Lisa streckte ihre Hand so hoch sie konnte. Da kam Dennis nicht heran. Er hatte verloren und ging nach Hilfe suchend zum Großvater. Mit der fragenden Feststellung: „Gel Opa, den Kartoffelkäfer macht man tot“, erhoffte er sich Zustimmung. Großvater Hannes, vollauf damit beschäftigt, die reifen Kartoffeln aus der Erde zu graben, grob zu säubern und in einen Korb zu legen, meinte dann auch etwas abwesend: “ Ja, ja, das kann man ruhig machen“.

Lisa ihrerseits war zur Großmutter gerannt, um sich mit der empörten Feststellung: „Oma, den darf man doch nicht einfach tot machen, oder?“, von dort ihre Bestätigung zu holen. Die Antwort der Großmutter konnte ich nicht hören, sah jedoch, dass Lisa zu dem alten Apfelbaum am hinteren Ende des Gartens rannte und daran hochsprang. Die ganze Zeit hatte sie den armen Käfer fest in der geballten Faust gehalten. Jetzt ließ sie das Tier, so hoch ihr Arm reichte, auf eine Astgabelung fallen und entließ ihn zurück in die Freiheit.

Schon kam Dennis angelaufen. Ein Blick in Lisas zufriedenes Gesicht zeigte ihm jedoch, der Käfer war aus dem Spiel. Weder er noch Lisa konnten ihn jetzt erreichen.

Was aus dem Käfer geworden ist? Wer weiß?

Gut möglich, dass er bereits durch die schützende Hand, die ihn eine Zeit lang fest umklammert gehalten hat, gestorben ist. Dann hat er in der Astgabel sein Grab gefunden.

Vielleicht hat er auch überlebt und ist davon geflogen, dann wird er noch eine Zeit lang an fremden Kartoffeln nagen.

Keine Ahnung, die Kinder jedenfalls hatten ihr Interesse verloren. Ohne weitere Worte, machten die beiden kehrt, sprangen in eine andere Ecke des Gartens und suchten im Gras herum.

Kurze Zeit später sah ich, wie sie friedlich vereint zusammen auf die Gartenbank saßen und sich gegenseitig neu gefundene Schätze zeigten.

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Katharina Britzen: Max Minibagger

13. März 2017

Max Minibagger – 1. Folge

© Katharina Britzen

Es war einmal ein kleiner Minibagger, der so rot wie Klatschmohn war. Er durfte immer nur zusehen, wenn die großen Bagger auf der Baustelle arbeiteten. Wie sie große Löcher mit ihren Grabeschaufeln aushoben, wo später Häuser und Brücken entstanden. Zu gerne hätte Max Minibagger mitgeholfen, aber alle lachten ihn aus und sagten: „Was will denn so ein kleiner Bagger hier. Werde erst einmal groß, dann kannst du mit uns zusammenarbeiten“ und jagten ihn wie einen Dieb von der Baustelle.

Große Baggertränen kullerten Max Minibagger aus seinen Augen, denn er war ja schon erwachsen und würde nicht größer werden als er jetzt war. Schließlich war er ein Minibagger, etwas ganz Besonderes, etwas, das die anderen aber nicht wussten.

Traurig trottete er davon und beobachtete von weitem, wie emsig die riesigen Bagger auf der Baustelle arbeiteten, wie sich ihre Schaufeln auf und nieder bewegten, aus dem festen Boden dicke Steinbrocken heraushuben und ihn nicht weiter beachteten. Zu gerne hätte er geholfen, traute sich aber nicht, weil er fürchtete, wieder verjagt zu werden. Unendlich traurig darüber schluchzte er leise vor sich hin und seine Grabeschaufel ging aufgeregt auf und nieder.

„Hallo, Max Minibagger, warum bist du so traurig?“

Max Minibagger schwenkte seine Schaufel um zu sehen, wer mit ihm sprach, konnte aber niemanden sehen. Er drehte sich um die eigene Achse, immer und immer wieder. Woher kam die Stimme?

„Hier bin ich“, piepste ein zartes Stimmchen von vorne und als Max Minibagger auf seine Grabeschaufel starrte, entdeckte er einen Maulwurf darin, der ihn freundlich durch seine kleinen Augen anblinzelte. Erstaunt darüber, dass plötzlich jemand freundlich zu ihm war, hörte er auf zu weinen.

„Ich bin der Maulwurf ‚Sieht nicht gut'“, wisperte es aus seiner Grabeschaufel. „Seit Tagen fällt mir auf, dass du so traurig bist und ständig weinst. Kannst du mir den Grund dafür sagen?“

Und Max Minibagger erzählte dem Maulwurf „Sieht nicht gut“ von seinem Kummer, keine Löcher ausheben zu dürfen, was doch seine größte Leidenschaft und eigentlich auch sein Beruf als Minibagger sei.

Geduldig hörte der Maulwurf „Sieht nicht gut“ ihm zu, streichelte ab und zu die Innenseiten der Grabeschaufel, bis Max Minibagger ihm sein Herz ausgeschüttet hatte und der Kummer von Max Minibagger nicht mehr so groß war. Dann überlegte der Maulwurf „Sieht nicht gut“ einen kleinen Augenblick, hatte eine Idee und sprach: „Wenn du so gerne Löcher buddelst, dann komm doch mit in unser Land Krümelboden, in dem wir leben. Dort kannst du uns Wohnungen baggern so viele du möchtest. Wir leben die meiste Zeit unter der Erde, aber manchmal möchten wir auch die Sonne sehen und die Wärme genießen und müssen dafür durch unsere unterirdischen Straßen nach oben. Da drüben auf den Feldern wohnen wir“ und zeigte mit seiner kurzen Pfote auf das Land Krümelboden, auf die Wiesen und Felder, die am Waldrand lagen.

Erwartungsvoll sah der Maulwurf „Sieht nicht gut“ Max Minibagger an, dessen Gesichtsausdruck langsam von traurig in froh umschlug und dessen Augen wieder zu strahlen anfingen.

„Oh, wie gerne würde ich euch helfen, Tag und Nacht kann ich mit meinen starken Grabeschaufeln Löcher ausheben. Wann soll ich anfangen?“

Max Minibagger war richtig aufgeregt, als ihn der Maulwurf „Sieht nicht gut“ aufforderte, mit in das Land Krümelboden zu kommen, um ihn seiner Familie und seinen Freunden vorzustellen. War die Freude groß, als die Maulwürfe Max Minibagger willkommen hießen und sich ausgelassen von seiner Grabeschaufel hin und herschwenken ließen. Vor allen Dingen die Maulwurfskinder hatten ihre helle Freude daran, jauchzten vor Begeisterung und kamen sich vor wie auf einem Karussell, wenn sich Max Minibagger um die eigene Achse drehte. Maulwürfe vor ihnen hatten so etwas noch nie erlebt, hatten noch nie einen Minibagger zum Freund, worüber sie überglücklich waren.

Ab sofort hatte Max Minibagger Tag und Nacht zu tun, half seinen kleinen Freunden und baggerte ihnen im Land Krümelboden die schönsten und tiefsten Löcher, die je ein Maulwurf gesehen hatte. Viele von ihnen brauchten jetzt nicht mehr so viele Löcher zu buddeln, sondern hatten mehr Zeit zum Spielen. Abends feierten sie zusammen, erzählten sich Geschichten, sangen Lieder und Max Minibagger war glücklich und zufrieden.

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Und hier gibt es → Max Minibagger – Folge 2


Marianne Schaefer: Nur ein Stück Eis

21. Januar 2011



Nur ein Stück Eis
© Marianne Schaefer

Felix war ein kräftiger Bursche, obwohl er erst zehn Jahre alt war. Mit Leichtigkeit zog er den schweren Holzschlitten durch den tiefen Schnee. Sina, seine zwei Jahre jüngere Schwester, stapfte schnaufend neben ihm her.
„Heut hab‘ ich sie wieder heulen hören“, sagte sie zu Felix.
„Wen? Das Luischen?“
„Nein, die Wölfe!“, antwortete Sina und blickte sich ängstlich nach allen Seiten um.
„Vor denen brauchst dich nicht zu fürchten“, beruhigte Felix seine Schwester. „Der Papa sagt, die haben mehr Angst vor uns Menschen, als wir vor ihnen!“
„Was meinst du? Wird unser Luischen jemals laufen lernen?“, wollte Sina von Felix wissen und blickte ihn von der Seite an. „Ich würde so gern mit ihr durch den Schnee tollen!“
„Ich glaube nicht“, antwortete er. „Die Oma sagt immer, dass sei die Strafe. Nein“, verbesserte er sich, „sie sagte, das sei ein Fluch, weil der Papa eine Fremde geheiratet hätte. Keine aus unserem Tal.“
„Jetzt spinnst du aber wirklich, Felix“, schrie Sina. Zornig blickte sie ihn an.
„Seit wann ist die Mama eine Fremde!“
Felix wurde mürrisch.
„Unsere Schwester ist schon vier Jahre alt und kann immer noch nicht laufen. Glaub mir, das wird nichts mehr. Und jetzt gib endlich Ruh. Willst mit mir streiten oder Schlitten fahren?“
Sina schwieg augenblicklich. Sie hoffte wie ihre Mama, täglich auf ein Wunder.
„Lass sie doch alle reden, was sie wollen“, dachte sie trotzig.

Vor ihnen lag die Rodelbahn. Die beiden freuten sich. Heute gehörte sie ihnen alleine. Die anderen Kinder waren längst nach Hause gegangen, denn es begann bereits zu dämmern.
Die Bahn war dick vereist und spiegelglatt. Ihr Schlitten sauste nur so dahin.
Wenn das mal gut geht, dachte Sina und hielt sich krampfhaft an Felix fest, der vor ihr saß.
Dreimal ging die Fahrt gut, doch beim vierten Mal war es schon geschehen. Sie holperten über einen Buckel und verloren die Kontrolle über den Schlitten. Der machte sich selbstständig und näherte sich gefährlich den Tannen, die längs der Piste standen.
„Spring ab! Lass dich fallen!“, schrie Felix. Aber es war zu spät. Der Schlitten schrammte an den Tannen vorbei, die das Tempo zum Glück etwas drosselten. Doch Felix und Sina wurden durch die Luft geschleudert. Benommen blieben die beiden im Schnee liegen.
Felix rappelte sich als erster hoch.
„Sina, bist du noch heil? Ist dir was passiert?“
„Mir fehlt nichts“, stöhnte Sina, “nur mein Hintern tut weh. Ich bin auf einen Brocken Eis gefallen. Bitte hilf mir mal auf die Beine.“
„Ich komme“, rief Felix und schlängelte sich durch die Tannen hindurch.
Während Sina sich den Schnee abklopfte und neben ihn trat, betrachtete er das Eisstück genauer. Es glitzerte und funkelte.
Mit seinem Ärmel wischte er den restlichen Schnee vom Eis.
Beide Kinder machten große Augen. Vor ihnen funkelte ein Bergkristall, so klar und rein, wie sie noch keinen gesehen hatten. Die Sonne schickte ihr letztes Licht, bevor sie hinter den Bergen versank und ließ den Stein in Regenbogenfarben erstrahlen. Es war wie ein Zauber, so, als hätte eine Fee ihn mit ihrem Stab berührt.
Sina rieb sich ihren schmerzenden Hintern.
„Weißt du was das bedeutet?“, freute sie sich. „Einen Bergkristall finden bringt Glück und man darf sich etwas wünschen. Aber das muss unser Geheimnis bleiben. Niemand darf davon erfahren, nicht einmal Mama oder Papa. Und ich weiß auch schon, wo ich ihn verstecke und was ich mir wünsche. In ihren Gedanken sah Sina Luischen, wie sie ihr jauchzend mit erhobenen Armen entgegen lief.


***


Petra R. Müller: Eissterne

20. Januar 2011



Eissterne
© Petra R. Müller

Als würde Frau Holle ihr Federbett kräftig schütteln, wirbelten Schneeflocken auf die Erde herab.
Freudig begrüßten Kinder die Vorboten des Winters. Sie holten ihre Schlitten aus dem Keller und wachsten die Kufen ein bis sie glänzten. Gut vorbereitet konnten die ersten Rutschpartien losgehen.

„Opa, Opa, sieh doch nur wie es schneit!“, rief Sarah aufgeregt, als ihr Großvater die Tür öffnete.
Sie blickte ihn strahlend an. Für seine Enkelin nahm er sich immer Zeit. Ihrem Opa konnte Sarah alles anvertrauen, worüber sie nachdachte. Ohne die Geduld zu verlieren beantwortete er die kniffligsten Fragen.

Warum fallen die Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel nicht herunter? Warum ist der Himmel hellblau, wenn die Sonne scheint und warum sieht man am Tag keine Sterne? Das alles konnte sie ihn fragen, ohne ausgelacht zu werden. Auch sage er niemals:
„Kind, das verstehst du noch nicht.“

Sie verstand mehr, als Papa und Mama ihr zutrauten. Es kam nur darauf an, wie die Fragen beantwortet wurden.
Opa konnte wunderbar erklären, auch dafür liebte sie ihn. Dass Sarah erst fünf Jahre alt war störte ihn nicht. Manchmal nahm er ein Buch aus seinem Schrank heraus und dann sahen sie sich interessante Bilder an.
Großvater besaß ein Mikroskop für das er lange gespart hatte. Es war sein ganzer Stolz. Niemand durfte es anfassen, auch seine kleine Enkelin nicht. Wenn Opa alleine war, dann beschäftigte er sich stundenlang damit. Sarah fand es langweilig, immerzu hindurch zu sehen. Dazu fehlte ihr die Geduld. Ihre Welt war viel zu aufregend.

Sarah folgte Opa ins Wohnzimmer und wunderte sich darüber, wie kalt es bei ihm war.
„Mach doch das Fenster zu und dreh die Heizung auf, oder willst du zusehen wie Eiszapfen im Zimmer wachsen?“, sagte sie und blickte ihn fragend an.
Ihrem Großvater traute sie allerlei zu. Er war ein ganz besonderer Mensch.
„Du kommst der Sache schon ziemlich nahe. Ich habe dich erwartet, weil ich mir dachte du kommst, wenn es schneit. Gut dass ich mich darin nicht getäuscht habe, ich möchte dir nämlich etwas zeigen. Es wird dir bestimmt gefallen.“
„Muss es denn dabei so kalt sein?
„Ja, denn Eissterne, die ich gleich unter mein Mikroskop lege sind so hauchdünn, dass sie sich bei Wärme sofort auflösen.“
„Wo hast du die Sterne her?“
Neugierig schaute Sarah Opa an. Ihr fiel auf, dass sein Mikroskop mitten auf dem Tisch stand.
„Streck deine Hand aus dem Fenster und sage mir, was du beobachten kannst.“
Sarah tat, was Opa von ihr verlangte.
„Es schneit und wenn die Flocken auf meine Hand fallen, dann werden sie zu Wasser.“
„Siehst du. Jetzt weißt du auch warum ich die Heizung abgedreht habe. Wasser möchte ich dir nämlich nicht zeigen.“
„Da draußen ist doch nur Schnee“, maulte Sarah enttäuscht. „Du hast mir aber Sterne versprochen.“
„Einen Augenblick noch, gleich du wirst sie sehen. Ganz viele Sterne sogar und jeder sieht etwas anders aus.“
Dann holte der Großvater eine Glasplatte aus dem Eisfach, hielt sie ganz kurz aus dem Fenster, damit nur wenige Schneeflocken darauf fielen und schob die Platte unters Mikroskop.
„Wundervoll“, murmelte er zufrieden, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte.
„Komm Sarah, sieh dir das an.“ Er rückte den Stuhl für seine Enkeltochter zurecht.
Zweifelnd schaute Sarah durch die Linse, doch kurz darauf war sie begeistert.
„Das ist ja super toll! Noch nie habe ich so etwas Schönes gesehen. Danke lieber Opa.“
„Nichts zu danken mein Kind. Die Welt ist voller Wunder und ich freue mich, dass ich dir eins davon zeigen kann. Aber jetzt werde ich die Heizung wieder aufdrehen. Hier ist es fürchterlich kalt geworden.“
„Darf ich mir noch ein paar Sterne ansehen?“
„Na klar, solange du willst. Bis es im Zimmer richtig warm geworden ist vergeht noch eine Weile und da die Glasplatten vorher im Eisfach lagen, schmilzt der Schnee nicht so schnell weg.
„Sag Opa, fallen im Winter immer Eissterne vom Himmel?“
„Merke dir liebes Kind, Schnee besteht aus Eiskristallen die wie Sterne aussehen. Immer haben sie sechs Ecken, Strahlen oder runde Enden. Sie gleichen einander, doch nur auf dem ersten Blick. Alle sind einzigartig und wunderschön. Willst du nicht ein Bild von dem malen, was du heute gesehen hast?“

„Oh ja, Opa, das mache ich“, rief Sarah eifrig. „Mein Bild wird auch einzigartig sein, denn ich habe gut aufgepasst. Alle Eissterne male ich anders – und dann schenke ich sie dir. Dann kannst du sie auch im Sommer ansehen.

***


Petra R. Müller: Pünktchens Wunsch

24. März 2010

Pünktchens Wunsch
© Petra R. Müller

Langeweile herrschte für die Tiere auf dem großen Bauernhof nie. Immer gab es etwas Neues und Interessantes zu entdecken. Zusammen bildeten sie eine enge Gemeinschaft die sich gegenseitig half. Es war nicht immer leicht, friedlich zusammen zu leben, zu unterschiedlich waren ihre Interessen.
Eines Tages erheiterte Pünktchen die ganze Gruppe, als es erklärte: “Ich wünsche mir Osterhase zu werden.“
Für einen kurzen Augenblick lang war es mucksmäuschenstill. Dann, als ob ein tosender Orkan losbrechen würde, setze von allen Seiten her lautes Gelächter ein.
„Pünktchen, der Witz war gut, hast du noch mehr solcher Sachen auf Lager?“, grunzte ein Schwein.
„Um Himmels willen, siehst du denn nicht, wie sich meine Hennen vor Lachen kaum noch auf der Stange festhalten können“, krähte Oskar der Hahn.
Federchen legte sogar ein Ei. Sie hatte sich beim Lachen verschluckt und als sie daraufhin husten musste, um wieder frei atmen zu können, rutschte das Ei einfach heraus.
„Siehst du, was du da angerichtet hast?“, schnatterte Federchen vorwurfsvoll. „Wegen dir habe ich jetzt mitten auf den Weg ein Ei gelegt. Hier kann jeder darauf rumtrampeln. Ich muss schleunigst zusehen, wie ich es in Sicherheit bringe“.
„Reg‘ dich nicht so auf“, bellte Ben, der Hofhund. „Ich helfe dir. Mit meiner Schnauze rolle ich dein Ei, wohin du es haben willst“
„Wenn das mal gut geht“, meinte Federchen. Doch sie nahm Bens Hilfe gerne an.
Stolz watschelte die Gans vor den Hofhund her, um ihm zu zeigen, an welchen Platz er das Ei rollen sollte. Ben folgte ihr, doch als Federchen sich umdrehte, schrie sie empört auf.
„Du blöder Köter hast ja mein Ei ganz vergessen! So etwas leicht Zerbrechliches kann man doch nicht alleine auf der Straße liegen lassen! Marsch, setz dich in Bewegung und rolle mein Ei hier herüber. Genau an dieser Stelle will ich es liegen sehen.“
„Blöde Gans“, knurrte Ben verärgert. „Da will man nun helfen und wird zum Dank auch noch angeschnauzt. Soll sie doch das nächste Mal zusehen, wie sie ihr Ei aus der Gefahrenzone bekommt! Ich habe ihr schließlich nicht gesagt, dass sie es mitten auf den Weg legen soll.“

Nachdem Pünktchen seinen Wunsch bekannt gegeben hatte, herrschte auf dem Bauernhof große Aufregung. Nur langsam beruhigten sich die Tiere.
Pünktchen verstand nicht, warum es überall ausgelacht wurde. Seiner Meinung nach sollte jedes Kaninchen den Wunsch hegen, Osterhase zu werden. Eine ehrenvollere Aufgabe konnte es sich nicht vorstellen.
Wenn eines der Ferkel Glücksschwein werden wollte, dann lachte ja auch niemand. Selbst Küken, die zum Ziel hatten Wetterhahn zu werden, genossen Anerkennung und Respekt. Warum nur wurde sein Wunsch nicht akzeptiert?

Unter den Tieren galt die Eule als besonders klug. Aber man konnte sie nur nachts im Wald antreffen. Noch dazu war es sehr gefährlich, der Eule einen Besuch abzustatten. Solche, die es wagten die Eule grundlos zu belästigen, mussten dies mit ihrem Leben bezahlen.
Trotzdem nahm das Kaninchen sich vor, in der kommenden Nacht bei der Eule nachzufragen, was an seinem Wunsch so komisch war. Die Demütigungen des vergangenen Tages lagen so schwer auf seinem Herzen, dass es die Angst, gefressen zu werden, leichter ertrug. Aber dann, als die Sonne tiefer sank und die Schatten länger wurden, sehnte sich das kleine Kaninchen in seinen schützenden Stall zurück.
Die Tiere der Nacht waren erwacht und machten Geräusche, die Pünktchen vor Furcht zittern ließen. Er war gerade dabei die Flucht zu ergreifen und auf dem schnellsten Weg nach Hause zurück zu hoppeln, als es über sich die kräftigen Flügelschläge der Eule vernahm.
Pünktchen duckte sich und hörte ein schadenfreudiges: „Zu spät.“
Als das Kaninchen sich aufrichtete, erblickte es die Eule direkt vor sich auf einen niedrig hängenden Ast sitzend. Sie war ein beeindruckend großer Vogel mit grau glänzenden Federn und einem dicken, spitz gebogenen Schnabel, der stark genug war, um gefangene Beute mühelos zu zerreißen.
„Glaubst du denn wirklich, du könntest vor mir fliehen indem du dich duckst? Im gleichen Augenblick, als ich dich erspähte, war es um dich geschehen. Du kannst mir nicht entkommen“, belehrte die Eule das kleine Kaninchen.
„Wer will dir entkommen? Ich habe dich extra aufgesucht um dir eine Frage zu stellen“.
Pünktchen wusste, jetzt kam es darauf an, das Interesse der Eule zu wecken. Wenn ihm dies gelang, war sein Leben gerettet.
„Ja, wenn du mich gesucht hast, darf ich dich dann zum Essen einladen?“, fragte die Eule
„Was hast du denn anzubieten?“, Pünktchen wurde keck, obwohl ihm die Angst tief in den Knochen saß und es überhaupt keinen Hunger verspürte.
„Blöde Frage“, erwiderte die Eule. „Wenn ich dich zum Essen einlade, dann gibt es selbstverständlich Kaninchenragout, was hast du denn gedacht?“
„Kopfsalat wären mir aber lieber“. Pünktchen unterdrückte aufkommende Panik.
Die Eule bog sich vor Lachen. Sie wollte sich mit einem ihrer Flügel den Bauch halten, verlor dabei das Gleichgewicht und landete unsanft auf den Boden. Auf dem Rücken liegend, die Beine in die Luft gestreckt, lachte sie immer noch, nur etwas leiser.
„Dabei hast du bestimmt an Eulenkopfsalat gedacht. Du bist ein urkomischer Typ, weißt du das? So jemand wie dich werde ich nicht verspeisen. Es gibt viel zu wenig Tiere deines Schlags“. Dann richtete sich die Eule auf und fragte das Kaninchen warum es sich der großen Gefahr aussetzte, um ihren Rat einzuholen.
Pünktchen erzähle von seinem Wunsch, Osterhase zu werden und dass es deswegen überall ausgelacht wurde. Von der Eule wollte es wissen, was an seinem Wunsch so lächerlich ist.
„Mal ganz davon abgesehen, dass du ein Kaninchen bist und kein Hase, gibt es noch mehr Dinge, die deinen Wunsch unmöglich machen. Als Osterhase musst du nämlich lernen wie man Eier legt“, antwortete die Eule amüsiert. „Mir ist noch kein Kaninchen begegnet, das dies kann. Vielleicht lachen dich deine Freunde deshalb aus. Doch selbst wenn du Eier legen könntest, oder sie dir irgendwoher besorgst, ist dein Problem damit noch nicht gelöst. Die Eier müssen auch gekocht und bunt angemalt werden. Ich weiß nicht, wie du das hinkriegen willst. Aber wenn du es schaffen solltest, dann sage mir bitte Bescheid. Ich lerne gerne noch etwas dazu“.

Mit hängenden Ohren verabschiedete sich Pünktchen von der weisen Eule. Was es soeben erfahren musste, bedeutete das Ende seines Traums. Sicher, Eier könnte es sich leicht besorgen. Wozu gab es Hühner und Gänse auf dem Hof? Aber die Eier bunt anmalen konnte es nicht. Zudem wusste Pünktchen nicht was Kochen bedeutete und wozu es gut sein sollte.
Zum ersten Mal in seinem Leben rollten Tränen über sein Gesicht. Schweren Herzens nahm es Abschied von seinem Lebenswunsch.
Zu Hause angekommen, verkroch sich das Kaninchen in die hinterste Ecke seines Stalles und versuchte zu schlafen.

Am nächsten Morgen fühlte sich Pünktchen ganz krank. Er blieb in der Ecke hocken und hatte keine Lust den Stall zu verlassen.
„Das kommt nur davon, weil Pünktchen die Eule besucht hat“, vermuteten seine Freunde. Sorgenvoll fügten sie hinzu, „nun liegt es krank im Stall und muss bestimmt bald sterben. Jeder weiß doch, dass es gefährlich ist zur Eule zu gehen, aber dieser Dickkopf kann ja nicht hören“.
Eine Mäusemutter wollte sich nicht damit zufrieden geben, dass Pünktchen im Sterben lag. Für sie war das Kaninchen ein Held. Helden lässt man aber nicht alleine, wenn es ihnen schlecht geht. Man hilft ihnen, damit sie schell wieder auf die Beine kommen. Das war jedenfalls ihre Meinung.
Vorsichtig schlich sie sich in den Kaninchenstall und fand Pünktchen, wie es todtraurig am Boden kauerte. Es war kaum ansprechbar, wollte weder essen noch trinken und hatte auch keine Lust sein Fell zu pflegen. Ganz sanft knabberte die Mäusemutter an Pünktchens Ohr.
„Was ist mit dir los?“, wolle sie wissen. „Gestern warst du noch so lustig, voller Tatendrang und durch nichts zu erschüttern und heute sitzt du da, als hättest du einen Eimer voll Gift gefressen.“
„Ich fühle mich auch so, als hätte ich Gift gefressen“, antwortete Pünktchen.
„Gestern Nacht besuchte ich doch die Eule, weil ich von ihr wissen wollte, was an meinem Wunsch Osterhase zu werden, so lächerlich ist und ihre Antwort zog mir den Boden unter den Füßen weg. Niemals wird aus mir ein Osterhase, dieser Wunsch ist unerfüllbar. Das macht mich so traurig“.
„Na, na“, sagte die Mäusemuter“. „Wer wird denn gleich die Flinte ins Korn werfen? Wenn du Osterhase werden willst, dann kann ich dir vielleicht dabei helfen“.
„Du?“ Pünktchens Ohren streckten sich steif in die Höhe. „Was weißt du denn vom Osterhasen?“
„Mehr jedenfalls als die Eule“, antwortete das Mäuschen leicht beleidigt. „Hast du vergessen, dass ich Nacht für Nacht im Haus der Menschen herumschleiche?“
„Konntest du dabei auch den Osterhasen sehen?“, fragte das Kaninchen hoffnungsvoll.
„Den nicht gerade, aber ich weiß, wann und wo er seine Eier versteckt. Wenn du willst helfe ich dir, dass dein Traum noch dieses Jahr in Erfüllung geht“.
Pünktchen zweifelte an den Möglichkeiten des hilfsbereiten Tierchens.
“Wie willst du aus mir einen Hasen machen der Eier kochen und färben kann? So etwas machen nämlich die echten Osterhasen“.
„Du irrst dich, wenn du glaubst der Osterhase mache all diese Dinge selbst“, erwiderte die Mäusemutter.
„Dieser Schwindler bringt fertige bemalte Eier unter die Leute und tut so, als hätte er sie selbst hergestellt. Woher er die bunten Eier bekommt, weiß ich auch nicht. Es ist mir auch egal. Aber ich kann dir helfen, dass du dieses Jahr die Aufgabe des Osterhasen übernehmen kannst. Welche Rolle spielt es da, dass du gar kein richtiges Häschen bist? Tu einfach so, als ob du der Osterhase wärst. Keiner wird dir das übel nehmen.“
Pünktchen wäre der Maus am liebsten um den Hals gefallen.
„Das ist ja wunderbar, jubelte es. Dann könnte ich all denen, die mich ausgelacht haben, beweisen wozu ein Kaninchen fähig ist“.
Pünktchen besprach mit der Mäusemutter was zu tun sei, um in die Rolle des Osterhasen zu schlüpfen. Ihr Vorschlag begeisterte es. Pünktchen war sich sicher, dass der Plan funktionieren wird. Hoch erhobenen Hauptes verließ es den Stall und suchte nach etwas Essbarem, denn mit seiner Vorfreude, kam auch der Hunger wieder zurück.
Kaum gesellte sich Pünktchen zu den anderen, wurde es von allen anwesenden Tieren umringt. Hühner, Schweine und natürlich auch die geschwätzigen Gänse wollten wissen, was es bei der Eule erlebt hatte.
Pünktchen dachte jedoch nicht im Traum daran, die Neugier derer zu befriedigen, die es am Tag zuvor ausgelacht hatten.
Rache muss sein, dachte es und verkündete stolz:
„Am Sonntag könnt ihr sehen, wie ich zu einem richtigen Osterhase werde, mehr sage ich nicht“.
„Habt ihr das gehört? Pünktchen wird zum Osterhasen. Wer’s glaubt wird selig und wer’s nicht glaubt, der kommt auch in den Himmel“, schnatterte Federchen.
„Du blöde Gans“, brummelte Ben. „Immer musst du über andere herziehen! Pass auf, dass aus dir kein Feiertagsbraten wird. Ich hätte Lust auf ein paar leckere Gänseknochen“.
„Das hast du zum Glück nicht zu bestimmen“, erwiderte Federchen entsetzt und watschelte von dannen.
Pünktchens Bekanntgabe sorgte für noch größere Aufregung, als zuvor die Äußerung seines Wunsches Osterhase zu werden. Einige trauten es ihm zu, andere wiederum nicht. Sie wetteten sogar darauf, ob Pünktchen es schaffen würde. Es gab die unterschiedlichsten Wetteinsätze. Gänse verwetteten ihre Daunen, mit denen sich der Schlafplatz komfortabler ausstatteten ließ, Hühner verzichteten freiwillig auf einen Teil ihres Futters und Oskar, der Hahn, rupfte sich sogar seine schönsten Schwanzfedern aus, nur um an der Wette teilnehmen zu können. Jedes Tier fand etwas anderes, das es einsetzen konnte.

Am darauffolgenden Sonntag war es dann soweit. Es gab noch nie einen Ostersonntag, der so ungeduldig von den Tieren des Bauernhofes erwartet wurde. Trotz strengster Bebachtung Pünktchens, gelang es ihm dennoch, sich unbemerkt aus dem Stall zu schleichen.
Die Mäusemutter hatte von ihrer ganzen Verwandtschaft einen Tunnel graben lassen, der vom Kaninchenstall aus direkt zu jenem Gebüsch führte, unter dem der Osterhase eines seiner Nester zu verstecken pflegte. Kaum hatte das Mäuschen ein Nest entdeckt, eilte sie durch den Geheimgang zu Pünktchen, um ihm Bescheid zu geben. Was nun folgte lag nicht mehr in ihrer Hand.
Zielstrebig zwängte sich Pünktchen durch den Tunnel. Nachdem es unter der Erde hervorgekrochen war, befreite es sein Fell sorgfältig von anhaftenden Erdklumpen. Dann hielt es Ausschau nach dem Osternest und legte sich vorsichtig hinein. Es achtete gewissenhaft darauf keines der buntbemalten Eier zu beschädigen, sondern legte diese behutsam um seinen Körper herum. So wurde aus Pünktchen ein (fast) echter Osterhase.

Dies dachte auch die Tochter des Bauern, als sie das Nest fand.
„Oh Pappi schau doch mal. Ein richtiger Osterhase! Darf ich ihn behalten?“
Während das Mädchen erfreut nach ihrem Vater rief, nahm sie das Kaninchen auf den Arm und streichelte es zärtlich.
Der Bauer erkannte Pünktchen sofort, als er das Kaninchen sah.
„So ein Schlingel, wie konnte es sich nur ins Osternest hinein schmuggeln?“, dachte er verwundert. Doch zu seiner Tochter sagte er schmunzelnd:
„Nur sehr wenige Menschen haben bisher den Osterhasen gesehen. Er ist nämlich sehr scheu. Dir hat er sogar sein Kind anvertraut. Das ist eine große Ehre. Wir werden dem kleinen Kerl ein schönes Zuhause geben.“

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Marianne Schaefer: Zwergenkinder Frühling

14. März 2010

 

Zwei Zwergenkinder suchen den Frühling
© Marianne Schaefer

Im Zwergenland war es Zeit für den Frühling, doch der Winter wollte nicht weichen. Die ersten Frühlingsboten, die Schneeglöckchen, zogen von der Kälte erschreckt, ihre Köpfchen ein und bibberten.
„Hör nur, sie läuten noch nicht“, sagte das Zwergenkind Sanna traurig zu ihrer kleineren Schwester Suse.
„Lass uns endlich den Frühling suchen“, schlug Sanna vor. „Wir nehmen unseren Bollerwagen, spannen Hoppel, den großen Hasen davor und fahren damit durch den dunklen Wald, bis an das große Meer“.
„Und was erzählen wir Mama?“, wollte Suse wissen.
„Nichts“, sagte Sanna. „Bevor es dunkel wird, sind wir wieder zurück. Irgendwo werden wir ihn schon finden!“
Und so machten sich die zwei Zwergenkinder auf den Weg, um den Frühling zu suchen.
Sie kamen durch einen großen, dunklen Wald. Dort trafen sie viele Rehe und Hirsche, die dicht gedrängt vor ihren leeren Futterkrippen standen.
„Habt ihr vielleicht den Frühling gesehen?“, wollte Sanna von den Tieren wissen. „Oder könnt ihr uns sagen wo er wohnt?“
Ein großer, stattlicher Hirsch kam bis vor den Bollerwagen gelaufen und beäugte neugierig die zwei Zwergenkinder.
„Den Frühling …? Nein, den haben wir noch nicht gesehen! Und wo er wohnt weiß ich auch nicht! Aber seid ihr zufällig dem Förster mit unserem Futter begegnet? Wir haben Hunger bis unter die Geweihe.“
„Tut uns sehr leid“, antwortete Suse, „leider nicht!“
Sie fuhren und fuhren und der Wald nahm kein Ende. Da sahen sie einen Uhu auf einem Baum sitzen.
„Lieber Uhu“, riefen sie, „du sollst doch der Gescheiteste aller Vögel sein – sag uns doch bitte, wo können wir den Frühling finden?“
Der Uhu verdrehte seine Augen. „Danke für das Kompliment. Wissen tue ich das auch nicht! Aber ich könnte mir denken, wo ihr ihn findet. Fahrt einfach diesen Weg geradeaus weiter – hinter den drei großen Tannen biegt ihr links ab, dort bläst der Wind und rauscht das Meer. Fragt dort nach dem Frühling.“
Als sie den Wald durchquert hatten, blies der Wind ihnen heftig ins Gesicht und die Wellen des Meeres klatschten wild ans Ufer.
„Wind, hast du den Frühling gesehen?“, riefen sie gegen ihn an.
„Den Frühling, den kann ich noch nicht gebrauchen“, sagte der Wind. „Wenn der beginnt, ist es mit meinem Spaß vorbei. Seht nur, was ich mit dem Meer und den Schiffen treibe! Sie schaukeln mal auf und ab. Was für eine Freude! Was für ein Spaß! Hoffentlich findet ihr ihn nicht so schnell“, lachte er und blies sich fort.
Sanna und Suse waren traurig. Keiner konnte ihnen sagen, wo sie den Frühling finden konnten! Deshalb befahlen sie Hoppel umzudrehen, um nach Hause zu fahren.
Als Sanna und Suse wieder im dunklen Wald waren, fing es leicht an zu schneien. Auch war es dunkel geworden. Nachdem Hoppel ziellos mit ihnen durch den Wald irrte und sie dreimal an der gleichen Stelle vorbei gekommen waren, bekamen die Zwergenkinder große Angst. Suse begann zu weinen.
„Was erzählen wir nur der Mama?“, wollte sie immer wieder wissen.
„Sei still“, sagte Sanna, „und hör auf zu plärren!“
„Hoppel“, rief Sanna, „findest du wirklich nicht mehr den Weg aus den Wald heraus?“
Der große Hase legte seine langen Ohren über die Augen und schüttelte den Kopf. Er schämte sich gewaltig.
„Also nicht“, sagte Sanna enttäuscht. Jetzt bekam auch sie es mit der Angst zu tun. Plötzlich sah sie den Mond hoch oben am Himmel stehen.
„Lieber Mond“, rief sie hinauf, „weißt du denn nicht, wo der Frühling wohnt? Oder kannst du uns den Weg nach Hause zeigen?“
Der Mond lachte zwar über das ganze Gesicht, er gab aber keine Antwort.
„Er versteht uns nicht“, sagte Sanna. „Er ist zu weit weg.“
Ängstlich rückten die Zwergenkinder zusammen. Da schob sich plötzlich vor ihren Augen eine Himmelsleiter auf die Erde herunter. Ein kleines Sternenkind hüpfte von Sprosse zu Sprosse und landete vor ihnen im Schnee. Die Zwergenkinder wichen erschreckt zurück.
„Habt keine Angst“, sagte es. „Mich schickt der Mond, weil er glaubt, dass ihr Hilfe braucht. Er hört nicht mehr gut, denn er ist schon sehr, sehr alt. Deshalb hat er mich geschickt. Wie kann ich euch helfen?“
Sanna und Suse, die Zwergenkinder, erzählten dem Sternenkind ihre Geschichte und baten ihn um Hilfe.
„Wo der Frühling wohnt, weiß ich auch nicht. Aber vor ein paar Stunden ist er wie der Teufel durch die Tannen geflitzt und hat immer gerufen: Oh je! Oh je! Ich habe verschlafen. Wo fange ich jetzt als Erstes an? Ich glaube, er ist auf dem Weg ins Zwergenland. Solltet ihr dort zu Hause sein, macht schnell, sonst beginnt der Frühling ohne euch.“
„Aber wir finden den Weg dorthin nicht mehr. Bitte hilf uns!“
„Natürlich helfe ich“, sagte das Sternenkind. „Deshalb bin ich ja hier. Ich führe euch durch den Wald, dann könnt ihr das Zwergenland schon sehen! So weit weg davon seid ihr nicht!“
Das Sternenkind führte Hoppel, Sanna und Suse hinaus aus den dunklen Wald. So fanden sie wieder nach Hause. Dort schloss ihre Mutter sie glücklich in die Arme.
Anderntags begann der Schnee zu schmelzen, die Schneeglöckchen läuteten und streckten ihre kleinen Köpfchen dem Frühling und der Sonne entgegen. Und auch die Krokusse und Osterglocken bohrten sich freudig durch die Erde.
Sanna und Suse waren darüber sehr glücklich. Das mit dem Frühling so schien es ihnen, war so eine Sache, er kommt wann er will und geht, wann es ihm passt.

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Patricia Koelle: Pusteblumen-Märchen

28. Februar 2010

Pusteblume – Löwenzahn – Kindergeschichte – Märchen – Elfen – Drachen – Allergie – Elfengeschichte – Drachengeschichte – Löwenzahngeschichte – Pusteblumengeschichten

Heiße Luft – Ein Pusteblumen-Märchen
© Patricia Koelle

Fira war in einem gelbduftenden Junimorgen unterwegs auf der Suche nach einem Brombeerstrauch. Nicht wegen der Brombeeren. Elfen mögen Brombeeren nicht besonders, schon weil sie so groß sind und dunkelsaftige Flecken machen, wenn man sie zerteilt. Es waren die Dornen, die Fira nützlich waren, denn im Gegensatz zu den anderen Elfen trug sie ihre Haare kurz. Morgens fuhr sie sich mit einem Dorn hindurch, so dass die Haare in alle Richtungen hoch standen. „Du siehst aus wie eine Pusteblume“, sagte die Großelfe Rona und schüttelte seufzend ihren Kopf mit dem langen glänzend braunen Zopf. Elfen bekommen selten graue Haare.
Doch Fira bestand auf ihrer Frisur. Sie wollte sich leicht fühlen und lehnte alles ab, was sie beschweren konnte. Am liebsten sauste sie nur im Unterhemd herum und nutzte jeden leichten Wind, um darauf herumzuturnen.
An diesem Morgen fand sie keinen Wind. Es war ein warmer, stiller Tag. „Fira!“, hörte sie da einen Aufschrei durch die Stille. „Hilfe!“.
„Neri?“ Sie sah sich suchend um.
„Hier!“, jammerte es. Der Ruf kam aus einer Birke am Rande der Lichtung. Fira sauste hin, so schnell sie konnte. Sie musste ungewöhnlich hoch fliegen, um Neri zu finden.
„Was ist Dir denn passiert?“, fragte Fira entsetzt. Ihre Cousine hing mit schmutzigem Gewand und zerknitterten Flügeln an einem spitzen Zweig. Bei genauerem Hinsehen war es noch schlimmer. Das Gewand war nicht nur schmutzig, sondern angesengt, und Neris Flügel hatte ein Loch, denn da war der Zweig hindurchgegangen.
„Halt still, da muss ich Hilfe holen“, bat Fira und zischte davon. „Jooonooo!“, brüllte sie, so laut sie konnte, nach dem Schwarmältesten. Leider können Elfen nicht sehr laut brüllen. Doch Jono hatte besonders gute Ohren und einen scharfen Sinn für Gefahren, und kaum war Fira im Sturzflug am Boden der Lichtung angekommen, stieß sie schon fast mit ihm zusammen.
Jono war doppelt so groß wie Fira und Neri. Er zog Neris Flügel behutsam vom Zweig und trug sie zur Moosbuche, wo Großelfe Rona, die Heilkundige, den Flügel sorgfältig mit einem Verband aus Spinnweben flickte. „Am Arm hast du eine Verbrennung“, stellte sie fest. „Wie ist das bloß passiert, Mädchen?“
Jetzt, wo sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, ging es Neri schon besser.
„Ich bin nur die Lichtung entlang geflogen und wollte mich im Tau waschen“, erklärte sie.
Jono und die Großelfe unterdrückten ein Schmunzeln, denn Neri war dafür bekannt, dass sie das Waschen gern ausfallen ließ. Sie war wasserscheu.
„Plötzlich kam etwas, das wie ein leuchtender Trichter aussah, auf mich zugesaust“, erklärte sie. „Es war ein Wind, eine Art kleiner Sturm, und er war heiß. Er packte mich und wirbelte mich in die Birke. Ich konnte überhaupt nichts machen. Und“, sagte sie und machte ein wichtiges Gesicht, „es waren Zwillinge! Zum Glück hat mich nur einer erwischt.“
„Wie meinst du das, Zwillinge?“, fragte Jono.
„Zwei Wirbelwinde. Zwei Trichter. Sie haben sich genau gleich bewegt“, behauptete Neri.
„Wo ist Fira?“, fragte die Großelfe und sah erschrocken in allen Himmelsrichtungen.
Fira hatte nur das Wort „Wind“ gehört, und schon hatte sie sich aufgemacht. Das klang nach einem großen Spaß. Für Wind fühlte sie sich zuständig. Sie musste ja nicht so ungeschickt sein wie Neri.
Sie setzte sich auf den untersten Ast der Birke, in der sie Neri gefunden hatte, und sah sich erwartungsvoll um. Gleich darauf zuckte sie erschrocken zusammen. Ein seltsames Geräusch erschütterte das Gras so sehr, dass jeder Halm sich davor verneigte. Kein Donner, eher eine Explosion, und danach wieder Stille. Im nächsten Augenblick geschah, was Neri beschrieben hatte. Zwei leuchtende Trichter wirbelten über die Lichtung, und kaum hatte Fira sie gesehen, sauste sie auf den los, der ihr am nächsten war, und versuchte, darauf im Kreis zu segeln.
Das war ein Fehler. Sie konnte hervorragend fliegen, doch dieser Wirbel war der erste Wind, der zu stark für sie war, und riss sie sofort mit. Zum Glück löste er sich schnell auf. Verdammt heiß war er gewesen. Fira hielt sich die Hand vor den Mund. Elfen dürfen nicht fluchen, nicht einmal in Gedanken, und Rona war ziemlich gut im Gedankenlesen. Firas Flügel hatte eine braune Stelle, aber insgesamt war sie besser davongekommen als Neri.
Aber wo kamen diese Zwillingswinde her? Und was war das für ein Geräusch gewesen? Fira machte sich auf in die Richtung, aus der beides gekommen war. Sie flog unter einer dichten Zeder hindurch und kam auf die kleine Lichtung am Bach, zwischen den Felsen.
„Noriwon?“, rief sie.
Noriwon war ein junger Drache, glücklicherweise einer von der Sorte mit einem hellen Charakter. Er war auf seiner Reise gerade über den Elfenlichtungen mit einem vierflügeligen Nachtgnom zusammengestoßen und hatte sich dabei böse die Schulter verrenkt. Die Großelfe hatte sich seiner angenommen, wie sie sich jeden Wesens annahm, und ihn mit Kräutersalben und einem Verband aus kühlenden Blättern versorgt. Zum Glück kommen Drachen lange ohne Nahrung aus, denn ihn zu füttern wäre ein Problem gewesen. So aber konnte er sich auskurieren und derweil den Elfen von seinen Erlebnissen berichten. Noriwon konnte gut erzählen. Die Elfen lauschten hingerissen und selbst Jono erwischte sich dabei, dass er sich beim Zuhören selbst riesig und stark fühlte und sich durch große Höhen schwingen sah.
Wenn Noriwon zum Erzählen zu müde war, spielten die jungen Elfen Slalomfliegen durch die Zacken auf seinem Rücken, oder sie polierten die Schuppen auf seiner Haut, die ihn mal kupfernfarben, mal smaragdgrün glänzen ließen, mit einem königsblauen Schimmer an den Seiten.
Doch im Augenblick war Noriwon allein und Fira sah, dass er sich seltsam krümmte. „Was ist, Noriwon?“, fragte sie erschrocken und flog zu ihm hin.
In diesem Augenblick nieste Noriwon. Nun war klar, woher das geheimnisvolle Geräusch gekommen war. Aus seinen gewaltigen Nasenlöchern sausten zwei leuchtende Wirbelstürme. Und da Noriwon schon seit einigen Jahren alt genug war, um Feuer spucken zu können, waren sie heiß. Sehr heiß. Fira konnte gerade noch ausweichen und sich an einem Blaubeerstrauch festhalten, sonst wäre sie wieder mitgerissen worden.
„So geht das nicht“, sagte Rona hinter ihr. Jono tauchte auch auf. Neri hielt sich ängstlich im Hintergrund.
„Du zündest uns noch den Wald an“, sagte Rona zu Noriwon.
„Ich kann nichts dafür“, sagte Noriwon kleinlaut. „Ich habe alles versucht. Es kommt einfach über mich.“
„Wohl eher aus dir heraus“, sagte Jono. „Bist du erkältet?“
„Drachen können sich nicht erkälten. Sie sind viel zu heiß. Das überlebt kein Virus“, sagte Rona, die um Noriwons Kopf herumschwirrte und in seine Augen und Nasenlöcher spähte. „Ich fürchte, er hat eine Allergie. Heuschnupfen.“
„Und jetzt?“, fragte Fira.
„Seine Schulter ist noch nicht geheilt. Er kann unmöglich schon fortfliegen, sonst würde ich ihn an die See schicken, wo kein Blütenstaub in der Luft ist“, sagte Rona. „So aber müssen wir herausfinden, worauf er mit Niesen reagiert.“
„Fira, Neri“, sagte Jono, „pflückt alle Blumen, die ihr hier finden könnt, und haltet sie Noriwon einzeln vor die Nase. Wir werden schon dahinter kommen.“ Er sauste selbst zum Bach hinunter und pflückte Arnika, die dort lustige Punkte in die tiefen Schatten streute. Noriwon schnupperte daran, doch nichts geschah.
„Das ist ein Heilkraut“, sagte Rona. „Ich glaube nicht, dass das in Frage kommt.“
Neri fürchtete sich immer noch. Nicht vor Noriwon, aber vor den Zwillingsstürmen. Sie pflückte die erstbeste Pflanze, die sie erwischte. Noriwon zuckte zurück und jaulte auf. Drachen haben empfindliche Nasen. Auch Neri ließ die Pflanze schnell fallen. Es war eine Brennnessel gewesen.
Jono brachte Hirtentäschelkraut, Rona wilden Flieder, Fira Gänseblümchen. Noriwon nieste immer wieder, aber nie, wenn sie ihm eine Blüte vor die Nase hielten. Sie hatten schon müde Flügel, als ausgerechnet Neri Erfolg hatte. Sie schleppte sich mit einer fast reifen Pusteblume ab, die beinahe schwerer war als sie selbst.
Kaum näherte sie sich Noriwon, nieste er gleich zweimal. Neri ließ die Blume fallen und sauste blitzschnell in die Höhe, um nicht von den Wirbelstürmen erfasst zu werden. Sie spürte noch die Hitze an den Zehen.
Jono fischte rasch die Pusteblume aus dem Gras und warf sie in den Bach, sonst hätte Noriwon gar nicht mehr aufgehört, zu niesen.
„Ach, du lieber Waldgeist!“, sagte Rona. „Das wird ein Stück Arbeit. Wir müssen alle Pusteblumen in der Gegend einsammeln.“
Doch Rona und Jono ließen sich so schnell nicht erschüttern. Je größer und unmöglicher die Aufgabe, desto glücklicher waren sie. Fira kannte das schon und war nicht verblüfft darüber, dass die Großelfe und der Schwarmälteste ihren Plan schon fix und fertig hatten.
Es war im Interesse aller Lebewesen, dass der Wald nicht abbrannte. Darum war es für Rona ein Leichtes, die Vögel und die Spinnen zur Mitarbeit zu überreden. Die Rotkehlchen, Amseln und Meisen machten sich auf, alle Elfenschwärme im Tal auf der großen Lichtung zusammenzurufen. Noriwon wurde gemahnt, solange in die andere Richtung zu niesen, wo die Zwillingsstürme auf die Felsen trafen und nicht ganz so gefährlich waren.
Die Spinnen webten die ganze helle Juninacht lang unzählige kleine Beutel. Der Mond war fast voll und hatte einen leuchtenden Hof um sich, und die vielen Spinnenfäden und Elfenflügel glitzerten in seinem Licht. Auch wenn alle angespannt waren und immer wieder die Nasen in den langsamen Sommerwind hielten, ob es nicht schon irgendwo nach Feuer roch, fand Fira doch, dass ein ganz besonderer Zauber in der Luft lag. Die Elfen begannen, alle Pusteblumensamen im Tal einzusammeln und ihre Beutel damit zu füllen. Lonn stimmte kurz nach Mitternacht ein Lied an, und die Elfen, die ihm am nächsten arbeiteten, nahmen es auf. So breitete es sich im ganzen Wald aus bis zu den Bergen, leicht und leise und unsichtbar wie ein hoffnungsvoller Traum.
Als der Nebel aus dem Gras aufstieg und die aufgehende Sonne ihn glühen ließ, als brenne es doch schon, gab es für dieses Jahr keine Pusteblumen mehr im Tal.
„Außer dir, Kleine Wilde. Wann hast du dich zum letzten Mal gekämmt?“, fragte Rona und stupste Fira auf die Nase.
„Wohin sollen wir die Pusteblumensamen denn nun bringen?“, fragte Neri. Elfen lassen nie etwas umkommen, auch nicht ein einziges Samenkorn, und darum war klar, dass mit dem Inhalt der Beutel etwas geschehen musste.
„Ich habe eine Idee, Großelfe, darf ich?“, rief Fira und schwirrte aufgeregt um Rona herum. Sie flüsterte ihr etwas ins Ohr.
Rona lachte und beriet sich mit Jono. „Na gut“, sagte sie schließlich. „Ich denke nicht, dass es schaden kann.“
Bald machte sich ein gewaltiger Schwarm Elfen auf und flog in Richtung der grauen Stadt im Nachbartal. Die Menschen in der Stadt sahen die Elfen nicht. Sie waren viel zu sehr damit beschäftigt, die Gänse- und Butterblumen und den weißen und roten Klee aus ihren ordentlichen viereckigen Gärten zu reißen oder zu vergiften.
„Wenn ich dieses kurzgeschorene Einheitsgrün sehe, bekomme ich Bauchgrimmen“, sagte Fira zu Neri.
„Und wenn ich diese grauen Häuser sehe, kriechen dunkle Träume in meinen Kopf“, sagte Neri.
Die Elfen waren sehr beschäftigt, doch als der Tag an den Bergen herunter in die Täler fiel und die Dämmerung ihm entgegenkam, flogen sie so leise davon, wie sie gekommen waren. Die Menschen sahen sie nicht, weil sie sie nicht erwartet hatten.
Auch das kalte glatte Grün und Grau waren bald verschwunden, denn in der ehemals trüben Stadt blühte in diesem langen Sommer strahlend gelber Löwenzahn, wohin man schaute. In den ordentlichen Vorgärten erschienen gelbe lachende Gesichter, Sonnen und andere Zeichen aus Blüten auf dem Rasen. In den Dachrinnen vor den Fenstern und zwischen den Fliesen auf Balkons wuchs das Gelb aus allen Ritzen. In den Parks wanden sich gelbe honigduftende Wege neben den richtigen aus grauem Splitt. Und es dauerte nicht lange, da reiften die Blüten und wurden zu Pusteblumen, lange ehe die Menschen alle vernichten konnten. Auf den Spielplätzen pusteten die Kinder die kleinen Schirmchen in jeden Wind, der aufkam. Von den Dächern flogen sie in glänzenden Schwaden wie große Flügel. Es waren so viele, dass auch in den nächsten Jahren die Stadt nicht grau sein würde.
Fira segelte mit den Samenschirmchen auf den warmen Winden und stellte fest, dass das völlig ausreichte, um glücklich zu sein.
Im nächsten Frühjahr, als Noriwon geheilt war und auf kräftigen Flügeln das Tal verlassen hatte, holte sie einige Samen zurück, denn ein Sommer ohne Pusteblumen ist nirgendwo denkbar.

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Buchtipp:
Patricia Koelle: Die Füße der Sterne
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Geschichten von Himmel, Meer und Erde
Die Zeitschrift bella meint in Ausgabe 2/2010:
Glück zum Lesen

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Nils Pickert: Kindergeschichte Der kleine Baum

20. Februar 2010

Kurzgeschichte – Kindergeschichte – Baum – Bäume – Wald – Jahreszeiten – Frühling – Sommer – Herbst – Winter


Der kleine Baum
© Nils Pickert

Es war einmal ein kleiner Baum, der mit vielen anderen Bäumen in einem riesigen Wald lebte. Die anderen Bäume waren alle größer als der kleine Baum und oft gemein zu ihm. So sagten sie:„Haha, du wirst nie so groß sein wie wir!“
„Das wollen wir doch mal sehen“, sagte der kleine Baum. „Ich glaube, dass ich bis zum nächsten Frühling so viel gewachsen bin, dass ich fast so groß sein werde wie ihr.“
Und es kam der Sommer, der war sehr heiß.
Im Herbst warfen die Bäume ihre Blätter ab.
Der Winter brachte Schnee und Eis.
Und im Frühling war der kleine Baum tatsächlich fast so groß wie alle anderen.
Die Bäume waren überrascht, sagten aber immer noch: „Haha, jetzt bist du zwar gewachsen, aber trotzdem wirst du nie so groß sein wie wir!“
„Das wollen wir doch mal sehen“, sagte der kleine Baum. „Ich glaube, dass ich bis zum nächsten Frühling so viel gewachsen bin, dass ich größer sein werde als ihr alle.“
Und es kam der Sommer, der war sehr heiß.
Im Herbst warfen die Bäume ihre Blätter ab.
Der Winter brachte Schnee und Eis.
Und im Frühling war der kleine Baum tatsächlich größer als alle anderen. Nun war kein Baum mehr gemein zum kleinen Baum, bis auf einen, der immerhin noch fast so groß war wie der kleine Baum. Und der sagte: „Haha, jetzt bist du zwar größer als wir alle, aber du wirst nie so groß sein, dass du mit deinem Kopf und den Ästen daran durch die Wolken reichst!“
„Das wollen wir doch mal sehen“, sagte der kleine Baum. „Ich glaube, dass ich bis zum nächsten Frühling so viel gewachsen bin, dass ich durch die Wolken ragen und sogar auf ihnen schlafen werde.“
Und es kam der Sommer, der war sehr heiß.
Im Herbst warfen die Bäume ihre Blätter ab.
Der Winter brachte Schnee und Eis.
Und im Frühling war der kleine Baum mit seinem Kopf und allen Ästen daran durch die Wolken gewachsen. Dann sagte er sehr laut „Haha“ und legte seinen Kopf auf eine Wolke, um darauf zu schlafen.
Und alle anderen Bäume waren ganz leise.

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Antonia Stahn: Max und Mäxchen

19. Februar 2010
Max und Mäxchen

Max und Mäxchen

Max und Mäxchen und Canor – der einsame Kuckuck
© Antonia Stahn

„So, Mäxchen, du darfst dir noch ein wenig Benjamin Blümchen anhören – bis Papa kommt.“ Sorgfältig deckt Mama ihren kleinen Jungen zu.
„Bitte die Füße extra einmollen, Mama, sie sind heute sooo kalt.“ Einmollen ist Mäxchens Spezialausdruck für Gemütlichkeit.
Mama lächelt und stopft die Decke fest um den kleinen Körper des Jungen. „Gute Nacht, mein Schatz, träum was Schönes.“
„Nacht, Mama, bis morgen.“
Mäxchen kuschelt sich in die Kissen. Ein wenig hört er Benjamin Blümchen zu. Aber eigentlich wartet er nur auf Papa. Er muss ihn etwas Wichtiges fragen.
Eine Weile später klopft es an der Tür. „Wohnt hier der kleine Max?“, fragt eine tiefe Stimme. „Darf man eintreten?“
Mäxchen klettert aus seiner Gemütlichkeit. Er reißt die Tür auf und springt mit einem Satz auf Papas Arm. „Da bist du ja endlich, Papa! Wo warst du heute nur so lange – und erzählst du mir eine Geschichte?“
„Immer mit der Ruhe“, unterbricht Papa. „Zuerst einmal brauche ich unbedingt einen dicken Begrüßungskuss. Der Lkw war kaputt. Die Reparatur hat sehr lange gedauert, mein Junge. Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig. Ich bin froh, wieder hier bei dir und Mama zu sein.“
Schnell klettert der Vierjährige wieder in sein Bett und richtet sich nochmals gemütlich ein.
„Du, Papa, ich muss dich etwas Wichtiges fragen. Oma hat gesagt, dass der Kuckuck in diesem Jahr noch nicht gerufen hat. Sie sagt, das ist kein gutes Zeichen. Gutes Zeichen für was? Und warum ruft der Kuckuck eigentlich?“
„Oh, das ist aber ein Zufall! Ausgerechnet heute habe ich in meinem Merkbuch eine Geschichte über einen Kuckuck gefunden. Vielleicht steht die Antwort auf deine Frage in diesem Buch. Möchtest du die Geschichte hören, Mäxchen?“
Mäxchen nickt und kuschelt sich tiefer in seine Kissen.
Das Merkbuch ist gerade mal so groß wie ein Taschenkalender. Trotzdem liest Papa immer wieder neue Geschichten daraus vor. Der kleine Max hat längst aufgehört, sich darüber zu wundern.
Papa setzt die Brille auf und erzählt.

Die Geschichte beginnt irgendwo in einem fernen, fernen Land. Dort lebte einmal ein wunderschöner, schlanker Kuckuck. Lange schon war er auf der Suche nach einer Frau. Er wollte gern eine Familie haben. Aber er war sehr schüchtern. Es gelang ihm einfach nicht, eine Kuckucksfrau anzusprechen – oder besser gesagt, sie mit seinen Rufen anzulocken.
Irgendwann hat der schüchterne Vogel gemerkt, dass er seinen Ruf verloren hatte. Da wurde er sehr, sehr traurig; und er suchte einen Vogelarzt nach dem anderen auf. Doch keiner konnte ihm helfen.
Eines Tages traf er die alte Elster Federleicht im Wald.
„Na, alter Freund, warum so traurig?“, krächzte sie.

wie die Geschichte weitergeht, erfährst du in der nächsten Folge

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Die Geschichte findet sich in dem Buch
Antonia Stahn: Max und Mäxchen
Antonia Stahn
Max und Mäxchen
Kindergeschichten für große und kleine Leser
Mit Illustrationen von Sibylle Rencker
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-7-4

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