Manfred Schröder: Mary und der Riese Ornac

19. März 2017

Mary und der Riese Ornac

© Manfred Schröder

Der Riese Ornac saß auf der Bank vor seinem Haus und blickte missmutig in die Welt. Er hätte so gerne seinem Vetter Holcon, der hoch oben an der Grenze zu Schottland wohnte, einen Brief geschickt. Doch er hatte nie das Schreiben und das Lesen gelernt. Und fragen wollte er niemanden, da er fürchtete, dass man ihn auslachen könnte. So saß er denn da, und weder der Gesang der Vögel noch die farbige Blumenpracht in seinem Garten konnten sein Herz erfreuen. Sicher, er könnte sich zu Fuß aufmachen. Doch es war ein weiter Weg, und Ornac fühlte sich zu alt, diese beschwerliche Reise zu unternehmen. Wie oft hatte er sich darüber geärgert, dass er nicht auch, wie Holcon, die Menschen verlassen hatte, um in der Einsamkeit Ruhe und Frieden zu finden. Doch nun hatte er dazu keine Kraft mehr. So hockte er denn da und grübelte vor sich hin.

Plötzlich ging eine Idee durch seinen Kopf und er lächelte. „Dass mir dieses nie früher eingefallen ist!“, dachte er.

Er erhob sich, ging ins Haus und zog unter seiner Matratze eine Pfundnote hervor. Wie hätte er sein Geld zur Bank bringen können, ohne schreiben, lesen und rechnen zu können? Und er war auch ein misstrauischer Riese. Dann ging er die holperige Straße hinunter, wo sich am Ende Annys Gemischtwarenladen befand, in dem es fast alles zu gab, was man hier so brauchte.

Als er das Geschäft betrat, blickte ihn Anny erwartungsvoll an. „Nun, Ornac, woran fehlts?“

Er fühlte sich auf einmal nicht wohl in seiner Haut, da die anderen Kunden ihn neugierig anschauten. Eine Zeitlang schwieg er. Dann schaffte er es zu sagen .. „Ich brauche einen Bogen Papier, einen Umschlag und einen Bleistift.“

Irgendjemand lachte.

„So, so“, bemerkte Anne. „Papier und einen Bleistift. Willst wohl deinem Liebchen schreiben?“

Jetzt lachten auch alle anderen. Ornac fühlte, wie er rot wurde und wäre am liebsten im Erdboden verschwunden. Ja, so waren sie, die Menschen.

Umständlich packte Anny alles ein, als wolle sie den anderen Zeit lassen, sich an seinem Anblick zu ergötzen.

Als Ornac wieder draußen war, holte er tief Luft und lief so schnell er konnte nach Hause. Er setzte sich auf seine Bank und blickte zur Sonne. Nach ihr richtete er sich immer, falls sie am Himmel zu sehen war, da er keine Uhr besaß. Bald würden die Kinder die Schule verlassen und das kleine Mädchen mit den dunklen und langen Zöpfen würde wie immer an seinem Haus vorbeikommen. Es dauerte nicht lange und er sah, wie es hüpfend die Straße herunterkam.

„Woher kommst du denn?“, fragte er freundlich.

Das Mädchen blieb stehen und schaute Ornac verwundert an. Denn noch nie hatte er es angesprochen.

„Ich komme aus der Schule, Ornac. Warum fragst du?“

Er kratzte sich am Ohr und überlegte, wir er es am besten sagen könnte.

„So, so. Aus der Schule. Ja, ja. Und kannst du denn schon schreiben? Und wie heißt du?“

Das Mädchen lächelte. „Ich heiße Mary. das weißt du doch. Natürlich kann ich das.“

Wieder überlegte Ornac.

„Na, ich weiß nicht. Bist doch noch so klein. Ich glaube das nicht.“

Mary lachte. „Alle Kinder in meiner Klasse können schreiben.“

Ornac zog aus seiner Tasche das Blatt Papier und den Bleistift und reichte es ihr.

„Hier. Schreibe mir etwas auf. Dann glaube ich dir.“

Mary legte ein wenig den Kopf zur Seite und blickte ihn nachdenklich an. „Und was soll ich schreiben?“

Ornac holte tief Luft. „Also.“

Er schwieg wieder, weil er überlegen musste.

„Also“, begann er wieder. „Mein lieber Holcon, ich würde mich freuen, wenn du mich mal wieder besuchen könntest. Du bist jünger und rüstiger, während ich …“

Und Ornac redete und redete, bis alle beiden Seiten des Papiers vollgeschrieben waren.

„Das Blatt ist voll“, sagte Mary.

„Na, dann zeig mal her. Mal sehen, wie viele Fehler du gemacht hast.“

Mary reichte ihm das Blatt und Ornac tat so, als würde er lesen.

„He, Ornac“, sagte Mary. „Du hältst das Papier falsch herum. Die Schrift steht jetzt auf dem Kopf.“

!Ach du Schande!“, dachte Ornac. Und laut sagte er: „Ja, ja, das weiss ich selber. Wollte es gerade herumdrehen.“

Mary lachte laut auf. „Weißt du was ich denke. Du kannst gar nicht lesen.“

Ornac beugte sich zu ihr herunter und legte seine Stirn in drohende Falten.

„Willst du sagen, dass ich lüge? Vorsichtig. Denn ich bin ein gewaltiger Riese, der dich mit einem Happen verschlingen kann.“

Doch Mary hatte keine Angst. „Hör zu“, sagte sie freundlich. „Wenn du willst, kann ich dir das Schreiben und das Lesen beibringen.“

Ornac wusste nicht, was er sagen sollte. Er richtete sich wieder auf und überlegte. Schreiben und lesen. Ach, das wäre schön.

„Und wirst du niemanden davon erzählen?“

„Ach Ornac.“ Jetzt war Mary ein wenig gekränkt. „Ich bin doch keine Tratschsusi.“

„Natürlich nicht“, beeilte sich Ornac zu sagen. Denn er wollte nicht, dass sie es sich womöglich anders überlegte.

„Gut“, sagte Mary. „Morgen um dieselbe Zeit, können wir hier in deinem Garten Unterricht abhalten“.

Sie gebrauchte das Wort Unterricht. Denn ein wenig stolz war sie schon, wie eine Lehrerin zu sein.

„Du musst dir nur noch ein Heft besorgen.“

Ornac versprach es und sein Herz hüpfte vor Freude. Noch am gleichen Tage besorgte er sich ein großes Heft und einen Radiergummi. An den Radiergummi hatte er selber gedacht. Denn er würde bestimmt viele Fehler machen. Und fünf Mal in der Woche, immer wenn Mary aus der Schule kam, saßen sie in seinem Garten und Ornac lernte Lesen und Schreiben.

Einfach war es für beide nicht. Doch Ornac war gelehrig und Mary geduldig.

Und eines schönen Tages, der Herbst neigte sich seinem Ende zu, ging Ornac die Straße hinunter, betrat Annys Gemischtwarenladen und fragte nach einer Zeitung. Es wurde still im Geschäft und alle blickten auf ihn. Denn niemand hatte je geglaubt, dass er lesen könne.

„So so.“ Anne grinste. „Eine Zeitung willst du. Hier. Na, dann lies uns mal vor, was es so an Neuigkeiten gibt.“

Ornac strahlte übers ganze Gesicht. „Wenn ihr nicht selber lesen könnt. Gut.“ Er blickte auf die Hauptseite.

„Auch dieses Jahr zweifelt niemand daran, dass Liverpool wieder Fußballmeister wird.“

Er schaute in die Runde und sah mit Genugtuung, wie ihn alle ungläubig anstarrten.

„Ach, ja. Und hier steht, dass die Königin trotz ihrer 80 Jahre noch immer gesund und rüstig ist.“ Bevor er nach draußen ging, sagte er noch. „God save the Queen!“

Und stolz ging er mit der Zeitung unterm Arm die Straße zu seinem Haus hinunter.

*

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Manfred Schröder: Klein-Mary und der Riese Maclef

19. März 2017

Klein-Mary und der Riese Maclef

© Manfred Schröder

Klein-Mary war in den Wald gegangen, um Beeren zu suchen. Doch bald kam sie vom Wege ab und wusste nicht mehr, wo sie sich befand. Doch sie hatte keine Angst. Klein-Mary war ein mutiges Mädchen. Und immer wieder fand sie Beeren, schöne große blaue Beeren, die sie besonders mochte. Mit der Zeit wurde es dunkler und sie überlegte nun doch, welchen Weg sie nehmen sollte, um wieder nach Hause zu kommen. Denn ihr kleiner Korb war voll mit von Beeren.

Da sah sie zwischen den Bäumen eine Hütte.

Klein-Mary ging auf sie zu und gewahrte einen Riesen, der auf der Bank saß, welche unter dem Fenster stand, und Kartoffeln schälte.

Klein-Mary blieb vor ihm stehen. „Was machst du da?“

Der Riese hob seinen Kopf. „Ich schäle Kartoffeln, wie du siehst. Und wer bist du?“

Sie lachte. „Ich bin Klein-Mary. Und wie heißt du?“

Der Riese legte seine Stirne in Falten. „Ich bin der Riese Maclef. Und du wärst gerade ein richtiger Happen für mich. Kartoffeln habe ich ja schon.“

Klein-Mary lachte wieder.

Maclefs Gesicht wurde drohender. „Lachst du über mich? Vorsichtig, denn ich bin ein gewaltiger Riese.“

Die Mundwinkel von Klein-Mary gingen von einem Ohr zum anderen. „Ach, Maclef, ich lache immer!“

Maclef brummte. „So, so. Lachst immer. Na, da an dir ja nicht viel Fleisch dran ist, werde ich mich wohl mit Rüben zufrieden geben müssen.“

Sein Blick fiel auf das Körbchen. „Was hast du denn da drin?“

„Hmm,“ sagte Klein Mary, und lachte wieder. „da sind Beeren drin. Möchtest du auch welche“?

Maclef erhob sich. „Warte hier. Ich gehe noch in den Garten und hole Rüben. Ja, Beeren mag ich immer.“

Klein-Mary setze sich neben einem Baum und schaute einem Eichhörnchen zu, welches flink von Ast zu Ast sprang. Sie lächelte. Während sie so da saß, fühlte sie, wie sie müde wurde. Ihr Köpfchen senkte sich und bald war sie eingeschlafen.

*

Alle waren sie aufgeregt, weil Klein-Mary verschwunden war. Papa und Mamma, Opa und Oma und alle Nachbarn gingen los, ein jeder mit einer Taschenlampe, um sie zu suchen. Doch Klein-Mary war nirgendwo zu finden.

Da kam jemand auf die Idee, zum Wald zu gehen. Und als sie zum Waldesrand kamen – wen sahen sie da, friedlich schlafend neben einem Baum liegen? Klein-Mary.

Als die Mutter sie hochheben wollte, wurde Klein-Mary wach. Sie blickte sich suchend um.

„Wo ist Maclef?“, fragte sie.

Alle blickten sie erstaunt an.

„Wer ist Maclef?, fragte Oma.

„Das ist doch der Riese, der nur in den Garten gehen wollte um Rüben zu holen.“

Der Vater lachte. „Ach, Klein-Mary. Du bist hier eingeschlafen und hast geträumt.“

Klein-Mary schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe wirklich den Riesen getroffen …“

Die Mutter stieß den Vater an. Und dieser verstand.

„Aber natürlich. Komm. Zuhause kannst du uns mehr erzählen.“

Klein-Mary lächelte und nickte. Und am Abend, vor dem Zubettegehen, bei Eis und blauen Beeren, ja, da erzählte Klein-Mary alles, was sie mit dem Riesen Maclef erlebt hatte. Und es wurde eine lange, lange Geschichte.

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Manfred Schröder: Tausendundzweite Nacht

19. März 2017

Tausendundzweite Nacht

© Manfred Schröder

Sultan Sheherban lag auf seinem mit weichen Kissen ausgestatteten Ruhebett und dachte nach. Tausendundeine Nacht hatte er Sheherazade verschont. Ihre Geschichten hatten ihr das Leben erhalten. Doch die letzten Märchen fand er langweilig, und er war auch ihrer überdrüssig.

Schon seit einiger Zeit hatte er auf den neuen schwarzen Sklaven ein Auge geworfen, der Sheherazade des Abends in sein Gemach führte. Und seine sinnliche Begierde, diesen dunklen und schlanken Körper in seinen Armen zu halten, wurde von Tag zu Tag größer.

„Nun“, dachte er. „Noch eine Nacht. Morgen werde ich Sheherazade töten lassen.“

Um die zehnte Abendstunde öffnete sich die Tür zu seinem Gemach und Sheherazade, begleitet von dem schwarzen Sklaven, der auf den Namen Ahmed hörte, trat ein. In seinen Händen trug er ein goldenes Tablett auf dem eine mit rot schimmerndem Wein gefüllte Karaffe und zwei Gläser standen.

Sultan Sheherban machte eine Handbewegung und Ahmed stellte das Tablett auf einen kleinen Tisch, der neben der Ruhestätte stand. Wie aus Versehen berührte der Sultan die sanfte und dunkle Haut des Sklaven. Dieser verbeugte sich und verließ rückwärts gehend den Raum.

Sheherazade nahm heiter lächelnd die Karaffe in die Hand und füllte die beiden Gläser. Sie reichte eines dem Sultan und sprach: „Der Segen Allahs sei mit bei dir!“

Sultan Sheherban war erstaunt ob dieser Worte. Doch er nickte gnädig und führte das Glas zu seinem Mund. Noch nie, glaubte er, solch einen herrlichen Wein getrunken zu haben.

Auch Sheherazade hob ihr Glas.

„Nun denn“, sagte er, „erzähle deine Geschichte.“

Er deutete mit seiner Hand neben sich und sie nahm an seiner Seite Platz.

Der Sultan trank zum zweiten Male und ein Schwindel bemächtigte sich seiner.

„Was ist mit mir?“, sagte er.

Sheherazade lächelte. „Ruhe dich ein wenig aus, mein Gebieter. Du bist müde. Ein Engel wird dir die Tausenundzweite Nacht erzählen!“

Sultan Sheherban blickte sie erstaunt an. „Ein Engel?“ konnte er nur noch hervorbringen. Dann fiel sein Kopf zur Seite.

*

Als er erwachte und die Augen öffnete, gewahrte er, dass er sich in einem großen Garten befand, der mit Palmen und Blumen bewachsen war. In der Mitte lag ein Teich, an dem ein Engel von unsagbarer Schönheit saß und ein großes Buch in seiner Hand hielt. Am Himmel erschienen die ersten Sterne.

Der Engel winkte ihn heran. „Komm, setz dich zu mir. Ich will dir die Tausendundzweite Nacht erzählen.“

Der Sultan blickte verwundert. „Wo bin ich? Und die Tausendundzweite Nacht?“

Der Engel sah in freundlich an. „Du bist im Garten Allahs. Und hat Sheherazade dir nicht gesagt, dass ein Engel dir diese Geschichte erzählen wird?“

Einen Augenblick dachte der Sultan nach. Dann nickte er benommen.

*

Der Engel öffnete das Buch und begann zu lesen:
Die Tausendundzweite Nacht
Sie erzählt die Liebesgeschichte von Sheherazade und Ahmed dem schwarzen Sklaven
Als nun der Sultan gestorben war …

*
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Kurzgeschichte, Kindergeschichte, Märchen, Manfred Schröder, Sheherazade, Sultan


Manfred Schröder: Väinämöinen

18. März 2017

Väinämöinen

© Manfred Schröder

Es war Frühling. Jukka lief durch das feuchte, mit Tauperlen bedeckte morgendliche Gras, das sich an seine nackten Füße schmiegte. Der Wind roch nach frischer Erde und Schilf am See. Ein Zug wilder Schwäne flog über ihn dahin und fiel ins Land. Er kletterte auf einen der großen Steine, auf denen früher Riesen gesessen hatten. So jedenfalls hatte es ihm Urho erzählt. Uralt war er und hatte sie bestimmt noch gekannt. Der Junge liebte diesen Platz. Und wenn er auf dem Rücken lag und Wolken am Himmel über ihn hinwegzogen, zog er mit ihnen bis ins Nordland. Doch jetzt stand er aufrecht und sein Blick ging über den See; über weite Felder bis zu den Wäldern, wo Ilmarinen noch immer die Esse schlägt. Und es gibt Menschen, die den Klang auch heute noch hören, den an manchen Tagen der Wind herüberträgt.

Ihn überfiel die Lust zum Singen. Den alten Väinämöinen herauszufordern. Den alten Urzeitsänger. Die Freude in seinem Herzen hinauszutragen in den sonnendurchfluteten Morgen. Er hob seine Arme und eine helle Stimme schwebte in der Luft. Sie stieg höher und eine Lerche antwortete mit übermütigem Schall. Der Wettgesang lockte Bär und Fuchs, Wolf und Hase aus Höhle und Bau.

Jukka blickte zum See, dessen Ufer weißfedrig geschmückt war. Plötzlich teilte sich das Wasser, schäumte auf und aus den Fluten entstieg Väinämöinen, der Urzeitsänger. Groß erhob er sich und an Bart und Haar hing der Tang des Sees. Er gewahrte Jukka und kam auf ihn zu.

„Nun, wer hat mich da gerufen? Hat an meinem Ohr gekitzelt? Den alten Sänger in mir wach gemacht?“

Da stand nun Jukka. Ja, er hatte ihn herbeigesungen. Wollte sich mit ihm messen. Nun, wo dieser vor ihm stand, brachte er keinen Ton hervor.

Doch Väinämöinen lachte. „Hör, Milchbart. Hast mir einen großen Schrecken eingejagt mit deinem Lied. Und weiß nicht recht, darauf zu antworten. So lasst uns denn gemeinsam zum großen Gesang anheben.“

Jukkas Augen wurden wieder hell und klar. Seine Brust atmete frei und ein erster hoher Klang entflog seinem Mund. Dann fiel Väinämöinen ein. Mit Tönen uralt und tief.

Die Bauern auf den Feldern, richteten sich auf. Der Teig der Bäuerin blieb an ihren Fingern kleben. Und der Fischer vergaß seine Netze auszuwerfen.

Eine Stimme drang an Jukkas Ohr. Er öffnete die Augen. Vor dem großen Stein stand Aino.

„Was machst du da und stehst mit erhobenen Armen und schaust Löcher in die Luft?“

Er rieb seine Augen.

„Väinämöinen …“

Aino lachte hell auf.

„Hast wieder geträumt von Väinämöinen. Doch komm herunter und lasst uns Fangen spielen. Und vergiss den alten Rauschebart!“

Jukka stand noch einen Augenblick und dachte nach.

„Na, komm schon!“, rief Aino zum zweiten Male.

Dann lachte auch Jukka und sprang vom Stein. Aino rannte davon und Jukka lief ihr nach. Wenn er glaubte, sie greifen zu können, schlug sie wie der Hase einen Haken und Jukka fasste ins Leere. Aino lachte und das heitere Spiel begann von vorne. Endlich ließ sich Aino auf den Boden fallen und Jukka warf sich neben sie. Er blickte in zwei blaue Augen, die wie ein See waren und zum Schwimmen einluden. Er legte seinen Kopf auf ihre junge Brust. Aino lächelte und fuhr mit der Hand über sein dunkles Haar.

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Väinämöinen = Hauptheld des finnischen Nationalepos Kalevala
Ilmarinen = Schmied. Ebenfalls eine Hauptfigur des Kalevala

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Kurzgeschichte, Kindergeschichte, Märchen, Manfred Schröder, Finnland, Nationalepos, Kalevala


Agnes Jäggi: Jan und seine zauberhaften Freunde

18. März 2017

Jan und seine zauberhaften Freunde

© Agnes Jäggi

Der Herbst zog über das Land und färbte die Welt wunderbar bunt. Das Tal lag eingebettet zwischen hohen Bergen im Süden und prachtvollen Kiefern- und Buchenwäldern im Norden. Jan stand auf einem der hohen sanft geschwungenen grünen Hügel und blickte auf den schmalen klaren Fluss hinunter, welcher sich in zahlreichen Kurven durch das Tal wand. Es war ein kühler schöner Herbsttag und der Himmel wölbte sich weit über das stille Tal. Jans Herz füllte sich mit Trauer, als er daran dachte, dass er dieses, sein Zuhause, bald würde verlassen müssen. Ein kalter Wind fuhr roh durch Jans dicke braune Windjacke und liess sein blondes langes Haar wild um sein schmales, gebräuntes Gesicht flattern.

„Hier will ich bleiben“, dachte der Junge trotzig, „die bringen mich nicht weg von hier, nicht solange ich lebe!“

Er beobachtete einen Habicht, der gemächlich seine Kreise unter dem weiten blauen Himmel zog. Jan versuchte, sich in die Gedanken des Habichts einzuschalten, doch es gelang ihm nicht. Er war zu wütend, zu aufgeregt. Normalerweise konnte er sich mit den Tieren im Tal verständigen. Diese Kunst hatten ihm seine Freunde aus dem Wald mit viel Geduld beigebracht. Der Vogel zog weiter und entschwand den Blicken des Jungen.

Jan war vor Kurzem zwölf geworden. In wenigen Wochen hätte er ins nahe gelegene Gymnasium übertreten und bei seinen Freunden und bei Mama Nanina bleiben können. Doch dann hatte sich seine leibliche Mutter gemeldet. Angeblich hatte sie plötzlich starke Muttergefühle für ihn entwickelt und wollte ihn zurückhaben. Waren alle Erwachsenen so? Konnten sie einfach über ihre Kinder verfügen wie es ihnen gerade in den Kram passte? Jans Magen krampfte sich zusammen. Wütend schlug er mit dem Fuss auf einen Stein. Der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen.

Eines Tages war ein dürrer Mann in schwarzem Anzug, weissem Hemd und schwarzer, zu eng gebundener Krawatte vor dem Häuschen seiner Mama Nanina gestanden und hatte Einlass begehrt. Er hatte sich als Raimund Klage vorgestellt, Anwalt aus der Stadt Zürich. Er vertrete, so erklärte er hochtrabend, die Interessen einer gewissen Elise Nunninger, deren Sohn Jan hier lebe. Nanina liess den Mann eintreten und bot ihm Kaffee an. Der Anwalt hatte ihr einige Tage zuvor einen Brief zugestellt mit einer Erklärung von Jans leiblicher Mutter. Darin stand unter anderem, sie wäre damals zu jung gewesen, um für ein Kind zu sorgen und hätte zudem Angst vor ihrem strengen Vater gehabt. Nun verfüge sie jedoch über genügend finanzielle Mittel, um ihrem Sohn eine angemessene Erziehung und eine gute Ausbildung angedeihen zu lassen. Der Brief endete mit den Worten: „Liebe Frau Nanina, ich bin Ihnen dankbar dafür, was Sie für mein Kind getan haben und ich weiss, dass es sehr schwer ist für Sie. Doch Tatsache ist, dass ich seine Mutter bin und wir beide sollten das tun, was für den Jungen am besten ist. Bitte verzeihen Sie mir, aber ich kann nicht anders.“ Nanina waren die Tränen über die Wangen gelaufen, als sie den Brief gelesen hatte, und ihr Herz begann wild zu rasen. Sie wollte Jan nicht hergeben, doch hatte sie nicht die Möglichkeiten, dem Jungen das zu bieten, was er verdiente. Auch fühlte sie sich seit Längerem krank und müde.

Ihr Arzt hatte bei ihr eine bedrohliche Herzschwäche festgestellt. „Frau Nanina, Sie müssen sich sehr schonen. Am besten wäre eine Kur in einem Sanatorium.“

„Ach, Herr Doktor“, hatte Nanina geantwortet, „wenn meine Zeit gekommen ist, dann hilft auch keine Klinik weit weg von meinem Zuhause. Hier bleibe ich, hier bin ich glücklich.“

Der alte weisshaarige Arzt konnte Frau Nanina verstehen. Auch er hatte fast sein ganzes Leben hier im Tal verbracht. Und in den Jahren seines Studiums und der Ausbildung hatte er unter Heimweh gelitten.

Er tätschelte Naninas Schulter und sagte: „Liebe Freundin, seien Sie vorsichtig. Ich bin froh, dass Jan sich um Sie kümmert. Er ist wirklich ein ganz famoser Bursche.“

Nanina strahlte: „Ja das ist er, ein wirklicher Schatz.“

Im Moment jedoch fühlte Jan nur Wut. Ja, er war sogar auf Nanina zornig. Wie konnte sie nur zulassen, dass er sie verlassen musste? Von ihren Herzproblemen wusste er nichts. Sie hatte es ihm verschwiegen und gesagt: „Glaub mir, Jan, ich liebe dich von ganzem Herzen und ich will nur das Beste für dich. Du bleibst für einige Jahre in der Stadt, machst eine solide gute Ausbildung und dann kommst du wieder zurück ins Tal, zu mir.“

Es schien Jan, als wäre er plötzlich von der ganzen Welt verlassen worden. Ja, selbst Nanina wollte ihn anscheinend loswerden. Ihn durchfuhr eine schmerzhafte Welle der Empörung. Er spürte die Hitze in sein Gesicht steigen, obwohl es sehr kalt war auf dem Hügel.

„Scheisse! Scheisse!“, schrie er laut ins Tal hinaus und stampfte wütend mit dem Fuss auf. Nanina hasste es, wenn er dieses Wort gebrauchte. Doch jetzt war ihm das egal. Trotzig blickte er zu ihrem Haus, das vom Hügel aus wie ein Puppenhäuschen aussah.

„Scheisse!“, rief er noch einmal. Dann begann er wieder zu weinen.

„Alles wird gut“, wisperte plötzlich eine sanfte Stimme neben ihm.

Jan blickte sich um und entdeckte Knas, einen seiner kleinen Freunde aus dem Wald.

„Heh, Knas“, schniefte er und fühlte sich auf der Stelle besser. Die Anwesenheit des Zwerges tröstete den Jungen, doch gleichzeitig machte er sich Sorgen um ihn.

„Ist es nicht gefährlich für dich, den Wald zu verlassen?“, fragte er besorgt.

„Nicht wenn ich weiss, dass du traurig bist“, antwortete sein Freund.

„Ich will hier nicht weggehen“, brach es aus Jan heraus. „Was soll denn aus Nanina werden? Sie braucht mich doch und ausserdem habe ich sie so lieb.“

Knas blickte eine Weile vor sich hin. Dann sagte er: „Schon klar, dass du hier nicht weggehen willst. Nanina will das nicht und auch wir aus dem Wald sind sehr traurig darüber. Was ich dir zu sagen habe, wirst du wahrscheinlich noch nicht begreifen. Aber glaube mir, du hast in den kommenden Jahren einige wichtige Aufgaben zu erledigen, weit weg von hier. Doch du wirst zurückkommen, ganz bestimmt. Ich kann dir nicht genau sagen, warum du weggehen musst, aber glaub mir, alles in deinem Leben hat seinen bestimmten Grund. Nanina und wir, deine Freunde, werden überall und jederzeit bei dir sein. Wir alle können spüren, wenn du uns brauchst. Und bitte, sei lieb zu Nanina. Sie wird genug zu weinen haben, wenn du fortgehst. Ich verspreche dir auch, dass wir uns um sie kümmern werden.“

„Was sollte ich an einem Ort zu tun haben, wo ich niemanden kenne?“

„Vertrau mir!“, entgegnete Knas einfach.

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Agnes Jäggi: Jan und seine zauberhaften Freunde. Ein Fantasy-Märchen
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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Kindergeschichte, Agnes Jäggi, Märchen, Fantasy, Erzählung, Jugendgeschichte


Silvia Friedrich: Ein wahres Märchen

13. März 2017

Ein wahres Märchen

© Silvia Friedrich

Sicher hat man euch, als ihr noch kleiner ward, Märchen vorgelesen, die oft in einem Königreich spielten. Es gab eine Prinzessin, einen Prinzen, böse und gute Feen und einen König. Am Ende ging alles gut aus und sie lebten glücklich und zufrieden.

Heute seid ihr schon größer und habt sicher in der Schule gelernt, dass es die Untertanen in so einem Königreich gar nicht immer so gut hatten.

Und das lag daran, dass der jeweilige König so ziemlich machen konnte, was er wollte. Die Untertanen hatten ihm zu gehorchen, ohne Widerrede.

Es gab sogar etwas, dass man Leibeigenschaft nannte. Das bedeutete, dass man seinem König oder Fürsten regelrecht gehörte. Man durfte nicht umziehen, wenn man es wollte, man durfte nicht heiraten wen man wollte, man musste Tag und Nacht für den Herrscher da sein und ihn immer fragen, ob man etwas dürfe. Viele Menschen hungerten damals, da sie arm waren und von dem Wenigen, was sie auf ihren kleinen Bauernhöfen erwirtschafteten auch noch etwas abgeben mussten an den König und auch an die Kirche. Kein Wunder, dass die Leute immer unzufriedener wurden und das gerne geändert hätten. Aber es war ihnen natürlich verboten, etwas zu ändern. Alles sollte so bleiben wie es war, sagten die Herrscher.

Klar, denn die hatten es ja sehr gut, immer genug zu essen, konnten in Palästen leben und ließen sich den ganzen Tag von den Armen bedienen.

Und damit das so blieb, erließen sie strenge Gesetze. In denen stand zum Beispiel, dass man noch nicht einmal etwas gegen den König sagen durfte.

Tat man es doch und beschimpfte den Herrscher, war das dann Majestätsbeleidigung und man wurde bestraft. Was konnten die Menschen also tun? In allen Ländern Europas ging es den Völkern gleich schlecht.

Sie arbeiteten schwer, aber konnten sich nichts leisten, hatten nichts zu essen und wenig Freuden. Viele der Märchen, die ihr kennt, sind in diesen schweren Zeiten entstanden. Die armen Menschen haben sie sich ausgedacht und erzählt. Man sieht in den Geschichten, dass sie sich sehnlichst immer ein gutes Ende wünschten. Da das wirkliche Leben aber leider kein Märchen ist, mussten sich die Leute etwas einfallen lassen, um ihre Lage zu verbessern. Das war sehr schwierig, denn ihr habt ja gehört, dass man noch nicht einmal etwas gegen den König sagen durfte.

Viele von euch waren sicher schon einmal in den großen Ferien in unserem Nachbarland Frankreich. Stellt euch einmal vor, in diesem wunderbaren Land haben sich die Menschen vor langer Zeit, im Jahre 1789 zum ersten Mal getraut, etwas gegen den Herrscher zu unternehmen. Das war sehr gefährlich, denn der König hatte Soldaten mit Gewehren, die sofort bei einer Meuterei der Untertanen gegen diese vorgingen. Die Menschen litten jedoch so große Not, hatten Hunger und mussten in einem schrecklichen Elend leben, so dass sie sich, obwohl sie Angst hatten, zusammenschlossen und gegen ihre Unterdrücker vorgingen. Gemeinsam waren sie stark und wurden immer stärker. Sie stürmten das Schloss des Königs, nahmen die königliche Familie gefangen und stellten diese vor ein Gericht. So kam es, dass in Frankreich der König nicht mehr regieren durfte. Aber so einfach war das nicht. Es dauerte lange und es gab viele Opfer bei dieser Revolution. Revolution nennt man es, wenn ein Volk gegen seine Unterdrücker aufbegehrt. Da mächtige Herrscher nicht freiwillig aufgeben und ihren Besitz dann allen zukommen lassen, musste leider gekämpft werden. Und in Kämpfen gibt es immer Verletzte und oft sogar Tote. Das war in Frankreich damals auch nicht anders. Nachdem die Unterdrückten gesiegt hatten, gab es eine neue politische Ordnung. Jetzt war das Volk im Besitz der Macht und nicht mehr ein einzelner König. Die französischen Menschen hatten für sich ein Märchen wahr gemacht.

Bei uns im Nachbarland Deutschland, sah zu der Zeit alles noch ganz anders aus. Einige Leute in unserem Land hatten schon von den Ereignissen in Frankreich gehört. Das war damals aber nicht so einfach.

Es gab keinen Fernseher, den man einschaltete, um sich dann die Nachrichten anzusehen. Es gab manchmal nicht einmal Zeitungen. Und wenn es die gab, konnten trotzdem viele nicht lesen oder die Zeitung war zu teuer, um sie sich zu kaufen. So verbreiteten sich die Nachrichten von der Revolution in Frankreich nicht ganz so schnell. Aber dennoch erzählten Reisende den Leuten davon oder in den Gebieten, wo Frankreich an Deutschland grenzt, bekamen die Menschen mit, was da nebenan Ungeheuerliches los war. Einen König anzugreifen war unvorstellbar für viele damals. Man glaubte ja ganz fest daran, dass Gott selbst den König als Herrscher eingesetzt hatte. Wenn man nun einen König angriff, griffe man ja Gott an. So dachten die Menschen hier, und trauten sich noch weniger etwas zu tun. Auch in Frankreich hatte man so gedacht und sich dennoch getraut zu kämpfen. Viele Franzosen waren aber sicher die ganze Zeit verängstigt und fürchteten eine Gottesstrafe. Als sie den König abgesetzt hatten, merkten sie dann, dass ihnen nichts passierte. Demnach konnte es also nicht stimmen, was sie die ganze Zeit geglaubt hatten.

Viele Studenten, Professoren und Schriftsteller bei uns wollten ebenfalls diese andere bessere Ordnung im Lande haben. Sie alle lebten auch in Armut und Elend und sahen, dass auch unser König hier sein Volk brutal unterdrückte. Wenn man mit seinem König wenigstens einen Vertrag machen könnte, dachten sie sich. Ihr wißt vielleicht, was ein Vertrag ist. In einem Vertrag verpflichten sich zwei Partner verschiedene Dinge zu leisten. Das bedeutet, dass jeder dem anderen etwas geben muss und beide Seiten müssen sich daran halten, wenn sie den Vertrag mit ihrem Namen unterschrieben haben. Beide haben gleiche Rechte und Pflichten.

Nun kann man so einen Vertrag mit gleichen Rechten und Pflichten nicht mit einem König machen. Aber, so dachten die schlauen Leute damals, man könnte den König bitten, dem Volk wenigstens gewisse Rechte zu geben.

Das sollte aufgeschrieben werden und der König hätte dann mit seiner Unterschrift versprechen müssen, dass er sich auch daran hielt. Die Professoren und Schriftsteller hofften, dass so alle Menschen bestimmte Rechte bekommen würden, die man auch die Menschenrechte oder Grundrechte nennt. Das bedeutete, dass zum Beispiel niemand gefoltert werden durfte, dass man seine Meinung sagen konnte, ohne dafür bestraft zu werden, dass man glauben kann, was man will, also sich die Religion aussuchen darf, die einem am besten gefällt, dass man etwas lernen darf. „Lernen darf ?“ werdet ihr fragen. Heute seid ihr sicher froh, wenn ihr einmal nichts lernen müßt. Damals jedoch konnten sich die Armen nicht einmal leisten, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Die Kinder mussten schon ganz früh mitarbeiten, um Geld zu verdienen, damit die Familie genug zu Essen hatte. So blieb nie Zeit zum Lernen und viele konnten weder lesen noch schreiben. Viele dieser Grundrechte und noch mehr wurde von den Kämpfern in unserem Land gefordert. Natürlich wollte der König da nicht mitmachen. Warum sollte er von seiner Macht abgeben, dachte der sich sicher. Vielleicht hatte er ein wenig Angst, dass auch in Deutschland das Volk in seine Schlösser kommen würde, um ihn zu verhaften. Aber eigentlich fühlte er sich sicher genug. Die Menschen hier wurden immer unzufriedener. Sie bestanden mehr und mehr darauf, dass man ihnen einige Rechte zugesteht. Und so kam es im Jahre 1848 auch hier zu einer Revolution, die aber leider scheiterte. Ein Jahr später schlug man dem König einen Vertrag mit dem Volk vor. Dieser Vertrag nannte sich Verfassung und darin standen alle diese Rechte, die das Volk schützen sollten, damit der Herrscher nicht mehr machen konnte, was immer der für richtig hielt. Deutschland bestand damals aus vielen kleinen Einzelstaaten. Man trug dem König vor, dass er als Kaiser der Deutschen mit einer Verfassung über diesen Staaten thronen sollte. Aber das Märchen wurde für unser Land noch lange nicht wahr. Der König dachte gar nicht daran, sich vom einfachen Volk eine Kaiserkrone geben zu lassen und lehnte alles ab. So kam es nicht zu dem schützenden Vertrag zwischen Volk und Herrscher und noch immer galten bei uns die ganz ganz wichtigen Menschenrechte nicht.

Es dauerte noch sehr lange bis es zu einer Verfassung kam, die die Menschen vor der Macht und der Gewalt des Staates schützt. Man nennt es auch Schutz vor der Willkür des Staates. Wenn der nämlich so wie er will mit einem Menschen umgeht, darf er das heute nicht mehr. Wir alle leben jetzt mit dem großen Glück, einen Vertrag mit dem Staat zu haben. Dieser Vertrag heißt, das wisst ihr schon, Verfassung. Bei uns in der Bundesrepublik nennt man die Verfassung auch Grundgesetz. Das haben sich sehr kluge Leute ausgedacht, als unser Staat gegründet wurde im Jahr 1949. In dem Grundgesetz stehen alle Regeln drin, die unser Leben bestimmen. Jeder, ausnahmslos jeder, muss sich daran halten. Deshalb ist es besonders wichtig, dass es sich um sehr gute Regeln handelt. Damit man auch merkt, dass diese etwas Besonderes sind, wurden sie als Artikel bezeichnet. Die Wichtigsten stehen ganz am Anfang im Grundgesetz. Es sind die Menschenrechte, die unsere Vorfahren damals vergeblich gefordert haben. Wir haben also nun das Glück, sagen zu können, was wir wollen. Niemand wird uns dafür bestrafen. Wir dürfen heute den Herrscher kritisieren. Nur ist es nicht mehr einer, sondern es sind viele Politiker und die müssen wir sogar kritisieren und aufpassen, damit sie das Land richtig in unserem Sinne regieren. Und wenn sie das nicht tun, werden sie nicht mehr gewählt. Wir Menschen heute dürfen nämlich den, der uns regieren soll, wählen. Früher in den alten Zeiten, musste das Volk den König nehmen, der an der Macht war und wenn er starb, wurde sein Sohn König. Niemand konnte seinen Herrscher wählen. Man hatte den zu akzeptieren, der grade regierte. Das Recht zu wählen steht auch in unserem Grundgesetz. Dass alle Menschen gleich sind, werdet ihr ebenfalls darin finden, das Recht auf freie Entfaltung der Person, das Recht darauf, dass niemand einfach so in eure Wohnung darf oder eure Briefe öffnen kann, das Recht darauf, dass ihr euern Beruf frei wählen könnt, dass eure Familie geschützt ist und noch vieles mehr. Viele andere Rechte könnt ihr entdecken, wenn ihr euch dieses wichtige Werk einmal vornehmt und darin lest. Die Menschen von früher würden uns sicher darum beneiden, denn für uns ist das Märchen wahr geworden, das sie sich so lange erhofft hatten.

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Evelyn Schütz: Kleine Helfer im Garten

13. März 2017

Kleine Helfer im Garten

© Evelyn Schütz

Kindergeschrei drang an mein Ohr. Um zu sehen, wer da so aufgeregt herumkrakeelte, schaute ich neugierig aus dem Fenster.

Lisa und Dennis, die beiden jüngsten Enkelkinder unserer Nachbarn liefen unten im Garten herum. Sie waren zu Besuch bei den Großeltern.

Hannes und Meta, früher einmal als Bauern tätig, betrieben hinter ihrem Haus einen riesigen Nutzgarten. Nachdem sie vor einigen Jahren die Landwirtschaft aus Altersgründen aufgegeben hatten, zogen sie hier eine Menge leckeres Grünzeug heran. Einen Großteil ihrer Zeit verbrachten sie in dem Garten. Da auch die Kinder mit Vorliebe darin herum tobten und spielten, kamen sie sehr oft zu Besuch.

Der Garten war ein super Spielplatz, in dem es immer etwas Neues zu entdecken gab. Hier konnte man wunderbar Früchte stibitzen, Schmetterlinge jagen und Regenwürmer ausgraben. Lisa schaute außerdem mit wachsendem Interesse den Großeltern bei der Arbeit zu. Heute stand die Kartoffelernte an. Klar, dass die Kinder wieder als Erntehelfer gekommen waren.

Dennis, der sich gerade einen Spaß daraus gemacht hatte, kreuz und quer durch die Kartoffelreihen zu springen, blieb abrupt stehen. Kritisch schaute er hinunter vor seine Füße. Er hatte einen Kartoffelkäfer entdeckt, nahm ihn auf und hielt ihn triumphierend hoch. Dann drehte er sich um, lief mit seinem Fund zu Lisa und verkündete seiner Schwester inbrünstig: „Den mache ich jetzt tot!“

Lisa, bereits etwas älter und größer als ihr Bruder, war jedoch schneller. Blitzartig ergriff sie den Käfer und brachte ihn in ihrer hohlen Hand in Sicherheit. Tadelnd sah sie den kleinen Bruder an. „N e i n, den macht man nicht tot. Den setze ich jetzt hier hin“, rief sie, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand mit dem Käfer im hinteren Teil das Gartens.

Dennis lief sofort hinter her und meinte:“ Doch, den macht man tot, gib her!“ Er griff nach Lisas Arm. Doch er hatte keine Chance. Lisa streckte ihre Hand so hoch sie konnte. Da kam Dennis nicht heran. Er hatte verloren und ging nach Hilfe suchend zum Großvater. Mit der fragenden Feststellung: „Gel Opa, den Kartoffelkäfer macht man tot“, erhoffte er sich Zustimmung. Großvater Hannes, vollauf damit beschäftigt, die reifen Kartoffeln aus der Erde zu graben, grob zu säubern und in einen Korb zu legen, meinte dann auch etwas abwesend: “ Ja, ja, das kann man ruhig machen“.

Lisa ihrerseits war zur Großmutter gerannt, um sich mit der empörten Feststellung: „Oma, den darf man doch nicht einfach tot machen, oder?“, von dort ihre Bestätigung zu holen. Die Antwort der Großmutter konnte ich nicht hören, sah jedoch, dass Lisa zu dem alten Apfelbaum am hinteren Ende des Gartens rannte und daran hochsprang. Die ganze Zeit hatte sie den armen Käfer fest in der geballten Faust gehalten. Jetzt ließ sie das Tier, so hoch ihr Arm reichte, auf eine Astgabelung fallen und entließ ihn zurück in die Freiheit.

Schon kam Dennis angelaufen. Ein Blick in Lisas zufriedenes Gesicht zeigte ihm jedoch, der Käfer war aus dem Spiel. Weder er noch Lisa konnten ihn jetzt erreichen.

Was aus dem Käfer geworden ist? Wer weiß?

Gut möglich, dass er bereits durch die schützende Hand, die ihn eine Zeit lang fest umklammert gehalten hat, gestorben ist. Dann hat er in der Astgabel sein Grab gefunden.

Vielleicht hat er auch überlebt und ist davon geflogen, dann wird er noch eine Zeit lang an fremden Kartoffeln nagen.

Keine Ahnung, die Kinder jedenfalls hatten ihr Interesse verloren. Ohne weitere Worte, machten die beiden kehrt, sprangen in eine andere Ecke des Gartens und suchten im Gras herum.

Kurze Zeit später sah ich, wie sie friedlich vereint zusammen auf die Gartenbank saßen und sich gegenseitig neu gefundene Schätze zeigten.

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Katharina Britzen: Max Minibagger

13. März 2017

Max Minibagger – 1. Folge

© Katharina Britzen

Es war einmal ein kleiner Minibagger, der so rot wie Klatschmohn war. Er durfte immer nur zusehen, wenn die großen Bagger auf der Baustelle arbeiteten. Wie sie große Löcher mit ihren Grabeschaufeln aushoben, wo später Häuser und Brücken entstanden. Zu gerne hätte Max Minibagger mitgeholfen, aber alle lachten ihn aus und sagten: „Was will denn so ein kleiner Bagger hier. Werde erst einmal groß, dann kannst du mit uns zusammenarbeiten“ und jagten ihn wie einen Dieb von der Baustelle.

Große Baggertränen kullerten Max Minibagger aus seinen Augen, denn er war ja schon erwachsen und würde nicht größer werden als er jetzt war. Schließlich war er ein Minibagger, etwas ganz Besonderes, etwas, das die anderen aber nicht wussten.

Traurig trottete er davon und beobachtete von weitem, wie emsig die riesigen Bagger auf der Baustelle arbeiteten, wie sich ihre Schaufeln auf und nieder bewegten, aus dem festen Boden dicke Steinbrocken heraushuben und ihn nicht weiter beachteten. Zu gerne hätte er geholfen, traute sich aber nicht, weil er fürchtete, wieder verjagt zu werden. Unendlich traurig darüber schluchzte er leise vor sich hin und seine Grabeschaufel ging aufgeregt auf und nieder.

„Hallo, Max Minibagger, warum bist du so traurig?“

Max Minibagger schwenkte seine Schaufel um zu sehen, wer mit ihm sprach, konnte aber niemanden sehen. Er drehte sich um die eigene Achse, immer und immer wieder. Woher kam die Stimme?

„Hier bin ich“, piepste ein zartes Stimmchen von vorne und als Max Minibagger auf seine Grabeschaufel starrte, entdeckte er einen Maulwurf darin, der ihn freundlich durch seine kleinen Augen anblinzelte. Erstaunt darüber, dass plötzlich jemand freundlich zu ihm war, hörte er auf zu weinen.

„Ich bin der Maulwurf ‚Sieht nicht gut'“, wisperte es aus seiner Grabeschaufel. „Seit Tagen fällt mir auf, dass du so traurig bist und ständig weinst. Kannst du mir den Grund dafür sagen?“

Und Max Minibagger erzählte dem Maulwurf „Sieht nicht gut“ von seinem Kummer, keine Löcher ausheben zu dürfen, was doch seine größte Leidenschaft und eigentlich auch sein Beruf als Minibagger sei.

Geduldig hörte der Maulwurf „Sieht nicht gut“ ihm zu, streichelte ab und zu die Innenseiten der Grabeschaufel, bis Max Minibagger ihm sein Herz ausgeschüttet hatte und der Kummer von Max Minibagger nicht mehr so groß war. Dann überlegte der Maulwurf „Sieht nicht gut“ einen kleinen Augenblick, hatte eine Idee und sprach: „Wenn du so gerne Löcher buddelst, dann komm doch mit in unser Land Krümelboden, in dem wir leben. Dort kannst du uns Wohnungen baggern so viele du möchtest. Wir leben die meiste Zeit unter der Erde, aber manchmal möchten wir auch die Sonne sehen und die Wärme genießen und müssen dafür durch unsere unterirdischen Straßen nach oben. Da drüben auf den Feldern wohnen wir“ und zeigte mit seiner kurzen Pfote auf das Land Krümelboden, auf die Wiesen und Felder, die am Waldrand lagen.

Erwartungsvoll sah der Maulwurf „Sieht nicht gut“ Max Minibagger an, dessen Gesichtsausdruck langsam von traurig in froh umschlug und dessen Augen wieder zu strahlen anfingen.

„Oh, wie gerne würde ich euch helfen, Tag und Nacht kann ich mit meinen starken Grabeschaufeln Löcher ausheben. Wann soll ich anfangen?“

Max Minibagger war richtig aufgeregt, als ihn der Maulwurf „Sieht nicht gut“ aufforderte, mit in das Land Krümelboden zu kommen, um ihn seiner Familie und seinen Freunden vorzustellen. War die Freude groß, als die Maulwürfe Max Minibagger willkommen hießen und sich ausgelassen von seiner Grabeschaufel hin und herschwenken ließen. Vor allen Dingen die Maulwurfskinder hatten ihre helle Freude daran, jauchzten vor Begeisterung und kamen sich vor wie auf einem Karussell, wenn sich Max Minibagger um die eigene Achse drehte. Maulwürfe vor ihnen hatten so etwas noch nie erlebt, hatten noch nie einen Minibagger zum Freund, worüber sie überglücklich waren.

Ab sofort hatte Max Minibagger Tag und Nacht zu tun, half seinen kleinen Freunden und baggerte ihnen im Land Krümelboden die schönsten und tiefsten Löcher, die je ein Maulwurf gesehen hatte. Viele von ihnen brauchten jetzt nicht mehr so viele Löcher zu buddeln, sondern hatten mehr Zeit zum Spielen. Abends feierten sie zusammen, erzählten sich Geschichten, sangen Lieder und Max Minibagger war glücklich und zufrieden.

*
Und hier gibt es → Max Minibagger – Folge 2


Patricia Koelle: Pusteblumen-Märchen

28. Februar 2010

Pusteblume – Löwenzahn – Kindergeschichte – Märchen – Elfen – Drachen – Allergie – Elfengeschichte – Drachengeschichte – Löwenzahngeschichte – Pusteblumengeschichten

Heiße Luft – Ein Pusteblumen-Märchen
© Patricia Koelle

Fira war in einem gelbduftenden Junimorgen unterwegs auf der Suche nach einem Brombeerstrauch. Nicht wegen der Brombeeren. Elfen mögen Brombeeren nicht besonders, schon weil sie so groß sind und dunkelsaftige Flecken machen, wenn man sie zerteilt. Es waren die Dornen, die Fira nützlich waren, denn im Gegensatz zu den anderen Elfen trug sie ihre Haare kurz. Morgens fuhr sie sich mit einem Dorn hindurch, so dass die Haare in alle Richtungen hoch standen. „Du siehst aus wie eine Pusteblume“, sagte die Großelfe Rona und schüttelte seufzend ihren Kopf mit dem langen glänzend braunen Zopf. Elfen bekommen selten graue Haare.
Doch Fira bestand auf ihrer Frisur. Sie wollte sich leicht fühlen und lehnte alles ab, was sie beschweren konnte. Am liebsten sauste sie nur im Unterhemd herum und nutzte jeden leichten Wind, um darauf herumzuturnen.
An diesem Morgen fand sie keinen Wind. Es war ein warmer, stiller Tag. „Fira!“, hörte sie da einen Aufschrei durch die Stille. „Hilfe!“.
„Neri?“ Sie sah sich suchend um.
„Hier!“, jammerte es. Der Ruf kam aus einer Birke am Rande der Lichtung. Fira sauste hin, so schnell sie konnte. Sie musste ungewöhnlich hoch fliegen, um Neri zu finden.
„Was ist Dir denn passiert?“, fragte Fira entsetzt. Ihre Cousine hing mit schmutzigem Gewand und zerknitterten Flügeln an einem spitzen Zweig. Bei genauerem Hinsehen war es noch schlimmer. Das Gewand war nicht nur schmutzig, sondern angesengt, und Neris Flügel hatte ein Loch, denn da war der Zweig hindurchgegangen.
„Halt still, da muss ich Hilfe holen“, bat Fira und zischte davon. „Jooonooo!“, brüllte sie, so laut sie konnte, nach dem Schwarmältesten. Leider können Elfen nicht sehr laut brüllen. Doch Jono hatte besonders gute Ohren und einen scharfen Sinn für Gefahren, und kaum war Fira im Sturzflug am Boden der Lichtung angekommen, stieß sie schon fast mit ihm zusammen.
Jono war doppelt so groß wie Fira und Neri. Er zog Neris Flügel behutsam vom Zweig und trug sie zur Moosbuche, wo Großelfe Rona, die Heilkundige, den Flügel sorgfältig mit einem Verband aus Spinnweben flickte. „Am Arm hast du eine Verbrennung“, stellte sie fest. „Wie ist das bloß passiert, Mädchen?“
Jetzt, wo sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, ging es Neri schon besser.
„Ich bin nur die Lichtung entlang geflogen und wollte mich im Tau waschen“, erklärte sie.
Jono und die Großelfe unterdrückten ein Schmunzeln, denn Neri war dafür bekannt, dass sie das Waschen gern ausfallen ließ. Sie war wasserscheu.
„Plötzlich kam etwas, das wie ein leuchtender Trichter aussah, auf mich zugesaust“, erklärte sie. „Es war ein Wind, eine Art kleiner Sturm, und er war heiß. Er packte mich und wirbelte mich in die Birke. Ich konnte überhaupt nichts machen. Und“, sagte sie und machte ein wichtiges Gesicht, „es waren Zwillinge! Zum Glück hat mich nur einer erwischt.“
„Wie meinst du das, Zwillinge?“, fragte Jono.
„Zwei Wirbelwinde. Zwei Trichter. Sie haben sich genau gleich bewegt“, behauptete Neri.
„Wo ist Fira?“, fragte die Großelfe und sah erschrocken in allen Himmelsrichtungen.
Fira hatte nur das Wort „Wind“ gehört, und schon hatte sie sich aufgemacht. Das klang nach einem großen Spaß. Für Wind fühlte sie sich zuständig. Sie musste ja nicht so ungeschickt sein wie Neri.
Sie setzte sich auf den untersten Ast der Birke, in der sie Neri gefunden hatte, und sah sich erwartungsvoll um. Gleich darauf zuckte sie erschrocken zusammen. Ein seltsames Geräusch erschütterte das Gras so sehr, dass jeder Halm sich davor verneigte. Kein Donner, eher eine Explosion, und danach wieder Stille. Im nächsten Augenblick geschah, was Neri beschrieben hatte. Zwei leuchtende Trichter wirbelten über die Lichtung, und kaum hatte Fira sie gesehen, sauste sie auf den los, der ihr am nächsten war, und versuchte, darauf im Kreis zu segeln.
Das war ein Fehler. Sie konnte hervorragend fliegen, doch dieser Wirbel war der erste Wind, der zu stark für sie war, und riss sie sofort mit. Zum Glück löste er sich schnell auf. Verdammt heiß war er gewesen. Fira hielt sich die Hand vor den Mund. Elfen dürfen nicht fluchen, nicht einmal in Gedanken, und Rona war ziemlich gut im Gedankenlesen. Firas Flügel hatte eine braune Stelle, aber insgesamt war sie besser davongekommen als Neri.
Aber wo kamen diese Zwillingswinde her? Und was war das für ein Geräusch gewesen? Fira machte sich auf in die Richtung, aus der beides gekommen war. Sie flog unter einer dichten Zeder hindurch und kam auf die kleine Lichtung am Bach, zwischen den Felsen.
„Noriwon?“, rief sie.
Noriwon war ein junger Drache, glücklicherweise einer von der Sorte mit einem hellen Charakter. Er war auf seiner Reise gerade über den Elfenlichtungen mit einem vierflügeligen Nachtgnom zusammengestoßen und hatte sich dabei böse die Schulter verrenkt. Die Großelfe hatte sich seiner angenommen, wie sie sich jeden Wesens annahm, und ihn mit Kräutersalben und einem Verband aus kühlenden Blättern versorgt. Zum Glück kommen Drachen lange ohne Nahrung aus, denn ihn zu füttern wäre ein Problem gewesen. So aber konnte er sich auskurieren und derweil den Elfen von seinen Erlebnissen berichten. Noriwon konnte gut erzählen. Die Elfen lauschten hingerissen und selbst Jono erwischte sich dabei, dass er sich beim Zuhören selbst riesig und stark fühlte und sich durch große Höhen schwingen sah.
Wenn Noriwon zum Erzählen zu müde war, spielten die jungen Elfen Slalomfliegen durch die Zacken auf seinem Rücken, oder sie polierten die Schuppen auf seiner Haut, die ihn mal kupfernfarben, mal smaragdgrün glänzen ließen, mit einem königsblauen Schimmer an den Seiten.
Doch im Augenblick war Noriwon allein und Fira sah, dass er sich seltsam krümmte. „Was ist, Noriwon?“, fragte sie erschrocken und flog zu ihm hin.
In diesem Augenblick nieste Noriwon. Nun war klar, woher das geheimnisvolle Geräusch gekommen war. Aus seinen gewaltigen Nasenlöchern sausten zwei leuchtende Wirbelstürme. Und da Noriwon schon seit einigen Jahren alt genug war, um Feuer spucken zu können, waren sie heiß. Sehr heiß. Fira konnte gerade noch ausweichen und sich an einem Blaubeerstrauch festhalten, sonst wäre sie wieder mitgerissen worden.
„So geht das nicht“, sagte Rona hinter ihr. Jono tauchte auch auf. Neri hielt sich ängstlich im Hintergrund.
„Du zündest uns noch den Wald an“, sagte Rona zu Noriwon.
„Ich kann nichts dafür“, sagte Noriwon kleinlaut. „Ich habe alles versucht. Es kommt einfach über mich.“
„Wohl eher aus dir heraus“, sagte Jono. „Bist du erkältet?“
„Drachen können sich nicht erkälten. Sie sind viel zu heiß. Das überlebt kein Virus“, sagte Rona, die um Noriwons Kopf herumschwirrte und in seine Augen und Nasenlöcher spähte. „Ich fürchte, er hat eine Allergie. Heuschnupfen.“
„Und jetzt?“, fragte Fira.
„Seine Schulter ist noch nicht geheilt. Er kann unmöglich schon fortfliegen, sonst würde ich ihn an die See schicken, wo kein Blütenstaub in der Luft ist“, sagte Rona. „So aber müssen wir herausfinden, worauf er mit Niesen reagiert.“
„Fira, Neri“, sagte Jono, „pflückt alle Blumen, die ihr hier finden könnt, und haltet sie Noriwon einzeln vor die Nase. Wir werden schon dahinter kommen.“ Er sauste selbst zum Bach hinunter und pflückte Arnika, die dort lustige Punkte in die tiefen Schatten streute. Noriwon schnupperte daran, doch nichts geschah.
„Das ist ein Heilkraut“, sagte Rona. „Ich glaube nicht, dass das in Frage kommt.“
Neri fürchtete sich immer noch. Nicht vor Noriwon, aber vor den Zwillingsstürmen. Sie pflückte die erstbeste Pflanze, die sie erwischte. Noriwon zuckte zurück und jaulte auf. Drachen haben empfindliche Nasen. Auch Neri ließ die Pflanze schnell fallen. Es war eine Brennnessel gewesen.
Jono brachte Hirtentäschelkraut, Rona wilden Flieder, Fira Gänseblümchen. Noriwon nieste immer wieder, aber nie, wenn sie ihm eine Blüte vor die Nase hielten. Sie hatten schon müde Flügel, als ausgerechnet Neri Erfolg hatte. Sie schleppte sich mit einer fast reifen Pusteblume ab, die beinahe schwerer war als sie selbst.
Kaum näherte sie sich Noriwon, nieste er gleich zweimal. Neri ließ die Blume fallen und sauste blitzschnell in die Höhe, um nicht von den Wirbelstürmen erfasst zu werden. Sie spürte noch die Hitze an den Zehen.
Jono fischte rasch die Pusteblume aus dem Gras und warf sie in den Bach, sonst hätte Noriwon gar nicht mehr aufgehört, zu niesen.
„Ach, du lieber Waldgeist!“, sagte Rona. „Das wird ein Stück Arbeit. Wir müssen alle Pusteblumen in der Gegend einsammeln.“
Doch Rona und Jono ließen sich so schnell nicht erschüttern. Je größer und unmöglicher die Aufgabe, desto glücklicher waren sie. Fira kannte das schon und war nicht verblüfft darüber, dass die Großelfe und der Schwarmälteste ihren Plan schon fix und fertig hatten.
Es war im Interesse aller Lebewesen, dass der Wald nicht abbrannte. Darum war es für Rona ein Leichtes, die Vögel und die Spinnen zur Mitarbeit zu überreden. Die Rotkehlchen, Amseln und Meisen machten sich auf, alle Elfenschwärme im Tal auf der großen Lichtung zusammenzurufen. Noriwon wurde gemahnt, solange in die andere Richtung zu niesen, wo die Zwillingsstürme auf die Felsen trafen und nicht ganz so gefährlich waren.
Die Spinnen webten die ganze helle Juninacht lang unzählige kleine Beutel. Der Mond war fast voll und hatte einen leuchtenden Hof um sich, und die vielen Spinnenfäden und Elfenflügel glitzerten in seinem Licht. Auch wenn alle angespannt waren und immer wieder die Nasen in den langsamen Sommerwind hielten, ob es nicht schon irgendwo nach Feuer roch, fand Fira doch, dass ein ganz besonderer Zauber in der Luft lag. Die Elfen begannen, alle Pusteblumensamen im Tal einzusammeln und ihre Beutel damit zu füllen. Lonn stimmte kurz nach Mitternacht ein Lied an, und die Elfen, die ihm am nächsten arbeiteten, nahmen es auf. So breitete es sich im ganzen Wald aus bis zu den Bergen, leicht und leise und unsichtbar wie ein hoffnungsvoller Traum.
Als der Nebel aus dem Gras aufstieg und die aufgehende Sonne ihn glühen ließ, als brenne es doch schon, gab es für dieses Jahr keine Pusteblumen mehr im Tal.
„Außer dir, Kleine Wilde. Wann hast du dich zum letzten Mal gekämmt?“, fragte Rona und stupste Fira auf die Nase.
„Wohin sollen wir die Pusteblumensamen denn nun bringen?“, fragte Neri. Elfen lassen nie etwas umkommen, auch nicht ein einziges Samenkorn, und darum war klar, dass mit dem Inhalt der Beutel etwas geschehen musste.
„Ich habe eine Idee, Großelfe, darf ich?“, rief Fira und schwirrte aufgeregt um Rona herum. Sie flüsterte ihr etwas ins Ohr.
Rona lachte und beriet sich mit Jono. „Na gut“, sagte sie schließlich. „Ich denke nicht, dass es schaden kann.“
Bald machte sich ein gewaltiger Schwarm Elfen auf und flog in Richtung der grauen Stadt im Nachbartal. Die Menschen in der Stadt sahen die Elfen nicht. Sie waren viel zu sehr damit beschäftigt, die Gänse- und Butterblumen und den weißen und roten Klee aus ihren ordentlichen viereckigen Gärten zu reißen oder zu vergiften.
„Wenn ich dieses kurzgeschorene Einheitsgrün sehe, bekomme ich Bauchgrimmen“, sagte Fira zu Neri.
„Und wenn ich diese grauen Häuser sehe, kriechen dunkle Träume in meinen Kopf“, sagte Neri.
Die Elfen waren sehr beschäftigt, doch als der Tag an den Bergen herunter in die Täler fiel und die Dämmerung ihm entgegenkam, flogen sie so leise davon, wie sie gekommen waren. Die Menschen sahen sie nicht, weil sie sie nicht erwartet hatten.
Auch das kalte glatte Grün und Grau waren bald verschwunden, denn in der ehemals trüben Stadt blühte in diesem langen Sommer strahlend gelber Löwenzahn, wohin man schaute. In den ordentlichen Vorgärten erschienen gelbe lachende Gesichter, Sonnen und andere Zeichen aus Blüten auf dem Rasen. In den Dachrinnen vor den Fenstern und zwischen den Fliesen auf Balkons wuchs das Gelb aus allen Ritzen. In den Parks wanden sich gelbe honigduftende Wege neben den richtigen aus grauem Splitt. Und es dauerte nicht lange, da reiften die Blüten und wurden zu Pusteblumen, lange ehe die Menschen alle vernichten konnten. Auf den Spielplätzen pusteten die Kinder die kleinen Schirmchen in jeden Wind, der aufkam. Von den Dächern flogen sie in glänzenden Schwaden wie große Flügel. Es waren so viele, dass auch in den nächsten Jahren die Stadt nicht grau sein würde.
Fira segelte mit den Samenschirmchen auf den warmen Winden und stellte fest, dass das völlig ausreichte, um glücklich zu sein.
Im nächsten Frühjahr, als Noriwon geheilt war und auf kräftigen Flügeln das Tal verlassen hatte, holte sie einige Samen zurück, denn ein Sommer ohne Pusteblumen ist nirgendwo denkbar.

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Buchtipp:
Patricia Koelle: Die Füße der Sterne
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Geschichten von Himmel, Meer und Erde
Die Zeitschrift bella meint in Ausgabe 2/2010:
Glück zum Lesen

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