Patricia Koelle: Das Traumnest

19. März 2017

Das Traumnest

© Patricia Koelle

„Du darfst noch mal zum Strand gehen, Daniel“, sagte Mama nach dem Abendessen. „Aber nur bis zu der schiefen Palme.“

Die schiefe Palme war Daniels Lieblingsplatz. Sie war so schief, dass man auf ihrem Stamm sitzen und mit den Beinen baumeln konnte wie auf einem Schaukelpferd.

Es waren Daniels erste Sommerferien. Danach würde er in die zweite Klasse kommen. Daniels Papa fand, dass die ersten Sommerferien etwas ganz Besonderes sind. Deswegen hatten sie in diesem Jahr eine weite Reise gemacht, in ein Land, in dem das Wasser im Meer so warm war wie in der Badewanne zuhause. Außerdem gab es da so viele Sterne am Himmel, dass es Daniel ganz schwindlig wurde, wenn er nach oben guckte.

Die Sonne fing gerade an, rot zu werden und unterzugehen, da sah Daniel von seinem Sitzplatz auf der Palme aus etwas sehr Großes, Dunkles aus den Wellen auftauchen. Es wurde immer größer. Ganz langsam krabbelte es an Land. Daniel vergaß vor Schreck beinahe zu atmen. Was, wenn es ein Seeungeheuer war?

Aber als es näher kam, fürchtete er sich nicht mehr. Oder höchstens ein bisschen. Das war ja eine Schildkröte! Er kannte Schildkröten, denn seine Tante hatte eine, die er manchmal mit Salat füttern durfte. Die war aber nur so groß wie seine Hand. Diese hier war so groß, dass Daniel darauf hätte reiten können. Ob sie doch gefährlich war?

Eigentlich sah sie nur sehr müde aus. Daniel sprang von der Palme und ging vorsichtig auf die Schildkröte zu.

„Hallo, ich bin Thea“, sagte diese leise.

Daniel staunte. „Warum kannst du sprechen?“, fragte er.

„Ich bin über hundert Jahre alt“, sagte sie, „ich habe schon sehr viele Menschen getroffen. Außerdem lernt man viel, wenn man so lange lebt.“

„Bist du deswegen so müde?“, wollte Daniel wissen.

„Ja, wahrscheinlich“, sagte Thea. „Bist du jemand, der ein Geheimnis bewahren kann?“

„Ich verpetze nie jemanden“, versicherte Daniel.

„Das ist gut“, meinte Thea. „Ich muss nämlich ein tiefes Loch graben, in das ich meine letzten Eier legen kann. Aber das ist sehr schwer, wenn man so alt und so langsam ist. Könntest du mir wohl helfen?“

„Klar helf ich dir“. Daniel suchte sich eine große Muschelschale und fing mit aller Kraft an, ein Loch in den Sand zu buddeln.

„Wunderbar“, sagte Thea. „Es könnte nur noch ein bisschen größer sein. Damit meine Kinder auch wirklich in Sicherheit sind. Wir wollen ja nicht, dass eine Möwe sie findet. Oder ein Waschbär. Es gibt sogar Menschen, die Schildkröteneier essen, wenn sie sie finden.“

Daniel musste ganz schön schwitzen. Er wusste jetzt, warum Thea Hilfe gebraucht hatte. Als das Loch endlich tief genug war, drehte sie sich mühsam um, und Daniel durfte zusehen, wie lauter runde weiße Eier unter ihrem Schwanz hervorrollten, eines nach dem anderen, und in das Loch kullerten.

„Fertig“, schnaufte Thea nach einer ganzen Weile. „Jetzt bin ich aber froh. Du hast eine Belohnung verdient. Leider kannst du nicht auf mir reiten. Das schaffe ich nicht mehr. Ich bin alt, und du bist schon ein ziemlich großer Junge. Lass mich nachdenken!“

Weil Schildkröten nicht die Stirn runzeln können, schloss sie zum Nachdenken die Augen. Sie dachte sehr lange nach. Schildkröten haben viel Zeit. Es war schon beinahe dunkel. Daniel hoffte, dass sein Vater nicht zu sehr schimpfen würde, weil er so spät nach Hause kam.

„Hast du einen Traum?“, fragte Thea schließlich.

„Was denn für einen Traum?“, fragte Daniel.

„Zum Beispiel einen ganz besonderen Wunsch, der sich erfüllen soll, wenn du groß bist. Vielleicht möchtest du einmal um die Welt segeln oder träumst du davon, Musik zu machen und alle hören dir zu. Oder du würdest gern Astronaut werden und zum Mars fliegen. Vielleicht möchtest du auch einfach nur einen Hund haben. Aber du darfst den Traum nicht verraten.“

Daniel dachte nach. Doch, da wusste er etwas.

„Gut“, sagte Thea, „dann wirf den Traum zu den Eiern in das Loch.“

Daniel fand das merkwürdig, aber er wollte nicht unhöflich sein. Also dachte er sich seinen Traum in seine Hände und warf ihn in das Loch. Natürlich konnte man ihn nicht sehen.

„Und nun mach das Loch vorsichtig wieder zu, so dass niemand sieht, dass hier jemand gebuddelt hat“, sagte Thea.

Daniel schob den ganzen Sand behutsam wieder in das Loch. Danach fegte er mit einem Palmenwedel darüber, damit man die Spuren seiner Finger nicht sah. Und dann streute er noch ein paar kleine Muscheln darauf, so wie sie überall herumlagen. Jetzt war nichts mehr zu sehen. Nur Thea und er wussten von dem Geheimnis.

Langsam wurde er auch müde. Er konnte kaum noch die Augen offen halten.

„Nun können meine Kinder in den Eiern wachsen, jeden Tag ein Stück, und dein Traum wächst mit ihnen“, erklärte Thea. „Wenn sie alle groß genug sind, schlüpfen sie aus. Dann krabbeln sie und der Traum zusammen aus dem Sand und ins Meer.“

„Und was machen sie da?“, fragte Daniel neugierig.

„Dort lernen sie schwimmen und eine Menge anderer Dinge. Vor allem aber wachsen sie jedes Jahr ein Stück, so wie du“, erklärte Thea. „Viele Menschen vertrauen dem Meer ihre Träume an. Aber die meisten davon gehen dort verloren, weil die Menschen sie vergessen und nie wieder abholen. Dann hören sie auf zu wachsen und verschwinden. Aber mit deinem Traum wird das anders sein.“

„Warum denn?“, wollte Daniel wissen.

„Weil eines meiner Kinder immer bei ihm sein wird. Schildkröten sind klug, auch wenn sie noch klein sind. Sie werden ihm den Weg weisen und ihn beschützen. Und eines Tages, wenn du ganz erwachsen bist und an einem Meer stehst, wird dein Traum dich wieder finden. Dann wird er groß und stark genug sein, um dich tragen zu können. Und bis dahin kann ihm nichts geschehen.“ Thea schob sich schwerfällig zurück ins Wasser. „Da kannst du ganz sicher sein. Du hast mein Wort, und das Wort einer großen alten Schildkröte wiegt eine Menge. Machs gut, Daniel.“

Daniel wartete noch, bis Thea ganz untergetaucht war. Dann rannte er schleunigst los, denn jetzt war es schon sehr dunkel und etwas unheimlich, und er hörte seinen Vater rufen. Das Meer war ganz still geworden. Die Wellen waren beinahe eingeschlafen. Nur ein leuchtendes Glühwürmchen bewegte sich noch am Strand unter der Palme. Tief im Sand schliefen die Eier und Daniels Traum und warteten auf die Sonne, die sie ausbrüten würde.

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Patricia Koelle: Das Traumnest
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Das Traumnest
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Stichwörter:
Kindergeschichte, Tiergeschichte, Schildkröte, Patricia Koelle, Jugendgeschichte,

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Antonia Stahn: Max und Mäxchen und Borco – der Hirtenhund

19. März 2017

Max und Mäxchen und Borco – der Hirtenhund

© Antonia Stahn

Draußen ist es immer noch dunkel. Mäxchen ist schon lange wach. Ab und zu läuft er zum Fenster. Schade, immer noch kein Schnee! Nicht mal an diesem besonderen Tag.

„Weihnachten ohne Schnee, ist nur halb so schön“, hat Mäxchen in den letzten Tagen viele Menschen sagen hören.

Der kleine Max hat bisher eigentlich nur schöne Weihnachten erlebt. Ob mit oder ohne Schnee. Er nimmt sich vor, Papa zu fragen, warum Schnee für das Weihnachtsfest so wichtig ist.

Endlich klingelt der Wecker. Im Nu ist Mäxchen aus dem Zimmer und läuft direkt in Papas Arme.

„Ich wollte dich gerade wecken, mein Junge. Das Frühstück ist fertig. Kakao-Spezial wartet auf dich.“

Gemütlich ist es in der kleinen Küche. Papa und Mäxchen unterhalten sich leise. Sie wollen Mama nicht wecken. Heiligabend ausschlafen zu können, war einer von Mamas wenigen Weihnachtswünschen. Und den erfüllen Max und Mäxchen ihr gern.

Es ist 07.30 Uhr. Auf leisen Sohlen verlassen Mamas „Männer“ die Wohnung. Sie haben sich für heute einiges vorgenommen.

Bitterkalt ist es. Schnell laufen Papa und Mäxchen zu dem kleinen Auto, das auf dem Parkplatz vor dem Hochhaus steht. Das Auto ist nicht irgendein Auto. Es ist Mamas Auto! Im Sommer hatte Mama an einem Preisausschreiben teilgenommen. Vier Wochen später stand ein funkelnagelneues Auto vor dem Haus.

Lachend hatte Opa damals gemeint: „Das Glück hatte Recht. Sehr vernünftig, wieder einmal zu euch zu kommen!“

Dann hat Opa Mäxchen zugezwinkert und gesagt: „Vor fünf Jahren ist uns allen das große Glück geschenkt worden. Glück zieht Glück an. Eine kleine Extra-Portion davon steht nun vor eurem Haus. Oma und ich wünschen euch viel Spaß damit!“

In den Sommerferien sind Mama und Mäxchen oft zu den Großeltern gefahren. Manchmal sind Ulli und Miene mitgekommen. Mäxchens Freunde mögen Opas Garten sehr. Doch am liebsten haben sie mit Eccu, dem schottischen Hochland-Pony, gespielt.

Papa schaut in den Rückspiegel: „Du bist so still, mein Sohn. Ist etwas nicht in Ordnung?“

Mäxchen schüttelt den Kopf. „Alles OK, Papa. Ich habe nur ein wenig nachgedacht. Du, Papa! Was wollen wir denn zuerst erledigen? Fahren wir jetzt gleich zu Opa Otto und Oma Marie?“

„Ich denke, wir kümmern uns zuerst um die Lebensmittel. Mamas Liste ist lang. Es ist noch früh. Zum Glück sind nicht viele Menschen unterwegs und wir können in aller Ruhe einkaufen.“

Gegen 10.00 Uhr sind die beiden wieder zu Hause. Papa trägt die Einkaufskiste, Mäxchen zwei Tragetaschen. Ziemlich außer Atem stehen die zwei vor der Wohnungstür. Ganz schön anstrengend, mit solchen Lasten acht Stockwerke zu erklimmen!

Mama ist schon auf.

„Nein, nein!“ wehrt sie ab. „Ihr braucht mir nicht beim Auspacken zu helfen. Fahrt nur los. Ich weiß doch, wie sehr Mäxchen sich auf das Weihnachtsbaum-Aussuchen freut. Bestellt bitte Otto und Marie liebe Grüße von mir.“

Heiligabend-Hektik regelt nun der Verkehr der großen Stadt. Endlich! Nach einer Stunde haben Max und Mäxchen die Landstraße erreicht.

Der kleine Max kennt diese Straße inzwischen gut. Er weiß, wo er sich befindet. Merkwürdig! Papa ist an der Straße zur Bauernschaft vorbeigefahren.“

Papa lächelt und sagt: „Ich möchte dir etwas zeigen, mein Junge. Eine Überraschung. Sie gehört mit zu deinen Weihnachtsgeschenken.“

Mäxchen liebt Überraschungen. Manchmal ahnt er sogar, was hinter der Heimlichtuerei der Erwachsenen steckt. Das lässt er sich aber nie anmerken. Etwas ist heute anders als sonst. Mäxchen weiß wirklich nicht, welche Überraschung ihn erwartet. Deshalb wundert er sich auch nicht, als Papa kurz hinter dem Ortsschild in eine schmale Straße einbiegt. Na ja, eine richtige Straße ist dieser Schotterweg, der vor einem kleinen Einfamilienhaus endet, wohl nicht.

„Bitte aussteigen, der Herr“, sagt Papa fröhlich. „Wir sind angekommen!“

Der große Max nimmt seinen Sohn an die Hand, öffnet das kleine Tor des Vorgartens und marschiert schnurstracks zur Haustür. Riesengroß werden Mäxchens Augen. Denn plötzlich zieht Papa einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und öffnet im Handumdrehen die Tür. Tausend Fragen wirbeln Mäxchen durch den Sinn.

„Weißt du was, Mäxchen: Wir zwei schauen uns jetzt das Haus an. Danach stellst du die vielen Fragen, die ich in deinen Augen sehe“, schlägt der große Max dem kleinen vor.

Mäxchen nickt.

Nach dem Rundgang durch das leere Haus setzt Papa sich auf eine breite Fensterbank. „Nun, mein Sohn. Gefällt dir dieses Haus?“

„Und wie! Weshalb hast du es mir gezeigt, Papa? Und wieso hast du einen Schlüssel für die Tür?“ Auf einmal sind die Ahnungen wieder da. „Ist dieses Haus für uns, Papa?“, fragt Mäxchen leise.

Max erinnert Mäxchen an die kleine Schwester, die Ende Februar zur Welt kommen wird.

„In diesem Haus ist viel mehr Platz als in unserer Wohnung. Schau! Und hier haben wir sogar einen Garten. Ist das alles nicht wunderschön, Mäxchen?“

Natürlich ist das alles wunderschön! Aber was ist mit den Freunden? Oder dem Kindergarten? Ganz sicher wird Frau Stellermann Mäxchen vermissen.

„Keine Sorge, Mäxchen. Wir haben mit der Kindergartenleiterin gesprochen. Bis zu den Sommerferien kannst du in der Nelly-Nilpferd-Gruppe bleiben. Nach den Ferien beginnt deine Schulzeit. Mama und ich haben uns die Grundschule hier im Ort genau angesehen. Sie gefällt uns. Wir glauben, du wirst dich dort wohlfühlen. Oh, beinahe hätte ich etwas vergessen! Deine zukünftige Lehrerin ist die Schwester von Frau Stellermann.“

Sorgfältig schließt Papa die Haustür ab. Dann dreht er noch eine Extra-Runde durch das kleine Dorf. Mäxchen sieht sich alles genau an. Auf dem Weg zu Otto und Marie ist er sehr, sehr schweigsam. Er hat soo viel zu denken.

Etwa hundert Meter vor der Haltestelle „Bauernschaft Buxtrup“ läuft ein Reh auf die Straße. Gut, dass der große Max nicht so schnell gefahren ist! Er schafft es,

dem Tier aus zu weichen. Das Reh hält mitten im Lauf inne. Wahrscheinlich ist es genau so erschrocken, wie Papa und Mäxchen.

„Mensch, Papa! Da hat das Reh wirklich Glück gehabt!“, sagt Mäxchen erleichtert.

„Und wir auch“, denkt Papa, sagt es aber nicht.

Hinter dem Wartehäuschen will der große Max rechts abbiegen. Und wieder muss er scharf bremsen, denn Mäxchen schreit mit einem Male: „Halt, stopp, Papa! Im Wartehäuschen sitzt ein Hund. Ich glaube, er ist angebunden. Bestimmt hat er Angst oder fühlt sich einsam. Bitte, Papa, wir müssen ihm helfen!“

Vorsichtig nähern sich Max und Mäxchen dem jaulenden Hund. Papa versucht, den kleinen Kerl zu beruhigen. Es dauert nicht lange und der junge Hund lässt sich streicheln. Er wehrt sich nicht, als Max ihn von dem Hanfseil befreit.

„Weißt du was, Mäxchen: Wir zeigen Otto den kleinen Kerl hier. Otto kennt sich mit Hunden aus. Er wird sich um unseren Findling kümmern.“

Mäxchen nickt. Er sieht ein wenig traurig aus. „Papa weiß genau, wie sehr ich mir einen Hund wünsche. Und der hier wäre genau richtig!“

Mäxchen und Border-Collie, Copyright: Sibylle Rencker
© Sibylle Rencker

„Holla! Was bringt ihr denn da?“, sagt Otto erstaunt. „Wisst ihr, eigentlich ist es noch zu früh.“

„Wieso zu früh? Wir wollen den Tannenbaum doch vor dem Dunkelwerden aus deinem Wald holen, Otto.“

Otto lacht laut auf. „Ich meine den jungen Hund. Nicht den Baum. Normalerweise finden wir ausgesetzte Welpen erst nach dem Fest.“

Schnell, mit geübten Griffen untersucht Otto den kleinen Hund, streichelt über das schwarzweiße Fell.

„Einen hübschen Burschen habt ihr gefunden“, sagt er anerkennend. „Border-Collie nennt man diese Rasse. Weißt du, Mäxchen, so ein Hund ist nichts für die Stadt. Border-Collies sind Hütehunde. Dieser kleine Welpe ist schon jetzt sehr stark und auch gesund, meine ich. Border-Collies wurden speziell für das Schafehüten gezüchtet. Unser Kleiner hier wird recht groß und lang. Mindestens einen halben Meter. Er hat starke Muskeln, die seine Schnelligkeit und Beweglichkeit, auch seine Ausdauer, unterstützen. Schau dir den breiten Kopf an, Mäxchen! Siehst du: Die Schnauze des Borders ist nicht besonders lang. Dennoch hat er ein kräftiges Scherengebiss. Wenn der später mal zubeißt, tut es weh. Ja, die mittelgroßen Ohren stehen meistens aufrecht. Manchmal auch nach vorne gekippt. Nicht alle Border-Collies haben diese ovalen, mittelgroßen Augen. Ihre Verwandten, die Blue-Merles, schauen aus blauen Augen in die Welt. Ich habe es vorhin schon einmal gesagt. Solche Hunde können nicht in einer Drei-Zimmer-Wohnung leben. Sie brauchen eine Aufgabe, die ihrer Intelligenz und ihrem Arbeitstrieb entspricht.“

Mäxchen weiß genau, weshalb Otto gerade so viel über den fremden Hund erzählt hat. Und doch möchte er gern wissen, wie es mit dem niedlichen Welpen weitergeht.

„Marie wird sich um ihn kümmern, Nach den Feiertagen wird sie den Kleinen im Tierheim und bei der Polizei melden. Ich werde euch über den Weg des Borders berichten. Einverstanden, mein Junge?“ Otto lächelt Mäxchen freundlich an und sagt dann scheinbar aufgeregt; „Meine Güte! Jetzt müssen wir aber los, in den Wald. Sonst ist es gleich tatsächlich dunkel und ihr fahrt ohne Weihnachtsbaum nach Hause.“

„Mama, Mama!“, ruft Mäxchen, als er durch den Flur in die Küche läuft. „Wir haben heute Nachmittag einen ganz süßen Hund gefunden. Der muss aber bei Otto und Marie bleiben. Für unsere Wohnung ist er viel zu groß, hat Otto gesagt. Es ist ein Border-Collie. Hab ich nicht vergessen!“

Mama nimmt Mäxchen für einen Augenblick in den Arm. Und sogleich vergisst er die Trauer um einen Hund, den er wohl nie bekommen wird. Hm. Mama riecht so schön nach Weihnachtsessen, Gemütlichkeit und Überraschungen. Sie freut sich über den Tannenbaum. Er ist gerade richtig groß und breit. Gemeinsam schmücken die drei ihren Baum.

Nach dem Essen gehen Max und Mäxchen in den Keller. Mama hat die Krippe vergessen. Papa beugt sich über die Kiste, um die Figuren herauszuholen. Sein kleines Merkbuch fällt aus der Hemdtasche. Aufgeblättert liegt es zwischen den Krippenfiguren.

„Schau mal, Mäxchen! Hier ist eine Geschichte über einen Hütehund namens Borco. Möchtest du sie hören? Nein, Mama wird nicht ärgerlich, wenn wir eine Weile im Keller bleiben. Sie hat noch einiges zu erledigen. Dabei können wir ihr sowieso nicht helfen.“

Papa setzt Mäxchen auf einen Hocker und stellt sich daneben. Der große Max nimmt sein Büchlein in die Hand, setzt die Lesebrille auf und beginnt …

*

Du willst wissen, wie die Geschichte weitergeht?
Die vollständige Geschichte findest du in dem Buch
Antonia Stahn: Die Reise vom gläsernen Baum zum blauben Planeten. Eine Weihnachtssaga
Die Reise vom gläsernen Baum
zum blauen Planeten
Eine Weihnachtssaga
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-02-9

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Stichwörter:
Kindergeschichte, Tiergeschichte, Hund, Hirtenhund, Antonia Stahn, Weihnachtsgeschichte, Weihnachten


Katharina Britzen: Max Minibagger

13. März 2017

Max Minibagger – 1. Folge

© Katharina Britzen

Es war einmal ein kleiner Minibagger, der so rot wie Klatschmohn war. Er durfte immer nur zusehen, wenn die großen Bagger auf der Baustelle arbeiteten. Wie sie große Löcher mit ihren Grabeschaufeln aushoben, wo später Häuser und Brücken entstanden. Zu gerne hätte Max Minibagger mitgeholfen, aber alle lachten ihn aus und sagten: „Was will denn so ein kleiner Bagger hier. Werde erst einmal groß, dann kannst du mit uns zusammenarbeiten“ und jagten ihn wie einen Dieb von der Baustelle.

Große Baggertränen kullerten Max Minibagger aus seinen Augen, denn er war ja schon erwachsen und würde nicht größer werden als er jetzt war. Schließlich war er ein Minibagger, etwas ganz Besonderes, etwas, das die anderen aber nicht wussten.

Traurig trottete er davon und beobachtete von weitem, wie emsig die riesigen Bagger auf der Baustelle arbeiteten, wie sich ihre Schaufeln auf und nieder bewegten, aus dem festen Boden dicke Steinbrocken heraushuben und ihn nicht weiter beachteten. Zu gerne hätte er geholfen, traute sich aber nicht, weil er fürchtete, wieder verjagt zu werden. Unendlich traurig darüber schluchzte er leise vor sich hin und seine Grabeschaufel ging aufgeregt auf und nieder.

„Hallo, Max Minibagger, warum bist du so traurig?“

Max Minibagger schwenkte seine Schaufel um zu sehen, wer mit ihm sprach, konnte aber niemanden sehen. Er drehte sich um die eigene Achse, immer und immer wieder. Woher kam die Stimme?

„Hier bin ich“, piepste ein zartes Stimmchen von vorne und als Max Minibagger auf seine Grabeschaufel starrte, entdeckte er einen Maulwurf darin, der ihn freundlich durch seine kleinen Augen anblinzelte. Erstaunt darüber, dass plötzlich jemand freundlich zu ihm war, hörte er auf zu weinen.

„Ich bin der Maulwurf ‚Sieht nicht gut'“, wisperte es aus seiner Grabeschaufel. „Seit Tagen fällt mir auf, dass du so traurig bist und ständig weinst. Kannst du mir den Grund dafür sagen?“

Und Max Minibagger erzählte dem Maulwurf „Sieht nicht gut“ von seinem Kummer, keine Löcher ausheben zu dürfen, was doch seine größte Leidenschaft und eigentlich auch sein Beruf als Minibagger sei.

Geduldig hörte der Maulwurf „Sieht nicht gut“ ihm zu, streichelte ab und zu die Innenseiten der Grabeschaufel, bis Max Minibagger ihm sein Herz ausgeschüttet hatte und der Kummer von Max Minibagger nicht mehr so groß war. Dann überlegte der Maulwurf „Sieht nicht gut“ einen kleinen Augenblick, hatte eine Idee und sprach: „Wenn du so gerne Löcher buddelst, dann komm doch mit in unser Land Krümelboden, in dem wir leben. Dort kannst du uns Wohnungen baggern so viele du möchtest. Wir leben die meiste Zeit unter der Erde, aber manchmal möchten wir auch die Sonne sehen und die Wärme genießen und müssen dafür durch unsere unterirdischen Straßen nach oben. Da drüben auf den Feldern wohnen wir“ und zeigte mit seiner kurzen Pfote auf das Land Krümelboden, auf die Wiesen und Felder, die am Waldrand lagen.

Erwartungsvoll sah der Maulwurf „Sieht nicht gut“ Max Minibagger an, dessen Gesichtsausdruck langsam von traurig in froh umschlug und dessen Augen wieder zu strahlen anfingen.

„Oh, wie gerne würde ich euch helfen, Tag und Nacht kann ich mit meinen starken Grabeschaufeln Löcher ausheben. Wann soll ich anfangen?“

Max Minibagger war richtig aufgeregt, als ihn der Maulwurf „Sieht nicht gut“ aufforderte, mit in das Land Krümelboden zu kommen, um ihn seiner Familie und seinen Freunden vorzustellen. War die Freude groß, als die Maulwürfe Max Minibagger willkommen hießen und sich ausgelassen von seiner Grabeschaufel hin und herschwenken ließen. Vor allen Dingen die Maulwurfskinder hatten ihre helle Freude daran, jauchzten vor Begeisterung und kamen sich vor wie auf einem Karussell, wenn sich Max Minibagger um die eigene Achse drehte. Maulwürfe vor ihnen hatten so etwas noch nie erlebt, hatten noch nie einen Minibagger zum Freund, worüber sie überglücklich waren.

Ab sofort hatte Max Minibagger Tag und Nacht zu tun, half seinen kleinen Freunden und baggerte ihnen im Land Krümelboden die schönsten und tiefsten Löcher, die je ein Maulwurf gesehen hatte. Viele von ihnen brauchten jetzt nicht mehr so viele Löcher zu buddeln, sondern hatten mehr Zeit zum Spielen. Abends feierten sie zusammen, erzählten sich Geschichten, sangen Lieder und Max Minibagger war glücklich und zufrieden.

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Und hier gibt es → Max Minibagger – Folge 2


Petra R. Müller: Pünktchens Wunsch

24. März 2010

Pünktchens Wunsch
© Petra R. Müller

Langeweile herrschte für die Tiere auf dem großen Bauernhof nie. Immer gab es etwas Neues und Interessantes zu entdecken. Zusammen bildeten sie eine enge Gemeinschaft die sich gegenseitig half. Es war nicht immer leicht, friedlich zusammen zu leben, zu unterschiedlich waren ihre Interessen.
Eines Tages erheiterte Pünktchen die ganze Gruppe, als es erklärte: “Ich wünsche mir Osterhase zu werden.“
Für einen kurzen Augenblick lang war es mucksmäuschenstill. Dann, als ob ein tosender Orkan losbrechen würde, setze von allen Seiten her lautes Gelächter ein.
„Pünktchen, der Witz war gut, hast du noch mehr solcher Sachen auf Lager?“, grunzte ein Schwein.
„Um Himmels willen, siehst du denn nicht, wie sich meine Hennen vor Lachen kaum noch auf der Stange festhalten können“, krähte Oskar der Hahn.
Federchen legte sogar ein Ei. Sie hatte sich beim Lachen verschluckt und als sie daraufhin husten musste, um wieder frei atmen zu können, rutschte das Ei einfach heraus.
„Siehst du, was du da angerichtet hast?“, schnatterte Federchen vorwurfsvoll. „Wegen dir habe ich jetzt mitten auf den Weg ein Ei gelegt. Hier kann jeder darauf rumtrampeln. Ich muss schleunigst zusehen, wie ich es in Sicherheit bringe“.
„Reg‘ dich nicht so auf“, bellte Ben, der Hofhund. „Ich helfe dir. Mit meiner Schnauze rolle ich dein Ei, wohin du es haben willst“
„Wenn das mal gut geht“, meinte Federchen. Doch sie nahm Bens Hilfe gerne an.
Stolz watschelte die Gans vor den Hofhund her, um ihm zu zeigen, an welchen Platz er das Ei rollen sollte. Ben folgte ihr, doch als Federchen sich umdrehte, schrie sie empört auf.
„Du blöder Köter hast ja mein Ei ganz vergessen! So etwas leicht Zerbrechliches kann man doch nicht alleine auf der Straße liegen lassen! Marsch, setz dich in Bewegung und rolle mein Ei hier herüber. Genau an dieser Stelle will ich es liegen sehen.“
„Blöde Gans“, knurrte Ben verärgert. „Da will man nun helfen und wird zum Dank auch noch angeschnauzt. Soll sie doch das nächste Mal zusehen, wie sie ihr Ei aus der Gefahrenzone bekommt! Ich habe ihr schließlich nicht gesagt, dass sie es mitten auf den Weg legen soll.“

Nachdem Pünktchen seinen Wunsch bekannt gegeben hatte, herrschte auf dem Bauernhof große Aufregung. Nur langsam beruhigten sich die Tiere.
Pünktchen verstand nicht, warum es überall ausgelacht wurde. Seiner Meinung nach sollte jedes Kaninchen den Wunsch hegen, Osterhase zu werden. Eine ehrenvollere Aufgabe konnte es sich nicht vorstellen.
Wenn eines der Ferkel Glücksschwein werden wollte, dann lachte ja auch niemand. Selbst Küken, die zum Ziel hatten Wetterhahn zu werden, genossen Anerkennung und Respekt. Warum nur wurde sein Wunsch nicht akzeptiert?

Unter den Tieren galt die Eule als besonders klug. Aber man konnte sie nur nachts im Wald antreffen. Noch dazu war es sehr gefährlich, der Eule einen Besuch abzustatten. Solche, die es wagten die Eule grundlos zu belästigen, mussten dies mit ihrem Leben bezahlen.
Trotzdem nahm das Kaninchen sich vor, in der kommenden Nacht bei der Eule nachzufragen, was an seinem Wunsch so komisch war. Die Demütigungen des vergangenen Tages lagen so schwer auf seinem Herzen, dass es die Angst, gefressen zu werden, leichter ertrug. Aber dann, als die Sonne tiefer sank und die Schatten länger wurden, sehnte sich das kleine Kaninchen in seinen schützenden Stall zurück.
Die Tiere der Nacht waren erwacht und machten Geräusche, die Pünktchen vor Furcht zittern ließen. Er war gerade dabei die Flucht zu ergreifen und auf dem schnellsten Weg nach Hause zurück zu hoppeln, als es über sich die kräftigen Flügelschläge der Eule vernahm.
Pünktchen duckte sich und hörte ein schadenfreudiges: „Zu spät.“
Als das Kaninchen sich aufrichtete, erblickte es die Eule direkt vor sich auf einen niedrig hängenden Ast sitzend. Sie war ein beeindruckend großer Vogel mit grau glänzenden Federn und einem dicken, spitz gebogenen Schnabel, der stark genug war, um gefangene Beute mühelos zu zerreißen.
„Glaubst du denn wirklich, du könntest vor mir fliehen indem du dich duckst? Im gleichen Augenblick, als ich dich erspähte, war es um dich geschehen. Du kannst mir nicht entkommen“, belehrte die Eule das kleine Kaninchen.
„Wer will dir entkommen? Ich habe dich extra aufgesucht um dir eine Frage zu stellen“.
Pünktchen wusste, jetzt kam es darauf an, das Interesse der Eule zu wecken. Wenn ihm dies gelang, war sein Leben gerettet.
„Ja, wenn du mich gesucht hast, darf ich dich dann zum Essen einladen?“, fragte die Eule
„Was hast du denn anzubieten?“, Pünktchen wurde keck, obwohl ihm die Angst tief in den Knochen saß und es überhaupt keinen Hunger verspürte.
„Blöde Frage“, erwiderte die Eule. „Wenn ich dich zum Essen einlade, dann gibt es selbstverständlich Kaninchenragout, was hast du denn gedacht?“
„Kopfsalat wären mir aber lieber“. Pünktchen unterdrückte aufkommende Panik.
Die Eule bog sich vor Lachen. Sie wollte sich mit einem ihrer Flügel den Bauch halten, verlor dabei das Gleichgewicht und landete unsanft auf den Boden. Auf dem Rücken liegend, die Beine in die Luft gestreckt, lachte sie immer noch, nur etwas leiser.
„Dabei hast du bestimmt an Eulenkopfsalat gedacht. Du bist ein urkomischer Typ, weißt du das? So jemand wie dich werde ich nicht verspeisen. Es gibt viel zu wenig Tiere deines Schlags“. Dann richtete sich die Eule auf und fragte das Kaninchen warum es sich der großen Gefahr aussetzte, um ihren Rat einzuholen.
Pünktchen erzähle von seinem Wunsch, Osterhase zu werden und dass es deswegen überall ausgelacht wurde. Von der Eule wollte es wissen, was an seinem Wunsch so lächerlich ist.
„Mal ganz davon abgesehen, dass du ein Kaninchen bist und kein Hase, gibt es noch mehr Dinge, die deinen Wunsch unmöglich machen. Als Osterhase musst du nämlich lernen wie man Eier legt“, antwortete die Eule amüsiert. „Mir ist noch kein Kaninchen begegnet, das dies kann. Vielleicht lachen dich deine Freunde deshalb aus. Doch selbst wenn du Eier legen könntest, oder sie dir irgendwoher besorgst, ist dein Problem damit noch nicht gelöst. Die Eier müssen auch gekocht und bunt angemalt werden. Ich weiß nicht, wie du das hinkriegen willst. Aber wenn du es schaffen solltest, dann sage mir bitte Bescheid. Ich lerne gerne noch etwas dazu“.

Mit hängenden Ohren verabschiedete sich Pünktchen von der weisen Eule. Was es soeben erfahren musste, bedeutete das Ende seines Traums. Sicher, Eier könnte es sich leicht besorgen. Wozu gab es Hühner und Gänse auf dem Hof? Aber die Eier bunt anmalen konnte es nicht. Zudem wusste Pünktchen nicht was Kochen bedeutete und wozu es gut sein sollte.
Zum ersten Mal in seinem Leben rollten Tränen über sein Gesicht. Schweren Herzens nahm es Abschied von seinem Lebenswunsch.
Zu Hause angekommen, verkroch sich das Kaninchen in die hinterste Ecke seines Stalles und versuchte zu schlafen.

Am nächsten Morgen fühlte sich Pünktchen ganz krank. Er blieb in der Ecke hocken und hatte keine Lust den Stall zu verlassen.
„Das kommt nur davon, weil Pünktchen die Eule besucht hat“, vermuteten seine Freunde. Sorgenvoll fügten sie hinzu, „nun liegt es krank im Stall und muss bestimmt bald sterben. Jeder weiß doch, dass es gefährlich ist zur Eule zu gehen, aber dieser Dickkopf kann ja nicht hören“.
Eine Mäusemutter wollte sich nicht damit zufrieden geben, dass Pünktchen im Sterben lag. Für sie war das Kaninchen ein Held. Helden lässt man aber nicht alleine, wenn es ihnen schlecht geht. Man hilft ihnen, damit sie schell wieder auf die Beine kommen. Das war jedenfalls ihre Meinung.
Vorsichtig schlich sie sich in den Kaninchenstall und fand Pünktchen, wie es todtraurig am Boden kauerte. Es war kaum ansprechbar, wollte weder essen noch trinken und hatte auch keine Lust sein Fell zu pflegen. Ganz sanft knabberte die Mäusemutter an Pünktchens Ohr.
„Was ist mit dir los?“, wolle sie wissen. „Gestern warst du noch so lustig, voller Tatendrang und durch nichts zu erschüttern und heute sitzt du da, als hättest du einen Eimer voll Gift gefressen.“
„Ich fühle mich auch so, als hätte ich Gift gefressen“, antwortete Pünktchen.
„Gestern Nacht besuchte ich doch die Eule, weil ich von ihr wissen wollte, was an meinem Wunsch Osterhase zu werden, so lächerlich ist und ihre Antwort zog mir den Boden unter den Füßen weg. Niemals wird aus mir ein Osterhase, dieser Wunsch ist unerfüllbar. Das macht mich so traurig“.
„Na, na“, sagte die Mäusemuter“. „Wer wird denn gleich die Flinte ins Korn werfen? Wenn du Osterhase werden willst, dann kann ich dir vielleicht dabei helfen“.
„Du?“ Pünktchens Ohren streckten sich steif in die Höhe. „Was weißt du denn vom Osterhasen?“
„Mehr jedenfalls als die Eule“, antwortete das Mäuschen leicht beleidigt. „Hast du vergessen, dass ich Nacht für Nacht im Haus der Menschen herumschleiche?“
„Konntest du dabei auch den Osterhasen sehen?“, fragte das Kaninchen hoffnungsvoll.
„Den nicht gerade, aber ich weiß, wann und wo er seine Eier versteckt. Wenn du willst helfe ich dir, dass dein Traum noch dieses Jahr in Erfüllung geht“.
Pünktchen zweifelte an den Möglichkeiten des hilfsbereiten Tierchens.
“Wie willst du aus mir einen Hasen machen der Eier kochen und färben kann? So etwas machen nämlich die echten Osterhasen“.
„Du irrst dich, wenn du glaubst der Osterhase mache all diese Dinge selbst“, erwiderte die Mäusemutter.
„Dieser Schwindler bringt fertige bemalte Eier unter die Leute und tut so, als hätte er sie selbst hergestellt. Woher er die bunten Eier bekommt, weiß ich auch nicht. Es ist mir auch egal. Aber ich kann dir helfen, dass du dieses Jahr die Aufgabe des Osterhasen übernehmen kannst. Welche Rolle spielt es da, dass du gar kein richtiges Häschen bist? Tu einfach so, als ob du der Osterhase wärst. Keiner wird dir das übel nehmen.“
Pünktchen wäre der Maus am liebsten um den Hals gefallen.
„Das ist ja wunderbar, jubelte es. Dann könnte ich all denen, die mich ausgelacht haben, beweisen wozu ein Kaninchen fähig ist“.
Pünktchen besprach mit der Mäusemutter was zu tun sei, um in die Rolle des Osterhasen zu schlüpfen. Ihr Vorschlag begeisterte es. Pünktchen war sich sicher, dass der Plan funktionieren wird. Hoch erhobenen Hauptes verließ es den Stall und suchte nach etwas Essbarem, denn mit seiner Vorfreude, kam auch der Hunger wieder zurück.
Kaum gesellte sich Pünktchen zu den anderen, wurde es von allen anwesenden Tieren umringt. Hühner, Schweine und natürlich auch die geschwätzigen Gänse wollten wissen, was es bei der Eule erlebt hatte.
Pünktchen dachte jedoch nicht im Traum daran, die Neugier derer zu befriedigen, die es am Tag zuvor ausgelacht hatten.
Rache muss sein, dachte es und verkündete stolz:
„Am Sonntag könnt ihr sehen, wie ich zu einem richtigen Osterhase werde, mehr sage ich nicht“.
„Habt ihr das gehört? Pünktchen wird zum Osterhasen. Wer’s glaubt wird selig und wer’s nicht glaubt, der kommt auch in den Himmel“, schnatterte Federchen.
„Du blöde Gans“, brummelte Ben. „Immer musst du über andere herziehen! Pass auf, dass aus dir kein Feiertagsbraten wird. Ich hätte Lust auf ein paar leckere Gänseknochen“.
„Das hast du zum Glück nicht zu bestimmen“, erwiderte Federchen entsetzt und watschelte von dannen.
Pünktchens Bekanntgabe sorgte für noch größere Aufregung, als zuvor die Äußerung seines Wunsches Osterhase zu werden. Einige trauten es ihm zu, andere wiederum nicht. Sie wetteten sogar darauf, ob Pünktchen es schaffen würde. Es gab die unterschiedlichsten Wetteinsätze. Gänse verwetteten ihre Daunen, mit denen sich der Schlafplatz komfortabler ausstatteten ließ, Hühner verzichteten freiwillig auf einen Teil ihres Futters und Oskar, der Hahn, rupfte sich sogar seine schönsten Schwanzfedern aus, nur um an der Wette teilnehmen zu können. Jedes Tier fand etwas anderes, das es einsetzen konnte.

Am darauffolgenden Sonntag war es dann soweit. Es gab noch nie einen Ostersonntag, der so ungeduldig von den Tieren des Bauernhofes erwartet wurde. Trotz strengster Bebachtung Pünktchens, gelang es ihm dennoch, sich unbemerkt aus dem Stall zu schleichen.
Die Mäusemutter hatte von ihrer ganzen Verwandtschaft einen Tunnel graben lassen, der vom Kaninchenstall aus direkt zu jenem Gebüsch führte, unter dem der Osterhase eines seiner Nester zu verstecken pflegte. Kaum hatte das Mäuschen ein Nest entdeckt, eilte sie durch den Geheimgang zu Pünktchen, um ihm Bescheid zu geben. Was nun folgte lag nicht mehr in ihrer Hand.
Zielstrebig zwängte sich Pünktchen durch den Tunnel. Nachdem es unter der Erde hervorgekrochen war, befreite es sein Fell sorgfältig von anhaftenden Erdklumpen. Dann hielt es Ausschau nach dem Osternest und legte sich vorsichtig hinein. Es achtete gewissenhaft darauf keines der buntbemalten Eier zu beschädigen, sondern legte diese behutsam um seinen Körper herum. So wurde aus Pünktchen ein (fast) echter Osterhase.

Dies dachte auch die Tochter des Bauern, als sie das Nest fand.
„Oh Pappi schau doch mal. Ein richtiger Osterhase! Darf ich ihn behalten?“
Während das Mädchen erfreut nach ihrem Vater rief, nahm sie das Kaninchen auf den Arm und streichelte es zärtlich.
Der Bauer erkannte Pünktchen sofort, als er das Kaninchen sah.
„So ein Schlingel, wie konnte es sich nur ins Osternest hinein schmuggeln?“, dachte er verwundert. Doch zu seiner Tochter sagte er schmunzelnd:
„Nur sehr wenige Menschen haben bisher den Osterhasen gesehen. Er ist nämlich sehr scheu. Dir hat er sogar sein Kind anvertraut. Das ist eine große Ehre. Wir werden dem kleinen Kerl ein schönes Zuhause geben.“

***


Antonia Stahn: Max und Mäxchen

19. Februar 2010
Max und Mäxchen

Max und Mäxchen

Max und Mäxchen und Canor – der einsame Kuckuck
© Antonia Stahn

„So, Mäxchen, du darfst dir noch ein wenig Benjamin Blümchen anhören – bis Papa kommt.“ Sorgfältig deckt Mama ihren kleinen Jungen zu.
„Bitte die Füße extra einmollen, Mama, sie sind heute sooo kalt.“ Einmollen ist Mäxchens Spezialausdruck für Gemütlichkeit.
Mama lächelt und stopft die Decke fest um den kleinen Körper des Jungen. „Gute Nacht, mein Schatz, träum was Schönes.“
„Nacht, Mama, bis morgen.“
Mäxchen kuschelt sich in die Kissen. Ein wenig hört er Benjamin Blümchen zu. Aber eigentlich wartet er nur auf Papa. Er muss ihn etwas Wichtiges fragen.
Eine Weile später klopft es an der Tür. „Wohnt hier der kleine Max?“, fragt eine tiefe Stimme. „Darf man eintreten?“
Mäxchen klettert aus seiner Gemütlichkeit. Er reißt die Tür auf und springt mit einem Satz auf Papas Arm. „Da bist du ja endlich, Papa! Wo warst du heute nur so lange – und erzählst du mir eine Geschichte?“
„Immer mit der Ruhe“, unterbricht Papa. „Zuerst einmal brauche ich unbedingt einen dicken Begrüßungskuss. Der Lkw war kaputt. Die Reparatur hat sehr lange gedauert, mein Junge. Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig. Ich bin froh, wieder hier bei dir und Mama zu sein.“
Schnell klettert der Vierjährige wieder in sein Bett und richtet sich nochmals gemütlich ein.
„Du, Papa, ich muss dich etwas Wichtiges fragen. Oma hat gesagt, dass der Kuckuck in diesem Jahr noch nicht gerufen hat. Sie sagt, das ist kein gutes Zeichen. Gutes Zeichen für was? Und warum ruft der Kuckuck eigentlich?“
„Oh, das ist aber ein Zufall! Ausgerechnet heute habe ich in meinem Merkbuch eine Geschichte über einen Kuckuck gefunden. Vielleicht steht die Antwort auf deine Frage in diesem Buch. Möchtest du die Geschichte hören, Mäxchen?“
Mäxchen nickt und kuschelt sich tiefer in seine Kissen.
Das Merkbuch ist gerade mal so groß wie ein Taschenkalender. Trotzdem liest Papa immer wieder neue Geschichten daraus vor. Der kleine Max hat längst aufgehört, sich darüber zu wundern.
Papa setzt die Brille auf und erzählt.

Die Geschichte beginnt irgendwo in einem fernen, fernen Land. Dort lebte einmal ein wunderschöner, schlanker Kuckuck. Lange schon war er auf der Suche nach einer Frau. Er wollte gern eine Familie haben. Aber er war sehr schüchtern. Es gelang ihm einfach nicht, eine Kuckucksfrau anzusprechen – oder besser gesagt, sie mit seinen Rufen anzulocken.
Irgendwann hat der schüchterne Vogel gemerkt, dass er seinen Ruf verloren hatte. Da wurde er sehr, sehr traurig; und er suchte einen Vogelarzt nach dem anderen auf. Doch keiner konnte ihm helfen.
Eines Tages traf er die alte Elster Federleicht im Wald.
„Na, alter Freund, warum so traurig?“, krächzte sie.

wie die Geschichte weitergeht, erfährst du in der nächsten Folge

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Die Geschichte findet sich in dem Buch
Antonia Stahn: Max und Mäxchen
Antonia Stahn
Max und Mäxchen
Kindergeschichten für große und kleine Leser
Mit Illustrationen von Sibylle Rencker
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-7-4

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