Manuel Hilmer: Der zweite Nikolaus

19. März 2017

Der Komiker Dieter Hallervorden liest

Der zweite Nikolaus

© Manuel Hilmer

Warum? Während wir weiter durch den Schnee stapften, dachte ich über Pauls Frage nach. Warum. Mein Sohn produzierte täglich viereinhalbtausend Fragen mit diesem kleinen Wörtchen und meistens konnte ich sie auch beantworten. Na ja, außer neulich die Sache mit dem Strom aus der Steckdose.

Das halb vom Schnee verdeckte Rot einer Fußgängerampel zwang uns zum Stehenbleiben. Ich wischte eine Schneeflocke von meinem Nasenrücken und sah aus dem Augenwinkel, dass Paul zu mir hochblickte. Seine Augenbrauen gehoben.

„Eine gute Frage“, hatte ich ihm zuvor bescheinigt – mit langgezogenem ‚u‘. Das war immer meine Antwort, wenn ich keine Antwort hatte.

Warum also hatte mein Sohn kurz hintereinander zwei Nikoläuse gesehen? Beide einen Kopf kleiner als ich, wobei man aus der Körperfülle des einen gut und gern zwei hätte kneten können. Womit ich wieder beim Thema war.

„Papa?“

„Ja?“ Diesmal dehnte ich kräftig das ‚a‘. Ich brauchte Zeit zum Nachdenken.

„Wir fragen einfach daheim die Mama.“

Diese ultimative Drohung heizte meinem Gehirn ordentlich ein und brachte mich schließlich auf eine Idee. „Hab ich dir eigentlich schon vom Krampus erzählt?“

„Ja klar, dem mit der Rute, oder?“

„Genau. Der die bösen Kinder bestraft.“

„Den mag ich aber nicht.“ Paul sah mich aus verengten Augenschlitzen an, als ob ich etwas dafür könnte.

„Das ist egal, ob du den magst oder nicht. Hast du ihn denn heut schon gesehen?“

Paul schüttelte langsam den Kopf. Die Ampel sprang auf Grün. Wir überquerten die Straße und sahen vor uns bereits den Haidhauser Weihnachtsmarkt.

„Warum arbeitet der Krampus heute nicht, Papa?“

„Du möchtest wissen, wie es dazu kam?“

Pauls Zipfelmütze vollführte einen Tanz, als er nickte. Wir setzten uns auf eine Bank mit Blick auf den Glühweinstand.

„Dann hör gut zu …

… Vergangene Woche trafen sich Nikolaus und Krampus wie üblich in der Bar am Nordpol. Um sich für den Nikolaustag zu besprechen. Als der Nikolaus die Bar betrat, musste er den Krampus eine Weile suchen. Schließlich fand er ihn in der hintersten Ecke.

‚Grüß dich, Kramperl, warum schaust du denn so grimmig?‘

‚Ich habe nachgedacht.‘

‚Oha, nachgedacht – aber worüber denn, Kramperl?‘

Bei ‚Kramperl‘ zog Krampus jedes Mal kurz die Mundwinkel nach unten.

‚Über meine Arbeit.‘

‚Oho – willst du etwa mehr Geld?‘

Der Nikolaus zog seine pelzigen Augenbrauen zusammen.

‚Nein, darum geht es nicht, Nikolaus. Ich will …‘

Krampus wandte seinen Blick vom Nikolaus ab und sah zur Theke, an der bereits einige Engel Schräglage hatten.

‚Was willst du, Krampus?‘ Die Augenbrauen des Nikolaus berührten sich nun fast.

‚Ich will – dass mich die Kinder mögen.‘

Der Nikolaus schnaubte durch die Nase und sagte nichts.

‚Dich lieben sie, weil du ihnen Geschenke bringst, und mich – mich hassen sie.‘ Die zusammengepressten Lippen des Krampus waren nur mehr ein dünner Strich inmitten seines dichten Vollbarts.

‚Aber einer muss sie doch bestrafen, Kramperl, sonst …‘

‚Sonst was? Die Kinder, die ich im Jahr zuvor bestraft habe, sind im Jahr darauf meist wieder an der Reihe. Das bringt doch nichts!‘

Du willst wissen, wie diese lustige Weihnachtsgeschichte weitergeht?
Die vollständige Geschichte findet sich in dem Buch
Weihnachtsgeschichten Band 2
Weihnachtsgeschichten
Band 2
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-03-6

Außerdem gibt es diese Geschichte auch auf der Hörbuch-CD „Berliner Prominente lesen ihre Lieblingsweihnachtsgeschichte“, gelesen von Dieter Hallervorden. Wer das Buch direkt beim Verlag bestellt, erhält dazu kostenlos die Hörbuch-CD „Berliner Prominente lesen ihre Lieblingsweihnachtsgeschichte“ (solange Vorrat reicht). Unbedingt bei der Bestellung „Mit CD“ angeben.

Hörbuch-CD Berliner Prominente lesen Weihnachtsgeschichten

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Stichwörter:
Kindergeschichte, Weihnachtsgeschichte, Weihnachten, Dieter Hallervorden, CD, Nikolaus, Manuel Hilmer,


Silvia Friedrich: Geheimnisvoller Weihnachtsabend

19. März 2017

Geheimnisvoller Weihnachtsabend

© Silvia Friedrich

Luisa und Erik sitzen am Adventssonntag mit Mama und Papa am Tisch. Erik darf die vierte Adventskerze anzünden.

„Wann holen wir denn den Weihnachtsbaum?“, fragt er und sieht den Vater an.

„In diesem Jahr holen wir keinen“, antwortet der Vater.

„Oh, warum denn nicht“, fragen beide Kinder gleichzeitig und sind enttäuscht.

„In diesem Jahr besuchen wir die Oma auf dem Land“, sagt die Mutter.

Erik und Luisa freuen sich. Bei der Oma ist es schön. Sie wohnt auf einem Bauernhof in den Bergen.

„Sicher liegt schon Schnee, dann könnt ihr rodeln gehen“, sagt der Vater.

„Prima“, ruft Luisa und hopst durch das Zimmer, so dass der ganze Tisch wackelt.

Es ist schon dunkel, als der Vater und die Kinder im Schuppen nach dem Rodelschlitten suchen. Denn der soll mit, wenn sie zur Oma fahren.

Am nächsten Morgen in aller Frühe geht es los.

Die Kinder sind noch ganz müde und setzen sich verschlafen ins Auto.

„Morgen kommt der Weihnachtsmann“, flüstert die Mutter und auf einmal sind beide hellwach.

In der Gegend, wo die Oma wohnt, liegt überall schon Schnee. Dicke Flocken fallen vom Himmel, als sie ankommen. Luisa krabbelt aus dem Auto und knetet sofort einen Schneeball.

„Dürfen wir rodeln?“, bettelt Erik, noch bevor er die Oma begrüßt hat.

„Jaja“, sagt die Mutter und der Vater holt als Erstes den Schlitten aus dem Auto.

„Kommt aber bald wieder“, ruft die Oma. „Dann gibt es Abendbrot.“

Erik und Luisa stürmen mit ihrem Schlitten los. Der Schnee knirscht unter ihren Stiefeln.

„Guck mal“, sagt Luisa. „Da sind noch mehr Kinder.“

Auf dem Rodelberg tummeln sich die Kinder des Dorfes. Eines nach dem anderen saust mit dem Schlitten den Berg hinunter und jedes Mal hört man ein freudiges Jauchzen.

Auch Erik und Luisa rodeln eine Weile. Dann wird es dunkel und sie gehen heim.

Drinnen ist es gemütlich warm. Eine Schüssel mit dampfender Suppe steht auf dem Tisch und als Nachtisch gibt es Bratäpfel.

„Wisst ihr denn auch, dass morgen in der Heiligen Nacht alle Tiere sprechen können?“, fragt die Oma.

Erik lacht: „So ein Quatsch. Tiere können doch nicht sprechen.“

Auch Luisa lacht, aber so ganz sicher ist sie sich nicht.

Als sie im Bett liegt, überlegt sie, ob die Oma vielleicht doch Recht hat. Dann schläft sie schnell ein.

An Heiligabend haben alle viel zu tun. Der Vater und die Kinder gehen in den Wald und holen einen Baum. In einem Waldstück verkauft der Förster Tannenbäume, die man selber absägen darf. Die Oma und die Mutter sind den ganzen Tag in der Küche, um zu kochen und zu braten. Lecker riecht es im ganzen Haus. Wenn es doch bloß schon abends wäre. Die Kinder können es nicht mehr erwarten bis zur Bescherung.

Bald ist der Baum geschmückt und alle haben sich fein angezogen. Die Weihnachtsstube hat die Oma abgeschlossen. Erik und Luisa warten ungeduldig auf den Weihnachtsmann.

„Ein bisschen dauert es noch“, sagt die Mutter und sieht mit rotem Kopf aus der Küche. Die Erwachsenen haben noch viel zu tun.

„Wollen wir mal sehen, ob die Tiere wirklich sprechen können?“, flüstert Luisa.

Erik nickt. Beide schleichen hinaus und huschen über den Hof in den Stall. Dort stehen Omas Kühe und kauen auf ihren Heubüscheln herum. Aus ihren Mäulern dampft der Atem.

„Meinst du, es stimmt, was Oma sagt?“ Luisa ist es ein wenig unheimlich hier im schummrig beleuchteten Stall.

„Ich weiß nicht“, murmelt Erik. Auch ihm ist nicht so ganz wohl bei der Sache. Beide sehen zu den Kühen hinüber.

„Frohe Weihnachten, Kinder.“

Wer war das? Erik und Luisa sind erschrocken. Da hat doch eben jemand gesprochen.

„Wo seid ihr denn?“, ruft der Vater vom Haus herüber. Beide laufen so schnell sie können zurück zum Haus.

„Im Stall hat jemand gesprochen“, rufen beide ganz außer Atem.

„Vielleicht war es der Weihnachtsmann“, lächelt der Vater. „Kommt schnell hinein, sonst verpasst ihr noch die Bescherung.“

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Lesetipp für die Weihnachtszeit
Antonia Stahn: Die Reise vom gläsernen Baum zum blauen Planeten. Eine Weihnachtssaga
Die Reise vom gläsernen Baum
zum blauen Planeten
Eine Weihnachtssaga
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-02-9

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Stichwörter:
Kindergeschichte, Weihnachtsgeschichte, Weihnachten, Silvia Friedrich


Antonia Stahn: Max und Mäxchen und Borco – der Hirtenhund

19. März 2017

Max und Mäxchen und Borco – der Hirtenhund

© Antonia Stahn

Draußen ist es immer noch dunkel. Mäxchen ist schon lange wach. Ab und zu läuft er zum Fenster. Schade, immer noch kein Schnee! Nicht mal an diesem besonderen Tag.

„Weihnachten ohne Schnee, ist nur halb so schön“, hat Mäxchen in den letzten Tagen viele Menschen sagen hören.

Der kleine Max hat bisher eigentlich nur schöne Weihnachten erlebt. Ob mit oder ohne Schnee. Er nimmt sich vor, Papa zu fragen, warum Schnee für das Weihnachtsfest so wichtig ist.

Endlich klingelt der Wecker. Im Nu ist Mäxchen aus dem Zimmer und läuft direkt in Papas Arme.

„Ich wollte dich gerade wecken, mein Junge. Das Frühstück ist fertig. Kakao-Spezial wartet auf dich.“

Gemütlich ist es in der kleinen Küche. Papa und Mäxchen unterhalten sich leise. Sie wollen Mama nicht wecken. Heiligabend ausschlafen zu können, war einer von Mamas wenigen Weihnachtswünschen. Und den erfüllen Max und Mäxchen ihr gern.

Es ist 07.30 Uhr. Auf leisen Sohlen verlassen Mamas „Männer“ die Wohnung. Sie haben sich für heute einiges vorgenommen.

Bitterkalt ist es. Schnell laufen Papa und Mäxchen zu dem kleinen Auto, das auf dem Parkplatz vor dem Hochhaus steht. Das Auto ist nicht irgendein Auto. Es ist Mamas Auto! Im Sommer hatte Mama an einem Preisausschreiben teilgenommen. Vier Wochen später stand ein funkelnagelneues Auto vor dem Haus.

Lachend hatte Opa damals gemeint: „Das Glück hatte Recht. Sehr vernünftig, wieder einmal zu euch zu kommen!“

Dann hat Opa Mäxchen zugezwinkert und gesagt: „Vor fünf Jahren ist uns allen das große Glück geschenkt worden. Glück zieht Glück an. Eine kleine Extra-Portion davon steht nun vor eurem Haus. Oma und ich wünschen euch viel Spaß damit!“

In den Sommerferien sind Mama und Mäxchen oft zu den Großeltern gefahren. Manchmal sind Ulli und Miene mitgekommen. Mäxchens Freunde mögen Opas Garten sehr. Doch am liebsten haben sie mit Eccu, dem schottischen Hochland-Pony, gespielt.

Papa schaut in den Rückspiegel: „Du bist so still, mein Sohn. Ist etwas nicht in Ordnung?“

Mäxchen schüttelt den Kopf. „Alles OK, Papa. Ich habe nur ein wenig nachgedacht. Du, Papa! Was wollen wir denn zuerst erledigen? Fahren wir jetzt gleich zu Opa Otto und Oma Marie?“

„Ich denke, wir kümmern uns zuerst um die Lebensmittel. Mamas Liste ist lang. Es ist noch früh. Zum Glück sind nicht viele Menschen unterwegs und wir können in aller Ruhe einkaufen.“

Gegen 10.00 Uhr sind die beiden wieder zu Hause. Papa trägt die Einkaufskiste, Mäxchen zwei Tragetaschen. Ziemlich außer Atem stehen die zwei vor der Wohnungstür. Ganz schön anstrengend, mit solchen Lasten acht Stockwerke zu erklimmen!

Mama ist schon auf.

„Nein, nein!“ wehrt sie ab. „Ihr braucht mir nicht beim Auspacken zu helfen. Fahrt nur los. Ich weiß doch, wie sehr Mäxchen sich auf das Weihnachtsbaum-Aussuchen freut. Bestellt bitte Otto und Marie liebe Grüße von mir.“

Heiligabend-Hektik regelt nun der Verkehr der großen Stadt. Endlich! Nach einer Stunde haben Max und Mäxchen die Landstraße erreicht.

Der kleine Max kennt diese Straße inzwischen gut. Er weiß, wo er sich befindet. Merkwürdig! Papa ist an der Straße zur Bauernschaft vorbeigefahren.“

Papa lächelt und sagt: „Ich möchte dir etwas zeigen, mein Junge. Eine Überraschung. Sie gehört mit zu deinen Weihnachtsgeschenken.“

Mäxchen liebt Überraschungen. Manchmal ahnt er sogar, was hinter der Heimlichtuerei der Erwachsenen steckt. Das lässt er sich aber nie anmerken. Etwas ist heute anders als sonst. Mäxchen weiß wirklich nicht, welche Überraschung ihn erwartet. Deshalb wundert er sich auch nicht, als Papa kurz hinter dem Ortsschild in eine schmale Straße einbiegt. Na ja, eine richtige Straße ist dieser Schotterweg, der vor einem kleinen Einfamilienhaus endet, wohl nicht.

„Bitte aussteigen, der Herr“, sagt Papa fröhlich. „Wir sind angekommen!“

Der große Max nimmt seinen Sohn an die Hand, öffnet das kleine Tor des Vorgartens und marschiert schnurstracks zur Haustür. Riesengroß werden Mäxchens Augen. Denn plötzlich zieht Papa einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und öffnet im Handumdrehen die Tür. Tausend Fragen wirbeln Mäxchen durch den Sinn.

„Weißt du was, Mäxchen: Wir zwei schauen uns jetzt das Haus an. Danach stellst du die vielen Fragen, die ich in deinen Augen sehe“, schlägt der große Max dem kleinen vor.

Mäxchen nickt.

Nach dem Rundgang durch das leere Haus setzt Papa sich auf eine breite Fensterbank. „Nun, mein Sohn. Gefällt dir dieses Haus?“

„Und wie! Weshalb hast du es mir gezeigt, Papa? Und wieso hast du einen Schlüssel für die Tür?“ Auf einmal sind die Ahnungen wieder da. „Ist dieses Haus für uns, Papa?“, fragt Mäxchen leise.

Max erinnert Mäxchen an die kleine Schwester, die Ende Februar zur Welt kommen wird.

„In diesem Haus ist viel mehr Platz als in unserer Wohnung. Schau! Und hier haben wir sogar einen Garten. Ist das alles nicht wunderschön, Mäxchen?“

Natürlich ist das alles wunderschön! Aber was ist mit den Freunden? Oder dem Kindergarten? Ganz sicher wird Frau Stellermann Mäxchen vermissen.

„Keine Sorge, Mäxchen. Wir haben mit der Kindergartenleiterin gesprochen. Bis zu den Sommerferien kannst du in der Nelly-Nilpferd-Gruppe bleiben. Nach den Ferien beginnt deine Schulzeit. Mama und ich haben uns die Grundschule hier im Ort genau angesehen. Sie gefällt uns. Wir glauben, du wirst dich dort wohlfühlen. Oh, beinahe hätte ich etwas vergessen! Deine zukünftige Lehrerin ist die Schwester von Frau Stellermann.“

Sorgfältig schließt Papa die Haustür ab. Dann dreht er noch eine Extra-Runde durch das kleine Dorf. Mäxchen sieht sich alles genau an. Auf dem Weg zu Otto und Marie ist er sehr, sehr schweigsam. Er hat soo viel zu denken.

Etwa hundert Meter vor der Haltestelle „Bauernschaft Buxtrup“ läuft ein Reh auf die Straße. Gut, dass der große Max nicht so schnell gefahren ist! Er schafft es,

dem Tier aus zu weichen. Das Reh hält mitten im Lauf inne. Wahrscheinlich ist es genau so erschrocken, wie Papa und Mäxchen.

„Mensch, Papa! Da hat das Reh wirklich Glück gehabt!“, sagt Mäxchen erleichtert.

„Und wir auch“, denkt Papa, sagt es aber nicht.

Hinter dem Wartehäuschen will der große Max rechts abbiegen. Und wieder muss er scharf bremsen, denn Mäxchen schreit mit einem Male: „Halt, stopp, Papa! Im Wartehäuschen sitzt ein Hund. Ich glaube, er ist angebunden. Bestimmt hat er Angst oder fühlt sich einsam. Bitte, Papa, wir müssen ihm helfen!“

Vorsichtig nähern sich Max und Mäxchen dem jaulenden Hund. Papa versucht, den kleinen Kerl zu beruhigen. Es dauert nicht lange und der junge Hund lässt sich streicheln. Er wehrt sich nicht, als Max ihn von dem Hanfseil befreit.

„Weißt du was, Mäxchen: Wir zeigen Otto den kleinen Kerl hier. Otto kennt sich mit Hunden aus. Er wird sich um unseren Findling kümmern.“

Mäxchen nickt. Er sieht ein wenig traurig aus. „Papa weiß genau, wie sehr ich mir einen Hund wünsche. Und der hier wäre genau richtig!“

Mäxchen und Border-Collie, Copyright: Sibylle Rencker
© Sibylle Rencker

„Holla! Was bringt ihr denn da?“, sagt Otto erstaunt. „Wisst ihr, eigentlich ist es noch zu früh.“

„Wieso zu früh? Wir wollen den Tannenbaum doch vor dem Dunkelwerden aus deinem Wald holen, Otto.“

Otto lacht laut auf. „Ich meine den jungen Hund. Nicht den Baum. Normalerweise finden wir ausgesetzte Welpen erst nach dem Fest.“

Schnell, mit geübten Griffen untersucht Otto den kleinen Hund, streichelt über das schwarzweiße Fell.

„Einen hübschen Burschen habt ihr gefunden“, sagt er anerkennend. „Border-Collie nennt man diese Rasse. Weißt du, Mäxchen, so ein Hund ist nichts für die Stadt. Border-Collies sind Hütehunde. Dieser kleine Welpe ist schon jetzt sehr stark und auch gesund, meine ich. Border-Collies wurden speziell für das Schafehüten gezüchtet. Unser Kleiner hier wird recht groß und lang. Mindestens einen halben Meter. Er hat starke Muskeln, die seine Schnelligkeit und Beweglichkeit, auch seine Ausdauer, unterstützen. Schau dir den breiten Kopf an, Mäxchen! Siehst du: Die Schnauze des Borders ist nicht besonders lang. Dennoch hat er ein kräftiges Scherengebiss. Wenn der später mal zubeißt, tut es weh. Ja, die mittelgroßen Ohren stehen meistens aufrecht. Manchmal auch nach vorne gekippt. Nicht alle Border-Collies haben diese ovalen, mittelgroßen Augen. Ihre Verwandten, die Blue-Merles, schauen aus blauen Augen in die Welt. Ich habe es vorhin schon einmal gesagt. Solche Hunde können nicht in einer Drei-Zimmer-Wohnung leben. Sie brauchen eine Aufgabe, die ihrer Intelligenz und ihrem Arbeitstrieb entspricht.“

Mäxchen weiß genau, weshalb Otto gerade so viel über den fremden Hund erzählt hat. Und doch möchte er gern wissen, wie es mit dem niedlichen Welpen weitergeht.

„Marie wird sich um ihn kümmern, Nach den Feiertagen wird sie den Kleinen im Tierheim und bei der Polizei melden. Ich werde euch über den Weg des Borders berichten. Einverstanden, mein Junge?“ Otto lächelt Mäxchen freundlich an und sagt dann scheinbar aufgeregt; „Meine Güte! Jetzt müssen wir aber los, in den Wald. Sonst ist es gleich tatsächlich dunkel und ihr fahrt ohne Weihnachtsbaum nach Hause.“

„Mama, Mama!“, ruft Mäxchen, als er durch den Flur in die Küche läuft. „Wir haben heute Nachmittag einen ganz süßen Hund gefunden. Der muss aber bei Otto und Marie bleiben. Für unsere Wohnung ist er viel zu groß, hat Otto gesagt. Es ist ein Border-Collie. Hab ich nicht vergessen!“

Mama nimmt Mäxchen für einen Augenblick in den Arm. Und sogleich vergisst er die Trauer um einen Hund, den er wohl nie bekommen wird. Hm. Mama riecht so schön nach Weihnachtsessen, Gemütlichkeit und Überraschungen. Sie freut sich über den Tannenbaum. Er ist gerade richtig groß und breit. Gemeinsam schmücken die drei ihren Baum.

Nach dem Essen gehen Max und Mäxchen in den Keller. Mama hat die Krippe vergessen. Papa beugt sich über die Kiste, um die Figuren herauszuholen. Sein kleines Merkbuch fällt aus der Hemdtasche. Aufgeblättert liegt es zwischen den Krippenfiguren.

„Schau mal, Mäxchen! Hier ist eine Geschichte über einen Hütehund namens Borco. Möchtest du sie hören? Nein, Mama wird nicht ärgerlich, wenn wir eine Weile im Keller bleiben. Sie hat noch einiges zu erledigen. Dabei können wir ihr sowieso nicht helfen.“

Papa setzt Mäxchen auf einen Hocker und stellt sich daneben. Der große Max nimmt sein Büchlein in die Hand, setzt die Lesebrille auf und beginnt …

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Du willst wissen, wie die Geschichte weitergeht?
Die vollständige Geschichte findest du in dem Buch
Antonia Stahn: Die Reise vom gläsernen Baum zum blauben Planeten. Eine Weihnachtssaga
Die Reise vom gläsernen Baum
zum blauen Planeten
Eine Weihnachtssaga
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-02-9

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Stichwörter:
Kindergeschichte, Tiergeschichte, Hund, Hirtenhund, Antonia Stahn, Weihnachtsgeschichte, Weihnachten


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