Agnes Jäggi: Jan und seine zauberhaften Freunde

18. März 2017

Jan und seine zauberhaften Freunde

© Agnes Jäggi

Der Herbst zog über das Land und färbte die Welt wunderbar bunt. Das Tal lag eingebettet zwischen hohen Bergen im Süden und prachtvollen Kiefern- und Buchenwäldern im Norden. Jan stand auf einem der hohen sanft geschwungenen grünen Hügel und blickte auf den schmalen klaren Fluss hinunter, welcher sich in zahlreichen Kurven durch das Tal wand. Es war ein kühler schöner Herbsttag und der Himmel wölbte sich weit über das stille Tal. Jans Herz füllte sich mit Trauer, als er daran dachte, dass er dieses, sein Zuhause, bald würde verlassen müssen. Ein kalter Wind fuhr roh durch Jans dicke braune Windjacke und liess sein blondes langes Haar wild um sein schmales, gebräuntes Gesicht flattern.

„Hier will ich bleiben“, dachte der Junge trotzig, „die bringen mich nicht weg von hier, nicht solange ich lebe!“

Er beobachtete einen Habicht, der gemächlich seine Kreise unter dem weiten blauen Himmel zog. Jan versuchte, sich in die Gedanken des Habichts einzuschalten, doch es gelang ihm nicht. Er war zu wütend, zu aufgeregt. Normalerweise konnte er sich mit den Tieren im Tal verständigen. Diese Kunst hatten ihm seine Freunde aus dem Wald mit viel Geduld beigebracht. Der Vogel zog weiter und entschwand den Blicken des Jungen.

Jan war vor Kurzem zwölf geworden. In wenigen Wochen hätte er ins nahe gelegene Gymnasium übertreten und bei seinen Freunden und bei Mama Nanina bleiben können. Doch dann hatte sich seine leibliche Mutter gemeldet. Angeblich hatte sie plötzlich starke Muttergefühle für ihn entwickelt und wollte ihn zurückhaben. Waren alle Erwachsenen so? Konnten sie einfach über ihre Kinder verfügen wie es ihnen gerade in den Kram passte? Jans Magen krampfte sich zusammen. Wütend schlug er mit dem Fuss auf einen Stein. Der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen.

Eines Tages war ein dürrer Mann in schwarzem Anzug, weissem Hemd und schwarzer, zu eng gebundener Krawatte vor dem Häuschen seiner Mama Nanina gestanden und hatte Einlass begehrt. Er hatte sich als Raimund Klage vorgestellt, Anwalt aus der Stadt Zürich. Er vertrete, so erklärte er hochtrabend, die Interessen einer gewissen Elise Nunninger, deren Sohn Jan hier lebe. Nanina liess den Mann eintreten und bot ihm Kaffee an. Der Anwalt hatte ihr einige Tage zuvor einen Brief zugestellt mit einer Erklärung von Jans leiblicher Mutter. Darin stand unter anderem, sie wäre damals zu jung gewesen, um für ein Kind zu sorgen und hätte zudem Angst vor ihrem strengen Vater gehabt. Nun verfüge sie jedoch über genügend finanzielle Mittel, um ihrem Sohn eine angemessene Erziehung und eine gute Ausbildung angedeihen zu lassen. Der Brief endete mit den Worten: „Liebe Frau Nanina, ich bin Ihnen dankbar dafür, was Sie für mein Kind getan haben und ich weiss, dass es sehr schwer ist für Sie. Doch Tatsache ist, dass ich seine Mutter bin und wir beide sollten das tun, was für den Jungen am besten ist. Bitte verzeihen Sie mir, aber ich kann nicht anders.“ Nanina waren die Tränen über die Wangen gelaufen, als sie den Brief gelesen hatte, und ihr Herz begann wild zu rasen. Sie wollte Jan nicht hergeben, doch hatte sie nicht die Möglichkeiten, dem Jungen das zu bieten, was er verdiente. Auch fühlte sie sich seit Längerem krank und müde.

Ihr Arzt hatte bei ihr eine bedrohliche Herzschwäche festgestellt. „Frau Nanina, Sie müssen sich sehr schonen. Am besten wäre eine Kur in einem Sanatorium.“

„Ach, Herr Doktor“, hatte Nanina geantwortet, „wenn meine Zeit gekommen ist, dann hilft auch keine Klinik weit weg von meinem Zuhause. Hier bleibe ich, hier bin ich glücklich.“

Der alte weisshaarige Arzt konnte Frau Nanina verstehen. Auch er hatte fast sein ganzes Leben hier im Tal verbracht. Und in den Jahren seines Studiums und der Ausbildung hatte er unter Heimweh gelitten.

Er tätschelte Naninas Schulter und sagte: „Liebe Freundin, seien Sie vorsichtig. Ich bin froh, dass Jan sich um Sie kümmert. Er ist wirklich ein ganz famoser Bursche.“

Nanina strahlte: „Ja das ist er, ein wirklicher Schatz.“

Im Moment jedoch fühlte Jan nur Wut. Ja, er war sogar auf Nanina zornig. Wie konnte sie nur zulassen, dass er sie verlassen musste? Von ihren Herzproblemen wusste er nichts. Sie hatte es ihm verschwiegen und gesagt: „Glaub mir, Jan, ich liebe dich von ganzem Herzen und ich will nur das Beste für dich. Du bleibst für einige Jahre in der Stadt, machst eine solide gute Ausbildung und dann kommst du wieder zurück ins Tal, zu mir.“

Es schien Jan, als wäre er plötzlich von der ganzen Welt verlassen worden. Ja, selbst Nanina wollte ihn anscheinend loswerden. Ihn durchfuhr eine schmerzhafte Welle der Empörung. Er spürte die Hitze in sein Gesicht steigen, obwohl es sehr kalt war auf dem Hügel.

„Scheisse! Scheisse!“, schrie er laut ins Tal hinaus und stampfte wütend mit dem Fuss auf. Nanina hasste es, wenn er dieses Wort gebrauchte. Doch jetzt war ihm das egal. Trotzig blickte er zu ihrem Haus, das vom Hügel aus wie ein Puppenhäuschen aussah.

„Scheisse!“, rief er noch einmal. Dann begann er wieder zu weinen.

„Alles wird gut“, wisperte plötzlich eine sanfte Stimme neben ihm.

Jan blickte sich um und entdeckte Knas, einen seiner kleinen Freunde aus dem Wald.

„Heh, Knas“, schniefte er und fühlte sich auf der Stelle besser. Die Anwesenheit des Zwerges tröstete den Jungen, doch gleichzeitig machte er sich Sorgen um ihn.

„Ist es nicht gefährlich für dich, den Wald zu verlassen?“, fragte er besorgt.

„Nicht wenn ich weiss, dass du traurig bist“, antwortete sein Freund.

„Ich will hier nicht weggehen“, brach es aus Jan heraus. „Was soll denn aus Nanina werden? Sie braucht mich doch und ausserdem habe ich sie so lieb.“

Knas blickte eine Weile vor sich hin. Dann sagte er: „Schon klar, dass du hier nicht weggehen willst. Nanina will das nicht und auch wir aus dem Wald sind sehr traurig darüber. Was ich dir zu sagen habe, wirst du wahrscheinlich noch nicht begreifen. Aber glaube mir, du hast in den kommenden Jahren einige wichtige Aufgaben zu erledigen, weit weg von hier. Doch du wirst zurückkommen, ganz bestimmt. Ich kann dir nicht genau sagen, warum du weggehen musst, aber glaub mir, alles in deinem Leben hat seinen bestimmten Grund. Nanina und wir, deine Freunde, werden überall und jederzeit bei dir sein. Wir alle können spüren, wenn du uns brauchst. Und bitte, sei lieb zu Nanina. Sie wird genug zu weinen haben, wenn du fortgehst. Ich verspreche dir auch, dass wir uns um sie kümmern werden.“

„Was sollte ich an einem Ort zu tun haben, wo ich niemanden kenne?“

„Vertrau mir!“, entgegnete Knas einfach.

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Kindergeschichte, Agnes Jäggi, Märchen, Fantasy, Erzählung, Jugendgeschichte


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