Silvia Friedrich: Ein wahres Märchen

13. März 2017

Ein wahres Märchen

© Silvia Friedrich

Sicher hat man euch, als ihr noch kleiner ward, Märchen vorgelesen, die oft in einem Königreich spielten. Es gab eine Prinzessin, einen Prinzen, böse und gute Feen und einen König. Am Ende ging alles gut aus und sie lebten glücklich und zufrieden.

Heute seid ihr schon größer und habt sicher in der Schule gelernt, dass es die Untertanen in so einem Königreich gar nicht immer so gut hatten.

Und das lag daran, dass der jeweilige König so ziemlich machen konnte, was er wollte. Die Untertanen hatten ihm zu gehorchen, ohne Widerrede.

Es gab sogar etwas, dass man Leibeigenschaft nannte. Das bedeutete, dass man seinem König oder Fürsten regelrecht gehörte. Man durfte nicht umziehen, wenn man es wollte, man durfte nicht heiraten wen man wollte, man musste Tag und Nacht für den Herrscher da sein und ihn immer fragen, ob man etwas dürfe. Viele Menschen hungerten damals, da sie arm waren und von dem Wenigen, was sie auf ihren kleinen Bauernhöfen erwirtschafteten auch noch etwas abgeben mussten an den König und auch an die Kirche. Kein Wunder, dass die Leute immer unzufriedener wurden und das gerne geändert hätten. Aber es war ihnen natürlich verboten, etwas zu ändern. Alles sollte so bleiben wie es war, sagten die Herrscher.

Klar, denn die hatten es ja sehr gut, immer genug zu essen, konnten in Palästen leben und ließen sich den ganzen Tag von den Armen bedienen.

Und damit das so blieb, erließen sie strenge Gesetze. In denen stand zum Beispiel, dass man noch nicht einmal etwas gegen den König sagen durfte.

Tat man es doch und beschimpfte den Herrscher, war das dann Majestätsbeleidigung und man wurde bestraft. Was konnten die Menschen also tun? In allen Ländern Europas ging es den Völkern gleich schlecht.

Sie arbeiteten schwer, aber konnten sich nichts leisten, hatten nichts zu essen und wenig Freuden. Viele der Märchen, die ihr kennt, sind in diesen schweren Zeiten entstanden. Die armen Menschen haben sie sich ausgedacht und erzählt. Man sieht in den Geschichten, dass sie sich sehnlichst immer ein gutes Ende wünschten. Da das wirkliche Leben aber leider kein Märchen ist, mussten sich die Leute etwas einfallen lassen, um ihre Lage zu verbessern. Das war sehr schwierig, denn ihr habt ja gehört, dass man noch nicht einmal etwas gegen den König sagen durfte.

Viele von euch waren sicher schon einmal in den großen Ferien in unserem Nachbarland Frankreich. Stellt euch einmal vor, in diesem wunderbaren Land haben sich die Menschen vor langer Zeit, im Jahre 1789 zum ersten Mal getraut, etwas gegen den Herrscher zu unternehmen. Das war sehr gefährlich, denn der König hatte Soldaten mit Gewehren, die sofort bei einer Meuterei der Untertanen gegen diese vorgingen. Die Menschen litten jedoch so große Not, hatten Hunger und mussten in einem schrecklichen Elend leben, so dass sie sich, obwohl sie Angst hatten, zusammenschlossen und gegen ihre Unterdrücker vorgingen. Gemeinsam waren sie stark und wurden immer stärker. Sie stürmten das Schloss des Königs, nahmen die königliche Familie gefangen und stellten diese vor ein Gericht. So kam es, dass in Frankreich der König nicht mehr regieren durfte. Aber so einfach war das nicht. Es dauerte lange und es gab viele Opfer bei dieser Revolution. Revolution nennt man es, wenn ein Volk gegen seine Unterdrücker aufbegehrt. Da mächtige Herrscher nicht freiwillig aufgeben und ihren Besitz dann allen zukommen lassen, musste leider gekämpft werden. Und in Kämpfen gibt es immer Verletzte und oft sogar Tote. Das war in Frankreich damals auch nicht anders. Nachdem die Unterdrückten gesiegt hatten, gab es eine neue politische Ordnung. Jetzt war das Volk im Besitz der Macht und nicht mehr ein einzelner König. Die französischen Menschen hatten für sich ein Märchen wahr gemacht.

Bei uns im Nachbarland Deutschland, sah zu der Zeit alles noch ganz anders aus. Einige Leute in unserem Land hatten schon von den Ereignissen in Frankreich gehört. Das war damals aber nicht so einfach.

Es gab keinen Fernseher, den man einschaltete, um sich dann die Nachrichten anzusehen. Es gab manchmal nicht einmal Zeitungen. Und wenn es die gab, konnten trotzdem viele nicht lesen oder die Zeitung war zu teuer, um sie sich zu kaufen. So verbreiteten sich die Nachrichten von der Revolution in Frankreich nicht ganz so schnell. Aber dennoch erzählten Reisende den Leuten davon oder in den Gebieten, wo Frankreich an Deutschland grenzt, bekamen die Menschen mit, was da nebenan Ungeheuerliches los war. Einen König anzugreifen war unvorstellbar für viele damals. Man glaubte ja ganz fest daran, dass Gott selbst den König als Herrscher eingesetzt hatte. Wenn man nun einen König angriff, griffe man ja Gott an. So dachten die Menschen hier, und trauten sich noch weniger etwas zu tun. Auch in Frankreich hatte man so gedacht und sich dennoch getraut zu kämpfen. Viele Franzosen waren aber sicher die ganze Zeit verängstigt und fürchteten eine Gottesstrafe. Als sie den König abgesetzt hatten, merkten sie dann, dass ihnen nichts passierte. Demnach konnte es also nicht stimmen, was sie die ganze Zeit geglaubt hatten.

Viele Studenten, Professoren und Schriftsteller bei uns wollten ebenfalls diese andere bessere Ordnung im Lande haben. Sie alle lebten auch in Armut und Elend und sahen, dass auch unser König hier sein Volk brutal unterdrückte. Wenn man mit seinem König wenigstens einen Vertrag machen könnte, dachten sie sich. Ihr wißt vielleicht, was ein Vertrag ist. In einem Vertrag verpflichten sich zwei Partner verschiedene Dinge zu leisten. Das bedeutet, dass jeder dem anderen etwas geben muss und beide Seiten müssen sich daran halten, wenn sie den Vertrag mit ihrem Namen unterschrieben haben. Beide haben gleiche Rechte und Pflichten.

Nun kann man so einen Vertrag mit gleichen Rechten und Pflichten nicht mit einem König machen. Aber, so dachten die schlauen Leute damals, man könnte den König bitten, dem Volk wenigstens gewisse Rechte zu geben.

Das sollte aufgeschrieben werden und der König hätte dann mit seiner Unterschrift versprechen müssen, dass er sich auch daran hielt. Die Professoren und Schriftsteller hofften, dass so alle Menschen bestimmte Rechte bekommen würden, die man auch die Menschenrechte oder Grundrechte nennt. Das bedeutete, dass zum Beispiel niemand gefoltert werden durfte, dass man seine Meinung sagen konnte, ohne dafür bestraft zu werden, dass man glauben kann, was man will, also sich die Religion aussuchen darf, die einem am besten gefällt, dass man etwas lernen darf. „Lernen darf ?“ werdet ihr fragen. Heute seid ihr sicher froh, wenn ihr einmal nichts lernen müßt. Damals jedoch konnten sich die Armen nicht einmal leisten, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Die Kinder mussten schon ganz früh mitarbeiten, um Geld zu verdienen, damit die Familie genug zu Essen hatte. So blieb nie Zeit zum Lernen und viele konnten weder lesen noch schreiben. Viele dieser Grundrechte und noch mehr wurde von den Kämpfern in unserem Land gefordert. Natürlich wollte der König da nicht mitmachen. Warum sollte er von seiner Macht abgeben, dachte der sich sicher. Vielleicht hatte er ein wenig Angst, dass auch in Deutschland das Volk in seine Schlösser kommen würde, um ihn zu verhaften. Aber eigentlich fühlte er sich sicher genug. Die Menschen hier wurden immer unzufriedener. Sie bestanden mehr und mehr darauf, dass man ihnen einige Rechte zugesteht. Und so kam es im Jahre 1848 auch hier zu einer Revolution, die aber leider scheiterte. Ein Jahr später schlug man dem König einen Vertrag mit dem Volk vor. Dieser Vertrag nannte sich Verfassung und darin standen alle diese Rechte, die das Volk schützen sollten, damit der Herrscher nicht mehr machen konnte, was immer der für richtig hielt. Deutschland bestand damals aus vielen kleinen Einzelstaaten. Man trug dem König vor, dass er als Kaiser der Deutschen mit einer Verfassung über diesen Staaten thronen sollte. Aber das Märchen wurde für unser Land noch lange nicht wahr. Der König dachte gar nicht daran, sich vom einfachen Volk eine Kaiserkrone geben zu lassen und lehnte alles ab. So kam es nicht zu dem schützenden Vertrag zwischen Volk und Herrscher und noch immer galten bei uns die ganz ganz wichtigen Menschenrechte nicht.

Es dauerte noch sehr lange bis es zu einer Verfassung kam, die die Menschen vor der Macht und der Gewalt des Staates schützt. Man nennt es auch Schutz vor der Willkür des Staates. Wenn der nämlich so wie er will mit einem Menschen umgeht, darf er das heute nicht mehr. Wir alle leben jetzt mit dem großen Glück, einen Vertrag mit dem Staat zu haben. Dieser Vertrag heißt, das wisst ihr schon, Verfassung. Bei uns in der Bundesrepublik nennt man die Verfassung auch Grundgesetz. Das haben sich sehr kluge Leute ausgedacht, als unser Staat gegründet wurde im Jahr 1949. In dem Grundgesetz stehen alle Regeln drin, die unser Leben bestimmen. Jeder, ausnahmslos jeder, muss sich daran halten. Deshalb ist es besonders wichtig, dass es sich um sehr gute Regeln handelt. Damit man auch merkt, dass diese etwas Besonderes sind, wurden sie als Artikel bezeichnet. Die Wichtigsten stehen ganz am Anfang im Grundgesetz. Es sind die Menschenrechte, die unsere Vorfahren damals vergeblich gefordert haben. Wir haben also nun das Glück, sagen zu können, was wir wollen. Niemand wird uns dafür bestrafen. Wir dürfen heute den Herrscher kritisieren. Nur ist es nicht mehr einer, sondern es sind viele Politiker und die müssen wir sogar kritisieren und aufpassen, damit sie das Land richtig in unserem Sinne regieren. Und wenn sie das nicht tun, werden sie nicht mehr gewählt. Wir Menschen heute dürfen nämlich den, der uns regieren soll, wählen. Früher in den alten Zeiten, musste das Volk den König nehmen, der an der Macht war und wenn er starb, wurde sein Sohn König. Niemand konnte seinen Herrscher wählen. Man hatte den zu akzeptieren, der grade regierte. Das Recht zu wählen steht auch in unserem Grundgesetz. Dass alle Menschen gleich sind, werdet ihr ebenfalls darin finden, das Recht auf freie Entfaltung der Person, das Recht darauf, dass niemand einfach so in eure Wohnung darf oder eure Briefe öffnen kann, das Recht darauf, dass ihr euern Beruf frei wählen könnt, dass eure Familie geschützt ist und noch vieles mehr. Viele andere Rechte könnt ihr entdecken, wenn ihr euch dieses wichtige Werk einmal vornehmt und darin lest. Die Menschen von früher würden uns sicher darum beneiden, denn für uns ist das Märchen wahr geworden, das sie sich so lange erhofft hatten.

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Evelyn Schütz: Küchenfee

13. März 2017

Küchenfee

© Evelyn Schütz

Einer der Tage, an denen man am Morgen schon meint, die Arbeit nimmt überhand.

Der Vormittag, ausgefüllt mit Waschen, Bügeln und vor allen Dingen Putzarbeiten. Dabei der ständige Blick auf die Uhr. Das vorgenommene Arbeitspensum drückt. Der selbst auferlegte Zeitplan tickt im Kopf.

Marie führte lautlos Selbstgespräche: „Warum rege ich mich schon wieder auf? In diesem Haushalt gibt es nur eine Köchin, Putz- und Waschtante und das bin ich. Ich kann mir doch alles einteilen. Warum also dieser Selbstdruck? Weshalb lasse ich den Kram nicht einfach liegen? Es gibt noch viele andere Tage, an denen ich diese lästigen Hausarbeiten erledigen könnte. Die Schutzwäsche in der Truhe und die Wollmäuse in den Zimmern laufen bestimmt nicht fort. Manche Tage sind am Morgen schon blöde. Ach, wäre ich nur im Bett geblieben.“

Stets waren es die gleichen tristen Gedanken, die Marie überfielen, wenn öder Hausputz anstand. Doch was bedeutete das schon? Vorgenommen war vorgenommen und eine Umverteilung oder Verlagerung auf eine andere Zeit, brachte am Ende auch nicht mehr. Einerseits wollte sie sich selbst beweisen, wie gut sie vorplanen konnte, andererseits hatte sie ihren Göttergatten heute morgen vorsorglich darauf aufmerksam gemacht, wie viel und was sie alles erledigen musste. Nicht, dass sie Mitleid erheischen wollte. Aber etwas Anerkennung für ihre tägliche Arbeit einheimsen, das schon. Etwas Balsam für die Seele tat sehr gut. Bereits beim Abschiedskuss hatte sie ihm deshalb, mit dem stressgeplagten Antlitz einer liebenden Ehefrau, deutlich gezeigt, die Sache war Ernst. Auf sie wartete ganz, ganz viel Arbeit.

Im lieben Ehemann sollte gar nicht erst der Gedanke aufkommen, seine Nurhausfrau habe wenig zu tun. Außerdem war da noch die kleine Tochter Saskia. Die wollte ebenfalls versorgt sein und das nicht nur nebenbei. Reines „Hausfrauen- und Mutterdasein“ bedeutete immerhin einen 24-Stunden-Vollzeit-Job.

Dennoch genoss Marie dieses momentane Haus-Arbeits-Leben. Bei freier Zeiteinteilung, ohne Druck von oben, Arbeitstempo und -pensum selbst bestimmen, war schon eine feine Sache. Keinem mürrischen Vorgesetzten verpflichtet, nur sich selbst und der Familie. Sie liebte ihre kleine Tochter heiß und innig, ebenso wie ihren Winnie – eigentlich Winfried. Der Name hatte allerdings nur Bestand, wenn ganz selten mal eine ernsthafte Aussprache sein musste.

Gutes Essen und köstliche Kuchen herzustellen, waren ihre Leidenschaft. Ebenso, wie handarbeiten oder schneidern. Selbst das Bügeln der großzügig anfallenden Wäsche erledigte sie gerne. Da konnte sie immer so schön ihren Gedanken nachhängen und gleichzeitig einem geliebten Hobby frönen. Gedichte und Lieder schreiben.

Nur beim turnusmäßig anfallenden Hausputz stieg in ihr der Frust hoch. Hier stieß sie regelmäßig an die Grenzen des ‚Das-tue-ich-sehr-gerne‘.

Hausputz war reines Muss und Pflichterfüllen.

Marie hielt dem Mann im Hause deshalb gerne mal den Staubwedel unter die Nase. Auch um zu zeigen, dass diese ständig notwendigen Reinigungsarien so ihre Tücken hatten, ganz und gar nicht ohne waren und echt schweißtreibend.

Prompt kam denn auch meist, mit einem äußerst bedauerlichen Unterton, ein: „Du armer Schatz, ich würde dir so gerne helfen, aber……“ über seine Lippen. Und sie antwortete dann ebenso regelmäßig wie zuckersüß: “ Ja, ja ich weiß Liebling, es geht nicht, denn einer muss ja schließlich Geld verdienen!“

Marie rieb sich mit dem nassen Leder über die Nasenspitze. Ein paar Staubflöckchen kitzelten. Sie reckte sich, warf den blonden Zopf in den Nacken und gab ihrem Selbst das Kommando: „Genug im Selbstmitleid zerflossen. Dein Job ist sowieso unbezahlbar. Also, auch wenn nicht ein roter Heller dabei rumkommt, Augen zu und weiter durch den Staub gewirbelt.“

Gerade hatte sie sich wieder in eine gute Putzfee verwandelt, die eifrig im Wohnzimmer umherfegte, zeigte sich Töchterchen Saskia im Türrahmen. Kaum auf der Bildfläche erschienen, nervte sie auch schon mit dem wohl bekannten Spruch: „Mama, mir ist sooo langweilig“ und der bohrenden Frage: „Wann bist du endlich fertig?“

Die Frage war gut, der gewählte Zeitpunkt allerdings extrem schlecht

Recht mürrisch und ungehalten gab Marie daher der Kleinen den Hinweis, dass schließlich alles dreckig sei und sie deshalb dringend putzen müsste. Die Arbeit liefe nicht von selbst davon und sonst sei ja keiner da, der sie macht. U n d: „Wenn du in dein Zimmer spielen gehst, werde ich ganz bestimmt schneller fertig.“

Klar, dass Saskia sich rasch in ihr eigenes, kleines Reich verzog. Sie beherrschte es sonst zwar ganz gut, immer und überall wissbegierig dabei zu sein, eine Frage nach der anderen zu stellen und eigene kindliche Kommentare abzuliefern, einer in Putzwut entbrannten Mutter wollte sie allerdings nicht länger im Wege stehen. Gekränkt und leicht beleidigt dampfte sie ab.

Marie sah aus den Augenwinkeln heraus gerade noch die traurige Mine der Kleinen und dass das Kinn verdächtig wackelte. Bevor sich das Zucken der süßen, kleinen Mundwinkel zu einem Weinen auswuchs, lief sie hinterher. Sie wusste sehr wohl, dass sie zu barsch reagiert hatte. Die Kleine konnte schließlich nichts dafür. Nichts für den recht großen Haushalt, nicht für die Arbeit damit und schon gar nichts für ihren persönlichen Frust darüber.

Entschuldigend drückte sie ihre Tochter an sich und versprach mit einem dicken Kuss: „Die Mama beeilt sich. Heute Nachmittag bin ich ganz für dich da und dann machen wir was Feines zusammen.“

Danach ging sie gleich wieder ans Werk. Sie drehte das Radio ein bis zwei Stufen lauter und fegte summend durch die Wohnung. Die Uhr zeigte bereits kurz nach 9.oo. Bis zur Mittagszeit Betten einlegen, Möbel abwischen und Fußböden säubern. Fleißig den Staubsauger kreisen lassen und nebenbei noch schnell die Waschmaschine bestücken. Nasse Wäsche aufhängen und trockene wieder ab. Dabei gleich sortiert in „Bügelwäsche“ und solche zum „Zusammenfalten“. Die Arbeit ging ihr plötzlich viel leichter von der Hand. Zuversichtlich wirbelte sie herum. So schaffte sie es leicht, bis zum Mittagessen die ganze Wohnung auf Hochglanz zu bringen.

Drei Minuten nach 13.00 Uhr. Der Grossteil der Arbeit war getan.

Selbst der etwas verschwommene Blick hinaus in die Natur war verschwunden. Die große Fensterfront des Wintergartens erstrahlte in so neuem, sauberem Glanz, dass Marie inne hielt und die wiedergewonnene schöne Aussicht ein paar Augenblicke genoss.

Das für heute vorgenommene Arbeitspensum war erledigt und sie mittlerweile auch. Die Komplettreinigung von Küche und Kinderzimmer hatte Marie für den nächsten Tag geplant. Den Eimer mit dem Schmutzwasser wollte sie nachher entsorgen und stellte ihn kurzerhand in die Ecke. Nach dem Essen konnte sie damit den Küchenboden noch feucht durchwischen. Das Wasser war zwar schon schmutzig und verbraucht, sollte aber für die Küche noch reichen. Ansonsten nahm Marie sich vor: ‚Für heute ist erst einmal Schluss mit Hausputz‘.

Mit erleichtertem Aufatmen legte Marie das letzte Putztuch beiseite und ging in die Küche. Das knappe Frühstück lag fünf Stunden zurück. Dringend musste Essbares nachgeschoben werden. Es grummelte in der leeren Bauchgegend und Hungergefühl machte sich breit. Doch nicht nur in ihr. Auch die kleine Saskia stand plötzlich wieder auf der Matte und lugte vorsichtig um die Ecke. Ihr Magen knurrte bereits seit einiger Zeit gewaltig. Höchste Zeit, um Abhilfe zu schaffen. Hungrig gesellte sie sich zu ihrer Mutter. Eierpfannkuchen war für heute vorgesehen. Mit vielen Apfelscheiben darin und zur Krönung oben drauf ein Zucker-Zimt-Gemisch. Genau wie Marie, war auch Saskia ein kleines Schleckermäulchen und Pfannenkuchen eines ihrer Leibgerichte.

Erwartungsvoll schaute sie daher ihrer Mutter zu, die schnell begann, die vorgesehene kleine Mahlzeit herzurichten.

Nach dem sie beide gegessen hatten, verschwand Saskia wieder in ihrem Zimmer. Freiwillig, denn jetzt war sie in ihrer Mutterrolle gefordert. Die Puppen hatten genau so viel Hunger und wollten versorgt werden, wie der Bär Moritz und das Schaf Ilse. Alle saßen bereits auf ihren Plätzen und warteten auf Nahrung und Futter. Deutlich drang das Brummen und Meckern aus dem Kinderzimmer, nachdem die Kleine ihre tierischen Lieblinge erst einmal beruhigend auf den Arm genommen hatte. Im Puppenhaushalt gab es heute Reisbrei und Apfelmus, was soviel hieß wie Popcorn und gelbe Knetmassefladen. Außerdem noch Kartoffeln aus Marzipan mit Salzstangen, wie Saskia stolz verkündet hatte.

Aus Erfahrung wusste Marie, dass das Füttern der Puppenschar einige Zeit in Anspruch nehmen würde. Also, warum sich nicht eine kleine Pause gönnen? Der Abwasch lief nicht davon. Auch nicht die Krümel und Flecken auf dem Küchenboden.

Ein Viertelstündchen im Sessel sitzen, mit geschlossenen Augen und hochgelegten Beinen, eine äußerst angenehme Vorstellung, die sie auch sogleich in die Tat umsetzte. Aufatmend ließ sie sich in den großen Fernsehsessel fallen. ,Ach, was tat das gut!‘

Marie machte die Augen auf und schüttelte den Kopf. Jetzt hatte sie doch tatsächlich geschlafen. Leicht benommen setzte sie sich gerade und sortierte die müden Füße zurück in die Flip-Flops. Wie viel Zeit vergangen war, konnte sie nicht sagen. Ihr kam es allerdings so vor, als sei eine ganze Ewigkeit vorbeigeflogen. Sie neigte den Kopf und lauschte angestrengt nach draußen.

Aus der Küche drangen eigenartige Geräusche an ihr Ohr. Ein seltsames leises Stöhnen war zu vernehmen und unüberhörbar Wassergeplätscher. Ja, Wasser musste auch mit im Spiel sein. Marie erkannte deutlich das unheilbringende Geräusch von tropfendem Nass und das Klatschen eines nassen Tuches.

Schlagartig hellwach, sprang sie auf und stürzte in die Küche.

Dort angekommen, traf Marie fast der Schlag.

Mit glühenden Wangen und patschnassem Bodenwischtuch stand Saskia zwischen den Schränken und meinte: „Mama, habe gedacht ich muss mal putzen, das ist alles sooo dreckig!“

Mit einem Blick erfasste Marie, dass die Kleine ganze Arbeit geleistet hatte. Sämtliche Türen und Schubladenblenden der Küchenunterschränke ,erstrahlten‘ in eigenartig geflecktem Glanz. Überdeutlich war zu sehen, dass alle weißen Schleiflackflächen mit braunem schmutzigen Putzwasser ,gereinigt‘ waren. Die zum Teil bereits eingetrockneten Dreckwassertropfen zeichneten hässliche Bilder auf die glatten Oberflächen. Das liebe Kind hatte nichts, gar nichts ausgelassen.

Hitze stieg in Marie hoch. Sie sah die Küche und hätte heulen können. Sie wollte losschreien, schimpfen, zetern, doch kein Laut kam von ihren Lippen. Sie konnte nicht anders. Beim Anblick ihrer kleinen Tochter musste Marie einfach lächeln. Wie die Süße da stand, ohne Hausschuhe, in einer Wasserpfütze, die bereits auf dem Weg war, das angrenzende Kinderzimmer zu erobern. Mit hochrotem Kopf, das blonde kurze Haar feucht und wild abstehend, rundum ziemlich durchnässt und sichtlich abgekämpft. Unübersehbar: ,Putzarbeiten sind nun mal kein Zuckerschlecken‘.

Böse sein, konnte und wollte sie nicht. Mit ihren gerade mal vier Jahren wild entschlossen der Mutter zu helfen, hatte Saskia es nur allzu gut gemeint und war dabei an ihre kindlichen Grenzen gestoßen.

Der anfängliche Groll und die aufsteigende Hektik im Angesicht der dargebotenen Riesenüberraschung lösten sich im Nichts auf und machten einer stoischen Ruhe Platz. Eine Art, die Marie zu eigen hatte. In Situationen, wo andere sich mächtig aufregen konnten und gefühlsmäßig hochschaukelten, legte sie innerlich einen Schalter um. So blieb sie ruhig und gelassen. Warum auch sollte sie ihre Nerven strapazieren bei Dingen, die unabänderlich geschehen waren. Hier galt es lediglich, das Beste daraus zu machen.

In der momentanen Situation hieß dies, dass Marie zunächst ein trockenes Bodenwischtuch auf die sich ausbreitende Wasserpfütze warf und so ein noch größeres Dilemma verhinderte. Anschließend bedankte sie sich bei der Kleinen mit einem dicken Schmatzer auf die Nasenspitze und bot sich an zu helfen. Saskia strahlte bis weit hinter die nassen Ohren und war froh, die restliche Arbeit gemeinsam mit der Mutter erledigen zu können.

Für Marie bedeutete dies natürlich: ,Nicht Schluss mit Hausarbeit. Im Gegenteil. Die komplette Küche musste nochmals abgewaschen werden. Es hieß, die ganze Arbeit der Kleinen zu wiederholen. Dieses Mal natürlich mit frischem Wasser, dem sie einen Tropfen Essigreiniger „Zitrone“ zugab und einem sauberen Tuch. Während Marie sich bei dieser Gelegenheit gleichzeitig auch die Oberschränke vornahm und diese ebenfalls gründlich abwusch, durfte Saskia im unteren Bereich alle Türen mit einem trockenen Baumwolltuch nachreiben.

Die beiden Frauen hatten alle Hände voll zu tun. Doch sie waren mit Spaß dabei und freuten sich am Ende über das gelungene Werk. Vom Nachmittag war nicht mehr viel übrig, als Mutter und Tochter die Putztücher beiseite legten und sich in der Küche umsahen. Die kompletten Schränke auf Hochglanz. Sämtliche Teile, Türen, Schubladen, Ablagen erstrahlten in reinstem Weiß und zauberten einen zufriedenen ,Was-sind-wir-zwei-gut-Gesichtsausdruck‘ in die Minen von Saskia und Marie.

Klar, dass jetzt eine dicke Belohnung fällig war.

Höchste Zeit für eine süße Leckerei.

Marie holte für beide ein großes Stück Schokoladenkuchen hervor, zauberte Saskia eine Riesentasse Kakao auf den Tisch und machte für sich einen supersahnigen Cappuccino.

Das hatten sie sich echt verdient! Praktisch die ganze, für den nächsten Tag vorgesehenen Arbeit, war bereits heute erledigt.

Jetzt ließen sie sich erst einmal müde und abgespannt im Wintergarten auf die bequemen Sessel fallen. Für heute war endgültig Pause!

Weder Marie noch Saskia verspürten weiteren Bewegungsdrang.

So wurden Spaß und Unternehmungslust bereitwillig auf den nächsten Tag verschoben.

Einige Zeit später, nachdem die ärgsten Ermüdungserscheinungen verschwunden, waren setzten sie sich zusammen ins Wohnzimmer, schalteten das Fernsehgerät an und planten für den nächsten Tag schon mal den einen schönen Ausflug.

Sie entschieden sich für einen Besuch im nahen Vogelpark. Genau die richtige Unternehmung, um die heute gewonnene zusätzliche Freizeit sinnvoll zu nutzen.

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Evelyn Schütz: Kleine Helfer im Garten

13. März 2017

Kleine Helfer im Garten

© Evelyn Schütz

Kindergeschrei drang an mein Ohr. Um zu sehen, wer da so aufgeregt herumkrakeelte, schaute ich neugierig aus dem Fenster.

Lisa und Dennis, die beiden jüngsten Enkelkinder unserer Nachbarn liefen unten im Garten herum. Sie waren zu Besuch bei den Großeltern.

Hannes und Meta, früher einmal als Bauern tätig, betrieben hinter ihrem Haus einen riesigen Nutzgarten. Nachdem sie vor einigen Jahren die Landwirtschaft aus Altersgründen aufgegeben hatten, zogen sie hier eine Menge leckeres Grünzeug heran. Einen Großteil ihrer Zeit verbrachten sie in dem Garten. Da auch die Kinder mit Vorliebe darin herum tobten und spielten, kamen sie sehr oft zu Besuch.

Der Garten war ein super Spielplatz, in dem es immer etwas Neues zu entdecken gab. Hier konnte man wunderbar Früchte stibitzen, Schmetterlinge jagen und Regenwürmer ausgraben. Lisa schaute außerdem mit wachsendem Interesse den Großeltern bei der Arbeit zu. Heute stand die Kartoffelernte an. Klar, dass die Kinder wieder als Erntehelfer gekommen waren.

Dennis, der sich gerade einen Spaß daraus gemacht hatte, kreuz und quer durch die Kartoffelreihen zu springen, blieb abrupt stehen. Kritisch schaute er hinunter vor seine Füße. Er hatte einen Kartoffelkäfer entdeckt, nahm ihn auf und hielt ihn triumphierend hoch. Dann drehte er sich um, lief mit seinem Fund zu Lisa und verkündete seiner Schwester inbrünstig: „Den mache ich jetzt tot!“

Lisa, bereits etwas älter und größer als ihr Bruder, war jedoch schneller. Blitzartig ergriff sie den Käfer und brachte ihn in ihrer hohlen Hand in Sicherheit. Tadelnd sah sie den kleinen Bruder an. „N e i n, den macht man nicht tot. Den setze ich jetzt hier hin“, rief sie, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand mit dem Käfer im hinteren Teil das Gartens.

Dennis lief sofort hinter her und meinte:“ Doch, den macht man tot, gib her!“ Er griff nach Lisas Arm. Doch er hatte keine Chance. Lisa streckte ihre Hand so hoch sie konnte. Da kam Dennis nicht heran. Er hatte verloren und ging nach Hilfe suchend zum Großvater. Mit der fragenden Feststellung: „Gel Opa, den Kartoffelkäfer macht man tot“, erhoffte er sich Zustimmung. Großvater Hannes, vollauf damit beschäftigt, die reifen Kartoffeln aus der Erde zu graben, grob zu säubern und in einen Korb zu legen, meinte dann auch etwas abwesend: “ Ja, ja, das kann man ruhig machen“.

Lisa ihrerseits war zur Großmutter gerannt, um sich mit der empörten Feststellung: „Oma, den darf man doch nicht einfach tot machen, oder?“, von dort ihre Bestätigung zu holen. Die Antwort der Großmutter konnte ich nicht hören, sah jedoch, dass Lisa zu dem alten Apfelbaum am hinteren Ende des Gartens rannte und daran hochsprang. Die ganze Zeit hatte sie den armen Käfer fest in der geballten Faust gehalten. Jetzt ließ sie das Tier, so hoch ihr Arm reichte, auf eine Astgabelung fallen und entließ ihn zurück in die Freiheit.

Schon kam Dennis angelaufen. Ein Blick in Lisas zufriedenes Gesicht zeigte ihm jedoch, der Käfer war aus dem Spiel. Weder er noch Lisa konnten ihn jetzt erreichen.

Was aus dem Käfer geworden ist? Wer weiß?

Gut möglich, dass er bereits durch die schützende Hand, die ihn eine Zeit lang fest umklammert gehalten hat, gestorben ist. Dann hat er in der Astgabel sein Grab gefunden.

Vielleicht hat er auch überlebt und ist davon geflogen, dann wird er noch eine Zeit lang an fremden Kartoffeln nagen.

Keine Ahnung, die Kinder jedenfalls hatten ihr Interesse verloren. Ohne weitere Worte, machten die beiden kehrt, sprangen in eine andere Ecke des Gartens und suchten im Gras herum.

Kurze Zeit später sah ich, wie sie friedlich vereint zusammen auf die Gartenbank saßen und sich gegenseitig neu gefundene Schätze zeigten.

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