Manfred Schröder: Mary und der Riese Ornac

19. März 2017

Mary und der Riese Ornac

© Manfred Schröder

Der Riese Ornac saß auf der Bank vor seinem Haus und blickte missmutig in die Welt. Er hätte so gerne seinem Vetter Holcon, der hoch oben an der Grenze zu Schottland wohnte, einen Brief geschickt. Doch er hatte nie das Schreiben und das Lesen gelernt. Und fragen wollte er niemanden, da er fürchtete, dass man ihn auslachen könnte. So saß er denn da, und weder der Gesang der Vögel noch die farbige Blumenpracht in seinem Garten konnten sein Herz erfreuen. Sicher, er könnte sich zu Fuß aufmachen. Doch es war ein weiter Weg, und Ornac fühlte sich zu alt, diese beschwerliche Reise zu unternehmen. Wie oft hatte er sich darüber geärgert, dass er nicht auch, wie Holcon, die Menschen verlassen hatte, um in der Einsamkeit Ruhe und Frieden zu finden. Doch nun hatte er dazu keine Kraft mehr. So hockte er denn da und grübelte vor sich hin.

Plötzlich ging eine Idee durch seinen Kopf und er lächelte. „Dass mir dieses nie früher eingefallen ist!“, dachte er.

Er erhob sich, ging ins Haus und zog unter seiner Matratze eine Pfundnote hervor. Wie hätte er sein Geld zur Bank bringen können, ohne schreiben, lesen und rechnen zu können? Und er war auch ein misstrauischer Riese. Dann ging er die holperige Straße hinunter, wo sich am Ende Annys Gemischtwarenladen befand, in dem es fast alles zu gab, was man hier so brauchte.

Als er das Geschäft betrat, blickte ihn Anny erwartungsvoll an. „Nun, Ornac, woran fehlts?“

Er fühlte sich auf einmal nicht wohl in seiner Haut, da die anderen Kunden ihn neugierig anschauten. Eine Zeitlang schwieg er. Dann schaffte er es zu sagen .. „Ich brauche einen Bogen Papier, einen Umschlag und einen Bleistift.“

Irgendjemand lachte.

„So, so“, bemerkte Anne. „Papier und einen Bleistift. Willst wohl deinem Liebchen schreiben?“

Jetzt lachten auch alle anderen. Ornac fühlte, wie er rot wurde und wäre am liebsten im Erdboden verschwunden. Ja, so waren sie, die Menschen.

Umständlich packte Anny alles ein, als wolle sie den anderen Zeit lassen, sich an seinem Anblick zu ergötzen.

Als Ornac wieder draußen war, holte er tief Luft und lief so schnell er konnte nach Hause. Er setzte sich auf seine Bank und blickte zur Sonne. Nach ihr richtete er sich immer, falls sie am Himmel zu sehen war, da er keine Uhr besaß. Bald würden die Kinder die Schule verlassen und das kleine Mädchen mit den dunklen und langen Zöpfen würde wie immer an seinem Haus vorbeikommen. Es dauerte nicht lange und er sah, wie es hüpfend die Straße herunterkam.

„Woher kommst du denn?“, fragte er freundlich.

Das Mädchen blieb stehen und schaute Ornac verwundert an. Denn noch nie hatte er es angesprochen.

„Ich komme aus der Schule, Ornac. Warum fragst du?“

Er kratzte sich am Ohr und überlegte, wir er es am besten sagen könnte.

„So, so. Aus der Schule. Ja, ja. Und kannst du denn schon schreiben? Und wie heißt du?“

Das Mädchen lächelte. „Ich heiße Mary. das weißt du doch. Natürlich kann ich das.“

Wieder überlegte Ornac.

„Na, ich weiß nicht. Bist doch noch so klein. Ich glaube das nicht.“

Mary lachte. „Alle Kinder in meiner Klasse können schreiben.“

Ornac zog aus seiner Tasche das Blatt Papier und den Bleistift und reichte es ihr.

„Hier. Schreibe mir etwas auf. Dann glaube ich dir.“

Mary legte ein wenig den Kopf zur Seite und blickte ihn nachdenklich an. „Und was soll ich schreiben?“

Ornac holte tief Luft. „Also.“

Er schwieg wieder, weil er überlegen musste.

„Also“, begann er wieder. „Mein lieber Holcon, ich würde mich freuen, wenn du mich mal wieder besuchen könntest. Du bist jünger und rüstiger, während ich …“

Und Ornac redete und redete, bis alle beiden Seiten des Papiers vollgeschrieben waren.

„Das Blatt ist voll“, sagte Mary.

„Na, dann zeig mal her. Mal sehen, wie viele Fehler du gemacht hast.“

Mary reichte ihm das Blatt und Ornac tat so, als würde er lesen.

„He, Ornac“, sagte Mary. „Du hältst das Papier falsch herum. Die Schrift steht jetzt auf dem Kopf.“

!Ach du Schande!“, dachte Ornac. Und laut sagte er: „Ja, ja, das weiss ich selber. Wollte es gerade herumdrehen.“

Mary lachte laut auf. „Weißt du was ich denke. Du kannst gar nicht lesen.“

Ornac beugte sich zu ihr herunter und legte seine Stirn in drohende Falten.

„Willst du sagen, dass ich lüge? Vorsichtig. Denn ich bin ein gewaltiger Riese, der dich mit einem Happen verschlingen kann.“

Doch Mary hatte keine Angst. „Hör zu“, sagte sie freundlich. „Wenn du willst, kann ich dir das Schreiben und das Lesen beibringen.“

Ornac wusste nicht, was er sagen sollte. Er richtete sich wieder auf und überlegte. Schreiben und lesen. Ach, das wäre schön.

„Und wirst du niemanden davon erzählen?“

„Ach Ornac.“ Jetzt war Mary ein wenig gekränkt. „Ich bin doch keine Tratschsusi.“

„Natürlich nicht“, beeilte sich Ornac zu sagen. Denn er wollte nicht, dass sie es sich womöglich anders überlegte.

„Gut“, sagte Mary. „Morgen um dieselbe Zeit, können wir hier in deinem Garten Unterricht abhalten“.

Sie gebrauchte das Wort Unterricht. Denn ein wenig stolz war sie schon, wie eine Lehrerin zu sein.

„Du musst dir nur noch ein Heft besorgen.“

Ornac versprach es und sein Herz hüpfte vor Freude. Noch am gleichen Tage besorgte er sich ein großes Heft und einen Radiergummi. An den Radiergummi hatte er selber gedacht. Denn er würde bestimmt viele Fehler machen. Und fünf Mal in der Woche, immer wenn Mary aus der Schule kam, saßen sie in seinem Garten und Ornac lernte Lesen und Schreiben.

Einfach war es für beide nicht. Doch Ornac war gelehrig und Mary geduldig.

Und eines schönen Tages, der Herbst neigte sich seinem Ende zu, ging Ornac die Straße hinunter, betrat Annys Gemischtwarenladen und fragte nach einer Zeitung. Es wurde still im Geschäft und alle blickten auf ihn. Denn niemand hatte je geglaubt, dass er lesen könne.

„So so.“ Anne grinste. „Eine Zeitung willst du. Hier. Na, dann lies uns mal vor, was es so an Neuigkeiten gibt.“

Ornac strahlte übers ganze Gesicht. „Wenn ihr nicht selber lesen könnt. Gut.“ Er blickte auf die Hauptseite.

„Auch dieses Jahr zweifelt niemand daran, dass Liverpool wieder Fußballmeister wird.“

Er schaute in die Runde und sah mit Genugtuung, wie ihn alle ungläubig anstarrten.

„Ach, ja. Und hier steht, dass die Königin trotz ihrer 80 Jahre noch immer gesund und rüstig ist.“ Bevor er nach draußen ging, sagte er noch. „God save the Queen!“

Und stolz ging er mit der Zeitung unterm Arm die Straße zu seinem Haus hinunter.

*

Stichwörter:
Kurzgeschichte, Kindergeschichte, Märchen, Manfred Schröder, Riese, Mary

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Manfred Schröder: Klein-Mary und der Riese Maclef

19. März 2017

Klein-Mary und der Riese Maclef

© Manfred Schröder

Klein-Mary war in den Wald gegangen, um Beeren zu suchen. Doch bald kam sie vom Wege ab und wusste nicht mehr, wo sie sich befand. Doch sie hatte keine Angst. Klein-Mary war ein mutiges Mädchen. Und immer wieder fand sie Beeren, schöne große blaue Beeren, die sie besonders mochte. Mit der Zeit wurde es dunkler und sie überlegte nun doch, welchen Weg sie nehmen sollte, um wieder nach Hause zu kommen. Denn ihr kleiner Korb war voll mit von Beeren.

Da sah sie zwischen den Bäumen eine Hütte.

Klein-Mary ging auf sie zu und gewahrte einen Riesen, der auf der Bank saß, welche unter dem Fenster stand, und Kartoffeln schälte.

Klein-Mary blieb vor ihm stehen. „Was machst du da?“

Der Riese hob seinen Kopf. „Ich schäle Kartoffeln, wie du siehst. Und wer bist du?“

Sie lachte. „Ich bin Klein-Mary. Und wie heißt du?“

Der Riese legte seine Stirne in Falten. „Ich bin der Riese Maclef. Und du wärst gerade ein richtiger Happen für mich. Kartoffeln habe ich ja schon.“

Klein-Mary lachte wieder.

Maclefs Gesicht wurde drohender. „Lachst du über mich? Vorsichtig, denn ich bin ein gewaltiger Riese.“

Die Mundwinkel von Klein-Mary gingen von einem Ohr zum anderen. „Ach, Maclef, ich lache immer!“

Maclef brummte. „So, so. Lachst immer. Na, da an dir ja nicht viel Fleisch dran ist, werde ich mich wohl mit Rüben zufrieden geben müssen.“

Sein Blick fiel auf das Körbchen. „Was hast du denn da drin?“

„Hmm,“ sagte Klein Mary, und lachte wieder. „da sind Beeren drin. Möchtest du auch welche“?

Maclef erhob sich. „Warte hier. Ich gehe noch in den Garten und hole Rüben. Ja, Beeren mag ich immer.“

Klein-Mary setze sich neben einem Baum und schaute einem Eichhörnchen zu, welches flink von Ast zu Ast sprang. Sie lächelte. Während sie so da saß, fühlte sie, wie sie müde wurde. Ihr Köpfchen senkte sich und bald war sie eingeschlafen.

*

Alle waren sie aufgeregt, weil Klein-Mary verschwunden war. Papa und Mamma, Opa und Oma und alle Nachbarn gingen los, ein jeder mit einer Taschenlampe, um sie zu suchen. Doch Klein-Mary war nirgendwo zu finden.

Da kam jemand auf die Idee, zum Wald zu gehen. Und als sie zum Waldesrand kamen – wen sahen sie da, friedlich schlafend neben einem Baum liegen? Klein-Mary.

Als die Mutter sie hochheben wollte, wurde Klein-Mary wach. Sie blickte sich suchend um.

„Wo ist Maclef?“, fragte sie.

Alle blickten sie erstaunt an.

„Wer ist Maclef?, fragte Oma.

„Das ist doch der Riese, der nur in den Garten gehen wollte um Rüben zu holen.“

Der Vater lachte. „Ach, Klein-Mary. Du bist hier eingeschlafen und hast geträumt.“

Klein-Mary schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe wirklich den Riesen getroffen …“

Die Mutter stieß den Vater an. Und dieser verstand.

„Aber natürlich. Komm. Zuhause kannst du uns mehr erzählen.“

Klein-Mary lächelte und nickte. Und am Abend, vor dem Zubettegehen, bei Eis und blauen Beeren, ja, da erzählte Klein-Mary alles, was sie mit dem Riesen Maclef erlebt hatte. Und es wurde eine lange, lange Geschichte.

*

Stichwörter:
Kurzgeschichte, Kindergeschichte, Märchen, Manfred Schröder, Riese, Mary


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