Patricia Koelle: Pusteblumen-Märchen

28. Februar 2010

Pusteblume – Löwenzahn – Kindergeschichte – Märchen – Elfen – Drachen – Allergie – Elfengeschichte – Drachengeschichte – Löwenzahngeschichte – Pusteblumengeschichten

Heiße Luft – Ein Pusteblumen-Märchen
© Patricia Koelle

Fira war in einem gelbduftenden Junimorgen unterwegs auf der Suche nach einem Brombeerstrauch. Nicht wegen der Brombeeren. Elfen mögen Brombeeren nicht besonders, schon weil sie so groß sind und dunkelsaftige Flecken machen, wenn man sie zerteilt. Es waren die Dornen, die Fira nützlich waren, denn im Gegensatz zu den anderen Elfen trug sie ihre Haare kurz. Morgens fuhr sie sich mit einem Dorn hindurch, so dass die Haare in alle Richtungen hoch standen. „Du siehst aus wie eine Pusteblume“, sagte die Großelfe Rona und schüttelte seufzend ihren Kopf mit dem langen glänzend braunen Zopf. Elfen bekommen selten graue Haare.
Doch Fira bestand auf ihrer Frisur. Sie wollte sich leicht fühlen und lehnte alles ab, was sie beschweren konnte. Am liebsten sauste sie nur im Unterhemd herum und nutzte jeden leichten Wind, um darauf herumzuturnen.
An diesem Morgen fand sie keinen Wind. Es war ein warmer, stiller Tag. „Fira!“, hörte sie da einen Aufschrei durch die Stille. „Hilfe!“.
„Neri?“ Sie sah sich suchend um.
„Hier!“, jammerte es. Der Ruf kam aus einer Birke am Rande der Lichtung. Fira sauste hin, so schnell sie konnte. Sie musste ungewöhnlich hoch fliegen, um Neri zu finden.
„Was ist Dir denn passiert?“, fragte Fira entsetzt. Ihre Cousine hing mit schmutzigem Gewand und zerknitterten Flügeln an einem spitzen Zweig. Bei genauerem Hinsehen war es noch schlimmer. Das Gewand war nicht nur schmutzig, sondern angesengt, und Neris Flügel hatte ein Loch, denn da war der Zweig hindurchgegangen.
„Halt still, da muss ich Hilfe holen“, bat Fira und zischte davon. „Jooonooo!“, brüllte sie, so laut sie konnte, nach dem Schwarmältesten. Leider können Elfen nicht sehr laut brüllen. Doch Jono hatte besonders gute Ohren und einen scharfen Sinn für Gefahren, und kaum war Fira im Sturzflug am Boden der Lichtung angekommen, stieß sie schon fast mit ihm zusammen.
Jono war doppelt so groß wie Fira und Neri. Er zog Neris Flügel behutsam vom Zweig und trug sie zur Moosbuche, wo Großelfe Rona, die Heilkundige, den Flügel sorgfältig mit einem Verband aus Spinnweben flickte. „Am Arm hast du eine Verbrennung“, stellte sie fest. „Wie ist das bloß passiert, Mädchen?“
Jetzt, wo sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, ging es Neri schon besser.
„Ich bin nur die Lichtung entlang geflogen und wollte mich im Tau waschen“, erklärte sie.
Jono und die Großelfe unterdrückten ein Schmunzeln, denn Neri war dafür bekannt, dass sie das Waschen gern ausfallen ließ. Sie war wasserscheu.
„Plötzlich kam etwas, das wie ein leuchtender Trichter aussah, auf mich zugesaust“, erklärte sie. „Es war ein Wind, eine Art kleiner Sturm, und er war heiß. Er packte mich und wirbelte mich in die Birke. Ich konnte überhaupt nichts machen. Und“, sagte sie und machte ein wichtiges Gesicht, „es waren Zwillinge! Zum Glück hat mich nur einer erwischt.“
„Wie meinst du das, Zwillinge?“, fragte Jono.
„Zwei Wirbelwinde. Zwei Trichter. Sie haben sich genau gleich bewegt“, behauptete Neri.
„Wo ist Fira?“, fragte die Großelfe und sah erschrocken in allen Himmelsrichtungen.
Fira hatte nur das Wort „Wind“ gehört, und schon hatte sie sich aufgemacht. Das klang nach einem großen Spaß. Für Wind fühlte sie sich zuständig. Sie musste ja nicht so ungeschickt sein wie Neri.
Sie setzte sich auf den untersten Ast der Birke, in der sie Neri gefunden hatte, und sah sich erwartungsvoll um. Gleich darauf zuckte sie erschrocken zusammen. Ein seltsames Geräusch erschütterte das Gras so sehr, dass jeder Halm sich davor verneigte. Kein Donner, eher eine Explosion, und danach wieder Stille. Im nächsten Augenblick geschah, was Neri beschrieben hatte. Zwei leuchtende Trichter wirbelten über die Lichtung, und kaum hatte Fira sie gesehen, sauste sie auf den los, der ihr am nächsten war, und versuchte, darauf im Kreis zu segeln.
Das war ein Fehler. Sie konnte hervorragend fliegen, doch dieser Wirbel war der erste Wind, der zu stark für sie war, und riss sie sofort mit. Zum Glück löste er sich schnell auf. Verdammt heiß war er gewesen. Fira hielt sich die Hand vor den Mund. Elfen dürfen nicht fluchen, nicht einmal in Gedanken, und Rona war ziemlich gut im Gedankenlesen. Firas Flügel hatte eine braune Stelle, aber insgesamt war sie besser davongekommen als Neri.
Aber wo kamen diese Zwillingswinde her? Und was war das für ein Geräusch gewesen? Fira machte sich auf in die Richtung, aus der beides gekommen war. Sie flog unter einer dichten Zeder hindurch und kam auf die kleine Lichtung am Bach, zwischen den Felsen.
„Noriwon?“, rief sie.
Noriwon war ein junger Drache, glücklicherweise einer von der Sorte mit einem hellen Charakter. Er war auf seiner Reise gerade über den Elfenlichtungen mit einem vierflügeligen Nachtgnom zusammengestoßen und hatte sich dabei böse die Schulter verrenkt. Die Großelfe hatte sich seiner angenommen, wie sie sich jeden Wesens annahm, und ihn mit Kräutersalben und einem Verband aus kühlenden Blättern versorgt. Zum Glück kommen Drachen lange ohne Nahrung aus, denn ihn zu füttern wäre ein Problem gewesen. So aber konnte er sich auskurieren und derweil den Elfen von seinen Erlebnissen berichten. Noriwon konnte gut erzählen. Die Elfen lauschten hingerissen und selbst Jono erwischte sich dabei, dass er sich beim Zuhören selbst riesig und stark fühlte und sich durch große Höhen schwingen sah.
Wenn Noriwon zum Erzählen zu müde war, spielten die jungen Elfen Slalomfliegen durch die Zacken auf seinem Rücken, oder sie polierten die Schuppen auf seiner Haut, die ihn mal kupfernfarben, mal smaragdgrün glänzen ließen, mit einem königsblauen Schimmer an den Seiten.
Doch im Augenblick war Noriwon allein und Fira sah, dass er sich seltsam krümmte. „Was ist, Noriwon?“, fragte sie erschrocken und flog zu ihm hin.
In diesem Augenblick nieste Noriwon. Nun war klar, woher das geheimnisvolle Geräusch gekommen war. Aus seinen gewaltigen Nasenlöchern sausten zwei leuchtende Wirbelstürme. Und da Noriwon schon seit einigen Jahren alt genug war, um Feuer spucken zu können, waren sie heiß. Sehr heiß. Fira konnte gerade noch ausweichen und sich an einem Blaubeerstrauch festhalten, sonst wäre sie wieder mitgerissen worden.
„So geht das nicht“, sagte Rona hinter ihr. Jono tauchte auch auf. Neri hielt sich ängstlich im Hintergrund.
„Du zündest uns noch den Wald an“, sagte Rona zu Noriwon.
„Ich kann nichts dafür“, sagte Noriwon kleinlaut. „Ich habe alles versucht. Es kommt einfach über mich.“
„Wohl eher aus dir heraus“, sagte Jono. „Bist du erkältet?“
„Drachen können sich nicht erkälten. Sie sind viel zu heiß. Das überlebt kein Virus“, sagte Rona, die um Noriwons Kopf herumschwirrte und in seine Augen und Nasenlöcher spähte. „Ich fürchte, er hat eine Allergie. Heuschnupfen.“
„Und jetzt?“, fragte Fira.
„Seine Schulter ist noch nicht geheilt. Er kann unmöglich schon fortfliegen, sonst würde ich ihn an die See schicken, wo kein Blütenstaub in der Luft ist“, sagte Rona. „So aber müssen wir herausfinden, worauf er mit Niesen reagiert.“
„Fira, Neri“, sagte Jono, „pflückt alle Blumen, die ihr hier finden könnt, und haltet sie Noriwon einzeln vor die Nase. Wir werden schon dahinter kommen.“ Er sauste selbst zum Bach hinunter und pflückte Arnika, die dort lustige Punkte in die tiefen Schatten streute. Noriwon schnupperte daran, doch nichts geschah.
„Das ist ein Heilkraut“, sagte Rona. „Ich glaube nicht, dass das in Frage kommt.“
Neri fürchtete sich immer noch. Nicht vor Noriwon, aber vor den Zwillingsstürmen. Sie pflückte die erstbeste Pflanze, die sie erwischte. Noriwon zuckte zurück und jaulte auf. Drachen haben empfindliche Nasen. Auch Neri ließ die Pflanze schnell fallen. Es war eine Brennnessel gewesen.
Jono brachte Hirtentäschelkraut, Rona wilden Flieder, Fira Gänseblümchen. Noriwon nieste immer wieder, aber nie, wenn sie ihm eine Blüte vor die Nase hielten. Sie hatten schon müde Flügel, als ausgerechnet Neri Erfolg hatte. Sie schleppte sich mit einer fast reifen Pusteblume ab, die beinahe schwerer war als sie selbst.
Kaum näherte sie sich Noriwon, nieste er gleich zweimal. Neri ließ die Blume fallen und sauste blitzschnell in die Höhe, um nicht von den Wirbelstürmen erfasst zu werden. Sie spürte noch die Hitze an den Zehen.
Jono fischte rasch die Pusteblume aus dem Gras und warf sie in den Bach, sonst hätte Noriwon gar nicht mehr aufgehört, zu niesen.
„Ach, du lieber Waldgeist!“, sagte Rona. „Das wird ein Stück Arbeit. Wir müssen alle Pusteblumen in der Gegend einsammeln.“
Doch Rona und Jono ließen sich so schnell nicht erschüttern. Je größer und unmöglicher die Aufgabe, desto glücklicher waren sie. Fira kannte das schon und war nicht verblüfft darüber, dass die Großelfe und der Schwarmälteste ihren Plan schon fix und fertig hatten.
Es war im Interesse aller Lebewesen, dass der Wald nicht abbrannte. Darum war es für Rona ein Leichtes, die Vögel und die Spinnen zur Mitarbeit zu überreden. Die Rotkehlchen, Amseln und Meisen machten sich auf, alle Elfenschwärme im Tal auf der großen Lichtung zusammenzurufen. Noriwon wurde gemahnt, solange in die andere Richtung zu niesen, wo die Zwillingsstürme auf die Felsen trafen und nicht ganz so gefährlich waren.
Die Spinnen webten die ganze helle Juninacht lang unzählige kleine Beutel. Der Mond war fast voll und hatte einen leuchtenden Hof um sich, und die vielen Spinnenfäden und Elfenflügel glitzerten in seinem Licht. Auch wenn alle angespannt waren und immer wieder die Nasen in den langsamen Sommerwind hielten, ob es nicht schon irgendwo nach Feuer roch, fand Fira doch, dass ein ganz besonderer Zauber in der Luft lag. Die Elfen begannen, alle Pusteblumensamen im Tal einzusammeln und ihre Beutel damit zu füllen. Lonn stimmte kurz nach Mitternacht ein Lied an, und die Elfen, die ihm am nächsten arbeiteten, nahmen es auf. So breitete es sich im ganzen Wald aus bis zu den Bergen, leicht und leise und unsichtbar wie ein hoffnungsvoller Traum.
Als der Nebel aus dem Gras aufstieg und die aufgehende Sonne ihn glühen ließ, als brenne es doch schon, gab es für dieses Jahr keine Pusteblumen mehr im Tal.
„Außer dir, Kleine Wilde. Wann hast du dich zum letzten Mal gekämmt?“, fragte Rona und stupste Fira auf die Nase.
„Wohin sollen wir die Pusteblumensamen denn nun bringen?“, fragte Neri. Elfen lassen nie etwas umkommen, auch nicht ein einziges Samenkorn, und darum war klar, dass mit dem Inhalt der Beutel etwas geschehen musste.
„Ich habe eine Idee, Großelfe, darf ich?“, rief Fira und schwirrte aufgeregt um Rona herum. Sie flüsterte ihr etwas ins Ohr.
Rona lachte und beriet sich mit Jono. „Na gut“, sagte sie schließlich. „Ich denke nicht, dass es schaden kann.“
Bald machte sich ein gewaltiger Schwarm Elfen auf und flog in Richtung der grauen Stadt im Nachbartal. Die Menschen in der Stadt sahen die Elfen nicht. Sie waren viel zu sehr damit beschäftigt, die Gänse- und Butterblumen und den weißen und roten Klee aus ihren ordentlichen viereckigen Gärten zu reißen oder zu vergiften.
„Wenn ich dieses kurzgeschorene Einheitsgrün sehe, bekomme ich Bauchgrimmen“, sagte Fira zu Neri.
„Und wenn ich diese grauen Häuser sehe, kriechen dunkle Träume in meinen Kopf“, sagte Neri.
Die Elfen waren sehr beschäftigt, doch als der Tag an den Bergen herunter in die Täler fiel und die Dämmerung ihm entgegenkam, flogen sie so leise davon, wie sie gekommen waren. Die Menschen sahen sie nicht, weil sie sie nicht erwartet hatten.
Auch das kalte glatte Grün und Grau waren bald verschwunden, denn in der ehemals trüben Stadt blühte in diesem langen Sommer strahlend gelber Löwenzahn, wohin man schaute. In den ordentlichen Vorgärten erschienen gelbe lachende Gesichter, Sonnen und andere Zeichen aus Blüten auf dem Rasen. In den Dachrinnen vor den Fenstern und zwischen den Fliesen auf Balkons wuchs das Gelb aus allen Ritzen. In den Parks wanden sich gelbe honigduftende Wege neben den richtigen aus grauem Splitt. Und es dauerte nicht lange, da reiften die Blüten und wurden zu Pusteblumen, lange ehe die Menschen alle vernichten konnten. Auf den Spielplätzen pusteten die Kinder die kleinen Schirmchen in jeden Wind, der aufkam. Von den Dächern flogen sie in glänzenden Schwaden wie große Flügel. Es waren so viele, dass auch in den nächsten Jahren die Stadt nicht grau sein würde.
Fira segelte mit den Samenschirmchen auf den warmen Winden und stellte fest, dass das völlig ausreichte, um glücklich zu sein.
Im nächsten Frühjahr, als Noriwon geheilt war und auf kräftigen Flügeln das Tal verlassen hatte, holte sie einige Samen zurück, denn ein Sommer ohne Pusteblumen ist nirgendwo denkbar.

***

Buchtipp:
Patricia Koelle: Die Füße der Sterne
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Geschichten von Himmel, Meer und Erde
Die Zeitschrift bella meint in Ausgabe 2/2010:
Glück zum Lesen

***

Advertisements

%d Bloggern gefällt das: