Manfred Schröder: Tausendundzweite Nacht

19. März 2017

Tausendundzweite Nacht

© Manfred Schröder

Sultan Sheherban lag auf seinem mit weichen Kissen ausgestatteten Ruhebett und dachte nach. Tausendundeine Nacht hatte er Sheherazade verschont. Ihre Geschichten hatten ihr das Leben erhalten. Doch die letzten Märchen fand er langweilig, und er war auch ihrer überdrüssig.

Schon seit einiger Zeit hatte er auf den neuen schwarzen Sklaven ein Auge geworfen, der Sheherazade des Abends in sein Gemach führte. Und seine sinnliche Begierde, diesen dunklen und schlanken Körper in seinen Armen zu halten, wurde von Tag zu Tag größer.

„Nun“, dachte er. „Noch eine Nacht. Morgen werde ich Sheherazade töten lassen.“

Um die zehnte Abendstunde öffnete sich die Tür zu seinem Gemach und Sheherazade, begleitet von dem schwarzen Sklaven, der auf den Namen Ahmed hörte, trat ein. In seinen Händen trug er ein goldenes Tablett auf dem eine mit rot schimmerndem Wein gefüllte Karaffe und zwei Gläser standen.

Sultan Sheherban machte eine Handbewegung und Ahmed stellte das Tablett auf einen kleinen Tisch, der neben der Ruhestätte stand. Wie aus Versehen berührte der Sultan die sanfte und dunkle Haut des Sklaven. Dieser verbeugte sich und verließ rückwärts gehend den Raum.

Sheherazade nahm heiter lächelnd die Karaffe in die Hand und füllte die beiden Gläser. Sie reichte eines dem Sultan und sprach: „Der Segen Allahs sei mit bei dir!“

Sultan Sheherban war erstaunt ob dieser Worte. Doch er nickte gnädig und führte das Glas zu seinem Mund. Noch nie, glaubte er, solch einen herrlichen Wein getrunken zu haben.

Auch Sheherazade hob ihr Glas.

„Nun denn“, sagte er, „erzähle deine Geschichte.“

Er deutete mit seiner Hand neben sich und sie nahm an seiner Seite Platz.

Der Sultan trank zum zweiten Male und ein Schwindel bemächtigte sich seiner.

„Was ist mit mir?“, sagte er.

Sheherazade lächelte. „Ruhe dich ein wenig aus, mein Gebieter. Du bist müde. Ein Engel wird dir die Tausenundzweite Nacht erzählen!“

Sultan Sheherban blickte sie erstaunt an. „Ein Engel?“ konnte er nur noch hervorbringen. Dann fiel sein Kopf zur Seite.

*

Als er erwachte und die Augen öffnete, gewahrte er, dass er sich in einem großen Garten befand, der mit Palmen und Blumen bewachsen war. In der Mitte lag ein Teich, an dem ein Engel von unsagbarer Schönheit saß und ein großes Buch in seiner Hand hielt. Am Himmel erschienen die ersten Sterne.

Der Engel winkte ihn heran. „Komm, setz dich zu mir. Ich will dir die Tausendundzweite Nacht erzählen.“

Der Sultan blickte verwundert. „Wo bin ich? Und die Tausendundzweite Nacht?“

Der Engel sah in freundlich an. „Du bist im Garten Allahs. Und hat Sheherazade dir nicht gesagt, dass ein Engel dir diese Geschichte erzählen wird?“

Einen Augenblick dachte der Sultan nach. Dann nickte er benommen.

*

Der Engel öffnete das Buch und begann zu lesen:
Die Tausendundzweite Nacht
Sie erzählt die Liebesgeschichte von Sheherazade und Ahmed dem schwarzen Sklaven
Als nun der Sultan gestorben war …

*
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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Kindergeschichte, Märchen, Manfred Schröder, Sheherazade, Sultan

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