Silvia Friedrich: Geheimnisvoller Weihnachtsabend

19. März 2017

Geheimnisvoller Weihnachtsabend

© Silvia Friedrich

Luisa und Erik sitzen am Adventssonntag mit Mama und Papa am Tisch. Erik darf die vierte Adventskerze anzünden.

„Wann holen wir denn den Weihnachtsbaum?“, fragt er und sieht den Vater an.

„In diesem Jahr holen wir keinen“, antwortet der Vater.

„Oh, warum denn nicht“, fragen beide Kinder gleichzeitig und sind enttäuscht.

„In diesem Jahr besuchen wir die Oma auf dem Land“, sagt die Mutter.

Erik und Luisa freuen sich. Bei der Oma ist es schön. Sie wohnt auf einem Bauernhof in den Bergen.

„Sicher liegt schon Schnee, dann könnt ihr rodeln gehen“, sagt der Vater.

„Prima“, ruft Luisa und hopst durch das Zimmer, so dass der ganze Tisch wackelt.

Es ist schon dunkel, als der Vater und die Kinder im Schuppen nach dem Rodelschlitten suchen. Denn der soll mit, wenn sie zur Oma fahren.

Am nächsten Morgen in aller Frühe geht es los.

Die Kinder sind noch ganz müde und setzen sich verschlafen ins Auto.

„Morgen kommt der Weihnachtsmann“, flüstert die Mutter und auf einmal sind beide hellwach.

In der Gegend, wo die Oma wohnt, liegt überall schon Schnee. Dicke Flocken fallen vom Himmel, als sie ankommen. Luisa krabbelt aus dem Auto und knetet sofort einen Schneeball.

„Dürfen wir rodeln?“, bettelt Erik, noch bevor er die Oma begrüßt hat.

„Jaja“, sagt die Mutter und der Vater holt als Erstes den Schlitten aus dem Auto.

„Kommt aber bald wieder“, ruft die Oma. „Dann gibt es Abendbrot.“

Erik und Luisa stürmen mit ihrem Schlitten los. Der Schnee knirscht unter ihren Stiefeln.

„Guck mal“, sagt Luisa. „Da sind noch mehr Kinder.“

Auf dem Rodelberg tummeln sich die Kinder des Dorfes. Eines nach dem anderen saust mit dem Schlitten den Berg hinunter und jedes Mal hört man ein freudiges Jauchzen.

Auch Erik und Luisa rodeln eine Weile. Dann wird es dunkel und sie gehen heim.

Drinnen ist es gemütlich warm. Eine Schüssel mit dampfender Suppe steht auf dem Tisch und als Nachtisch gibt es Bratäpfel.

„Wisst ihr denn auch, dass morgen in der Heiligen Nacht alle Tiere sprechen können?“, fragt die Oma.

Erik lacht: „So ein Quatsch. Tiere können doch nicht sprechen.“

Auch Luisa lacht, aber so ganz sicher ist sie sich nicht.

Als sie im Bett liegt, überlegt sie, ob die Oma vielleicht doch Recht hat. Dann schläft sie schnell ein.

An Heiligabend haben alle viel zu tun. Der Vater und die Kinder gehen in den Wald und holen einen Baum. In einem Waldstück verkauft der Förster Tannenbäume, die man selber absägen darf. Die Oma und die Mutter sind den ganzen Tag in der Küche, um zu kochen und zu braten. Lecker riecht es im ganzen Haus. Wenn es doch bloß schon abends wäre. Die Kinder können es nicht mehr erwarten bis zur Bescherung.

Bald ist der Baum geschmückt und alle haben sich fein angezogen. Die Weihnachtsstube hat die Oma abgeschlossen. Erik und Luisa warten ungeduldig auf den Weihnachtsmann.

„Ein bisschen dauert es noch“, sagt die Mutter und sieht mit rotem Kopf aus der Küche. Die Erwachsenen haben noch viel zu tun.

„Wollen wir mal sehen, ob die Tiere wirklich sprechen können?“, flüstert Luisa.

Erik nickt. Beide schleichen hinaus und huschen über den Hof in den Stall. Dort stehen Omas Kühe und kauen auf ihren Heubüscheln herum. Aus ihren Mäulern dampft der Atem.

„Meinst du, es stimmt, was Oma sagt?“ Luisa ist es ein wenig unheimlich hier im schummrig beleuchteten Stall.

„Ich weiß nicht“, murmelt Erik. Auch ihm ist nicht so ganz wohl bei der Sache. Beide sehen zu den Kühen hinüber.

„Frohe Weihnachten, Kinder.“

Wer war das? Erik und Luisa sind erschrocken. Da hat doch eben jemand gesprochen.

„Wo seid ihr denn?“, ruft der Vater vom Haus herüber. Beide laufen so schnell sie können zurück zum Haus.

„Im Stall hat jemand gesprochen“, rufen beide ganz außer Atem.

„Vielleicht war es der Weihnachtsmann“, lächelt der Vater. „Kommt schnell hinein, sonst verpasst ihr noch die Bescherung.“

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Lesetipp für die Weihnachtszeit
Antonia Stahn: Die Reise vom gläsernen Baum zum blauen Planeten. Eine Weihnachtssaga
Die Reise vom gläsernen Baum
zum blauen Planeten
Eine Weihnachtssaga
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-02-9

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Stichwörter:
Kindergeschichte, Weihnachtsgeschichte, Weihnachten, Silvia Friedrich


Silvia Friedrich: Ein wahres Märchen

13. März 2017

Ein wahres Märchen

© Silvia Friedrich

Sicher hat man euch, als ihr noch kleiner ward, Märchen vorgelesen, die oft in einem Königreich spielten. Es gab eine Prinzessin, einen Prinzen, böse und gute Feen und einen König. Am Ende ging alles gut aus und sie lebten glücklich und zufrieden.

Heute seid ihr schon größer und habt sicher in der Schule gelernt, dass es die Untertanen in so einem Königreich gar nicht immer so gut hatten.

Und das lag daran, dass der jeweilige König so ziemlich machen konnte, was er wollte. Die Untertanen hatten ihm zu gehorchen, ohne Widerrede.

Es gab sogar etwas, dass man Leibeigenschaft nannte. Das bedeutete, dass man seinem König oder Fürsten regelrecht gehörte. Man durfte nicht umziehen, wenn man es wollte, man durfte nicht heiraten wen man wollte, man musste Tag und Nacht für den Herrscher da sein und ihn immer fragen, ob man etwas dürfe. Viele Menschen hungerten damals, da sie arm waren und von dem Wenigen, was sie auf ihren kleinen Bauernhöfen erwirtschafteten auch noch etwas abgeben mussten an den König und auch an die Kirche. Kein Wunder, dass die Leute immer unzufriedener wurden und das gerne geändert hätten. Aber es war ihnen natürlich verboten, etwas zu ändern. Alles sollte so bleiben wie es war, sagten die Herrscher.

Klar, denn die hatten es ja sehr gut, immer genug zu essen, konnten in Palästen leben und ließen sich den ganzen Tag von den Armen bedienen.

Und damit das so blieb, erließen sie strenge Gesetze. In denen stand zum Beispiel, dass man noch nicht einmal etwas gegen den König sagen durfte.

Tat man es doch und beschimpfte den Herrscher, war das dann Majestätsbeleidigung und man wurde bestraft. Was konnten die Menschen also tun? In allen Ländern Europas ging es den Völkern gleich schlecht.

Sie arbeiteten schwer, aber konnten sich nichts leisten, hatten nichts zu essen und wenig Freuden. Viele der Märchen, die ihr kennt, sind in diesen schweren Zeiten entstanden. Die armen Menschen haben sie sich ausgedacht und erzählt. Man sieht in den Geschichten, dass sie sich sehnlichst immer ein gutes Ende wünschten. Da das wirkliche Leben aber leider kein Märchen ist, mussten sich die Leute etwas einfallen lassen, um ihre Lage zu verbessern. Das war sehr schwierig, denn ihr habt ja gehört, dass man noch nicht einmal etwas gegen den König sagen durfte.

Viele von euch waren sicher schon einmal in den großen Ferien in unserem Nachbarland Frankreich. Stellt euch einmal vor, in diesem wunderbaren Land haben sich die Menschen vor langer Zeit, im Jahre 1789 zum ersten Mal getraut, etwas gegen den Herrscher zu unternehmen. Das war sehr gefährlich, denn der König hatte Soldaten mit Gewehren, die sofort bei einer Meuterei der Untertanen gegen diese vorgingen. Die Menschen litten jedoch so große Not, hatten Hunger und mussten in einem schrecklichen Elend leben, so dass sie sich, obwohl sie Angst hatten, zusammenschlossen und gegen ihre Unterdrücker vorgingen. Gemeinsam waren sie stark und wurden immer stärker. Sie stürmten das Schloss des Königs, nahmen die königliche Familie gefangen und stellten diese vor ein Gericht. So kam es, dass in Frankreich der König nicht mehr regieren durfte. Aber so einfach war das nicht. Es dauerte lange und es gab viele Opfer bei dieser Revolution. Revolution nennt man es, wenn ein Volk gegen seine Unterdrücker aufbegehrt. Da mächtige Herrscher nicht freiwillig aufgeben und ihren Besitz dann allen zukommen lassen, musste leider gekämpft werden. Und in Kämpfen gibt es immer Verletzte und oft sogar Tote. Das war in Frankreich damals auch nicht anders. Nachdem die Unterdrückten gesiegt hatten, gab es eine neue politische Ordnung. Jetzt war das Volk im Besitz der Macht und nicht mehr ein einzelner König. Die französischen Menschen hatten für sich ein Märchen wahr gemacht.

Bei uns im Nachbarland Deutschland, sah zu der Zeit alles noch ganz anders aus. Einige Leute in unserem Land hatten schon von den Ereignissen in Frankreich gehört. Das war damals aber nicht so einfach.

Es gab keinen Fernseher, den man einschaltete, um sich dann die Nachrichten anzusehen. Es gab manchmal nicht einmal Zeitungen. Und wenn es die gab, konnten trotzdem viele nicht lesen oder die Zeitung war zu teuer, um sie sich zu kaufen. So verbreiteten sich die Nachrichten von der Revolution in Frankreich nicht ganz so schnell. Aber dennoch erzählten Reisende den Leuten davon oder in den Gebieten, wo Frankreich an Deutschland grenzt, bekamen die Menschen mit, was da nebenan Ungeheuerliches los war. Einen König anzugreifen war unvorstellbar für viele damals. Man glaubte ja ganz fest daran, dass Gott selbst den König als Herrscher eingesetzt hatte. Wenn man nun einen König angriff, griffe man ja Gott an. So dachten die Menschen hier, und trauten sich noch weniger etwas zu tun. Auch in Frankreich hatte man so gedacht und sich dennoch getraut zu kämpfen. Viele Franzosen waren aber sicher die ganze Zeit verängstigt und fürchteten eine Gottesstrafe. Als sie den König abgesetzt hatten, merkten sie dann, dass ihnen nichts passierte. Demnach konnte es also nicht stimmen, was sie die ganze Zeit geglaubt hatten.

Viele Studenten, Professoren und Schriftsteller bei uns wollten ebenfalls diese andere bessere Ordnung im Lande haben. Sie alle lebten auch in Armut und Elend und sahen, dass auch unser König hier sein Volk brutal unterdrückte. Wenn man mit seinem König wenigstens einen Vertrag machen könnte, dachten sie sich. Ihr wißt vielleicht, was ein Vertrag ist. In einem Vertrag verpflichten sich zwei Partner verschiedene Dinge zu leisten. Das bedeutet, dass jeder dem anderen etwas geben muss und beide Seiten müssen sich daran halten, wenn sie den Vertrag mit ihrem Namen unterschrieben haben. Beide haben gleiche Rechte und Pflichten.

Nun kann man so einen Vertrag mit gleichen Rechten und Pflichten nicht mit einem König machen. Aber, so dachten die schlauen Leute damals, man könnte den König bitten, dem Volk wenigstens gewisse Rechte zu geben.

Das sollte aufgeschrieben werden und der König hätte dann mit seiner Unterschrift versprechen müssen, dass er sich auch daran hielt. Die Professoren und Schriftsteller hofften, dass so alle Menschen bestimmte Rechte bekommen würden, die man auch die Menschenrechte oder Grundrechte nennt. Das bedeutete, dass zum Beispiel niemand gefoltert werden durfte, dass man seine Meinung sagen konnte, ohne dafür bestraft zu werden, dass man glauben kann, was man will, also sich die Religion aussuchen darf, die einem am besten gefällt, dass man etwas lernen darf. „Lernen darf ?“ werdet ihr fragen. Heute seid ihr sicher froh, wenn ihr einmal nichts lernen müßt. Damals jedoch konnten sich die Armen nicht einmal leisten, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Die Kinder mussten schon ganz früh mitarbeiten, um Geld zu verdienen, damit die Familie genug zu Essen hatte. So blieb nie Zeit zum Lernen und viele konnten weder lesen noch schreiben. Viele dieser Grundrechte und noch mehr wurde von den Kämpfern in unserem Land gefordert. Natürlich wollte der König da nicht mitmachen. Warum sollte er von seiner Macht abgeben, dachte der sich sicher. Vielleicht hatte er ein wenig Angst, dass auch in Deutschland das Volk in seine Schlösser kommen würde, um ihn zu verhaften. Aber eigentlich fühlte er sich sicher genug. Die Menschen hier wurden immer unzufriedener. Sie bestanden mehr und mehr darauf, dass man ihnen einige Rechte zugesteht. Und so kam es im Jahre 1848 auch hier zu einer Revolution, die aber leider scheiterte. Ein Jahr später schlug man dem König einen Vertrag mit dem Volk vor. Dieser Vertrag nannte sich Verfassung und darin standen alle diese Rechte, die das Volk schützen sollten, damit der Herrscher nicht mehr machen konnte, was immer der für richtig hielt. Deutschland bestand damals aus vielen kleinen Einzelstaaten. Man trug dem König vor, dass er als Kaiser der Deutschen mit einer Verfassung über diesen Staaten thronen sollte. Aber das Märchen wurde für unser Land noch lange nicht wahr. Der König dachte gar nicht daran, sich vom einfachen Volk eine Kaiserkrone geben zu lassen und lehnte alles ab. So kam es nicht zu dem schützenden Vertrag zwischen Volk und Herrscher und noch immer galten bei uns die ganz ganz wichtigen Menschenrechte nicht.

Es dauerte noch sehr lange bis es zu einer Verfassung kam, die die Menschen vor der Macht und der Gewalt des Staates schützt. Man nennt es auch Schutz vor der Willkür des Staates. Wenn der nämlich so wie er will mit einem Menschen umgeht, darf er das heute nicht mehr. Wir alle leben jetzt mit dem großen Glück, einen Vertrag mit dem Staat zu haben. Dieser Vertrag heißt, das wisst ihr schon, Verfassung. Bei uns in der Bundesrepublik nennt man die Verfassung auch Grundgesetz. Das haben sich sehr kluge Leute ausgedacht, als unser Staat gegründet wurde im Jahr 1949. In dem Grundgesetz stehen alle Regeln drin, die unser Leben bestimmen. Jeder, ausnahmslos jeder, muss sich daran halten. Deshalb ist es besonders wichtig, dass es sich um sehr gute Regeln handelt. Damit man auch merkt, dass diese etwas Besonderes sind, wurden sie als Artikel bezeichnet. Die Wichtigsten stehen ganz am Anfang im Grundgesetz. Es sind die Menschenrechte, die unsere Vorfahren damals vergeblich gefordert haben. Wir haben also nun das Glück, sagen zu können, was wir wollen. Niemand wird uns dafür bestrafen. Wir dürfen heute den Herrscher kritisieren. Nur ist es nicht mehr einer, sondern es sind viele Politiker und die müssen wir sogar kritisieren und aufpassen, damit sie das Land richtig in unserem Sinne regieren. Und wenn sie das nicht tun, werden sie nicht mehr gewählt. Wir Menschen heute dürfen nämlich den, der uns regieren soll, wählen. Früher in den alten Zeiten, musste das Volk den König nehmen, der an der Macht war und wenn er starb, wurde sein Sohn König. Niemand konnte seinen Herrscher wählen. Man hatte den zu akzeptieren, der grade regierte. Das Recht zu wählen steht auch in unserem Grundgesetz. Dass alle Menschen gleich sind, werdet ihr ebenfalls darin finden, das Recht auf freie Entfaltung der Person, das Recht darauf, dass niemand einfach so in eure Wohnung darf oder eure Briefe öffnen kann, das Recht darauf, dass ihr euern Beruf frei wählen könnt, dass eure Familie geschützt ist und noch vieles mehr. Viele andere Rechte könnt ihr entdecken, wenn ihr euch dieses wichtige Werk einmal vornehmt und darin lest. Die Menschen von früher würden uns sicher darum beneiden, denn für uns ist das Märchen wahr geworden, das sie sich so lange erhofft hatten.

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