Marianne Schaefer: Zwergenkinder Frühling

14. März 2010

 

Zwei Zwergenkinder suchen den Frühling
© Marianne Schaefer

Im Zwergenland war es Zeit für den Frühling, doch der Winter wollte nicht weichen. Die ersten Frühlingsboten, die Schneeglöckchen, zogen von der Kälte erschreckt, ihre Köpfchen ein und bibberten.
„Hör nur, sie läuten noch nicht“, sagte das Zwergenkind Sanna traurig zu ihrer kleineren Schwester Suse.
„Lass uns endlich den Frühling suchen“, schlug Sanna vor. „Wir nehmen unseren Bollerwagen, spannen Hoppel, den großen Hasen davor und fahren damit durch den dunklen Wald, bis an das große Meer“.
„Und was erzählen wir Mama?“, wollte Suse wissen.
„Nichts“, sagte Sanna. „Bevor es dunkel wird, sind wir wieder zurück. Irgendwo werden wir ihn schon finden!“
Und so machten sich die zwei Zwergenkinder auf den Weg, um den Frühling zu suchen.
Sie kamen durch einen großen, dunklen Wald. Dort trafen sie viele Rehe und Hirsche, die dicht gedrängt vor ihren leeren Futterkrippen standen.
„Habt ihr vielleicht den Frühling gesehen?“, wollte Sanna von den Tieren wissen. „Oder könnt ihr uns sagen wo er wohnt?“
Ein großer, stattlicher Hirsch kam bis vor den Bollerwagen gelaufen und beäugte neugierig die zwei Zwergenkinder.
„Den Frühling …? Nein, den haben wir noch nicht gesehen! Und wo er wohnt weiß ich auch nicht! Aber seid ihr zufällig dem Förster mit unserem Futter begegnet? Wir haben Hunger bis unter die Geweihe.“
„Tut uns sehr leid“, antwortete Suse, „leider nicht!“
Sie fuhren und fuhren und der Wald nahm kein Ende. Da sahen sie einen Uhu auf einem Baum sitzen.
„Lieber Uhu“, riefen sie, „du sollst doch der Gescheiteste aller Vögel sein – sag uns doch bitte, wo können wir den Frühling finden?“
Der Uhu verdrehte seine Augen. „Danke für das Kompliment. Wissen tue ich das auch nicht! Aber ich könnte mir denken, wo ihr ihn findet. Fahrt einfach diesen Weg geradeaus weiter – hinter den drei großen Tannen biegt ihr links ab, dort bläst der Wind und rauscht das Meer. Fragt dort nach dem Frühling.“
Als sie den Wald durchquert hatten, blies der Wind ihnen heftig ins Gesicht und die Wellen des Meeres klatschten wild ans Ufer.
„Wind, hast du den Frühling gesehen?“, riefen sie gegen ihn an.
„Den Frühling, den kann ich noch nicht gebrauchen“, sagte der Wind. „Wenn der beginnt, ist es mit meinem Spaß vorbei. Seht nur, was ich mit dem Meer und den Schiffen treibe! Sie schaukeln mal auf und ab. Was für eine Freude! Was für ein Spaß! Hoffentlich findet ihr ihn nicht so schnell“, lachte er und blies sich fort.
Sanna und Suse waren traurig. Keiner konnte ihnen sagen, wo sie den Frühling finden konnten! Deshalb befahlen sie Hoppel umzudrehen, um nach Hause zu fahren.
Als Sanna und Suse wieder im dunklen Wald waren, fing es leicht an zu schneien. Auch war es dunkel geworden. Nachdem Hoppel ziellos mit ihnen durch den Wald irrte und sie dreimal an der gleichen Stelle vorbei gekommen waren, bekamen die Zwergenkinder große Angst. Suse begann zu weinen.
„Was erzählen wir nur der Mama?“, wollte sie immer wieder wissen.
„Sei still“, sagte Sanna, „und hör auf zu plärren!“
„Hoppel“, rief Sanna, „findest du wirklich nicht mehr den Weg aus den Wald heraus?“
Der große Hase legte seine langen Ohren über die Augen und schüttelte den Kopf. Er schämte sich gewaltig.
„Also nicht“, sagte Sanna enttäuscht. Jetzt bekam auch sie es mit der Angst zu tun. Plötzlich sah sie den Mond hoch oben am Himmel stehen.
„Lieber Mond“, rief sie hinauf, „weißt du denn nicht, wo der Frühling wohnt? Oder kannst du uns den Weg nach Hause zeigen?“
Der Mond lachte zwar über das ganze Gesicht, er gab aber keine Antwort.
„Er versteht uns nicht“, sagte Sanna. „Er ist zu weit weg.“
Ängstlich rückten die Zwergenkinder zusammen. Da schob sich plötzlich vor ihren Augen eine Himmelsleiter auf die Erde herunter. Ein kleines Sternenkind hüpfte von Sprosse zu Sprosse und landete vor ihnen im Schnee. Die Zwergenkinder wichen erschreckt zurück.
„Habt keine Angst“, sagte es. „Mich schickt der Mond, weil er glaubt, dass ihr Hilfe braucht. Er hört nicht mehr gut, denn er ist schon sehr, sehr alt. Deshalb hat er mich geschickt. Wie kann ich euch helfen?“
Sanna und Suse, die Zwergenkinder, erzählten dem Sternenkind ihre Geschichte und baten ihn um Hilfe.
„Wo der Frühling wohnt, weiß ich auch nicht. Aber vor ein paar Stunden ist er wie der Teufel durch die Tannen geflitzt und hat immer gerufen: Oh je! Oh je! Ich habe verschlafen. Wo fange ich jetzt als Erstes an? Ich glaube, er ist auf dem Weg ins Zwergenland. Solltet ihr dort zu Hause sein, macht schnell, sonst beginnt der Frühling ohne euch.“
„Aber wir finden den Weg dorthin nicht mehr. Bitte hilf uns!“
„Natürlich helfe ich“, sagte das Sternenkind. „Deshalb bin ich ja hier. Ich führe euch durch den Wald, dann könnt ihr das Zwergenland schon sehen! So weit weg davon seid ihr nicht!“
Das Sternenkind führte Hoppel, Sanna und Suse hinaus aus den dunklen Wald. So fanden sie wieder nach Hause. Dort schloss ihre Mutter sie glücklich in die Arme.
Anderntags begann der Schnee zu schmelzen, die Schneeglöckchen läuteten und streckten ihre kleinen Köpfchen dem Frühling und der Sonne entgegen. Und auch die Krokusse und Osterglocken bohrten sich freudig durch die Erde.
Sanna und Suse waren darüber sehr glücklich. Das mit dem Frühling so schien es ihnen, war so eine Sache, er kommt wann er will und geht, wann es ihm passt.

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Nils Pickert: Kindergeschichte Der kleine Baum

20. Februar 2010

Kurzgeschichte – Kindergeschichte – Baum – Bäume – Wald – Jahreszeiten – Frühling – Sommer – Herbst – Winter


Der kleine Baum
© Nils Pickert

Es war einmal ein kleiner Baum, der mit vielen anderen Bäumen in einem riesigen Wald lebte. Die anderen Bäume waren alle größer als der kleine Baum und oft gemein zu ihm. So sagten sie:„Haha, du wirst nie so groß sein wie wir!“
„Das wollen wir doch mal sehen“, sagte der kleine Baum. „Ich glaube, dass ich bis zum nächsten Frühling so viel gewachsen bin, dass ich fast so groß sein werde wie ihr.“
Und es kam der Sommer, der war sehr heiß.
Im Herbst warfen die Bäume ihre Blätter ab.
Der Winter brachte Schnee und Eis.
Und im Frühling war der kleine Baum tatsächlich fast so groß wie alle anderen.
Die Bäume waren überrascht, sagten aber immer noch: „Haha, jetzt bist du zwar gewachsen, aber trotzdem wirst du nie so groß sein wie wir!“
„Das wollen wir doch mal sehen“, sagte der kleine Baum. „Ich glaube, dass ich bis zum nächsten Frühling so viel gewachsen bin, dass ich größer sein werde als ihr alle.“
Und es kam der Sommer, der war sehr heiß.
Im Herbst warfen die Bäume ihre Blätter ab.
Der Winter brachte Schnee und Eis.
Und im Frühling war der kleine Baum tatsächlich größer als alle anderen. Nun war kein Baum mehr gemein zum kleinen Baum, bis auf einen, der immerhin noch fast so groß war wie der kleine Baum. Und der sagte: „Haha, jetzt bist du zwar größer als wir alle, aber du wirst nie so groß sein, dass du mit deinem Kopf und den Ästen daran durch die Wolken reichst!“
„Das wollen wir doch mal sehen“, sagte der kleine Baum. „Ich glaube, dass ich bis zum nächsten Frühling so viel gewachsen bin, dass ich durch die Wolken ragen und sogar auf ihnen schlafen werde.“
Und es kam der Sommer, der war sehr heiß.
Im Herbst warfen die Bäume ihre Blätter ab.
Der Winter brachte Schnee und Eis.
Und im Frühling war der kleine Baum mit seinem Kopf und allen Ästen daran durch die Wolken gewachsen. Dann sagte er sehr laut „Haha“ und legte seinen Kopf auf eine Wolke, um darauf zu schlafen.
Und alle anderen Bäume waren ganz leise.

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Antonia Stahn: Max und Mäxchen

19. Februar 2010
Max und Mäxchen

Max und Mäxchen

Max und Mäxchen und Canor – der einsame Kuckuck
© Antonia Stahn

„So, Mäxchen, du darfst dir noch ein wenig Benjamin Blümchen anhören – bis Papa kommt.“ Sorgfältig deckt Mama ihren kleinen Jungen zu.
„Bitte die Füße extra einmollen, Mama, sie sind heute sooo kalt.“ Einmollen ist Mäxchens Spezialausdruck für Gemütlichkeit.
Mama lächelt und stopft die Decke fest um den kleinen Körper des Jungen. „Gute Nacht, mein Schatz, träum was Schönes.“
„Nacht, Mama, bis morgen.“
Mäxchen kuschelt sich in die Kissen. Ein wenig hört er Benjamin Blümchen zu. Aber eigentlich wartet er nur auf Papa. Er muss ihn etwas Wichtiges fragen.
Eine Weile später klopft es an der Tür. „Wohnt hier der kleine Max?“, fragt eine tiefe Stimme. „Darf man eintreten?“
Mäxchen klettert aus seiner Gemütlichkeit. Er reißt die Tür auf und springt mit einem Satz auf Papas Arm. „Da bist du ja endlich, Papa! Wo warst du heute nur so lange – und erzählst du mir eine Geschichte?“
„Immer mit der Ruhe“, unterbricht Papa. „Zuerst einmal brauche ich unbedingt einen dicken Begrüßungskuss. Der Lkw war kaputt. Die Reparatur hat sehr lange gedauert, mein Junge. Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig. Ich bin froh, wieder hier bei dir und Mama zu sein.“
Schnell klettert der Vierjährige wieder in sein Bett und richtet sich nochmals gemütlich ein.
„Du, Papa, ich muss dich etwas Wichtiges fragen. Oma hat gesagt, dass der Kuckuck in diesem Jahr noch nicht gerufen hat. Sie sagt, das ist kein gutes Zeichen. Gutes Zeichen für was? Und warum ruft der Kuckuck eigentlich?“
„Oh, das ist aber ein Zufall! Ausgerechnet heute habe ich in meinem Merkbuch eine Geschichte über einen Kuckuck gefunden. Vielleicht steht die Antwort auf deine Frage in diesem Buch. Möchtest du die Geschichte hören, Mäxchen?“
Mäxchen nickt und kuschelt sich tiefer in seine Kissen.
Das Merkbuch ist gerade mal so groß wie ein Taschenkalender. Trotzdem liest Papa immer wieder neue Geschichten daraus vor. Der kleine Max hat längst aufgehört, sich darüber zu wundern.
Papa setzt die Brille auf und erzählt.

Die Geschichte beginnt irgendwo in einem fernen, fernen Land. Dort lebte einmal ein wunderschöner, schlanker Kuckuck. Lange schon war er auf der Suche nach einer Frau. Er wollte gern eine Familie haben. Aber er war sehr schüchtern. Es gelang ihm einfach nicht, eine Kuckucksfrau anzusprechen – oder besser gesagt, sie mit seinen Rufen anzulocken.
Irgendwann hat der schüchterne Vogel gemerkt, dass er seinen Ruf verloren hatte. Da wurde er sehr, sehr traurig; und er suchte einen Vogelarzt nach dem anderen auf. Doch keiner konnte ihm helfen.
Eines Tages traf er die alte Elster Federleicht im Wald.
„Na, alter Freund, warum so traurig?“, krächzte sie.

wie die Geschichte weitergeht, erfährst du in der nächsten Folge

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Die Geschichte findet sich in dem Buch
Antonia Stahn: Max und Mäxchen
Antonia Stahn
Max und Mäxchen
Kindergeschichten für große und kleine Leser
Mit Illustrationen von Sibylle Rencker
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-7-4

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